Kapitel 1 – Die Warnung

Als ich in die Wohnung einzog, sagte die Vermieterin nur einen merkwürdigen Satz.
„Nachts sollten Sie nicht auf Geräusche von oben reagieren.“
Ich lachte, weil ich dachte, sie mache einen Scherz. Schließlich lag meine Wohnung im sechsten Stock. Über mir befanden sich nur der Dachboden und ein flaches, mit Teerpappe gedecktes Dach.
„Was soll denn da oben sein? Tauben?“
Die alte Frau sah mich lange an.
„Manchmal.“
Dann drückte sie mir die Schlüssel in die Hand und ging.
Die ersten Wochen verliefen ruhig. Die Wohnung war klein, aber gemütlich. Vom Wohnzimmer aus konnte ich über die Dächer der Stadt sehen. Abends leuchteten die Fenster der gegenüberliegenden Häuser wie kleine gelbe Kästchen in der Dunkelheit.
Nur der Fahrstuhl machte Probleme.
Kapitel 2 – Der siebte Stock

Er fuhr gelegentlich von allein in den siebten Stock.
Dabei gab es keinen siebten Stock.
Auf dem Bedienfeld endeten die Tasten bei der Sechs. Trotzdem sprang die Anzeige manchmal von 6 auf 7. Dann hörte ich, wie die Kabine über meiner Etage anhielt und sich die Türen öffneten.
Ein langes metallisches Schleifen folgte.
Danach fuhr der Fahrstuhl wieder hinunter.
Der Hausmeister behauptete, es handle sich um einen Fehler in der Elektronik.
„Altes Gebäude“, sagte er. „Da spinnt so einiges.“
Kapitel 3 – Drei Schläge

In der dritten Nacht wurde ich um 2:14 Uhr wach.
Über meinem Schlafzimmer liefen Schritte.
Langsam.
Schwer.
Ein Schritt.
Eine Pause.
Noch ein Schritt.
Ich lag im Bett und starrte zur Decke. Der Putz vibrierte leicht. Feiner Staub rieselte auf meine Decke.
Die Schritte bewegten sich von einer Seite des Zimmers zur anderen.
Dann blieben sie genau über meinem Bett stehen.
Ich hielt den Atem an.
Drei leise Schläge kamen von oben.
Klopf.
Klopf.
Klopf.
Ich erinnerte mich an die Worte der Vermieterin.
Also reagierte ich nicht.
Nach einigen Minuten entfernten sich die Schritte.
Kapitel 4 – Die Tür zum Dachboden

Am nächsten Morgen ging ich auf den Dachboden. Die Tür befand sich am Ende des Treppenhauses und war mit einem schweren Vorhängeschloss gesichert. Dahinter war es vollkommen still.
Als ich später die Vermieterin anrief, behauptete sie, nichts von einem Dachboden zu wissen.
„Das Gebäude hat keinen“, sagte sie.
„Natürlich hat es einen. Direkt über meiner Wohnung.“
Am anderen Ende der Leitung entstand eine lange Pause.
„Sie waren an der Tür?“
„Ja.“
„Haben Sie geklopft?“
„Nein.“
Sie atmete hörbar aus.
„Dann lassen Sie es dabei.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, legte sie auf.
Kapitel 5 – Das weinende Kind

In der folgenden Nacht kamen die Schritte wieder.
Pünktlich um 2:14 Uhr.
Dieses Mal waren sie schneller.
Jemand lief über mir hin und her. Immer wieder. Als würde er nach etwas suchen. Schranktüren klappten. Möbel wurden über den Boden geschoben.
Dann begann ein Kind zu weinen.
Es klang gedämpft, als befände es sich hinter einer dicken Wand.
„Mama?“
Ich setzte mich im Bett auf.
„Mama, ich kann die Tür nicht finden.“
Das Weinen kam direkt von oben.
„Ist da jemand?“
In dem Moment, in dem ich die Worte aussprach, verstummte das Kind.
Auch die Schritte hörten auf.
Die Stille danach war schlimmer als jedes Geräusch.
Dann klopfte es dreimal gegen meine Wohnungstür.
Klopf.
Klopf.
Klopf.
Kapitel 6 – Das Mädchen vor der Tür

Ich schlich in den Flur und blickte durch den Türspion.
Draußen stand niemand.
Nur der Fahrstuhl wartete mit geöffneten Türen. In der Anzeige leuchtete eine rote 7.
Aus der Kabine führte eine schmale Treppe nach oben.
Diese Treppe hatte ich zuvor noch nie gesehen.
Am oberen Ende stand ein kleines Mädchen.
Es trug ein weißes Nachthemd und stand mit dem Rücken zu mir. In seiner linken Hand hing reglos ein alter Stoffhase.
„Du hast mir geantwortet“, flüsterte es.
Ich wich von der Tür zurück.
Plötzlich drehte sich der Türknauf.
Langsam.
Die Kette spannte sich.
„Mach auf“, sagte das Mädchen.
Seine Stimme kam jetzt nicht mehr aus dem Treppenhaus.
Sie kam aus meinem Schlafzimmer.
Ich drehte mich um.
Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Dahinter war es stockfinster.
Etwas bewegte sich unter meinem Bett.
Ich rannte aus der Wohnung.
Kapitel 7 – Die endlose Treppe

Der Fahrstuhl war verschwunden. Wo er eben noch gestanden hatte, befand sich nur eine zugemauerte Wand.
Also nahm ich die Treppe.
Sechster Stock.
Fünfter Stock.
Vierter Stock.
Ich lief so schnell, dass ich beinahe stürzte.
Doch nach dem dritten Stock kam wieder der sechste.
Meine Wohnungstür stand offen.
Das Mädchen wartete im Türrahmen.
„Du läufst falsch“, sagte es.
Ich rannte erneut nach unten.
Sechster Stock.
Fünfter Stock.
Vierter Stock.
Dritter Stock.
Sechster Stock.
Jedes Mal kehrte ich zu meiner Wohnung zurück.
Und jedes Mal stand das Mädchen ein wenig näher an der Treppe.
Beim fünften Versuch hatte es den Kopf gehoben.
Unter den nassen Haaren befand sich kein Gesicht.
Nur eine glatte, bleiche Hautfläche.
Dort, wo der Mund hätte sein müssen, entstand langsam ein schmaler Riss.
„Oben“, flüsterte es. „Du musst nach oben.“
Hinter mir öffnete sich die Fahrstuhltür.
Die Kabine war leer.
Auf der Anzeige leuchtete die Zahl 7.
Ich stieg ein.
Kapitel 8 – Der Flur über dem Haus

Die Türen schlossen sich, und der Fahrstuhl setzte sich ruckartig in Bewegung. Obwohl er nach oben fuhr, spürte ich, wie mein Magen sich hob, als würden wir tief in die Erde hinabsinken.
Nach einer Ewigkeit öffneten sich die Türen.
Vor mir lag ein langer Hausflur.
Vergilbte Tapeten. Flackernde Lampen. Türen auf beiden Seiten.
Es sah aus wie mein Wohnhaus – nur viel älter.
Am Ende des Flures befand sich die Tür zu meiner Wohnung.
Darauf stand nicht meine Nummer.
Dort stand mein Name.
Ich ging näher heran.
Aus der Wohnung hörte ich Stimmen.
Meine eigene Stimme.
Ich blickte durch das Schlüsselloch.
Drinnen saß ich selbst auf dem Sofa. Neben mir stand die Vermieterin.
„Er hat geantwortet“, sagte sie.
Mein anderes Ich sah zur Decke.
„Was passiert jetzt?“
Die alte Frau lächelte.
„Jetzt glaubt es, dass du es bist.“
Kapitel 9 – Das andere Ich

Hinter mir knarrte der Boden.
Das Mädchen stand am Ende des Flures.
„Mama?“, fragte es.
Die Wohnungstür vor mir öffnete sich.
Mein anderes Ich trat heraus.
Wir standen uns gegenüber. Es sah genauso aus wie ich. Dieselben Augen. Dieselben Kleider. Sogar die kleine Narbe an meinem Kinn war da.
Nur sein Lächeln war zu breit.
„Danke“, sagte es.
Dann legte es mir eine Hand auf die Brust und stieß mich rückwärts.
Ich fiel.
Nicht auf den Boden.
Ich fiel durch eine schwarze Öffnung, die sich unter meinen Füßen aufgetan hatte. Ich stürzte durch Kälte und Dunkelheit, bis ich hart auf Holzdielen aufschlug.
Über mir fiel eine Tür ins Schloss.
Kapitel 10 – Gefangen

Ich sprang auf und tastete durch die Finsternis. Der Raum war niedrig und roch nach feuchtem Holz.
Der Dachboden.
Unter mir hörte ich Stimmen.
Meine Stimme unterhielt sich mit jemandem am Telefon. Sie klang ruhig. Fröhlich. Vollkommen normal.
Ich hämmerte gegen den Boden.
„Lasst mich raus!“
Unten verstummte das Gespräch.
Schritte kamen ins Schlafzimmer.
Sie blieben genau unter mir stehen.
Ich klopfte dreimal.
Klopf.
Klopf.
Klopf.
Eine unbekannte Männerstimme fragte:
„Ist da jemand?“
Ich wollte antworten.
Doch aus der Dunkelheit hinter mir flüsterte das Mädchen:
„Tu es nicht.“
Kapitel 11 – Der neue Mieter

Seitdem weiß ich nicht, wie lange ich hier oben bin.
Manchmal ziehen neue Menschen in die Wohnung unter mir ein. Manche ignorieren meine Schritte. Manche hören das Weinen des Mädchens.
Und manche antworten.
Vor wenigen Minuten ist wieder jemand eingezogen.
Ich habe gehört, wie die Vermieterin ihm die Schlüssel gab.
Dann sagte sie:
„Nachts sollten Sie nicht auf Geräusche von oben reagieren.“
Der Mann lachte.
Jetzt liegt er unter mir im Bett.
Es ist 2:14 Uhr.
Und gerade hat er gefragt:
„Ist da jemand?“
Ich werde ihm nicht antworten.
Aber das Mädchen hinter mir hat bereits den Mund geöffnet.
