Als Miriam an diesem Abend nach Hause kam, war es kurz nach halb elf.
Sie stellte ihre Tasche neben der Wohnungstür ab, schlüpfte aus den Schuhen und blieb einen Moment im Flur stehen. Aus der Küche drang das gleichmäßige Brummen des Kühlschranks, während durch das gekippte Wohnzimmerfenster der Verkehr der Hauptstraße zu hören war.
Ein ganz gewöhnlicher Dienstag.
Auf der Arbeit hatte sich alles länger hingezogen als geplant. Erst war kurz vor Feierabend das Computersystem ausgefallen, dann hatte eine Kundin darauf bestanden, ihr Anliegen noch vollständig zu klären. Als Miriam schließlich das Büro verlassen hatte, war sie zu müde gewesen, um sich über irgendetwas zu ärgern.
Sie schob eine Tiefkühlpizza in den Ofen, setzte sich auf das Sofa und öffnete auf ihrem Handy eine Serie. Nach zehn Minuten wusste sie bereits nicht mehr, worum es ging.
Ihre Augen brannten.
Seit einigen Tagen schlief sie schlecht. Manchmal lag sie bis zwei Uhr morgens wach und ging im Kopf Gespräche durch, die längst beendet waren. An anderen Abenden schlief sie sofort ein, wachte jedoch schon wenige Stunden später wieder auf.
„Am Wochenende schlafe ich mich richtig aus“, sagte sie leise zu sich selbst.
Ein Satz, den sie in letzter Zeit häufig benutzte.
Kurz nach Mitternacht lag Miriam schließlich im Bett. Die Vorhänge waren nicht vollständig geschlossen, sodass das orangefarbene Licht der Straßenlaterne einen schmalen Streifen an die Wand warf. Auf dem Stuhl neben dem Kleiderschrank lagen eine dunkle Jeans und ihr langer Wintermantel.
Sie stellte den Wecker auf 6.30 Uhr, legte das Handy auf den Nachttisch und drehte sich auf die Seite.
Das Letzte, was sie hörte, war das Klappern einer Mülltonne unten im Hof.
Dann schlief sie ein.
Als Miriam die Augen wieder öffnete, war es noch dunkel.
Zuerst dachte sie, ihr Wecker hätte geklingelt. Sie wollte nach dem Handy greifen, doch ihr Arm bewegte sich nicht.
Sie versuchte es noch einmal.
Nichts.
Ihr Körper lag schwer auf der Matratze, als würde eine unsichtbare Hand sie nach unten drücken. Selbst ihre Finger gehorchten ihr nicht. Nur ihre Augen konnte sie bewegen.
Miriam spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Was ist los?
Sie wollte ihren Kopf heben, doch auch ihr Nacken blieb regungslos. Ihr Mund war leicht geöffnet, trotzdem brachte sie keinen Laut hervor. Nicht einmal ein Flüstern.
Dann hörte sie das Atmen.
Langsam.
Rau.
Es kam von der anderen Seite des Zimmers.

Miriams Blick wanderte zum Kleiderschrank. Der schmale Lichtstreifen der Laterne lag noch immer an der Wand, doch direkt daneben schien etwas zu stehen.
Eine Gestalt.
Groß, schmal und vollkommen schwarz.
Sie stand neben dem Stuhl und beobachtete das Bett.
Miriam versuchte zu schreien. In ihrer Kehle entstand lediglich ein leises, kaum hörbares Röcheln.
Die Gestalt bewegte sich nicht. Dennoch hatte Miriam das sichere Gefühl, dass sie näher kam. Nicht mit Schritten, sondern ganz langsam, beinahe schwebend.
Das Atmen wurde lauter.
Ihr Brustkorb fühlte sich plötzlich eng an. Als säße jemand auf ihr und drücke ihr die Luft aus den Lungen.
Bitte wach auf.
Der Gedanke schoss immer wieder durch ihren Kopf.
Bitte wach auf. Bitte wach auf.
Sie konzentrierte sich auf ihre rechte Hand. Auf einen einzigen Finger. Wenn sie nur den kleinen Finger bewegen konnte, würde vielleicht auch der Rest ihres Körpers wieder reagieren.
Die dunkle Gestalt stand inzwischen direkt neben dem Bett.
Miriam konnte kein Gesicht erkennen. Dort, wo Augen und Mund hätten sein müssen, war nur eine tiefe Schwärze.
Dann berührte etwas ihre Bettdecke.
In diesem Augenblick zuckte ihr kleiner Finger.
Die Gestalt verschwand.
Miriam riss den Arm nach oben und schnappte laut nach Luft. Sie setzte sich so schnell auf, dass ihr schwindelig wurde. Ihr Herz raste, während sie hektisch nach der Nachttischlampe tastete.
Warmes Licht erfüllte das Schlafzimmer.
Niemand war da.
Neben dem Kleiderschrank stand lediglich der Stuhl. Der lange Wintermantel hing über seiner Lehne und bildete im Halbdunkel eine menschenähnliche Silhouette.
Miriam starrte ihn an.
Ihre Hände zitterten.
Das Handy zeigte 3.47 Uhr.
Sie stand auf, schaltete sämtliche Lampen in der Wohnung ein und ging in die Küche. Dort füllte sie ein Glas mit Wasser, verschüttete jedoch die Hälfte auf der Arbeitsplatte.
Noch nie hatte sich ein Traum so wirklich angefühlt.
Sie setzte sich an den Küchentisch und suchte im Internet nach den Symptomen.
Wach, aber bewegungsunfähig.
Druck auf der Brust.
Eine Gestalt im Zimmer.
Nach wenigen Sekunden erschien immer wieder derselbe Begriff:
Schlafparalyse.
Miriam las, dass der Körper während bestimmter Schlafphasen seine Muskeln gewissermaßen abschaltete, damit Menschen ihre Träume nicht tatsächlich ausführten. Manchmal wache das Bewusstsein jedoch früher auf als der Körper. Traumartige Bilder und Geräusche könnten sich dann mit der wirklichen Umgebung vermischen.
Es war beruhigend.
Und gleichzeitig überhaupt nicht beruhigend.
Denn obwohl Miriam nun wusste, dass niemand in ihrem Schlafzimmer gestanden hatte, erinnerte sie sich genau an das Atmen. An die Gestalt. An das Gefühl einer Hand auf ihrer Decke.
Den Rest der Nacht verbrachte sie auf dem Sofa. Den Fernseher ließ sie laufen, obwohl sie kaum hinsah.
Am nächsten Morgen erzählte sie ihrer Kollegin davon.
„Das hatte ich auch schon mal“, sagte Nele, während sie Kaffee in zwei Pappbecher füllte. „Ich dachte, meine Mutter steht neben meinem Bett. Dabei wohnt sie dreihundert Kilometer entfernt.“
Miriam sah sie überrascht an.
„Und du hattest danach keine Angst mehr zu schlafen?“
Nele zuckte mit den Schultern.
„Doch. Ein paar Tage lang schon. Aber irgendwann war es eher nervig als gruselig.“
In den folgenden Nächten legte Miriam den Mantel nicht mehr über den Stuhl. Sie schloss die Vorhänge vollständig und legte das Handy früher beiseite. Außerdem versuchte sie, nicht mehr auf dem Rücken einzuschlafen, weil sie gelesen hatte, dass Schlafparalysen in dieser Position häufiger auftreten konnten.
Eine Woche lang geschah nichts.
Dann wachte sie erneut mitten in der Nacht auf.
Wieder konnte sie sich nicht bewegen.
Panik stieg in ihr auf, doch diesmal wusste sie, was passierte.
Es ist nur eine Schlafparalyse.
Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung. Danach auf ihre Zehen.
Aus dem Flur kam ein leises Knacken.
Für einen Moment glaubte sie, am Fußende des Bettes einen Schatten zu erkennen. Doch sie zwang sich, nicht hinzusehen.
Nur ein Traum.
Nur ein paar Sekunden.
Ihr rechter Fuß zuckte.
Dann löste sich die Starre.
Miriam drehte sich auf die Seite und atmete tief durch. Ihr Herz schlug schnell, aber sie schaltete das Licht nicht ein.
Am nächsten Morgen war der Himmel grau. In der Küche kochte sie Kaffee, schmierte sich ein Brot und hörte nebenbei die Nachrichten im Radio.
Draußen hupte ein Lieferwagen. Im Treppenhaus fiel eine Wohnungstür ins Schloss. Der Kühlschrank brummte wie immer.
Ein ganz gewöhnlicher Mittwoch.
Miriam nahm ihre Tasche und zog die Wohnungstür hinter sich zu.
Bevor sie zur Arbeit ging, warf sie noch einen Blick ins Schlafzimmer.
Der Stuhl neben dem Kleiderschrank war leer.
Die Geschichte könnte später noch ausgebaut werden, etwa indem Miriam durch Stress häufiger Schlafparalysen erlebt und lernen muss, besser mit ihrem Schlaf und ihren Belastungen umzugehen.
