Kapitel 1 – 03:17 Uhr

Als Mara Winter die Augen öffnete, wusste sie drei Dinge.
Sie hieß Mara.
Sie war vierunddreißig Jahre alt.
Und das Blut an ihren Händen gehörte nicht ihr.
Alles andere war verschwunden.
Sie lag auf einem Bett in einem kleinen Hotelzimmer. Über ihr flackerte eine gelbliche Deckenlampe, deren Summen sich wie eine elektrische Fliege in ihren Schädel bohrte.
Mara richtete sich auf.
Sofort explodierte ein Schmerz hinter ihrer Stirn.
„Scheiße.“
Ihre Stimme klang fremd.
Sie trug eine schwarze Hose und eine dunkelblaue Bluse. Beides kam ihr unbekannt vor. Keine Jacke. Keine Schuhe.
Der Teppich unter dem Bett war dunkelgrau. An der Wand hing ein billiger Kunstdruck: ein einsamer Leuchtturm vor einem stürmischen Meer.
Auf dem Nachttisch standen eine Lampe und ein Digitalwecker.
03:17
Daneben lag ein Smartphone.
Mara griff danach.
Kein Herstellerlogo. Keine SIM-Karte. Kein Empfang.
Nur eine einzige Nachricht leuchtete auf dem Display.
DU HAST NOCH 6 STUNDEN.
Darunter erschien eine zweite Zeile.
FINDE HERAUS, WEN DU GETÖTET HAST.
Mara starrte auf die Worte.
Dann auf ihre Hände.
Das Blut war bereits getrocknet.
Sie sprang vom Bett auf und taumelte ins Badezimmer.
Im Spiegel sah sie eine Frau mit zerzausten dunklen Haaren, blasser Haut und großen grauen Augen.
Sie kannte dieses Gesicht.
Natürlich kannte sie es.
Aber für einen kurzen Moment fühlte es sich trotzdem an, als würde eine Fremde sie ansehen.
Mara drehte den Wasserhahn auf.
Rotbraune Schlieren liefen ins Waschbecken.
Neben dem Abfluss entdeckte sie einen winzigen Tropfen frischen Blutes.
Nicht trocken.
Frisch.
Sie blickte zur Dusche.
Auf den weißen Fliesen waren Wischspuren zu erkennen.
Jemand hatte hier saubergemacht.
Hastig.
Unter dem Waschbecken lag ein nasses Handtuch.
Mara hob es an.
Blut.
Viel Blut.
Sie ließ es fallen.
Ihr Magen verkrampfte sich.
Zurück im Zimmer kniete sie sich vor das Bett.
Darunter lag etwas Metallisches.
Eine Armbanduhr.
Schwer. Teuer.
Auf der Rückseite war eine Gravur.
FÜR D. – IMMER BEI DIR. M.
Mara erstarrte.
M.
Sie hörte ein Geräusch auf dem Flur.
Schritte.
Langsam.
Sie kamen näher.
Mara stellte sich neben die Tür.
Die Schritte hielten davor an.
Stille.
Dann klopfte jemand dreimal.
Mara hielt den Atem an.
Das Smartphone vibrierte.
Eine neue Nachricht.
ÖFFNE NICHT.
Sie wich von der Tür zurück.
Nach einigen Sekunden gingen die Schritte weiter.
Mara wartete.
Eine Minute.
Zwei.
Dann öffnete sie vorsichtig die Tür.
Der Flur war leer.
Über ihrer Tür hing eine Messingplatte.
17
Direkt gegenüber befand sich eine Überwachungskamera.
Das rote Licht blinkte.
Mara blickte hinein.
„Wer beobachtet mich?“
Keine Antwort.
Kapitel 2 – Das Hotel

Am Ende des Ganges hing ein Fluchtplan.
Sie ging hinüber.
Zimmer 11.
12.
13.
14.
15.
16.
Dann kam das Treppenhaus.
Mara sah zurück.
Ihre Tür war eindeutig da.
Zimmer 17.
Sie betrachtete erneut den Plan.
Dort existierte es nicht.
Mara lief barfuß zur Rezeption.
Der Nachtportier blickte von seinem Bildschirm auf.
Ein älterer Mann mit randloser Brille.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich brauche die Polizei.“
Der Mann runzelte die Stirn.
„Ist etwas passiert?“
Mara legte die blutigen Hände auf den Tresen.
Sein Blick wanderte nach unten.
Keine Reaktion.
„Ich bin in Zimmer 17 aufgewacht.“
Der Mann sah sie an.
„Wir haben kein Zimmer 17.“
„Natürlich haben Sie eins.“
„Nein.“
„Im zweiten Stock.“
„Der zweite Stock endet mit Zimmer 16.“
Mara spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Ich war gerade dort.“
Der Portier tippte etwas in seinen Computer.
„Wie lautet Ihr Name?“
„Mara Winter.“
Weitere Tastengeräusche.
Dann schüttelte er den Kopf.
„Keine Reservierung.“
„Dann überprüfen Sie die Kameras.“
Der Portier hielt inne.
„Welche Kameras?“
„Auf dem Flur.“
„Wir haben auf den Etagen keine Kameras.“
Mara sagte nichts mehr.
Sie lief zurück.
Im Fahrstuhl bemerkte sie die Uhr über der Tür.
03:42
Als sie wieder vor Zimmer 17 stand, blickte sie zur Kamera.
Sie war noch da.
Das rote Licht blinkte.
Mara hob das Smartphone.
„Was wollt ihr von mir?“
Das Display blieb schwarz.
Sie betrat das Zimmer.
Etwas war anders.
Sie brauchte einige Sekunden, bis sie begriff, was.
Der Leuchtturm.
Auf dem Bild war kein Sturm mehr.
Der Himmel war klar.
Mara trat näher.
„Nein.“
Sie war sich sicher.
Vorher waren dort dunkle Wolken gewesen.
Oder?
Das Smartphone vibrierte.
VIDEO 1 VERFÜGBAR.
Mara öffnete es.
Auf dem Bildschirm erschien sie selbst.
Sie saß in einem weißen Raum vor einer Kamera.
Ihre Haare waren ordentlich gekämmt.
Sie trug einen roten Pullover.
Die Frau im Video blickte direkt in die Linse.
„Mara, falls du das hier siehst, hat es wieder angefangen.“
Mara stockte.
Wieder?
„Du wirst dich an vieles nicht erinnern. Das ist beabsichtigt.“
Die Aufnahme-Mara atmete tief ein.
„Du darfst niemandem vertrauen.“
Pause.
„Vor allem nicht mir.“
Das Video endete.
Mara starrte auf den schwarzen Bildschirm.
Plötzlich erinnerte sie sich.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
Ein weißer Raum.
Eine Spritze.
Eine Männerstimme.
Zählen Sie rückwärts von zehn.
Dann war die Erinnerung wieder verschwunden.
Kapitel 3 – Daniel

Um 04:51 Uhr kam das zweite Video.
Wieder saß Mara vor der Kamera.
Diesmal trug sie eine grüne Bluse.
„Sein Name ist Daniel.“
Mara blickte auf die Armbanduhr.
D.
„Daniel Kern. Du kennst ihn.“
Ein Bild erschien.
Ein Mann, ungefähr vierzig. Kurze dunkle Haare. freundliches Gesicht.
Etwas in Mara zog sich zusammen.
Sie kannte ihn.
Eine Erinnerung blitzte auf.
Daniel lachend in einer Küche.
Daniel auf einem Balkon.
Daniel, der sagte:
Du kannst nicht ständig alles kontrollieren.
Dann eine andere Erinnerung.
Daniel schrie sie an.
„Wo ist er?“, flüsterte Mara.
Im Video sagte ihr früheres Ich:
„Wenn du Blut an deinen Händen hast, ist vermutlich etwas schiefgegangen.“
Mara schluckte.
„Daniel wollte aussteigen.“
Die Aufnahme verzerrte kurz.
„Lass dich nicht von ihm täuschen.“
Das Video endete.
Mara öffnete die Zimmertür.
Auf dem Flur stand ein Mann.
Vielleicht zwanzig Meter entfernt.
Schwarzer Mantel.
Er blickte sie an.
„Daniel?“
Der Mann drehte sich um.
„Warten Sie!“
Mara rannte hinterher.
Er verschwand im Treppenhaus.
Sie folgte ihm zwei Stockwerke hinunter.
Die Tür führte in die Lobby.
Doch dort war niemand.
„Der Mann!“, rief Mara dem Portier zu. „Wo ist er hin?“
„Welcher Mann?“
„Gerade eben! Schwarzer Mantel!“
Der Portier blickte zum Eingang.
„Seit einer Stunde ist niemand durch die Lobby gekommen.“
Mara sah zur Überwachungskamera über dem Tresen.
„Zeigen Sie es mir.“
Der Mann zögerte.
Dann drehte er tatsächlich den Monitor zu ihr.
Mara sah die letzten drei Minuten.
Die Treppenhaustür öffnete sich.
Mara kam heraus.
Allein.
Sie sprach mit jemandem.
Gestikulierte.
Rannte.
Doch dort war niemand.
Mara wich vom Bildschirm zurück.
„Das ist manipuliert.“
Der Portier beobachtete sie.
Fast interessiert.
Zu interessiert.
Mara blickte auf das Namensschild an seiner Jacke.
Herr Falk.
Etwas daran kam ihr bekannt vor.
Sie wusste nur nicht, warum.
Kapitel 4 – Die Studie

Wenige Augenblicke später erinnerte Mara sich an das Institut.
Nicht freiwillig.
Die Erinnerung traf sie während einer Taxifahrt.
Weiße Flure.
Computer.
EEG-Elektroden.
Ein Schild.
Institut für kognitive Rekonstruktion
Sie erinnerte sich an ihren Beruf.
Dr. Mara Winter.
Neuropsychologin.
Sie hatte untersucht, wie Erinnerungen gespeichert, verändert und rekonstruiert werden konnten.
Und Daniel hatte mit ihr gearbeitet.
Das Smartphone zeigte Video 3.
Mara im weißen Raum.
Dunkle Bluse.
„Wir haben einen Fehler gemacht.“
Aufnahme-Mara wirkte diesmal verzweifelt.
„Wir wollten beweisen, dass Erinnerungen manipulierbar sind. Dass ein Mensch sich an Dinge erinnern kann, die niemals passiert sind.“
Mara sah aus dem Taxifenster.
Berlin glitt vorbei.
Leere Straßen.
Ampeln.
Neonlicht.
„Daniel wollte die Studie stoppen.“
Im Video wurden Bilder eingeblendet.
Menschen auf Krankenhausbetten.
Elektroden.
Infusionen.
Dann eine Akte.
PROJEKT MNEMOSYNE
„Versuchspersonen entwickelten falsche Erinnerungen. Manche waren überzeugt, Menschen verletzt zu haben. Andere glaubten, Verbrechen begangen zu haben.“
Mara flüsterte:
„Mein Gott.“
Aufnahme-Mara sah direkt in die Kamera.
„Aber irgendwann stellte Daniel fest, dass Mnemosyne nie eingestellt worden war.“
Das Video sprang.
„Er wollte zur Polizei.“
Dann rauschte das Bild.
Eine Männerstimme war zu hören.
„Und du hast versucht, ihn aufzuhalten.“
Videoende.
Mara bemerkte nicht, dass der Taxifahrer sie im Rückspiegel beobachtete.
„Alles in Ordnung?“
Mara blickte ihn an.
„Kennen wir uns?“
„Nein.“
Doch auf seinem Arm sah sie eine kleine Tätowierung.
Die Zahl 43.
Mara riss die Tür auf, bevor das Taxi vollständig stand.
Kapitel 5 – Die Schwester

Um 05:26 Uhr klingelte das Smartphone.
Diesmal kein Video.
Ein Anruf.
LENA
Mara nahm ab.
„Mara?“
Eine Frauenstimme.
Ihre Schwester.
Sofort war da eine Erinnerung.
Zwei Mädchen auf einem Spielplatz.
Lena zog Mara lachend durch den Regen.
„Lena.“
„Wo bist du?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du bist wieder weg.“
Mara blieb stehen.
„Wieder?“
Am anderen Ende wurde es still.
„Mara, geh zur Polizei.“
„Was ist mit Daniel passiert?“
Lena begann zu weinen.
„Daniel ist tot.“
Mara schloss die Augen.
„Nein.“
„Doch.“
„Woher weißt du das?“
„Weil du ihn getötet hast.“
Die Verbindung brach ab.
Das vierte Video erschien.
Diesmal trug Mara im weißen Raum einen schwarzen Rollkragenpullover.
„Lena lügt.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Sie arbeitet für sie.“
Im Video wurden Fotos gezeigt.
Lena betrat das Institut.
Lena sprach mit Herrn Falk.
Lena unterschrieb Dokumente.
Mara hielt das Smartphone fester.
Dann sah sie auf die Uhr eines Geschäfts.
05:31
Das Smartphone zeigte:
05:26
Fünf Minuten Unterschied.
Mara blickte erneut hin.
Jetzt zeigte auch die Geschäftsuhr 05:26.
Sie wich zurück.
„Nein.“
Ein Passant rempelte sie an.
„Entschuldigung.“
Mara sah ihm hinterher.
Sein Mantel war schwarz.
Wie Daniels.
Kapitel 6 – Der Raum hinter der Wand

Mara kehrte ins Hotel zurück.
Nicht weil sie ihm vertraute.
Sondern weil sämtliche Wege dorthin zurückzuführen schienen.
Zimmer 17 wartete auf sie.
Diesmal war der Teppich blau.
Mara blieb in der Tür stehen.
„Nein.“
Sie erinnerte sich eindeutig an Grau.
Oder?
Sie begann das Zimmer auseinanderzunehmen.
Matratze.
Schubladen.
Bilder.
Hinter dem Leuchtturmbild fand sie schließlich einen schmalen Metallknopf.
Sie drückte ihn.
Ein Teil der Wand öffnete sich.
Dahinter lag ein Gang.
Kein Hotelteppich.
Keine Tapete.
Nur Beton.
Kabel.
Neonröhren.
Mara ging hinein.
Nach ungefähr dreißig Metern erreichte sie einen Kontrollraum.
Monitore bedeckten die Wand.
Auf jedem Bildschirm war sie zu sehen.
Zimmer 17.
Lobby.
Taxi.
Straße.
Sogar das Badezimmer.
Mara trat näher.
Auf einem Monitor stand:
SUBJEKT M-17
Darunter:
ZYKLUS 43
Ihr Atem stockte.
Sie hörte ein Geräusch hinter sich.
Herr Falk stand in der Tür.
Ohne Hoteluniform.
Er trug einen weißen Arztkittel.
„Hallo, Mara.“
Sie wich zurück.
„Wer sind Sie?“
„Dr. Falk.“
Die Erinnerung kam sofort.
Labor.
Besprechungsraum.
Falk, der sagte:
Das Gedächtnis ist keine Aufzeichnung. Es ist eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen.
„Sie haben das gemacht.“
„Teilweise.“
„Wo ist Daniel?“
Falk schwieg.
Mara griff nach einem Metallgegenstand vom Tisch.
„Wo ist er?“
Falk lächelte beinahe traurig.
„Im Zimmer nebenan.“
Kapitel 7 – Daniel lebt

Zimmer 18 existierte.
Natürlich existierte es.
Hinter einer weiteren versteckten Tür.
Daniel saß darin.
Lebendig.
Mara starrte ihn an.
„Daniel.“
Er stand langsam auf.
„Mara.“
Sie begann zu weinen.
„Ich dachte, ich hätte dich getötet.“
„Genau das solltest du denken.“
Sie sah zu Falk.
„Warum?“
Daniel antwortete.
„Weil du beweisen wolltest, dass es möglich ist.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Doch.“
Er zeigte ihr eine Videoaufnahme.
Mara selbst stand vor einem Vortragssaal.
„Erinnerung ist formbar“, erklärte sie darin. „Unter kontrollierten Bedingungen können wir sogar moralische Gewissheiten überschreiben.“
Mara sah weg.
Daniel sprach weiter.
„Mnemosyne war deine Idee.“
„Ich hätte niemals Menschen—“
„Du hast es getan.“
„Nein.“
„Und als erste Versuchsperson hast du dich selbst gewählt.“
Mara begann sich zu erinnern.
Unterschriften.
Infusionen.
Daniel, der sie anflehte aufzuhören.
Doch etwas passte nicht.
Sie blickte auf ihn.
„Wenn ich freiwillig hier bin … warum versucht ihr dann, mir einzureden, ich hätte dich ermordet?“
Daniel und Falk wechselten einen Blick.
Ein winziger Blick.
Aber Mara bemerkte ihn.
„Weil ihr nicht mehr wissen wollt, ob man falsche Erinnerungen erzeugen kann.“
Stille.
Mara verstand.
„Ihr wollt wissen, ob man jemanden dazu bringen kann, eine falsche Erinnerung wahr zu machen.“
Daniel sagte nichts.
Und genau das war Antwort genug.
Kapitel 8 – Der Ausbruch

Mara rannte.
Alarm ertönte.
Rotes Licht flackerte durch die Flure.
Doch etwas Seltsames geschah.
Niemand hielt sie auf.
Türen öffneten sich.
Gänge führten immer weiter.
Fast so, als würde man sie absichtlich laufen lassen.
Sie erreichte einen Raum voller persönlicher Gegenstände.
Ihre Gegenstände.
Dutzende Blusen.
Schuhe.
Taschen.
Und Armbanduhren.
Immer dieselbe Uhr.
FÜR D. – IMMER BEI DIR. M.
Mara nahm eine davon.
Dann sah sie die Regale.
Darauf lagen Smartphones.
Nummeriert.
31.
32.
33.
34
Bis 43.
Mara öffnete Telefon 42.
Ein Video startete automatisch.
Sie sah sich selbst.
Blutverschmiert.
Weinend.
„Wenn ich wieder aufwache, glaubt ihnen nicht.“
Mara erstarrte.
Video-Mara blickte in die Kamera.
„Daniel ist nicht das Opfer.“
Pause.
„Daniel leitet das Experiment.“
Hinter ihr ertönte eine Stimme.
„Du solltest das nicht sehen.“
Daniel.
Er stand im Türrahmen.
In seiner Hand hielt er eine Pistole.
Mara blickte ihn an.
„Wie oft?“
„Was?“
„Wie oft habt ihr das mit mir gemacht?“
Daniel senkte die Waffe.
„Mara—“
„WIE OFT?“
„Zweiundvierzig Mal.“
Mara lachte.
Ein leeres, verzweifeltes Geräusch.
„Und was ist bisher passiert?“
Daniel antwortete nicht.
„Habe ich dich getötet?“
„Nein.“
„Habe ich jemanden getötet?“
„Nein.“
Mara blickte auf die Pistole.
Daniel bemerkte es.
„Das ist Teil des Tests.“
„Natürlich.“
„Mara.“
„Ist sie geladen?“
Daniel schwieg.
„Ist die Waffe echt?“
„Leg sie weg.“
„Du hältst sie.“
Daniel sah auf seine Hand.
Für einen Sekundenbruchteil wirkte er selbst verwirrt.
Dann legte er die Pistole auf einen Tisch.
„Der Durchlauf ist vorbei.“
Mara ging langsam darauf zu.
„Nein.“
„Mara.“
„Diesmal entscheide ich, wann er vorbei ist.“
Sie nahm die Waffe.
Kapitel 9 – Der Schuss

Daniel hob die Hände.
„Denk nach.“
„Das habe ich offenbar zweiundvierzig Mal getan.“
„Genau.“
„Und jedes Mal habt ihr mich zurückgesetzt.“
„Wir haben deine Erinnerungen blockiert.“
„Ihr habt mich zerstört.“
„Du hast zugestimmt.“
Mara richtete die Pistole auf ihn.
„Vor acht Jahren vielleicht.“
Daniel erstarrte.
Mara bemerkte es.
„Acht Jahre.“
Keine Antwort.
„Wie lange bin ich wirklich hier?“
Daniel sah zu Falk, der inzwischen hinter ihm stand.
Falk sagte leise:
„Mara, gib mir die Waffe.“
„Wie lange?“
„Acht Jahre.“
Die Welt schien stillzustehen.
Mara dachte an Lena.
An ihr Leben.
An all die Dinge, an die sie sich nicht erinnern konnte.
„Meine Schwester?“
Falk schwieg.
„Lebt sie?“
„Ja.“
„Weiß sie, wo ich bin?“
Keine Antwort.
Mara sah Daniel an.
Er machte einen Schritt.
„Bleib stehen.“
„Mara.“
Noch einen.
„Bleib stehen!“
„Die Pistole ist nicht echt.“
Mara zögerte.
Daniel kam näher.
„Siehst du? Das ist genau das Experiment. Wir wollen, dass du glaubst—“
Mara drückte ab.
Der Knall war ohrenbetäubend.
Daniel taumelte zurück.
Blut breitete sich auf seinem Hemd aus.
Er blickte Mara überrascht an.
Dann fiel er zu Boden.
Mara ließ die Pistole fallen.
„Daniel?“
Sie kniete neben ihm.
Blut floss über ihre Hände.
Warm.
Echt.
Falk stand regungslos da.
Mara sah ihn an.
„Sie sagten …“
Falk antwortete nicht.
Das Smartphone vibrierte.
Mara zog es hervor.
Auf dem Display stand:
EXPERIMENT BEENDET.
Dann erschien eine zweite Zeile.
MORD ERFOLGREICH INDUZIERT.
Mara begann zu schreien.
Kapitel 10 – Durchlauf 43

Die Wand vor ihr wurde durchsichtig.
Mara hatte sie die ganze Zeit für einen Spiegel gehalten.
Dahinter saßen Menschen.
Dutzende.
Ärzte.
Wissenschaftler.
Juristen.
Kameras.
Ganz hinten stand ihre Schwester.
Lena.
Älter als in Maras Erinnerungen.
Sie weinte.
Mara trat an die Scheibe.
„Lena.“
Ihre Schwester legte eine Hand dagegen.
Mara tat dasselbe.
„Hol mich hier raus.“
Doch Lena schüttelte langsam den Kopf.
Ein Lautsprecher knackte.
Eine Männerstimme erklang.
„Durchlauf 43 abgeschlossen.“
Mara drehte sich um.
Daniel lag nicht mehr auf dem Boden.
Das Blut war noch da.
Aber Daniel war verschwunden.
Mara starrte auf die Stelle.
„Was …?“
Eine Tür öffnete sich.
Daniel trat herein.
Lebendig.
Ohne Schusswunde.
Mara wich zurück.
„Nein.“
Daniel sah sie ernst an.
„Die Projektile waren präpariert.“
„Aber das Blut—“
„Künstlich.“
Mara begann zu lachen.
Dann zu weinen.
„Dann habe ich niemanden getötet.“
Daniel sah zu Falk.
Falk schwieg.
Mara bemerkte diesen Blick.
Wieder.
Wie schon zuvor.
„Was?“
Niemand antwortete.
„WAS?“
Daniel ging zu einem Monitor.
„Es gibt noch etwas, das du sehen musst.“
Er startete eine Aufnahme.
Datum:
17. Oktober 2018
Mara sah sich selbst in einem Labor.
Neben ihr stand eine Frau.
Lena.
Sie stritten.
„Du kannst nicht gehen“, sagte Video-Mara.
„Das ist krank“, antwortete Lena.
„Wir stehen kurz vor dem Durchbruch.“
„Menschen sind keine Versuchstiere.“
Die beiden Frauen kämpften um eine Zugangskarte.
Lena stolperte.
Fiel.
Ihr Kopf schlug gegen eine Tischkante.
Stille.
Mara im Video kniete neben ihr.
Blut.
Mara blickte von der Aufnahme zu der Frau hinter der Scheibe.
„Nein.“
Die Frau dort lächelte traurig.
Daniel sagte:
„Das ist nicht deine Schwester.“
Mara drehte sich zu ihm.
„Lena starb vor acht Jahren.“
„Nein.“
„Du hast sie getötet.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Das Video ist manipuliert.“
„Nein.“
„Ihr habt mir diese Erinnerung gegeben.“
Daniel trat näher.
„Das war die einzige Erinnerung, die wir dir genommen haben.“
Mara blickte wieder durch die Scheibe.
Die falsche Lena war verschwunden.
Der Beobachtungsraum war leer.
Alle Stühle.
Alle Menschen.
Fort.
Als hätte dort nie jemand gesessen.
Nur Mara spiegelte sich im Glas.
Das Smartphone vibrierte.
Eine Nachricht.
DURCHLAUF 43 FEHLGESCHLAGEN.
Mara starrte darauf.
Darunter erschien:
SUBJEKT VERWEIGERT WEITERHIN DIE ORIGINALERINNERUNG.
Eine dritte Zeile.
VORBEREITUNG DURCHLAUF 44.
Mara hob langsam den Blick.
„Nein.“
Falk kam auf sie zu.
In seiner Hand hielt er eine Spritze.
„Es tut mir leid.“
Mara rannte zur Tür.
Verschlossen.
Daniel hielt sie fest.
Sie schlug um sich.
„NEIN!“
Falk setzte die Spritze an ihren Hals.
Mara spürte den Stich.
Ihre Beine gaben nach.
Der Raum verschwamm.
Das Letzte, was sie sah, war der Leuchtturm auf einem Monitor.
Dunkle Wolken.
Stürmisches Meer.
Dann Schwarz.
Mara Winter öffnete die Augen.
Ihr Schädel dröhnte.
Sie lag auf einem Bett.
Über ihr flackerte eine gelbliche Lampe.
Auf dem Nachttisch stand ein Digitalwecker.
03:17
An der Wand hing das Bild eines Leuchtturms.
Diesmal war der Himmel klar. Kein Sturm. Keine Wolken. Nur ein dunkler, beinahe schwarzer Nachthimmel hinter dem Leuchtturm.
Mara setzte sich auf.
Ihre Hände waren voller Blut.
Neben ihr lag ein Smartphone.
Das Display leuchtete auf.
DU HAST NOCH 6 STUNDEN.
Mara las die nächste Nachricht.
FINDE HERAUS, WEN DU GETÖTET HAST.
Sie blickte zur Tür.
Auf dem Messingschild stand:
17
Und irgendwo hinter der Wand sagte eine Stimme:
„Durchlauf 44 beginnt.“
ENDE
