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Flight 616

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Kapitel 1 – Der Nachtflug

Regen peitschte gegen die großen Fensterscheiben des John F. Kennedy International Airport, während draußen auf dem Rollfeld die Positionslichter der wartenden Maschinen durch die Dunkelheit blinkten.

Flug 616 nach Berlin sollte um 23:40 Uhr starten.

Für die meisten der 214 Passagiere war es nichts weiter als ein gewöhnlicher Nachtflug über den Atlantik.

Für Captain Daniel Mercer allerdings fühlte sich dieser Abend von Anfang an falsch an.

„Das Wetter über dem Nordatlantik wird ungemütlich“, sagte seine Copilotin Elena Vasquez und betrachtete die Daten auf dem Display.

Daniel nickte.

„Ein paar Turbulenzen. Nichts, was wir nicht schon hundertmal gesehen hätten.“

Trotzdem blieb dieses unangenehme Gefühl.

Vielleicht lag es an dem ungewöhnlichen Sicherheitsaufgebot, das kurz vor dem Boarding auf dem Rollfeld aufgetaucht war.

Zwei schwarze Transportfahrzeuge hatten unmittelbar hinter der Maschine gehalten. Männer in dunklen Uniformen hatten mehrere versiegelte Metallcontainer in den Frachtraum gebracht.

Keine gewöhnliche Fracht.

Daniel hatte nachgefragt.

Die Antwort war knapp gewesen.

Regierungsauftrag.

Keine weiteren Informationen.

Wenig später schlossen sich die Türen der Boeing 787.

Flugbegleiterin Sarah Mitchell ging durch die Business Class und überprüfte zum letzten Mal die Sicherheitsgurte.

„Willkommen an Bord von Flight 616 nach Berlin“, ertönte Daniels Stimme aus den Lautsprechern.

Niemand ahnte, dass für viele Menschen an Bord Berlin niemals erreicht werden würde.

Um 23:53 Uhr hob Flight 616 vom Flughafen JFK ab.

Und verschwand in der dunklen Wolkendecke über New York.

Kapitel 2 – Sitz 42A

Zwei Stunden später schlief fast die gesamte Kabine.

Nur das gleichmäßige Brummen der Triebwerke und vereinzeltes Husten waren zu hören.

Sarah stand in der Bordküche und bereitete gerade Kaffee zu, als ein Passagier hektisch auf sie zukam.

„Entschuldigung? Da stimmt etwas nicht.“

Sarah sah auf.

„Was ist passiert?“

„Der Mann neben mir.“

Der Passagier deutete Richtung Economy Class.

„Er zittert. Und er reagiert nicht mehr.“

Sarah folgte ihm.

Auf Sitz 42A saß ein Mann Mitte fünfzig. Sein Kopf hing nach vorne. Schweiß lief über sein Gesicht.

„Sir?“

Keine Reaktion.

Sarah berührte seine Schulter.

Der Mann hob plötzlich den Kopf.

Seine Augen waren blutunterlaufen.

„Sir, können Sie mich hören?“

Sein Mund öffnete sich.

Ein leises Röcheln kam aus seiner Kehle.

Dann sprang er auf.

Sarah konnte gerade noch zurückweichen, bevor er nach ihr griff.

Ein anderer Passagier versuchte ihn festzuhalten.

Der Mann biss ihm mit voller Kraft in den Unterarm.

Ein Schrei hallte durch die Kabine.

Innerhalb weniger Sekunden waren mehrere Menschen wach.

„Zurück! Alle zurück!“

Zwei Flugbegleiter halfen dabei, den Mann zu Boden zu drücken.

Er schlug wild um sich.

Unnatürlich wild.

Sarah sah auf den gebissenen Passagier.

Die Wunde blutete stark.

„Wir brauchen einen Arzt!“

Eine Frau meldete sich einige Sitzreihen weiter vorne.

Dr. Emily Carter, Ärztin aus Boston, kniete wenig später neben dem Verletzten.

Doch während sie die Wunde untersuchte, begann der Mann bereits zu zittern.

„Was passiert mit ihm?“, fragte Sarah.

Emily antwortete nicht.

Der Puls des Mannes raste.

Seine Haut wurde blass.

Dann blieb sein Herz stehen.

„Verdammt.“

Emily begann mit der Wiederbelebung.

Doch plötzlich öffnete der Mann wieder die Augen.

Ohne Herzschlag.

Er packte Emily am Arm.

Sarah schrie.

Der vermeintlich Tote richtete sich auf.

Und biss nach ihr.

Kapitel 3 – Die Kabine

Panik breitete sich schneller aus als die Infektion.

Passagiere sprangen über Sitze. Gepäckstücke fielen aus den geöffneten Ablagen. Menschen schrien und drängten Richtung Vorderkabine.

Innerhalb weniger Minuten gab es fünf Infizierte.

Dann neun.

Sarah und einige Passagiere schafften es, die Trennwand zwischen Economy und Premium Economy zu verriegeln.

Hinter der Tür hämmerten bereits Hände gegen das Metall.

„Was zum Teufel sind diese Leute?“, fragte ein junger Mann.

Emily wischte sich Blut von den Händen.

„Ich weiß es nicht.“

„Die sind tot!“

„Ich weiß.“

„Dann sagen Sie mir, wie ein Toter laufen kann!“

Emily schwieg.

Aus dem Cockpit meldete sich Captain Mercer.

„Sarah, was passiert da hinten?“

Sie nahm das Bordtelefon.

„Wir haben einen medizinischen Notfall.“

Ein heftiger Schlag gegen die Tür.

Sarah blickte hinüber.

„Mehrere medizinische Notfälle.“

„Wie viele?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wir drehen um.“

Daniel sah auf die Navigationsanzeige.

Sie befanden sich weit über dem Atlantik.

Neufundland lag hinter ihnen.

Europa noch Stunden entfernt.

„Shannon wäre wahrscheinlich die beste Möglichkeit“, sagte Elena.

Daniel griff nach dem Funkgerät.

„Shanwick Control, Flight 616 requesting immediate diversion due to—“

Der Funk brach ab.

Nur Rauschen.

Daniel versuchte eine andere Frequenz.

Nichts.

„Kommunikationsproblem?“

Elena überprüfte die Systeme.

Dann runzelte sie die Stirn.

„Daniel.“

„Was?“

„Der Autopilot.“

Auf dem Navigationsdisplay veränderte sich die Route.

Die Maschine drehte langsam nach Norden.

„Was machst du?“

„Gar nichts.“

Daniel deaktivierte den Autopiloten.

Keine Reaktion.

Er versuchte es erneut.

Das System verweigerte den Befehl.

Auf dem Display erschien eine Meldung.

NAVIGATION LOCKED

Daniel starrte darauf.

„Das ist unmöglich.“

Dann hörten beide ein dumpfes Geräusch.

Es kam von unterhalb des Cockpits.

Aus dem Frachtraum.

Kapitel 4 – Container 7

Unter den verbliebenen Passagieren befand sich auch Ethan Cole.

Offiziell arbeitete er für ein Pharmaunternehmen.

Zumindest hatte das auf seiner Einreisekarte gestanden.

Als Sarah ihn dabei erwischte, wie er versuchte, die Treppe zum unteren Crewbereich zu öffnen, hielt sie ihn auf.

„Der Bereich ist für Passagiere gesperrt.“

Ethan blickte sie an.

„Wenn wir nicht nach unten gehen, sterben wir alle.“

Sarah zog die Stirn kraus.

„Was wissen Sie?“

Ethan schwieg.

Emily trat hinter sie.

„Was ist in diesem Flugzeug?“

Ethan blickte zu der verriegelten Tür hinter ihnen.

Das Hämmern der Infizierten wurde immer heftiger.

Schließlich atmete er aus.

„Im Frachtraum befinden sich acht Kühlcontainer.“

„Was ist darin?“

„Biologische Proben.“

Sarah schüttelte den Kopf.

„Welche Art von biologischen Proben?“

Ethan sah Emily an.

„Etwas, das vor sechs Monaten in einer Forschungsstation in Grönland entdeckt wurde.“

Stille.

„Ein Organismus“, fuhr Ethan fort. „Er wurde unter mehreren hundert Metern Eis gefunden.“

„Ein Virus?“

„Nein.“

Emily sah ihn an.

„Was dann?“

Ethan antwortete leise.

„Ein Parasit.“

Ein gewaltiger Schlag erschütterte den Boden.

Alle blickten nach unten.

Ethan wurde blass.

„Und offenbar ist Container 7 nicht mehr verschlossen.“

Sie erreichten den unteren Bereich über eine Wartungstreppe.

Ethan führte Sarah und Emily durch einen schmalen Versorgungsgang.

Die Temperatur sank.

Das Brummen der Klimaanlage wurde lauter.

Schließlich erreichten sie den Frachtraum.

Mehrere Metallcontainer standen zwischen Gepäckpaletten.

Sechs waren unbeschädigt.

Container 7 war aufgebrochen.

Die dicke Stahltür hing schief in den Angeln.

Emily leuchtete mit einer Taschenlampe hinein.

Blut bedeckte den Boden.

„Was war darin?“

Ethan antwortete nicht.

Ein Geräusch kam aus der Dunkelheit.

Ein Kratzen.

Dann ein Knacken.

Sarah drehte sich langsam um.

Zwischen zwei Gepäckcontainern bewegte sich etwas.

Zunächst sah sie nur einen Schatten.

Dann trat die Kreatur ins Licht.

Sie war fast zwei Meter groß.

Ihr Körper erinnerte entfernt an einen Menschen, doch Arme und Beine waren viel zu lang. Graue Haut spannte sich über einen dürren Körper.

Der Kopf war nach vorne geneigt.

Wo Augen sein sollten, befanden sich dunkle Vertiefungen.

Der Mund öffnete sich.

Mehrere Reihen schmaler Zähne kamen zum Vorschein.

Sarah flüsterte:

„Das ist kein Parasit.“

Ethan wich zurück.

„Nein.“

Die Kreatur stieß einen schrillen Schrei aus.

Und rannte auf sie zu.

Kapitel 5 – Flight 616

Sie erreichten die Treppe nur Sekunden vor dem Wesen.

Ethan schlug die Luke zu.

Etwas prallte von unten dagegen.

Einmal.

Zweimal.

Dann war Ruhe.

„Wie kann so etwas existieren?“, fragte Sarah.

Ethan rang nach Luft.

„Wir wissen es nicht.“

„Und warum transportiert man es in einem Passagierflugzeug?“

„Weil niemand wissen sollte, dass es existiert.“

Emily starrte ihn an.

„Die Menschen dort hinten.“

Sie deutete Richtung Economy Class.

„Die Infektion.“

Ethan nickte.

„Das Wesen produziert Sporen. Wenn sie in den Blutkreislauf gelangen, übernehmen sie das Nervensystem.“

Sarah begriff.

„Die Bisse verbreiten es.“

„Ja.“

Plötzlich erlosch das Licht.

Die Kabine versank für mehrere Sekunden in völliger Dunkelheit.

Dann schaltete sich die Notbeleuchtung ein.

Rotes Licht erfüllte den Gang.

Aus dem Cockpit kam Daniels Stimme.

„Sarah!“

Sie griff nach dem Telefon.

„Wir haben ein größeres Problem.“

„Noch größer?“

„Das Flugzeug fliegt nicht mehr nach Berlin.“

Sarah sah Ethan an.

„Wohin dann?“

Daniel blickte auf die Navigationsanzeige.

„Grönland.“

Ethan wurde kreidebleich.

„Nein.“

„Was?“

„Das Flugzeug bringt es zurück.“

Sarah starrte ihn an.

„Das Flugzeug?“

Ethan schüttelte den Kopf.

„Nicht das Flugzeug.“

Ein Geräusch ertönte aus der Decke.

Kratzen.

Ganz langsam bewegte sich etwas über ihnen.

Ethan blickte nach oben.

„Es.“

Kapitel 6 – Über dem Eis

Eine Stunde später war von der ursprünglichen Kabinenordnung nichts mehr übrig.

Die Infizierten hatten die hintere Barriere durchbrochen.

Nur noch knapp dreißig Menschen befanden sich im vorderen Teil der Maschine.

Sarah, Emily und mehrere Passagiere hatten aus Sitzen, Gepäckwagen und Sicherheitsgurten eine letzte Barrikade gebaut.

Dann tauchte das Wesen auf.

Es kroch aus einer geöffneten Deckenverkleidung.

Ein Passagier schrie.

Die Kreatur sprang zwischen die Sitzreihen.

Chaos.

Sarah rannte Richtung Cockpit.

Hinter ihr hörte sie Schreie.

Ethan blieb zurück.

„Weiter!“

Er nahm einen Feuerlöscher und schlug damit gegen das Wesen.

„Ethan!“

„GEH!“

Sarah erreichte das Cockpit.

Daniel zog sie hinein.

Elena schloss die Tür.

„Wir sind über Grönland“, sagte Daniel.

Unter ihnen erstreckte sich endloses Eis.

Auf dem Navigationsdisplay erschien ein neuer Zielpunkt.

Keine Stadt.

Kein Flughafen.

Nur Koordinaten.

Emily trat ins Cockpit.

„Die Forschungsstation.“

Ethan hatte ihnen erzählt, dass sie offiziell vor sechs Monaten aufgegeben worden war.

Doch offenbar wartete dort jemand.

Oder etwas.

Daniel kämpfte weiterhin gegen die Steuerung.

„Ich bekomme die Kontrolle nicht zurück.“

Sarah sah sich um.

Dann blickte sie auf die Sicherungstafeln.

„Kann man das System komplett abschalten?“

Elena verstand sofort.

„Wenn wir die Stromversorgung des Flugcomputers trennen, verlieren wir fast alles.“

„Aber bekommen wir die Kontrolle zurück?“

Daniel zögerte.

„Vielleicht.“

Ein heftiger Schlag traf die Cockpittür.

Dann noch einer.

Die Infizierten waren da.

Emily hielt die Tür fest.

„Wir haben keine Zeit.“

Daniel sah Elena an.

Sie nickte.

„Machen wir es.“

Mehrere Systeme wurden abgeschaltet.

Die Displays erloschen.

Für einen Moment lag das Cockpit im Dunkeln.

Dann starteten die Notinstrumente.

Daniel packte den Steuerknüppel.

Die Maschine reagierte.

„Ich habe sie!“

Flight 616 neigte sich nach links.

Daniel änderte den Kurs.

Weg von Grönland.

Richtung Island.

Doch gleichzeitig ertönte hinter ihnen ein metallisches Knacken.

Die Cockpittür begann sich zu verbiegen.

Sarah sah Daniel an.

„Wie lange noch?“

„Vierzig Minuten bis Keflavík.“

Sarah blickte auf die Tür.

„Das schaffen wir niemals.“

Dann öffnete sich der Funk.

Eine Stimme erklang.

„Flight 616, hören Sie mich?“

Daniel griff sofort zum Mikrofon.

„Ja! Ja, wir hören Sie!“

„Flight 616, hier Keflavík Control. Wir haben Sie auf dem Radar.“

Daniel schloss für einen kurzen Moment die Augen.

„Wir brauchen sofortige Landeerlaubnis.“

Stille.

Dann:

„Flight 616, Landung genehmigt.“

Hinter ihnen brach die Cockpittür auf.

Epilog

Drei Wochen später.

Die Sonne ging über dem Nordatlantik auf.

Auf einem abgelegenen Flugplatz in Island stand die ausgebrannte Hülle von Flight 616 in einem militärisch abgesperrten Hangar.

Offiziell hatte es einen technischen Zwischenfall gegeben.

Von den 214 Passagieren hatten 23 überlebt.

Die Öffentlichkeit erfuhr nichts von den Infizierten.

Nichts von Container 7.

Und nichts von der Kreatur.

In einem unterirdischen Labor betrachtete ein Wissenschaftler eine Reihe versiegelter Proben.

„Alle Spuren aus dem Flugzeug wurden vernichtet?“

Ein Mann im dunklen Anzug nickte.

„Ja.“

„Und das Exemplar?“

Der Mann schwieg.

Der Wissenschaftler drehte sich langsam zu ihm um.

„Wo ist es?“

Auf einem Überwachungsmonitor erschien eine Aufnahme aus einer Lagerhalle am Flughafen Keflavík.

Ein Techniker ging zwischen mehreren Containern entlang.

Hinter ihm öffnete sich langsam eine Lüftungsklappe.

Zwei lange graue Finger erschienen.

Dann eine Hand.

Der Bildschirm wurde schwarz.

FLIGHT 616

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