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Unter meinem Namen

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Kapitel 1 – Der zweite Anschluss

Daniel Falk hatte an diesem Montagabend eigentlich nur seinen Internettarif ändern wollen.

Mehr nicht.

Keinen Streit. Keine Behörden. Keine Anwälte. Und schon gar keine Geschichte, die ihn Monate später noch nachts aufschrecken lassen würde, sobald irgendwo im Haus ein Telefon klingelte.

Alles begann mit einem gewöhnlichen Anruf.

Daniel saß am Schreibtisch seiner Wohnung im Osten Berlins. Neben der Tastatur stand eine halbvolle Tasse Kaffee, längst kalt geworden. Auf dem zweiten Bildschirm war das Kundenportal seines Telefonanbieters Telvora geöffnet.

Seit fast zehn Jahren war er dort Kunde. Sein Vertrag war inzwischen viel zu teuer, die Geschwindigkeit nur mittelmäßig und der Router hatte vermutlich schon bessere Zeiten erlebt. Einige Tage zuvor hatte ihn ein Mitarbeiter angerufen und einen neuen Tarif angeboten.

Schnelleres Internet. Neuer Router. Gleicher Anschluss.

Daniel hatte zugestimmt.

Seitdem war nichts passiert. Keine Bestätigung, keine Versandnachricht, keine Vertragsänderung.

Also rief er selbst beim Kundenservice an.

„Einen Moment bitte“, sagte die Mitarbeiterin. „Ich schaue mir das gerade an.“

Daniel lehnte sich zurück. Im Hintergrund hörte er das Klappern einer Tastatur.

Dann wurde es auffällig still.

„Herr Falk?“

„Ja?“

„Sie möchten den Tarif für Ihren Anschluss in der Landsberger Allee ändern, richtig?“

„Genau.“

Wieder einige Tastengeräusche.

„Das System lässt mich die Änderung momentan nicht durchführen.“

Daniel richtete sich auf.

„Warum nicht?“

„Das kann ich Ihnen leider nicht genau sagen. Hier scheint eine interne Sperre hinterlegt zu sein.“

„Eine Sperre? Ich habe meine Rechnungen immer bezahlt.“

„Das kann ich in meiner Ansicht nicht erkennen. Am besten wenden Sie sich morgen direkt an unsere Vertrags- und Bonitätsabteilung.“

Sie gab ihm eine Telefonnummer, die Daniel auf einen gelben Notizzettel schrieb.

„Aber mit meinem Anschluss ist sonst alles in Ordnung?“

„Soweit ich sehen kann, ja.“

Nach dem Gespräch betrachtete Daniel die Nummer noch einen Moment.

Eine interne Sperre.

Merkwürdig, aber vermutlich nur irgendein Fehler im System.

Zumindest dachte er das.

Zwei Tage später lag ein Brief von Telvora in seinem Briefkasten.

Daniel öffnete den Umschlag bereits im Treppenhaus.

Ihr Auftrag konnte nicht ausgeführt werden.

Darunter folgten mehrere Absätze mit Standardformulierungen über Vertragsprüfungen, offene Forderungen und interne Bonitätsrichtlinien.

Daniel überflog den Text, ging nach oben und las ihn in seiner Küche noch einmal gründlich.

Offene Forderungen?

Er rief die Nummer an, die ihm der Kundenservice gegeben hatte. Nach einigen Minuten meldete sich ein Mann.

Daniel erklärte die Situation.

„Moment bitte.“

Wieder hörte er eine Tastatur.

Dann stellte der Mitarbeiter eine Frage, mit der Daniel nicht gerechnet hatte.

„Welche Anschrift meinen Sie genau?“

„Meine Anschrift.“

„Ja, aber welche?“

Daniel nannte Straße und Hausnummer.

„Zu dieser Adresse sehe ich aktuell keine offene Forderung.“

Er atmete erleichtert aus.

„Dann ist doch alles in Ordnung.“

„Nicht ganz.“

Daniel hielt inne.

„Es gibt noch einen zweiten Anschluss.“

„Was für einen zweiten Anschluss?“

„Einen weiteren Festnetzvertrag auf Ihren Namen. Der ist seit einigen Monaten aktiv.“

Daniel stand vom Küchentisch auf.

„Wo?“

Der Mitarbeiter nannte eine Adresse in Kreuzberg.

Daniel kannte die Straße nicht. Nicht einmal flüchtig.

„Das muss eine Verwechslung sein.“

„Der Vertrag läuft auf Daniel Falk.“

„Ich bin Daniel Falk.“

„Dann müssten Sie wissen, ob Sie dort einen Anschluss bestellt haben.“

Daniel lachte kurz auf. Nicht weil er etwas lustig fand, sondern weil die Situation absurd klang.

„Ich habe noch nie in dieser Straße gewohnt.“

Der Mitarbeiter schwieg einen Moment.

„Wann wurde dieser Vertrag abgeschlossen?“, fragte Daniel.

„Im September.“

„Von wem?“

„Das kann ich nicht sehen.“

„Und wie?“

„Offenbar über einen Anbieterwechsel.“

Daniel begann langsam durch die Küche zu laufen.

„Und deswegen kann ich meinen richtigen Vertrag nicht ändern?“

„Auf dem zweiten Kundenkonto befindet sich eine offene Rechnung.“

„Auf meinem Namen.“

„Ja.“

„Für eine Wohnung, die ich nicht kenne.“

„So sieht es momentan aus.“

Plötzlich fühlte sich Daniels Wohnung anders an.

Noch nicht unsicher.

Aber weniger privat.

Als hätte jemand eine Tür geöffnet, von deren Existenz er bis zu diesem Moment nichts gewusst hatte.

„Wie hoch ist die Forderung?“

Der Mitarbeiter nannte den Betrag.

Es war keine riesige Summe. Doch darum ging es nicht.

Jemand hatte seinen Namen benutzt.

Seine persönlichen Daten.

Vielleicht sogar seine Unterschrift.

„Ich möchte, dass der Vertrag sofort gesperrt wird.“

„Das kann ich nicht veranlassen.“

Daniel glaubte, sich verhört zu haben.

„Wie bitte?“

„Sie müssen zunächst schriftlich erklären, dass Sie diesen Vertrag nicht abgeschlossen haben.“

„Das erkläre ich Ihnen gerade.“

„Telefonisch reicht das leider nicht.“

„Sie sehen doch, dass ich seit Jahren an einer völlig anderen Adresse Kunde bei Ihnen bin.“

„Ich verstehe Sie, Herr Falk. Aber ich muss mich an unsere Vorgaben halten.“

Daniel presste die Lippen zusammen.

„Können Sie mir wenigstens die Vertragsunterlagen schicken?“

„Dafür müssen Sie einen Antrag stellen.“

„Es sind doch angeblich meine Vertragsunterlagen.“

Darauf bekam er keine brauchbare Antwort.

Eine Stunde später saß Daniel wieder vor seinem Computer.

Auf dem Tisch lag ein leerer Block. Er begann, alles aufzuschreiben: Datum und Uhrzeit des Gesprächs, die unbekannte Adresse, Höhe der Forderung und Beginn des zweiten Vertrags.

Dann öffnete er die Kartenansicht von Berlin und suchte die Straße.

Ein gewöhnliches Kreuzberger Wohngebiet erschien auf dem Bildschirm. Mehrfamilienhäuser, kleine Geschäfte, ein Café, ein Spätkauf.

Nichts Besonderes.

Daniel vergrößerte das Gebäude.

Wer wohnte dort?

Und warum hatte diese Person einen Telefonanschluss auf seinen Namen bestellt?

Vielleicht handelte es sich tatsächlich um einen Fehler. Eine vertauschte Zahl, einen falschen Datensatz oder einen anderen Daniel Falk.

Doch diese Erklärung überzeugte ihn immer weniger.

Der Vertrag enthielt offenbar seinen vollständigen Namen und sein Geburtsdatum. Außerdem war er mit seinen bestehenden Kundendaten verknüpft.

Zu viele Übereinstimmungen für einen einfachen Irrtum.

Daniel überprüfte sein Onlinebanking.

Keine verdächtigen Abbuchungen.

Danach durchsuchte er seine E-Mails nach Telvora.

Vertragsbestätigungen.

Rechnungen.

Mahnungen.

Alles bezog sich ausschließlich auf seinen tatsächlichen Anschluss.

Vom zweiten Vertrag gab es keine Spur.

Gerade das beunruhigte ihn.

Wer auch immer den Vertrag eingerichtet hatte, schien dafür gesorgt zu haben, dass Daniel nichts davon bemerkte.

Sein Handy vibrierte.

Eine unbekannte Berliner Nummer.

Daniel nahm ab.

„Falk?“

Stille.

„Hallo?“

Im Hintergrund war ein Geräusch zu hören. Verkehr vielleicht. Oder ein Fernseher.

Dann wurde aufgelegt.

Daniel sah auf das Display.

Wahrscheinlich Werbung. Ein Callcenter. Eine falsche Nummer.

Er legte das Smartphone neben die Tastatur.

Wenige Sekunden später vibrierte es erneut.

Dieselbe Nummer.

Daniel nahm wieder ab.

„Hallo?“

Diesmal hörte er jemanden atmen.

„Wer ist da?“

Keine Antwort.

Dann sagte eine Frauenstimme leise:

„Du solltest dich da nicht einmischen.“

Die Verbindung brach ab.

Daniel bewegte sich nicht.

Vor ihm zeigte der Bildschirm noch immer das Wohnhaus in Kreuzberg.

Die unbekannte Adresse.

Der zweite Anschluss.

Und in diesem Moment wusste er, dass es kein Fehler im System war.

Jemand benutzte seinen Namen.

Und diese Person wusste inzwischen, dass Daniel davon erfahren hatte.

Kapitel 2 – Die Adresse

Daniel schlief in dieser Nacht kaum.

Immer wieder nahm er sein Handy vom Nachttisch und überprüfte die Anrufliste.

Zwei Anrufe.

Dieselbe Nummer.

Beim ersten hatte niemand gesprochen. Beim zweiten hatte eine Frau gesagt:

Du solltest dich da nicht einmischen.

Mehr nicht.

Vier oder fünf Sekunden, die ausgereicht hatten, um ihm den Schlaf zu nehmen.

Daniel hatte versucht zurückzurufen. Eine automatische Ansage erklärte lediglich, der gewünschte Teilnehmer sei momentan nicht erreichbar. Kurz darauf schien die Nummer abgeschaltet worden zu sein.

Oder die SIM-Karte war entfernt worden.

Vielleicht war die Nummer sogar manipuliert.

Daniel wusste es nicht.

Sicher war nur: Jemand kannte seine Telefonnummer, wusste von dem zweiten Vertrag und offenbar auch davon, dass Daniel begonnen hatte, Fragen zu stellen.

Am nächsten Morgen saß er schon kurz nach acht Uhr wieder vor seinem Computer.

Auf dem Schreibtisch lagen der Brief von Telvora, seine Notizen und eine ausgedruckte Kartenansicht der Kreuzberger Adresse.

Er wollte vernünftig vorgehen.

Keine vorschnellen Beschuldigungen.

Keine Konfrontation.

Zuerst zur Polizei.

Die Dienststelle war voller, als Daniel erwartet hatte.

Menschen saßen auf Plastikstühlen entlang der Wand. Ein älterer Mann diskutierte über ein gestohlenes Fahrrad, eine junge Frau telefonierte leise am Fenster und irgendwo hinter einer Tür klingelte beinahe ununterbrochen ein Telefon.

Daniel zog eine Nummer.

Vierzig Minuten später saß er einer Beamtin namens Krüger gegenüber.

Sie war vielleicht Anfang vierzig, trug ihre dunklen Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz und wirkte wie jemand, den nur noch wenige Geschichten wirklich überraschten.

„Also noch einmal von Anfang an“, sagte sie.

Daniel legte den Brief von Telvora auf den Tisch.

„Jemand hat einen Festnetzvertrag auf meinen Namen abgeschlossen.“

Krüger überflog das Schreiben.

„Sie kennen die Adresse nicht?“

„Nein.“

„Haben Sie dort irgendwann gewohnt?“

„Nie.“

„Familie, Freunde oder Bekannte?“

Daniel schüttelte den Kopf.

„Nicht dass ich wüsste.“

Die Beamtin begann zu tippen.

„Welche Ihrer Daten wurden verwendet?“

„Mein vollständiger Name, mein Geburtsdatum und offenbar meine bestehenden Kundendaten.“

„Bankverbindung?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Unterschrift?“

„Telvora will mir die Vertragsunterlagen zuschicken.“

Krüger nickte.

„Dann fordern Sie wirklich alles an. Vertrag, Auftrag, Anbieterwechsel, mögliche Vollmachten und Zahlungsdaten.“

Daniel legte sein Smartphone auf den Tisch.

„Gestern wurde ich außerdem angerufen.“

Krüger sah auf.

„Von wem?“

„Keine Ahnung.“

Er zeigte ihr die Anrufliste.

„Beim zweiten Anruf sagte eine Frau, ich solle mich da nicht einmischen.“

„Kennen Sie die Stimme?“

Daniel zögerte.

„Vielleicht.“

„Vielleicht ist schwierig.“

„Ich kann sie zumindest niemandem sicher zuordnen.“

„Hat die Person Sie ausdrücklich bedroht?“

„Nein. Nur dieser Satz.“

Krüger notierte etwas.

„Dann dokumentieren Sie ab jetzt jeden Kontakt. Anrufe, Nachrichten, E-Mails. Löschen Sie nichts.“

„Glauben Sie, dass das zusammenhängt?“

Die Beamtin ließ sich mit der Antwort einen Moment Zeit.

„Das kann ich nicht beurteilen. Aber zwei ungewöhnliche Vorfälle innerhalb weniger Stunden würde ich auch nicht einfach ignorieren.“

Zum ersten Mal sprach jemand anderes aus, was Daniel seit der vergangenen Nacht beschäftigte.

Die Anzeige dauerte beinahe eine Stunde.

Als Daniel die Dienststelle verließ, fühlte er sich nicht erleichtert.

Eigentlich hatte er genau darauf gehofft.

Anzeige erstatten, Unterlagen abgeben, nach Hause gehen – und von diesem Moment an würden andere übernehmen.

Stattdessen hatte er das Gefühl, gerade erst eine Tür geöffnet zu haben.

Und dahinter lag ein Flur, dessen Ende er nicht sehen konnte.

Sein Handy meldete eine neue E-Mail.

Telvora Kundenservice – Ihre angeforderten Vertragsunterlagen

Daniel blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

Im Anhang befanden sich mehrere PDF-Dateien.

Vertragsübersicht.

Anbieterwechsel.

Auftragsbestätigung.

Er öffnete das erste Dokument.

Sein Name.

Sein Geburtsdatum.

Die Kreuzberger Adresse.

Daniel scrollte bis zur letzten Seite.

Dort befand sich eine Unterschrift.

Daniel Falk.

Zumindest sollte sie seine darstellen.

Er vergrößerte die Ansicht.

Das D sah völlig anders aus als bei ihm. Das F war zu groß, die Buchstaben hatten eine andere Neigung.

Jemand hatte versucht, seinen Namen zu schreiben.

Nicht besonders überzeugend.

Und trotzdem hatte es gereicht.

Ein Vertrag war zustande gekommen.

Der Anschluss war geschaltet worden.

Rechnungen waren entstanden.

Daniel öffnete das nächste Dokument.

Auch dort stand sein Name.

Darunter wiederum eine Unterschrift.

Diesmal sah sie anders aus als die erste.

Daniel verglich beide Seiten.

Nicht nur seine echte Unterschrift passte zu keiner der beiden.

Auch die Fälschungen passten nicht zueinander.

„Das kann doch nicht wahr sein.“

Er setzte sich auf eine Bank vor einem kleinen Café.

Menschen liefen an ihm vorbei. Fahrräder rauschten über den Radweg, Autos standen an der Ampel, jemand schob einen Kinderwagen über die Straße.

Berlin bewegte sich weiter, als wäre nichts geschehen.

Während irgendwo in dieser Stadt jemand seit Monaten seinen Namen benutzte.

Zu Hause druckte Daniel sämtliche Unterlagen aus.

Seine echte Unterschrift.

Die erste Fälschung.

Die zweite.

Er legte alles nebeneinander.

Je länger er hinsah, desto absurder wurde es.

Daniel rief erneut bei Telvora an. Nach mehreren Weiterleitungen landete er schließlich bei der Sicherheitsabteilung.

„Wir haben Ihre Anzeige noch nicht vorliegen“, erklärte der Mitarbeiter.

„Ich komme gerade von der Polizei.“

„Sobald uns die Unterlagen erreichen, prüfen wir den Vorgang.“

„Sie haben doch schon zwei Dokumente mit völlig unterschiedlichen Unterschriften.“

„Das kann ich nicht beurteilen.“

Daniel hielt kurz inne.

„Sie können nicht beurteilen, ob zwei Unterschriften unterschiedlich aussehen?“

„Ich darf dazu keine Aussage treffen.“

„Und der Anschluss?“

„Der bleibt vorerst aktiv.“

„Warum?“

„Solange die Vertragslage nicht abschließend geklärt ist.“

Daniel spürte, wie seine Geduld schwand.

„Ich sage Ihnen gerade, dass ich diesen Vertrag nie abgeschlossen habe.“

„Das habe ich aufgenommen.“

„Ich habe Anzeige erstattet.“

„Auch das ist vermerkt.“

„Also kann jemand in meinem Namen einen Vertrag abschließen, unterschiedliche Unterschriften benutzen und Rechnungen nicht bezahlen – und der Anschluss läuft weiter?“

Es entstand eine kurze Pause.

„Ich kann Ihren Ärger verstehen.“

Dieser Satz.

Daniel hatte ihn inzwischen oft genug gehört.

Er begann ihn zu hassen.

Am Nachmittag öffnete er erneut die Kartenansicht.

Die Kreuzberger Adresse leuchtete auf seinem Monitor.

Daniel wusste, dass es keine gute Idee war, selbst hinzufahren.

Krüger hatte es ihm nicht ausdrücklich verboten, aber deutlich gemacht, dass er niemanden konfrontieren sollte.

Das hatte Daniel auch nicht vor.

Er wollte nur sehen, was sich an der Adresse befand.

Mehr nicht.

Zumindest redete er sich das ein.

Eine Stunde später saß er in der U-Bahn.

Je näher er Kreuzberg kam, desto öfter fragte er sich, was er eigentlich tat.

Vielleicht gab es eine harmlose Erklärung.

Vielleicht waren seine Daten irgendwo gestohlen und lediglich mit dieser Adresse verknüpft worden.

Vielleicht war das Gebäude nur ein Briefkasten.

Vielleicht wohnte dort überhaupt niemand, der etwas mit dem Vertrag zu tun hatte.

Als Daniel ausstieg, war es bereits dunkel.

Leichter Nieselregen lag über der Straße.

Restaurants, kleine Geschäfte, Fahrräder an Laternenpfählen.

Das Gebäude wirkte vollkommen gewöhnlich.

Ein Berliner Altbau mit grauer Fassade und Graffiti neben dem Eingang.

Daniel blieb zunächst auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen und überprüfte noch einmal die Hausnummer.

Kein Irrtum.

Das war die Adresse.

Als eine ältere Frau das Haus verließ, überquerte er die Straße.

Neben der Eingangstür befanden sich mehrere Klingelschilder.

Meyer.

Albrecht.

Özdemir.

Scholz.

Dann blieb sein Blick hängen.

Daniel las den Namen noch einmal.

Seine Hände wurden kalt.

Mara Falk.

Seine ältere Schwester.

Seit fast zwei Jahren hatten sie kaum noch Kontakt.

Nach mehreren familiären Streitigkeiten hatte Mara sich zurückgezogen. Telefonnummern waren gewechselt worden, Geburtstage ohne Nachrichten vergangen und Begegnungen beschränkten sich auf wenige unangenehme Minuten bei Familienfeiern.

Daniel hatte nicht gewusst, wo sie inzwischen lebte.

Jetzt stand er vor ihrer Haustür.

Genau dort, wo seit Monaten ein Telefonanschluss auf seinen Namen geführt wurde.

Vielleicht gab es eine andere Mara Falk.

Vielleicht war es tatsächlich Zufall.

Doch selbst Daniel glaubte nicht mehr daran.

Hinter ihm öffnete sich die Haustür.

Eine Frau trat hinaus.

Dunkler Mantel.

Schulterlanges Haar.

Eine Zigarette zwischen den Fingern.

Für einen Augenblick sahen sie sich einfach nur an.

Mara blieb stehen.

Daniels Blick wanderte zu ihr, dann zu den Telvora-Unterlagen in seiner Hand.

Ihr Gesicht verlor sichtbar an Farbe.

„Was machst du hier?“

Daniel hielt die Papiere etwas höher.

„Das wollte ich dich gerade fragen.“

Mara betrachtete ihn mehrere Sekunden.

Dann lächelte sie.

Nicht freundlich.

Nicht überrascht.

Eher so, als hätte sie diesen Moment schon erwartet.

„Du hättest einfach nichts machen sollen.“

Daniel erstarrte.

Andere Worte.

Aber dieselbe Stimme.

Die Stimme aus dem Telefon.

Kapitel 3 – Fremde Stimmen

„Du hättest einfach nichts machen sollen.“

Daniel stand Mara gegenüber und versuchte, in ihrem Gesicht irgendeine Erklärung zu finden.

„Warst du das?“

Mara zog an ihrer Zigarette.

„Was soll ich gewesen sein?“

Daniel hielt die Telvora-Unterlagen hoch.

„Der Vertrag.“

„Welcher Vertrag?“

„Mach das nicht.“

Ihr Blick blieb ruhig.

„Was?“

„So tun, als wüsstest du von nichts.“

Mara lächelte schwach.

„Daniel, du tauchst unangemeldet vor meiner Wohnung auf und wedelst mit irgendwelchen Papieren herum. Was erwartest du?“

„Eine Erklärung, warum an deiner Adresse ein Anschluss auf meinen Namen läuft.“

Für einen kurzen Moment verschwand das Lächeln.

„Vielleicht solltest du Telvora fragen.“

„Habe ich.“

„Dann hast du doch deine Antwort.“

Daniel zog eine Seite aus dem Stapel.

„Sie haben mir den Vertrag geschickt. Einschließlich meiner angeblichen Unterschrift.“

Maras Blick wanderte über das Papier und blieb für einen Moment genau dort hängen.

An der Unterschrift.

Daniel bemerkte es.

„Interessiert mich nicht“, sagte sie schließlich.

Sie schnippte die Asche ihrer Zigarette auf den Gehweg.

„Ich war heute bei der Polizei.“

Jetzt reagierte sie deutlicher.

„Weswegen?“

„Identitätsmissbrauch. Gefälschte Unterschriften. Alles, was damit zusammenhängt.“

„Und du hast meinen Namen genannt?“

„Bis eben wusste ich nicht einmal, dass du hier wohnst.“

Mara trat einen Schritt näher.

„Dann lass es dabei.“

Daniel sah sie fassungslos an.

„Wie bitte?“

„Du weißt überhaupt nicht, worum es geht.“

„Dann erklär es mir.“

Sie blickte kurz die Straße entlang.

Zwei Menschen gingen an ihnen vorbei. Erst als sie außer Hörweite waren, sprach Mara weiter.

„Fahr nach Hause.“

„Nein.“

„Daniel.“

„Hast du meine Daten benutzt?“

„Fahr einfach.“

„Hast du meine Unterschrift gefälscht?“

Mara warf die Zigarette auf den Boden und trat sie aus.

Dann ging sie zur Haustür.

„Mara!“

Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um.

„Manchmal ist es besser, eine Rechnung zu bezahlen, als herauszufinden, woher sie kommt.“

Dann verschwand sie im Haus.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Daniel blieb im Nieselregen zurück.

Auf der Rückfahrt dachte er immer wieder über diesen Satz nach.

Manchmal ist es besser, eine Rechnung zu bezahlen, als herauszufinden, woher sie kommt.

Eine Warnung?

Ein indirektes Geständnis?

Oder wollte Mara ihn lediglich einschüchtern?

Daniel öffnete mehrfach sein Handy, doch es gab keine neuen Anrufe.

Er überlegte, Krüger sofort anzurufen. Was sollte er ihr allerdings sagen?

Dass seine Schwester zufällig an der Adresse wohnte?

Dass sie sich verdächtig verhalten hatte?

Dass sie ihm geraten hatte, die Sache auf sich beruhen zu lassen?

Es war auffällig.

Aber noch kein Beweis.

Als Daniel kurz nach neun seine Wohnung betrat, legte er die Unterlagen auf den Küchentisch und stellte Wasser für Kaffee auf.

Sein Handy vibrierte.

WhatsApp.

Eine unbekannte Nummer.

Lass Mara in Ruhe.

Daniel blieb mitten in der Küche stehen.

Die Begegnung war kaum eine Stunde her.

Woher wusste der Absender bereits davon?

Er machte einen Screenshot und schrieb:

Wer ist da?

Die Nachricht wurde zugestellt.

Keine Antwort.

Dann erschienen die drei Punkte.

Jemand schrieb.

Sie verschwanden wieder.

Kurz darauf kam:

Du hast die Polizei eingeschaltet. Das war ein Fehler.

Daniel spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Er tippte zunächst eine Antwort, löschte sie jedoch wieder.

Krüger hatte ihm ausdrücklich gesagt, nichts zu provozieren.

Die nächste Nachricht erschien.

Zieh die Anzeige zurück.

Wenig später:

Lass den Anschluss laufen. Dann passiert auch nichts weiter.

Daniel las den letzten Satz mehrmals.

Das klang nicht mehr nach einem gut gemeinten Rat.

Er sicherte den gesamten Chatverlauf und schickte die Screenshots an seine eigene E-Mail-Adresse.

Als er anschließend noch einmal das Profil des Absenders öffnete, waren Foto und Name verschwunden.

Kurz darauf war die Nummer nicht mehr bei WhatsApp registriert.

Daniel leitete die Nachrichten an Krüger weiter.

Er beschrieb außerdem kurz, dass Mara tatsächlich an der Kreuzberger Adresse wohnte und wie das Gespräch verlaufen war.

Danach schloss er den Laptop.

Der Kaffee stand noch unberührt auf dem Tisch.

In diesem Moment klingelte das Festnetztelefon.

Daniel hielt inne.

Um diese Uhrzeit rief dort kaum noch jemand an.

Er nahm ab.

„Falk?“

„Endlich!“

Die Stimme eines Mannes, hörbar gereizt.

„Entschuldigung?“

„Ich versuche Sie seit gestern zu erreichen.“

„Wer sind Sie?“

„Sehr witzig.“

Daniel setzte sich.

„Ich glaube, Sie haben die falsche Nummer.“

„Daniel Falk?“

„Ja.“

„Dann habe ich genau die richtige.“

„Worum geht es?“

Der Mann atmete hörbar aus.

„Um das Tablet.“

Daniel runzelte die Stirn.

„Welches Tablet?“

„Jetzt reicht’s langsam.“

„Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen.“

„Das Samsung-Tablet, das Sie auf Marktly verkauft haben.“

Daniel griff nach einem Kugelschreiber.

„Ich habe dort nichts verkauft.“

„Auf dem Profil steht Daniel Falk.“

„Ich benutze Marktly nicht.“

Am anderen Ende wurde es still.

„Was soll das heißen?“

„Wie heißen Sie?“

„Warum wollen Sie das wissen?“

„Weil offenbar jemand meinen Namen benutzt.“

Der Mann zögerte.

„Martin Seidel.“

Daniel notierte den Namen.

„Herr Seidel, welche Telefonnummer haben Sie angerufen?“

Martin las sie vor.

Daniel verglich sie mit seiner eigenen.

„Das ist nicht meine.“

„Aber ich bin doch bei Ihnen gelandet.“

Daniel hielt den Stift inne.

„Wie meinen Sie das?“

„Ich habe die Nummer aus der Anzeige gewählt. Der Anruf wurde weitergeleitet.“

Eine Rufumleitung.

Daniel richtete sich auf.

„Haben Sie bereits bezahlt?“

„Vierhundertzwanzig Euro.“

„Wie?“

„Überweisung.“

„Nicht über einen Zahlungsdienstleister?“

„Der Verkäufer wollte unbedingt eine normale Überweisung.“

Daniel ahnte, warum.

Kein Käuferschutz.

Keine einfache Rückbuchung.

„Ich habe Ihnen dieses Tablet nicht verkauft“, sagte er noch einmal. „Und ich war heute wegen eines anderen Falls bei der Polizei.“

Martins Tonfall veränderte sich.

„Wegen Betrugs?“

„Weil jemand einen Vertrag auf meinen Namen abgeschlossen hat.“

Kurze Stille.

„Dann sind Sie vielleicht wirklich nicht der Verkäufer.“

„Haben Sie noch Screenshots von der Anzeige und dem Chat?“

„Ja.“

„Bitte löschen Sie nichts.“

„Was soll ich damit machen?“

„Schicken Sie mir Kopien. Ich gebe sie an die Polizei weiter.“

Martin schwieg einen Moment.

„Und mein Geld?“

Darauf hatte Daniel keine Antwort.

„Ich hoffe, dass Sie es zurückbekommen.“

Wenige Minuten später trafen die Screenshots ein.

Das angebotene Tablet.

420 Euro.

Fast neu.

Originalverpackung.

Als Verkäufername:

Daniel F.

Der Chat zeigte, dass Martin zunächst über den Zahlungsdienstleister PayPort bezahlen wollte.

Der Verkäufer hatte abgelehnt.

Nur Überweisung.

Als Martin misstrauisch geworden war, hatte der vermeintliche Daniel geschrieben:

Keine Sorge. Bin seit Jahren hier angemeldet.

Daniel scrollte weiter.

Auf einem Screenshot waren die Kontodaten zu sehen.

Empfänger:

Daniel Falk

Daniel spürte, wie ihm heiß und kalt zugleich wurde.

Nicht nur sein Name wurde für Verträge verwendet.

Jemand benutzte ihn auch, um Geld von anderen Menschen entgegenzunehmen.

Ob das Konto tatsächlich auf seinen Namen lief oder lediglich so bezeichnet worden war, wusste er nicht.

Noch nicht.

Dann entdeckte er die Telefonnummer aus der Anzeige.

Sie unterschied sich von der Nummer, über die die Drohnachrichten gekommen waren.

Daniel notierte beide.

Sein Festnetz klingelte erneut.

Diesmal meldete sich eine Frau.

„Herr Falk?“

„Ja.“

„Wo bleibt meine Spielekonsole?“

Daniel schloss kurz die Augen.

„Sie haben auch etwas gekauft?“

„Auch?“

Da wusste er, dass Martin kein Einzelfall war.

Innerhalb der nächsten halben Stunde meldeten sich weitere Menschen.

Ein Smartphone.

Eine Spielekonsole.

Ein Laptop.

Immer dasselbe Muster.

Angebot auf Marktly.

Überweisung.

Keine Ware.

Und anschließend landeten die Anrufe irgendwann bei Daniel.

Er schrieb Namen, Beträge und Telefonnummern auf.

Die Liste wurde immer länger.

Schließlich zog er den Stecker des Festnetztelefons aus der Wand.

Sein Handy stellte er lautlos.

Trotzdem erschienen weiter Anrufe auf dem Display.

Unbekannt.

Unbekannt.

Unbekannt.

Daniel betrachtete die Liste vor sich.

Bis vor wenigen Tagen hatte er geglaubt, sein Problem bestehe aus einem einzigen Telefonvertrag.

Jetzt riefen Menschen an, denen jemand unter seinem Namen Geld abgenommen hatte.

Dann traf eine E-Mail ein.

Kein erkennbarer Absender.

Betreff:

Jetzt weißt du, was passiert.

Daniel öffnete sie.

Nur ein Satz.

Jeder von ihnen glaubt, dass du es warst.

Wenige Sekunden später kam eine zweite Nachricht.

Wie lange glaubst du, bis die Polizei das auch glaubt?

Daniel lehnte sich zurück.

Da begriff er, dass es um mehr ging als um unbezahlte Rechnungen.

Jemand wollte nicht nur seinen Namen benutzen.

Jemand wollte dafür sorgen, dass dieser Name irgendwann untrennbar mit Betrug verbunden war.

Sein Handy vibrierte.

Diesmal war es keine unbekannte Nummer.

Eine Benachrichtigung seiner Bank.

Wichtige Mitteilung zu Ihrem Konto. Bitte prüfen Sie Ihr elektronisches Postfach.

Daniel öffnete die Banking-App.

Dort lag ein neues Dokument.

Er überflog die ersten Zeilen und musste erneut lesen.

Aufgrund einer aktuellen Veränderung seiner Bonitätsdaten werde die Nutzung seiner Kreditkarte vorläufig eingeschränkt.

„Was denn noch?“

Er klickte sich durch die Mitteilung.

Keine genaueren Angaben.

Nur der Hinweis, dass neue Informationen zu seiner Person vorlägen.

Daniel wollte gerade die Bank anrufen, als eine weitere E-Mail eintraf.

Absender:

Argentum Forderungsmanagement GmbH

Betreff:

Letzte Zahlungsaufforderung

Daniel kannte dieses Unternehmen nicht.

Er öffnete die Nachricht.

Darin ging es um einen Mobilfunkvertrag bei NovaTel.

Offene Rechnungen.

Mahngebühren.

Inkassokosten.

Alles auf seinen Namen.

Daniel scrollte zur Anschrift.

Wieder Berlin.

Wieder eine Adresse, an der er niemals gewohnt hatte.

Er sah vom Bildschirm zu den Telvora-Unterlagen auf seinem Tisch.

Daneben lag die Liste der betrogenen Marktly-Käufer.

Dann blickte er zurück auf die neue Forderung.

Der zweite Anschluss war nicht der Anfang gewesen.

Er war nur das erste Stück gewesen, das Daniel zufällig entdeckt hatte.

Und zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, wie viele weitere Stücke noch existierten.

Kapitel 4 – Die Akte Daniel Falk

Daniel öffnete die E-Mail von Argentum Forderungsmanagement vollständig.

Der Betrag sprang ihm sofort ins Auge.

1.184,73 Euro.

Hauptforderung.

Mahnkosten.

Inkassogebühren.

Zinsen.

Als ursprünglicher Gläubiger war der Mobilfunkanbieter NovaTel angegeben.

Daniel las weiter.

Vertragsnummer.

Kundennummer.

Vertragsbeginn.

Und eine Adresse in Kreuzberg.

Nicht Maras Anschrift.

Eine andere Straße, knapp zwei Kilometer entfernt.

Daniel öffnete die Kartenansicht und suchte danach.

Wieder ein gewöhnliches Wohnhaus.

Wieder eine Adresse, mit der er nichts zu tun hatte.

„Das kann doch nicht wahr sein.“

Er öffnete anschließend die Mitteilung seiner Bank.

Die vorläufige Einschränkung seiner Kreditkarte sei aufgrund veränderter Bonitätsinformationen automatisch ausgelöst worden.

Darunter stand eine Telefonnummer.

Daniel rief sofort an.

Nach einigen Minuten in der Warteschleife meldete sich eine Mitarbeiterin.

„Kundenservice der Berliner Hansebank, mein Name ist Ritter.“

Daniel schilderte die vergangenen Tage.

Den fremden Telvora-Anschluss.

Die gefälschten Unterschriften.

Die Verkaufsanzeigen.

Die Inkassoforderung von Argentum.

Frau Ritter hörte aufmerksam zu.

„Herr Falk, die Einschränkung Ihrer Kreditkarte wurde automatisiert veranlasst.“

„Das habe ich gelesen. Aber warum?“

„Uns liegt offenbar eine Veränderung Ihrer Bonitätsdaten vor.“

„Von welchem Unternehmen?“

„Das kann ich in dieser Ansicht nicht erkennen.“

Daniel schloss kurz die Augen.

Wieder dieser Satz.

Er hatte inzwischen das Gefühl, ständig vor Systemen zu sitzen, die zwar Entscheidungen über ihn trafen, ihm aber nicht erklären konnten, warum.

„Was soll ich jetzt tun?“

„Ich würde Ihnen empfehlen, eine vollständige Selbstauskunft beim Zentralen Kreditregister anzufordern.“

Daniel hatte die Webseite bereits geöffnet, bevor das Gespräch beendet war.

Die Registrierung dauerte nur wenige Minuten.

Name.

Adresse.

Geburtsdatum.

Identitätsprüfung.

Dann erschien die Übersicht.

Sein Girokonto.

Seine Kreditkarte.

Sein tatsächlicher Telvora-Vertrag.

Alles normal.

Darunter:

NovaTel – Mobilfunkvertrag

Status:

Forderung offen

Daniel klickte weiter.

Nordkauf Versandhandel

746 Euro.

Bergmann Direktversand

318 Euro.

ModaCasa

522 Euro.

Daniel hörte auf zu scrollen.

Er kannte keines dieser Unternehmen als Kunde.

Nach einigen Sekunden zwang er sich weiter.

Die älteste sichtbare Forderung stammte aus einer Zeit, die ihn sofort stutzig machte.

Daniel öffnete seinen Kalender.

Fast drei Jahre zuvor.

Er wusste noch ziemlich genau, wo er damals gewesen war.

Nicht in Berlin.

Nicht einmal in Deutschland.

Drei Wochen Urlaub in Portugal.

Lissabon.

Porto.

Die Algarve.

Daniel suchte in seinem E-Mail-Archiv.

Flugbestätigung.

Hotelreservierungen.

Kreditkartenabrechnungen.

Fotos.

Alles war noch vorhanden.

Die fragliche Bestellung bei Nordkauf sollte an einem Dienstag in Berlin bestätigt worden sein.

14:36 Uhr.

Daniel öffnete seine alten Bilder.

Am selben Tag um 14:11 Uhr hatte er die Praça do Comércio in Lissabon fotografiert.

Um 15:02 Uhr das Ufer des Tejo.

Er lehnte sich zurück.

Zum ersten Mal hatte er etwas, das mehr war als seine eigene Aussage.

Einen eindeutigen Widerspruch.

Wenn jemand behauptete, Daniel habe an diesem Nachmittag persönlich etwas in Berlin bestätigt, konnte er nachweisen, dass er mehr als zweitausend Kilometer entfernt gewesen war.

Das Gefühl der Erleichterung hielt allerdings nicht lange.

Denn unmittelbar danach kam die nächste Frage.

Wenn die älteste sichtbare Forderung bereits fast drei Jahre alt war —

wie lange lief das Ganze wirklich schon?

Am nächsten Morgen rief Daniel beim Zentralen Kreditregister an.

Eine Mitarbeiterin bestätigte ihm die bekannten Einträge.

NovaTel.

Nordkauf.

Bergmann.

ModaCasa.

Dann erwähnte sie zwei ältere, bereits erledigte Forderungen, die in der normalen Übersicht kaum noch sichtbar waren.

Daniel griff nach seinem Stift.

„Von wann?“

Sie nannte die Daten.

Vier Jahre zuvor.

Daniel hielt inne.

„Vier Jahre?“

„Ja.“

„Von welchen Unternehmen?“

Sie nannte einen weiteren Versandhandel und einen Ratenkaufanbieter.

Auch diese sagten Daniel nichts.

„Kann ich eine vollständige Übersicht bekommen?“

„Die Datenkopie wurde bereits angefordert.“

„Ich brauche wirklich alles.“

„Darin werden sämtliche aktuell gespeicherten Informationen enthalten sein.“

Nach dem Gespräch blieb Daniel lange am Tisch sitzen.

Vier Jahre.

Vielleicht noch länger.

Er dachte an Mara.

An die Zeit, bevor der Kontakt zwischen ihnen fast vollständig abgebrochen war.

Geburtstage.

Familienfeiern.

Weihnachten.

Sie hatte damals Zugang zu seinem Leben gehabt.

Zu Namen.

Geburtsdaten.

Früheren Adressen.

Vielleicht auch zu Kopien von Unterlagen.

Dann erinnerte er sich an einen Nachmittag im Haus seiner Eltern.

Versicherungsbriefe und Bankunterlagen hatten auf dem Wohnzimmertisch gelegen. Daniel war kurz einkaufen gegangen. Mara war dageblieben.

Als er zurückkam, hatte sie am Tisch gesessen und auf ihr Handy gesehen.

Damals war ihm daran nichts aufgefallen.

Jetzt wirkte die Erinnerung plötzlich verdächtig.

Daniel stoppte sich.

Nein.

Er durfte nicht damit anfangen, jede belanglose Szene aus der Vergangenheit rückwirkend als Beweis zu betrachten.

Noch wusste er fast nichts.

Kurz nach elf Uhr rief Krüger an.

„Herr Falk?“

„Ja.“

„Ich habe Ihre Nachricht und die Unterlagen gesehen.“

Daniel erzählte ihr von NovaTel, den Versandhäusern und der Selbstauskunft.

Als er die Portugal-Reise erwähnte, unterbrach sie ihn.

„Sie können nachweisen, dass Sie an dem Tag im Ausland waren?“

„Flüge, Hotel, Kartenzahlungen, Fotos. Alles.“

„Sehr gut. Sichern Sie die Originaldateien und machen Sie zusätzlich Kopien.“

„Habe ich bereits.“

„Kommen Sie heute Nachmittag vorbei.“

Daniel notierte die Uhrzeit.

Dann sagte Krüger:

„Und fahren Sie nicht wieder zu Ihrer Schwester.“

Daniel lehnte sich zurück.

„Hat sie sich gemeldet?“

„Nein.“

„Dann warum?“

„Weil wir inzwischen nicht mehr über einen einzelnen falschen Vertrag sprechen.“

Daniel blickte auf seine Liste.

Telvora.

NovaTel.

Vier Versandunternehmen.

Mehrere Marktly-Verkäufe.

„Das ist mir inzwischen klar.“

Am Nachmittag saß Daniel erneut in der Dienststelle.

Diesmal war Krüger nicht allein.

Neben ihr saß ein Mann Ende vierzig, randlose Brille, grauer Pullover.

„Kriminalhauptkommissar Jonas Berg“, stellte er sich vor.

Daniel setzte sich.

Vor Berg lag bereits eine Mappe.

Darauf stand:

FALK, DANIEL

Der Anblick seines eigenen Namens auf einer Polizeiakte fühlte sich merkwürdig an.

„Frau Krüger hat mich auf Ihren Fall aufmerksam gemacht“, sagte Berg.

Daniel legte seine Unterlagen auf den Tisch.

„Dann haben Sie einiges zu lesen.“

Berg nahm die Ausdrucke entgegen.

„Das sehe ich.“

Daniel erklärte die Forderungen, die unterschiedlichen Adressen und seinen Aufenthalt in Portugal.

Berg machte sich Notizen.

„Haben Sie jemals Ihren Personalausweis verloren?“

„Nein.“

„Kopien davon verschickt?“

„Sicher. Banken, Versicherungen, Vermieter.“

„Gab es einen bekannten Zugriff auf Ihre E-Mail-Konten?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Onlinebanking?“

„Nein.“

Berg legte die beiden Telvora-Dokumente nebeneinander.

„Die Unterschriften sind interessant.“

„Weil sie nicht gleich aussehen?“

„Auch deshalb.“

Er deutete auf die Formulare.

„Offenbar ging es weniger darum, Ihre Unterschrift überzeugend nachzumachen, als überhaupt eine zu liefern.“

Daniel sah die Seiten an.

„Und trotzdem wurde das akzeptiert.“

„Viele Prozesse prüfen nur bestimmte Kriterien.“

„Dann kann jeder so etwas machen?“

„Nein. Aber es gibt Schwachstellen.“

Daniel lehnte sich zurück.

„Was passiert jetzt?“

„Wir versuchen herauszufinden, welche Verträge tatsächlich auf Ihren Namen laufen, welche Adressen verwendet wurden und wohin Geld geflossen ist.“

Berg deutete auf die Käuferanrufe.

„Die Rufumleitungen interessieren mich besonders.“

„Warum?“

„Weil sie eingerichtet worden sein müssen. Jemand wollte offenbar bewusst, dass die Beschwerden irgendwann bei Ihnen landen.“

Daniel dachte an die E-Mail.

Jeder von ihnen glaubt, dass du es warst.

„Also ging es nicht nur darum, Geld zu bekommen.“

„Das können wir noch nicht sagen.“

„Aber jemand wollte, dass die Käufer mich erreichen.“

Berg nickte.

„Das ist auffällig.“

Daniel schwieg einen Moment.

Dann fragte er:

„Glauben Sie, dass Mara dahintersteckt?“

Berg schloss die Mappe.

„Ich glaube erst dann etwas, wenn ich genügend Belege dafür habe.“

„Aber sie wohnt an der Adresse.“

„Ja.“

„Und nach meinem Besuch kamen Nachrichten, in denen ausdrücklich ihr Name genannt wurde.“

„Auch das ist richtig.“

„Das ist doch mehr als Zufall.“

Berg sah ihn an.

„Es ist ein Ermittlungsansatz.“

Mehr bekam Daniel nicht.

Als er am Abend nach Hause kam, blieb er auf der letzten Treppenstufe stehen.

Vor seiner Wohnungstür lag ein Umschlag.

Weiß.

Keine Briefmarke.

Kein Absender.

Vorne stand nur:

Daniel

Handschriftlich.

Er ging nicht näher heran.

Stattdessen fotografierte er den Umschlag mit seinem Handy und rief Krüger an.

Keine Antwort.

Also hinterließ er eine Nachricht.

Erst danach zog Daniel Einweghandschuhe aus einer Schublade im Flur an und hob den Umschlag vorsichtig auf.

Er war nicht verschlossen.

Darin befand sich ein einzelnes Blatt.

Drei Zeilen.

Du suchst am falschen Ort.

Mara ist nicht dein größtes Problem.

Frag sie nach Felix.

Daniel las den Namen ein zweites Mal.

Felix.

Er kannte keinen Felix.

Zumindest fiel ihm niemand ein.

Dann bemerkte er die Handschrift.

Irgendetwas daran kam ihm vertraut vor.

Daniel ging zum Schreibtisch und öffnete eine Schublade mit alten Briefen und Karten.

Nach einigen Minuten fand er eine Geburtstagskarte von Mara.

Alles Gute zum Geburtstag, kleiner Bruder.

Darunter ihre Unterschrift.

Er legte beide Schriftstücke nebeneinander.

Das M.

Das a.

Die Form des r.

Keine Ähnlichkeit.

Der Brief stammte offenbar nicht von Mara.

Daniel sah wieder auf die letzte Zeile.

Frag sie nach Felix.

Wenn seine Schwester ihn nicht geschrieben hatte —

wer wusste dann von ihr?

Und wer wusste genau, wo Daniel wohnte?

Sein Handy klingelte.

Unbekannte Nummer.

Diesmal nahm er sofort ab.

„Wer ist Felix?“

Am anderen Ende herrschte einige Sekunden Stille.

Dann meldete sich eine Männerstimme.

Ruhig.

Fast freundlich.

„Endlich stellst du die richtige Frage.“

Die Verbindung brach ab.

Kapitel 5 – Felix

„Endlich stellst du die richtige Frage.“

Dann war die Verbindung weg.

Daniel hielt das Telefon noch einen Moment ans Ohr, obwohl längst niemand mehr am anderen Ende war.

Felix.

Der Name sagte ihm nichts.

Zumindest nicht bewusst.

Vor ihm lagen noch immer der anonyme Brief und die alte Geburtstagskarte seiner Schwester.

Mara ist nicht dein größtes Problem.

Frag sie nach Felix.

Daniel öffnete sein E-Mail-Archiv und suchte nach dem Namen.

Hunderte Treffer.

Newsletter.

Rechnungen.

Absender mit Felix im Vor- oder Nachnamen.

Nichts, das ihm weiterhalf.

Er grenzte die Suche auf ältere Nachrichten ein.

Fünf Jahre.

Sieben.

Zehn.

Immer noch nichts.

Vielleicht kannte er keinen Felix.

Vielleicht sollte der Name ihn nur verunsichern.

Doch der unbekannte Anrufer hatte gewusst, wovon Daniel sprach.

Das genügte.

Daniel fand schließlich in einem alten Familienchat eine frühere Nummer von Mara.

Bei mehreren Messengern war sie nicht mehr registriert.

Beim dritten Dienst erschien ein Profil ohne Foto.

Nur der Buchstabe M.

Daniel schrieb:

Wir müssen reden.

Die Nachricht wurde zugestellt.

Keine Reaktion.

Dann:

Wer ist Felix?

Diesmal erschienen fast sofort zwei Lesebestätigungen.

Daniel wartete.

Die Anzeige „Mara schreibt …“ tauchte auf und verschwand wieder.

Schließlich kam:

Woher kennst du den Namen?

Daniel richtete sich auf.

Das war Antwort genug.

Jemand hat mir einen Brief vor die Tür gelegt.

Kurze Pause.

Da stand, ich soll dich nach Felix fragen.

Mara reagierte sofort.

Nicht anrufen. Nicht weiter schreiben.

Dann:

Wir treffen uns. Morgen. 10 Uhr.

Eine Adresse in Friedrichshain.

Komm allein.

Wenige Sekunden später:

Und sag der Polizei nichts.

Daniel machte Screenshots.

Natürlich sagte er der Polizei davon.

Krüger rief keine zehn Minuten später an.

„Herr Falk.“

„Ich weiß, was Sie sagen wollen.“

„Das glaube ich nicht.“

Daniel stand am Fenster.

„Sie wollen mir verbieten hinzugehen.“

„Nein. Aber Sie gehen nicht irgendwohin, ohne dass wir wissen, wo Sie sind.“

„Das wissen Sie jetzt.“

„Gut.“

„Dann fahre ich.“

Krüger seufzte.

„Sie brauchen dafür keine Genehmigung. Aber machen Sie daraus keine Privatermittlung.“

„Ich will nur wissen, wer Felix ist.“

„Dann hören Sie zu, wenn Ihre Schwester redet. Und provozieren Sie sie nicht.“

Daniel blickte auf Maras letzte Nachricht.

Komm allein.

„Glauben Sie, sie hat Angst?“

Krüger schwieg kurz.

„Die wichtigere Frage ist: vor wem?“

Am nächsten Morgen kam Daniel zwanzig Minuten zu früh ins Café.

Er setzte sich an einen Tisch am Fenster und beobachtete die Straße.

Mara erschien um 9:57 Uhr.

Dunkle Jacke.

Jeans.

Sonnenbrille trotz grauem Himmel.

Noch bevor sie Daniel entdeckte, ließ sie den Blick durch den gesamten Raum wandern.

Erst dann setzte sie sich zu ihm.

„Bist du allein?“

„Ja.“

Mara deutete auf sein Handy.

„Aufnahme?“

„Nein.“

„Sicher?“

Daniel legte das Telefon sichtbar auf den Tisch.

„Mara, wer ist Felix?“

Sie antwortete nicht.

„Der Brief lag direkt vor meiner Wohnung.“

„Was stand genau drin?“

Daniel wiederholte die drei Sätze.

Bei Felix’ Namen spannte sich ihr Gesicht sichtbar an.

Diesmal war es keine Einbildung.

Sie hatte Angst.

„Felix Dorn“, sagte sie schließlich.

„Wer ist das?“

„Jemand, den ich vor Jahren kennengelernt habe.“

„Wie gut?“

Mara wich seinem Blick aus.

„Wir waren eine Zeit lang zusammen.“

Daniel lehnte sich zurück.

„Und was hat er mit meinen Daten zu tun?“

Darauf kam zunächst keine Antwort.

Also wechselte Daniel das Thema.

„Der Telvora-Anschluss.“

Mara schwieg.

„Warst du das?“

Sie sah ihn an.

„Ja.“

Ein einziges Wort.

Daniel hatte mit vielem gerechnet.

Nicht mit einem direkten Geständnis.

„Du hast meine Daten benutzt.“

„Ich brauchte damals einen Anschluss.“

„Dann schließt man einen Vertrag ab.“

„Ich hätte keinen bekommen.“

„Also nimmst du meinen Namen?“

„Es sollte nur vorübergehend sein.“

Daniel musste sich zwingen, ruhig zu bleiben.

„Und die Unterschrift?“

Mara sah auf den Tisch.

„Ja.“

Damit war auch diese Frage beantwortet.

Daniel dachte an die übrigen Forderungen.

„NovaTel?“

Mara hob den Kopf.

„Was ist damit?“

„Über tausend Euro offen.“

Ihre Überraschung wirkte echt.

„Davon weiß ich nichts.“

„Nordkauf? Bergmann? ModaCasa?“

Mara schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Marktly?“

Diesmal erstarrte sie.

Daniel bemerkte es sofort.

„Das kennst du.“

Mara griff nach ihrer Tasche.

„Ich sollte gehen.“

Daniel sagte nur ein Wort:

„Felix.“

Sie blieb sitzen.

„Felix konnte Dinge besorgen“, sagte sie leise.

„Was für Dinge?“

„Handys. Verträge. Zahlungskonten. Prepaidkarten.“

„Auf fremde Namen?“

Mara antwortete nicht.

Das musste sie nicht.

Daniel verstand.

„Du hast ihm meine Daten gegeben.“

„Nicht direkt.“

„Was heißt das?“

„Er hatte Zugriff auf Unterlagen von mir.“

„Und darin waren meine Daten.“

Sie nickte.

„Kopien.“

Daniel dachte sofort an alte Familiendokumente.

„Ausweiskopien?“

„Ja.“

„Seit wann wusste er davon?“

„Seit ungefähr fünf Jahren.“

Daniel wurde still.

Fünf Jahre.

Fünf Jahre, in denen Mara gewusst hatte, dass ein anderer Mensch seine Daten besaß.

„Und du hast mir nichts gesagt.“

„Ich hatte Angst.“

„Vor Felix?“

Mara nickte.

„Warum?“

„Weil er nicht einfach droht.“

Daniel wartete.

„Er sorgt dafür, dass niemand dir glaubt.“

Sofort dachte Daniel an die E-Mail:

Jeder von ihnen glaubt, dass du es warst.

Mara erzählte weiter.

Am Anfang hatte Felix ihr geholfen.

Sie hatte Schulden und bekam selbst kaum noch Verträge.

Felix kannte Wege.

Andere Namen.

Andere Adressen.

Konten.

„Damals dachte ich, er hätte einfach Kontakte“, sagte Mara.

„Und später?“

„Später wusste ich, was er wirklich macht.“

„Identitätsbetrug.“

„Ja.“

„Und du bist geblieben.“

„Zu lange.“

Daniel sagte nichts.

Zum ersten Mal klang sie nicht trotzig.

Nur erschöpft.

„Felix arbeitet nicht mit einzelnen Verträgen“, sagte sie.

„Was dann?“

„Mit Systemen.“

Daniel erinnerte sich an die vielen Forderungen.

„Er sammelt Namen, Adressen, Telefonnummern, Konten.“

Mara nickte.

„Eine Identität wird für verschiedene Dinge benutzt. Nicht alles läuft über dieselbe Person.“

„Marktly.“

„Auch.“

„Unter meinem Namen?“

„Ich kenne nicht alle Namen, die Felix verwendet hat.“

Daniel atmete tief durch.

„Aber du wusstest, dass meine Daten dabei sind.“

„Ja.“

„Warum lief der Telvora-Vertrag weiter?“

Mara zögerte.

„Felix wollte es so.“

Daniel dachte an die Drohnachrichten.

Lass den Anschluss laufen.

„Die Nachrichten nach meinem Besuch.“

Mara sah ihn fragend an.

Daniel zeigte ihr die Screenshots.

Mit jeder Zeile wurde ihr Gesicht ernster.

„Das warst nicht du?“

„Nein.“

„Und der Anruf?“

„Welcher Anruf?“

Daniel erzählte von der Frauenstimme.

Mara schüttelte den Kopf.

„Ich habe dich nicht angerufen.“

Daniel wusste nicht, ob er ihr glauben sollte.

Dann vibrierte ihr Handy.

Mara sah aufs Display.

Sofort wurde sie blass.

„Was ist?“

Sie drehte das Telefon zu ihm.

Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

Du redest zu viel.

Daniel spürte, wie ihm kalt wurde.

Mara stand auf.

„Ich gehe.“

„Warte.“

„Nein.“

„Mara—“

„Du verstehst es immer noch nicht.“

Ihre Stimme zitterte jetzt.

„Wenn Felix merkt, dass du wirklich hinter ihm her bist, wird es schlimmer.“

„Es ist längst schlimmer.“

„Nein.“

Sie sah ihn an.

„Bis jetzt spielt er nur.“

Dann ging sie.

Daniel blieb noch einige Minuten im Café sitzen.

Als er aufstand, bemerkte er etwas auf Maras Stuhl.

Ein kleiner schwarzer USB-Stick.

Daniel fasste ihn nicht direkt an.

Er wickelte ihn in eine Serviette und rief Krüger.

Eine Stunde später lag der Stick in einem Beweismittelbeutel.

Daniel saß erneut mit Krüger und Berg in einem Besprechungsraum.

Er erzählte alles.

Felix Dorn.

Maras Geständnis.

Die Ausweiskopien.

Die Nachricht während des Treffens.

Berg tippte den Namen in seinen Computer.

Nach einigen Sekunden hielt er inne.

Daniel bemerkte es sofort.

„Sie kennen ihn.“

„Nicht persönlich.“

„Aber der Name sagt Ihnen etwas.“

Berg sah zu Krüger.

„Felix Dorn taucht in mehreren älteren Ermittlungsakten auf.“

„Wegen Betrugs?“

„Unter anderem.“

Daniel lehnte sich zurück.

„Dann hatte Mara recht.“

„Womit?“

„Dass ich nicht der Einzige bin.“

Berg antwortete darauf nicht.

Zu Hause begann Daniel, sämtliche Passwörter zu ändern.

E-Mail.

Banking.

Cloudspeicher.

Kundenkonten.

Soziale Netzwerke.

Berg hatte ihm geraten, alles zu überprüfen.

Daniel nahm den Hinweis ernst.

In seinem E-Mail-Postfach fand er zunächst nichts Auffälliges.

Keine Weiterleitung.

Keine unbekannten Geräte.

Dann öffnete er die automatischen Regeln.

Eine davon war ihm unbekannt.

Erstellt vor drei Jahren.

Alle Nachrichten mit Begriffen wie

Bestellung

Vertrag

Zahlung

Mahnung

wurden automatisch in einen Unterordner verschoben.

Archiv 2

Daniel öffnete ihn.

1.847 Nachrichten.

Für einige Sekunden bewegte er sich nicht.

Dann klickte er auf die älteste.

Bestellbestätigung.

Elektronik.

Nächste Nachricht.

Versandbestätigung.

Dann:

Neue SIM-Karte aktiviert.

Passwort geändert.

Zahlungserinnerung.

Kundenkonto eröffnet.

Daniel scrollte.

Kreuzberg.

Neukölln.

Wedding.

Spandau.

Lichtenberg.

Dann Potsdam.

Leipzig.

Hamburg.

Das war längst kein einzelner Betrugsfall mehr.

Daniel rief Berg an und sprach auf die Mailbox.

Danach sah er sich die Sicherheitseinstellungen genauer an.

Eine alte Meldung fiel ihm auf.

Neue Anmeldung erfolgreich

Standort: Berlin.

Gerätename:

FD-Laptop

Daniel erstarrte.

FD.

Felix Dorn.

Er machte einen Screenshot.

Im selben Moment erschien unten rechts auf seinem Bildschirm eine neue Meldung.

Neue Anmeldung in Ihrem Konto.

Daniel öffnete die Sicherheitsübersicht.

Ein fremdes Gerät.

Vor weniger als einer Minute angemeldet.

Gerätename:

DANIELS-PC

Dann öffnete sich plötzlich ein Chatfenster.

Eine Nachricht erschien.

Du hättest den Stick nicht abgeben sollen.

Daniel wich vom Schreibtisch zurück.

Noch eine Nachricht.

Jetzt muss ich wissen, was Mara dir erzählt hat.

Er griff nach seinem Handy.

Bevor er Berg anrufen konnte, erschien eine dritte Zeile.

Dreh dich nicht um.

Daniel bewegte sich nicht.

Hinter ihm lag das dunkle Wohnzimmer.

Dann hörte er ein leises Knacken.

Als würde irgendwo im Flur jemand langsam auf eine lose Bodendiele treten.

Kapitel 6 – Jemand ist in der Wohnung

Dreh dich nicht um.

Daniel starrte auf die Nachricht.

Hinter ihm lag das Wohnzimmer im Halbdunkel. Nur das Licht der Straßenlaternen fiel durch die Fenster und zeichnete schwache Konturen an die Wände.

Das Knacken war aus dem Flur gekommen.

Vielleicht das Parkett.

Vielleicht die Heizung.

Vielleicht nichts.

Dann erschien die nächste Nachricht.

Du hast doch keine Angst, Daniel?

Seine Hand lag bereits auf dem Smartphone.

Er könnte die Polizei rufen.

Doch wenn tatsächlich jemand in der Wohnung war, wollte Daniel nicht laut sprechen.

Er öffnete stattdessen die Notruffunktion.

Noch bevor er etwas tun konnte, erschien:

Wenn du jetzt die Polizei rufst, bin ich weg, bevor sie hier ist.

Daniel sah langsam zum Laptop.

Die kleine Kamera über dem Bildschirm.

Kein Licht.

Trotzdem zog er ein Stück Papier vom Schreibtisch und klebte es über die Linse.

Sofort kam eine neue Nachricht.

Schade.

Daniel wich einen Schritt zurück.

Jetzt gab es keinen Zweifel mehr.

Wer auch immer mit ihm schrieb, konnte ihn sehen.

Oder hatte ihn zumindest bis gerade eben gesehen.

Daniel löste unbemerkt den Notruf aus und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Schreibtisch.

Dann hörte er wieder das Knacken.

Diesmal näher.

Neben dem Schreibtisch stand ein schwerer Metallständer für Kopfhörer.

Daniel nahm ihn in die Hand.

Kein besonders guter Schutz.

Aber besser als nichts.

Er trat zur Schlafzimmertür.

„Wer ist da?“

Keine Antwort.

Natürlich nicht.

Im Flur lag seine Jacke auf dem Boden.

Daniel blieb stehen.

Er war sich sicher, sie am Nachmittag an den Haken gehängt zu haben.

Eine Schublade des kleinen Flurschranks stand offen.

Auch das war vorher nicht so gewesen.

Vom Laptop ertönte ein Signal.

Eine weitere Nachricht.

Daniel ging nicht zurück, um sie zu lesen.

Aus der Küche kam ein leises Geräusch.

Metall auf Metall.

Jemand war dort.

Daniel machte keinen Schritt in diese Richtung.

Stattdessen bewegte er sich langsam zur Wohnungstür.

Noch wenige Meter.

Dann würde er draußen sein.

Plötzlich erlosch das Licht.

Die gesamte Wohnung lag im Dunkeln.

Daniel fluchte leise.

In diesem Moment hörte er schnelle Schritte aus der Küche.

Er rannte.

Die Wohnungstür flog auf, und Daniel stolperte ins Treppenhaus.

Hinter ihm schlug etwas gegen die Wand.

Er drehte sich nicht um.

Zweiter Stock.

Erster Stock.

Daniel nahm mehrere Stufen auf einmal.

„Hilfe! Polizei!“

Eine Nachbartür öffnete sich.

Ein älterer Mann schaute heraus.

„Was ist denn los?“

„Rufen Sie die Polizei!“

Daniel lief weiter bis auf die Straße.

Dort blieb er stehen.

Sein Atem ging viel zu schnell.

Er blickte nach oben zu seinen Fenstern.

Alles dunkel.

Dann bewegte sich etwas im Schlafzimmer.

Eine Gestalt.

Nur für einen Augenblick.

Danach war sie verschwunden.

Die Polizei traf wenige Minuten später ein.

Zwei Streifenwagen.

Vier Beamte.

Daniel blieb draußen, während sie das Gebäude betraten.

Auch Krüger hatte er angerufen.

Sie war nicht im Dienst, meldete sich aber trotzdem.

„Gehen Sie auf keinen Fall wieder hinein.“

„Mache ich nicht.“

„Sind Sie verletzt?“

„Nein.“

„Haben Sie jemanden erkannt?“

„Nein. Nur eine Silhouette am Fenster.“

Daniel sah wieder nach oben.

„Da war jemand.“

„Die Kollegen durchsuchen die Wohnung.“

Mehr konnte sie im Moment nicht tun.

Nach einigen Minuten kam einer der Beamten heraus.

„Herr Falk?“

Daniel trat zu ihm.

„Die Wohnung ist leer.“

„Das kann nicht sein.“

„Wir haben alle Räume kontrolliert.“

„Ich habe jemanden am Fenster gesehen.“

„Das bestreite ich nicht.“

Der Beamte machte eine kurze Pause.

„Die Tür an Ihrer Küche zum kleinen Außenaustritt steht offen.“

Daniel runzelte die Stirn.

„Die ist normalerweise abgeschlossen.“

„Von dort gelangt man zur Nottreppe des Hauses.“

Jetzt ergab es Sinn.

Kein Balkon.

Nur dieser schmale Servicebereich an der Küche, den Daniel praktisch nie benutzte.

Von außen führte die Metalltreppe daran vorbei.

Jemand hätte darüber kommen und wieder verschwinden können.

Die Wohnung wirkte fast unverändert.

Fast.

Die Jacke lag noch immer im Flur.

Mehrere Schubladen waren geöffnet.

In der Küche stand die Tür zum kleinen Außenaustritt offen.

Kühle Nachtluft zog herein.

Auf dem Boden befanden sich feuchte Schuhspuren.

Ein Beamter fotografierte sie.

Daniel ging nicht näher heran.

„Es scheint nichts zu fehlen.“

Laptop.

Fernseher.

Kamera.

Alles war noch da.

„Dann wollte derjenige nicht stehlen.“

Niemand widersprach.

Auf dem Küchentisch lag ein Foto.

Daniel kannte es nicht.

Es zeigte ihn am Morgen im Café.

Mara saß ihm gegenüber.

Die Aufnahme war von draußen durch das Fenster gemacht worden.

Daniel ließ die Finger davon.

Ein Beamter drehte das Bild vorsichtig um.

Auf der Rückseite stand:

Du solltest allein kommen.

Daniel musste sofort an Maras Nachricht denken.

Komm allein.

Jemand hatte sie beobachtet.

Vielleicht das gesamte Gespräch.

Kriminalhauptkommissar Berg kam kurz nach Mitternacht.

Er sah aus, als wäre er direkt aus dem Bett geholt worden.

Jeans.

Dunkler Pullover.

Jacke.

„Wo ist das Foto?“

Ein Beamter zeigte es ihm.

Berg betrachtete Vorder- und Rückseite.

„Der USB-Stick“, sagte Daniel.

„Was ist damit?“

„Auf meinem Computer stand, ich hätte ihn nicht abgeben sollen.“

Berg nickte langsam.

„Dann weiß jemand, dass der Stick bei uns ist.“

„Woher?“

„Das müssen wir klären.“

Daniel blickte wieder auf das Foto.

„Felix.“

Berg reagierte nicht sofort.

„Sie denken doch auch an ihn.“

„Ich denke daran, dass jemand möchte, dass wir an Felix Dorn denken.“

Daniel sah ihn irritiert an.

„Was soll das heißen?“

Berg deutete auf den Küchentisch.

„Wer hier hineinkommt, hätte Ihnen etwas antun können.“

Daniel sagte nichts.

„Stattdessen hinterlässt die Person ein Foto.“

„Eine Warnung.“

„Oder eine Inszenierung.“

Das saß.

Daniel hatte Felix inzwischen automatisch mit allem verbunden, was passierte.

Vielleicht war genau das beabsichtigt.

„Mara?“

„Felix. Ihre Schwester. Jemand aus deren Umfeld. Vielleicht mehrere Personen.“

Berg blickte zur offenen Küchentür.

„Ab jetzt gehen wir davon aus, dass wir noch nicht wissen, wer welche Rolle spielt.“

Daniel verbrachte die Nacht bei seinem Freund Tobias.

Vom eigentlichen Grund erzählte er nur wenig.

Ein Einbruch.

Polizei.

Ermittlungen.

Das musste vorerst reichen.

Gegen drei Uhr lag Daniel noch immer wach, als sein Handy vibrierte.

Eine Nachricht von Berg.

Bitte morgen früh um 8:30 Uhr ins Präsidium kommen. Dringend.

Daniel schrieb:

Geht es um den Stick?

Keine Antwort.

Wenige Minuten später meldete sich Mara.

Bist du zu Hause?

Daniel setzte sich auf.

Nein. Warum?

Die Antwort kam nach einer Pause.

Gut.

Daniel tippte:

Was ist passiert?

Mara schickte ein Foto.

Ihre Wohnungstür.

Darauf stand mit schwarzer Farbe:

VERRÄTERIN

Dann:

Er weiß, dass ich mit dir gesprochen habe.

Daniel schrieb sofort:

Geh zur Polizei.

Keine Antwort.

Mara, sofort.

Die Nachricht wurde zugestellt.

Nicht gelesen.

Daniel rief an.

Mailbox.

Noch einmal.

Wieder nichts.

Am nächsten Morgen betrat Daniel das Präsidium kurz vor halb neun.

Berg wartete bereits.

„Wo ist Ihre Schwester?“

„Ich weiß es nicht.“

Daniel zeigte ihm die Nachrichten.

Berg las sie.

„Wir schicken jemanden hin.“

„Was ist mit dem Stick?“

„Kommen Sie.“

In einem kleinen Besprechungsraum saß bereits Krüger.

Auf dem Tisch lagen Ausdrucke.

Berg schloss die Tür.

„Wir konnten einen Teil der Daten auf dem USB-Stick auslesen.“

Daniel setzte sich.

„Was ist darauf?“

„Listen.“

Berg schob ihm mehrere Seiten hin.

Namen.

Geburtsdaten.

Adressen.

Telefonnummern.

Bankverbindungen.

Dutzende Menschen.

Vielleicht mehr.

„Sind das alles Opfer?“

„Möglicherweise.“

Daniel blätterte weiter.

Dann fand er seinen Namen.

FALK, DANIEL

Daneben:

P-017

„Was bedeutet das?“

Berg schüttelte den Kopf.

„Noch unklar.“

Darunter standen mehrere Einträge.

TELVORA

NOVATEL

NORDKAUF

MARKTLY

Beträge.

Daten.

Adressen.

Daniels falsches Leben, sauber in einer Tabelle geordnet.

Dann sah er die Spalte rechts.

Status: AKTIV

Andere Datensätze trugen Bezeichnungen wie:

BEENDET

VERBRANNT

GESPERRT

ÜBERNOMMEN

Daniel zeigte auf das letzte Wort.

„Was bedeutet übernommen?“

Krüger antwortete vorsichtig.

„Wir vermuten, dass bestimmte Identitäten irgendwann vollständig kontrolliert werden.“

„Von wem?“

„Das wissen wir noch nicht.“

Daniel sah wieder auf seine eigene Zeile.

AKTIV

Darunter stand:

Übergang vorgesehen: 21.10.

Er las das Datum mehrmals.

„Was passiert am 21. Oktober?“

Niemand konnte es ihm sagen.

Es klopfte an der Tür.

Ein Beamter trat ein und flüsterte Berg etwas zu.

Daniel sah sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Mara?“

Berg antwortete nicht.

„Ist etwas passiert?“

„Die Kollegen waren bei ihrer Wohnung.“

Daniel wartete.

„Sie war nicht dort.“

„Vielleicht ist sie unterwegs.“

„Die Wohnungstür stand offen.“

Daniels Hände verkrampften sich.

„Und?“

„Die Räume wurden offenbar durchsucht.“

„Ist sie verletzt?“

„Wir haben sie nicht gefunden.“

Daniel atmete langsam aus.

Dann legte Berg sein Handy auf den Tisch.

„An der Wohnzimmerwand wurde etwas hinterlassen.“

Auf dem Display war eine weiße Wand zu sehen.

Mit schwarzer Farbe stand darauf:

P-017

Darunter:

21.10.

Und eine letzte Zeile.

Daniel las sie nur einmal.

Das genügte.

DANIEL IST ALS NÄCHSTER DRAN.

Kapitel 7 – P-017

DANIEL IST ALS NÄCHSTER DRAN.

Der Satz auf Bergs Handy schien alles andere im Raum zu verdrängen.

Daniel las ihn noch einmal.

„Was soll das bedeuten?“

Krüger nahm das Telefon vom Tisch und sperrte das Display.

„Im Moment können wir nur Vermutungen anstellen.“

Daniel stand auf.

„Meine Schwester ist verschwunden. Jemand war in meiner Wohnung. Auf diesem Stick gibt es eine Akte über mich, und jetzt steht an Maras Wand, dass ich der Nächste bin.“

Berg blieb ruhig.

„Deshalb behandeln wir die Sache inzwischen nicht mehr wie einen gewöhnlichen Fall von Identitätsmissbrauch.“

„Was heißt das konkret?“

„Die Wohnung Ihrer Schwester wird kriminaltechnisch untersucht. Wir sichern ihre Verbindungsdaten und überprüfen die Personen, die auf dem USB-Stick auftauchen.“

„Und Felix Dorn?“

„Nach ihm wird gesucht.“

Daniel blieb vor dem Tisch stehen.

„Gibt es eine Adresse?“

„Mehrere alte.“

„Und eine aktuelle?“

Berg schüttelte den Kopf.

„Keine bestätigte.“

Felix hatte offenbar schon sein eigenes Leben so angelegt, dass er nur schwer zu finden war.

Berg holte einen Ausdruck aus einer Mappe.

Das Bild zeigte einen Mann Mitte vierzig.

Kurzes dunkles Haar.

Schmales Gesicht.

Leichte Bartstoppeln.

Völlig unauffällig.

„Felix Dorn“, sagte Berg.

Daniel nahm das Foto.

Er hatte etwas anderes erwartet.

Jemanden, bei dem ein Blick genügte, um zu wissen, dass man Abstand halten sollte.

Stattdessen sah Felix aus wie ein Mann, neben dem man morgens in der Straßenbahn stehen konnte, ohne ihn später beschreiben zu können.

„Schon einmal gesehen?“

Daniel wollte sofort Nein sagen.

Dann hielt er inne.

„Vielleicht.“

Berg reagierte aufmerksam.

„Wo?“

Daniel konzentrierte sich auf das Gesicht.

Die Augen.

Die Kopfform.

Plötzlich fiel ihm der Abend vor Maras Haus wieder ein.

„Als ich bei meiner Schwester war.“

„Was genau?“

„Ein Mann kam aus dem Gebäude. Einkaufstaschen in der Hand. Ich habe mich kurz nach ihm umgedreht.“

„War das Felix?“

Daniel betrachtete das Foto erneut.

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Dann lassen wir es auch genau dabei.“

Berg nahm den Ausdruck zurück.

„Keine Identifizierung. Nur eine mögliche Erinnerung.“

Daniel nickte.

Trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los.

Vielleicht war Felix nur wenige Meter an ihm vorbeigegangen.

Auf Bergs Laptop erschien eine Tabelle.

„Wir haben die Kennzeichnung P-017 genauer untersucht.“

Mehrere Einträge standen untereinander:

P-002

P-006

P-011

P-017

P-021

„Die Nummern scheinen fortlaufend vergeben worden zu sein“, erklärte Berg.

„Und das P?“

„Dafür gibt es noch keine gesicherte Bedeutung.“

Daniel überflog die Liste.

„Es gibt Lücken.“

P-001 fehlte.

P-003.

P-005.

„Entweder wurden Einträge gelöscht“, sagte Krüger, „oder wir haben nur einen Teil der Daten.“

Berg öffnete eine zweite Übersicht.

Drei Datensätze waren hervorgehoben.

P-006 – Henrik Lauer
Status: BEENDET

„Was ist mit ihm?“, fragte Daniel.

„Herr Lauer ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Wie?“

„Herzinfarkt. Nach den damaligen Ermittlungen gab es keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung.“

Daniel sah wieder auf das Wort BEENDET.

Der nächste Eintrag:

P-011 – Sandra Voss
Status: ÜBERNOMMEN

„Sie lebt?“

Krüger nickte.

„In Brandenburg.“

„Habt ihr mit ihr gesprochen?“

„Heute Morgen.“

„Und?“

„Sie möchte nichts mit der Sache zu tun haben.“

„Hat sie erklärt, was ‚übernommen‘ bedeutet?“

„Nur, dass für sie alles erledigt sei.“

Daniel dachte an den Satz, den Mara ihm vor ihrem Haus zugerufen hatte.

Manchmal ist es besser, eine Rechnung zu bezahlen, als herauszufinden, woher sie kommt.

Der dritte Datensatz:

P-015 – Oliver Kern
Status: VERBRANNT

„Und der?“

Berg schloss für einen Moment die Datei.

„Sein letzter bekannter Wohnsitz wurde vor drei Jahren aufgegeben.“

„Wo lebt er jetzt?“

„Das wissen wir nicht.“

„Vermisst?“

„Nein. Nach einigen Unterlagen soll er Deutschland verlassen haben.“

„Soll?“

„Es gibt keinen eindeutigen Nachweis darüber, wohin.“

Daniel betrachtete die drei Begriffe.

Beendet.

Übernommen.

Verbrannt.

Keiner davon klang wie eine harmlose Verwaltungskategorie.

Dann fiel sein Blick wieder auf den eigenen Eintrag.

P-017 – AKTIV

Darunter:

Übergang vorgesehen: 21.10.

Daniel sah zur Uhr an der Wand, obwohl sie ihm bei dieser Frage nichts half.

Noch etwas mehr als ein Monat.

„Was soll Übergang bedeuten?“

Berg verschränkte die Hände.

„Wir haben mehrere Möglichkeiten diskutiert.“

„Welche?“

„Eine Identität könnte auf eine andere Stufe gesetzt werden.“

„Was für eine Stufe?“

„Weitere Verträge. Neue Konten. Neue Adressen. Vielleicht eine vollständige Verlagerung der Daten.“

Daniel dachte an Sandra Voss.

ÜBERNOMMEN.

„Also soll mein Name irgendwann komplett kontrolliert werden.“

„Das ist eine Möglichkeit.“

„Von Felix?“

„Von wem auch immer dieses System betreibt.“

Zum ersten Mal formulierte Berg es so.

Nicht: von Felix.

Von einem System.

Und genau das machte Daniel noch unruhiger.

Krüger zeigte auf einen weiteren Abschnitt des Datensatzes.

„Wir haben außerdem Metadaten aus dem verschlüsselten Bereich des USB-Sticks.“

„Könnt ihr die Dateien öffnen?“

„Noch nicht alle“, sagte Berg.

„Aber die Dateinamen sind sichtbar.“

Er drehte den Bildschirm.

P017_HISTORY

P017_ACCESS

P017_FINANCE

P017_TRANSITION

Daniel las weiter.

Dann blieb sein Blick hängen.

P017_REPLACEMENT

„Replacement“, sagte er leise.

Ersatz.

„Was soll ersetzt werden?“

Berg antwortete bewusst vorsichtig.

„Das lässt sich allein aus dem Dateinamen nicht ableiten.“

„Mein Konto? Meine Telefonnummer?“

„Vielleicht.“

Daniel zeigte auf den Bildschirm.

„Oder meine Identität.“

Niemand widersprach.

„Und warum lassen sich die Dateien nicht öffnen?“

Ein Mitarbeiter aus der IT-Forensik hatte herausgefunden, dass zumindest ein Teil der Verschlüsselung an bestimmte Bedingungen gekoppelt war.

Eine davon:

das Datum.

21. Oktober.

„Also öffnen sich die Dateien dann automatisch?“

„Nicht zwingend“, sagte Berg. „Aber offenbar verändert sich an diesem Tag etwas an der Verschlüsselung.“

„Kann man das umgehen?“

„Die Kollegen arbeiten daran.“

Daniel sah wieder auf P017_TRANSITION.

Zum ersten Mal erschien ihm der Termin nicht mehr wie eine bloße Notiz.

Er war ein Countdown.

Berg wechselte die Ansicht.

„Ab sofort sollten Sie nicht mehr allein in Ihrer Wohnung bleiben.“

Daniel nickte.

Nach der vergangenen Nacht musste man ihn davon nicht überzeugen.

„Ich kann weiter bei Tobias wohnen.“

„Gut.“

„Was ist mit meiner Telefonnummer?“

„Wir richten Ihnen eine neue ein.“

Daniel sah ihn an.

„Und die alte?“

„Bleibt aktiv.“

„Warum?“

„Falls weitere Anrufe oder Nachrichten kommen.“

Daniel verstand.

Die Nummer war inzwischen nicht mehr nur ein Kommunikationsmittel.

Sie war eine Spur.

„E-Mail?“

„Das Konto wird gesichert. Wir überprüfen auch die Zugriffsprotokolle.“

„Und meine Bank?“

„Ändern Sie sämtliche Zugangsdaten erneut.“

Daniel musste kurz lachen.

„Ich verbringe inzwischen mehr Zeit damit, Passwörter zu ändern, als sie zu benutzen.“

Diesmal lächelte selbst Krüger für einen Moment.

Dann klingelte ihr Telefon.

Daniel verbrachte den Nachmittag bei Tobias.

Zum ersten Mal erzählte er ihm mehr als nur von einem Einbruch.

Nicht jedes Detail.

Aber genug.

Den falschen Vertrag.

Mara.

Felix.

Den USB-Stick.

P-017.

Tobias hörte lange schweigend zu.

„Das klingt völlig absurd.“

„Willkommen in meiner Woche.“

„Und deine Schwester ist immer noch verschwunden?“

Daniel nickte.

„Glaubst du, Felix hat sie?“

„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“

Tobias schob ihm eine Tasse Kaffee hin.

„Dann bleibst du hier, bis die Polizei etwas anderes sagt.“

Daniel sah ihn an.

„Du weißt nicht, worauf du dich damit einlässt.“

„Du auch nicht.“

Zum ersten Mal seit Tagen musste Daniel wirklich lächeln.

Am frühen Abend meldete sich Berg.

„Wir haben noch etwas aus den Metadaten.“

Daniel ging ins Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Was?“

„Die Datei P017_HISTORY scheint deutlich älter zu sein als die übrigen.“

„Wie alt?“

„Das genaue Erstellungsdatum lässt sich noch nicht zweifelsfrei bestimmen.“

„Aber?“

„Sie wurde mehrfach migriert. Über verschiedene Systeme.“

Daniel lehnte sich an die Wand.

„Was bedeutet das?“

„Dass die ursprünglichen Daten wahrscheinlich nicht erst vor wenigen Jahren angelegt wurden.“

„Wie lange reden wir?“

„Das versuchen wir herauszufinden.“

Daniel dachte an die ältesten Forderungen.

Vier Jahre.

Vielleicht fünf.

Doch Berg klang, als rede er von einem deutlich längeren Zeitraum.

„Und P-017?“

„Die Kennzeichnung taucht offenbar schon in älteren Datenstrukturen auf.“

Daniel wurde still.

Wenn das stimmte, begann diese Geschichte nicht mit Mara und Felix.

Vielleicht war Felix nur derjenige, der später Zugriff darauf bekommen hatte.

Gegen Mitternacht saß Daniel allein im Wohnzimmer von Tobias.

Eine Serie lief im Hintergrund.

Er hätte nicht sagen können, worum es ging.

Stattdessen recherchierte er Felix Dorn.

Alte Firmenregister.

Ehemalige Geschäftsadressen.

Eine aufgelöste Firma:

Dorn & Partner Digital Solutions UG

Dienstleistungen:

IT-Beratung.

Kundenverwaltung.

Digitale Identitäten.

Daniel blieb an der letzten Formulierung hängen.

Er fand eine archivierte Version der alten Firmenwebseite.

Dort stand:

Wir verbinden Menschen, Daten und Systeme zu einer einzigen digitalen Identität.

Daniel speicherte die Seite.

Eine frühere Telefonnummer der Firma führte zu alten Beschwerden.

Ein Forenbeitrag:

Vorsicht vor dieser Nummer – Geld überwiesen, Ware nie erhalten.

Weitere Treffer waren gelöscht oder nur noch teilweise vorhanden.

Doch das Muster reichte.

Felix hatte offenbar schon Jahre vor Marktly mit ähnlichen Dingen zu tun gehabt.

Daniel schickte Berg die Links.

Dann schloss er den Laptop.

Sein Handy vibrierte.

Unbekannte Nummer.

Daniel nahm nicht ab.

Kurz darauf kam eine SMS.

Noch 35 Tage.

Er sah sofort auf das Datum.

Bis zum 21. Oktober.

Eine zweite Nachricht folgte.

Du solltest dich fragen, was am Ende ersetzt wird.

Dann:

Dein Name?

Dein Geld?

Oder du?

Daniel machte Screenshots und leitete alles an Berg weiter.

Noch bevor er fertig war, erschien eine weitere Nachricht.

Felix ist nicht derjenige, vor dem du Angst haben solltest.

Daniel las den Satz zweimal.

Schon der Brief vor seiner Wohnung hatte dieselbe Richtung vorgegeben.

Mara sei nicht sein größtes Problem.

Nun offenbar auch Felix nicht.

Daniel antwortete:

Wer dann?

Eine Weile geschah nichts.

Dann:

P steht nicht für Person.

Daniel setzte sich aufrechter.

Wofür dann?

Diesmal kam die Antwort sofort.

Projekt.

Kurz darauf:

Projekt 017.

Daniel sah auf die Nachricht.

Er hatte die Buchstaben und Zahlen bisher wie eine Aktennummer behandelt.

Doch jetzt änderte sich ihre Bedeutung.

Er war keine Nummer in einer Liste.

Er war ein Projekt.

Was ist das Ziel?

Die Schreibanzeige erschien.

Verschwand.

Tauchte erneut auf.

Dann kam nur ein Wort.

Du.

Die Nummer war anschließend nicht mehr erreichbar.

Am nächsten Morgen klingelte Daniels Telefon um 6:42 Uhr.

Berg.

„Sie müssen ins Präsidium kommen.“

Daniel setzte sich auf.

„Wegen der SMS?“

„Auch.“

Berg klang anders als sonst.

„Was ist passiert?“

„Wir konnten P017_HISTORY öffnen.“

Daniel stand auf.

„Was steht drin?“

„Kommen Sie her.“

„Herr Berg.“

Stille.

„Sagen Sie mir wenigstens, wie alt die Datei ist.“

Berg atmete aus.

„Die ersten Einträge über Sie reichen vierzehn Jahre zurück.“

Daniel glaubte, sich verhört zu haben.

„Vierzehn?“

„Ja.“

„Das ist unmöglich.“

„Die Datei enthält alte Wohninformationen, frühere Arbeitgeber, Telefonnummern.“

Daniel ging langsam zum Fenster.

„Das kann jemand später zusammengestellt haben.“

„Dachten wir auch.“

„Und?“

„Einige Datensätze enthalten Zeitstempel aus den damaligen Systemen.“

Daniel sagte nichts mehr.

Vierzehn Jahre.

Damals kannte Mara Felix noch nicht.

Zumindest hatte sie das behauptet.

„Was ist der erste Eintrag?“

Berg zögerte.

Dann las er vor:

P-017 ausgewählt. Familiärer Zugang bestätigt. Beobachtungsphase beginnt.

Daniel schloss die Augen.

Das Wort, das ihn am meisten traf, war nicht ausgewählt.

Auch nicht Beobachtungsphase.

Es war:

familiär.

„Was bedeutet familiärer Zugang?“

„Das wissen wir noch nicht.“

Daniel antwortete nicht.

Diesmal störte ihn der Satz nicht.

Denn plötzlich wusste er, womit Kapitel seiner Vergangenheit beginnen würde, das er längst für abgeschlossen gehalten hatte.

Der zweite Anschluss war nie der Anfang gewesen.

Nicht Mara.

Nicht Felix.

Nicht einmal der erste gefälschte Vertrag.

Irgendjemand hatte Daniel Falk bereits beobachtet, als er noch glaubte, dass niemand außerhalb seiner Familie überhaupt einen Grund hatte, sich für sein Leben zu interessieren.

Vierzehn Jahre zuvor.

Kapitel 8 – Vierzehn Jahre

Vierzehn Jahre.

Daniel wiederholte die Zahl während der Fahrt zum Präsidium immer wieder in Gedanken.

Vierzehn Jahre bedeuteten, dass alles viel früher begonnen hatte.

Vor Mara.

Vor Felix.

Vor Telvora.

Vor den gefälschten Unterschriften und den unbezahlten Rechnungen.

Damals war Daniel dreiundzwanzig gewesen. Er lebte noch bei seinen Eltern, hatte seinen ersten festen Job und sparte auf eine eigene Wohnung.

Währenddessen hatte offenbar bereits jemand begonnen, Informationen über ihn zu sammeln.

Als Daniel das Präsidium betrat, wartete Berg bereits auf ihn.

„Kommen Sie.“

Im Besprechungsraum saßen Krüger und ein Mann, den Daniel noch nicht kannte.

„Dr. Lennart Weber“, stellte Berg ihn vor. „Digitale Forensik.“

Weber nickte knapp.

Auf dem Tisch lag ein Stapel Ausdrucke.

Oben stand:

P017_HISTORY

„Das ist die Datei?“

„Der Teil, den wir bisher entschlüsseln konnten“, sagte Weber.

Daniel setzte sich.

Berg schob ihm die erste Seite zu.

03.11. – JAHR 1

P-017 ausgewählt. Familiärer Zugang bestätigt. Beobachtungsphase beginnt.

Darunter:

Alter: 23

Wohnsituation: Elternhaus

Beschäftigung: Angestellter

Finanzstatus: unauffällig

Bonität: positiv

Familiäre Struktur: geeignet

Daniel blieb an der letzten Zeile hängen.

„Geeignet wofür?“

„Dafür fehlt uns noch der Kontext“, sagte Weber.

Daniel las weiter.

17.11.

Primärkontakt indirekt hergestellt. Keine Reaktion des Ziels.

09.12.

Erste Stammdaten bestätigt.

14.01. – JAHR 2

Adresshistorie ergänzt. Mobilnummer bestätigt.

Dann:

Zugriff über familiären Knoten stabil.

Daniel legte das Blatt ab.

„Familiärer Knoten.“

Berg nickte.

„Darauf konzentrieren wir uns.“

Daniel dachte sofort an Mara.

Doch etwas passte nicht.

„Damals kannte sie Felix noch gar nicht.“

„Zumindest nach ihrer Darstellung“, sagte Berg.

„Dann muss es einen anderen Zugang gegeben haben.“

Die folgenden Seiten dokumentierten Daniels Leben in kurzen, nüchternen Einträgen.

Wohnort.

Arbeitgeber.

Telefonnummer.

Bankwechsel.

Sogar die Marke seines damaligen Handys.

Dann las er:

Ziel zeigt geringe Sensibilität für Datenspuren. Beobachtung problemlos.

Daniel ließ die Seiten sinken.

„Die haben mich bewertet.“

„So sieht es aus“, sagte Weber.

„Wie ein Versuch.“

Niemand widersprach.

Krüger öffnete eine zweite Mappe.

„Wir haben uns Ihre Familie und die damaligen technischen Kontakte angesehen.“

Sie legte einen alten Firmenauszug auf den Tisch.

DataNova Service GmbH

Daniel kannte den Namen nicht.

„Die Firma hat vor vierzehn Jahren Dienstleistungen für Ihren Vater erbracht.“

Etwas regte sich in Daniels Erinnerung.

Ein alter Desktop-PC.

Grau.

Langsam.

Laut.

Sein Vater hatte regelmäßig Probleme damit gehabt.

„Da war tatsächlich eine Firma“, sagte Daniel. „Die haben seinen Rechner manchmal abgeholt.“

Berg schob ihm einen weiteren Ausdruck hin.

Geschäftsführer: Rolf Mertens

Darunter:

Technischer Mitarbeiter: Felix Dorn

Daniel sah den Namen an.

„Felix?“

„Er arbeitete dort knapp zwei Jahre.“

Jetzt ergab der alte Eintrag plötzlich Sinn.

Familiärer Zugang bestätigt.

Daniel erinnerte sich besser.

Sein Vater hatte fast alles auf diesem Computer gespeichert.

Versicherungsunterlagen.

Bankdokumente.

Briefe.

Steuerunterlagen.

Und nicht nur seine eigenen.

„Mein Vater hatte damals einen digitalen Ordner für die ganze Familie.“

Weber wurde aufmerksam.

„Welche Unterlagen?“

Daniel dachte nach.

„Ausweiskopien. Versicherungen. Bewerbungen. Vielleicht sogar Geburtsurkunden.“

„Auch Ihre?“

„Bestimmt.“

Plötzlich wusste Daniel, woher die alten Arbeitgeber, Adressen und Telefonnummern stammen konnten.

„Felix hatte Zugriff auf den Rechner.“

„Zumindest während der Wartung“, sagte Berg.

Daniel blickte wieder auf die Datei.

Vierzehn Jahre Beobachtung.

Und vielleicht hatte alles mit einem Computer begonnen, den sein Vater lediglich hatte reparieren lassen.

Weber öffnete auf seinem Laptop eine Firmenübersicht.

„DataNova ging später insolvent. Kurz davor wurden Teile der Kundendaten an ein anderes Unternehmen übertragen.“

Novaris Database Solutions

„Und was hat das mit mir zu tun?“

„Wir können bisher nicht nachvollziehen, welche Datenbestände genau weitergegeben wurden.“

„Also könnten darunter auch die Sicherungen meines Vaters gewesen sein.“

„Möglich.“

Die nächste Grafik zeigte weitere Firmen.

Mehrere waren längst aufgelöst.

Ganz unten erschien:

FD Solutions – Felix Dorn

Daniel lehnte sich zurück.

„Er taucht immer wieder auf.“

„Ja.“

„Dann steckt er doch dahinter.“

Berg hob leicht die Hand.

„Er hatte offenbar Zugriff. Das macht ihn noch nicht automatisch zum Erfinder des Systems.“

Daniel sah auf den Namen über DataNova.

Rolf Mertens.

„Dann vielleicht er.“

Berg zog eine alte Rechnung hervor.

Ausgestellt an Daniels Vater.

Datensicherung und Systemmigration

Darunter:

Festplatte.

Neuinstallation.

Backup.

Und schließlich:

Erstellung digitales Familienarchiv

Daniel zeigte darauf.

„Das war es.“

Sein Vater hatte damals stolz davon erzählt, endlich alle wichtigen Dokumente digital gespeichert zu haben.

„Da war wahrscheinlich alles drin.“

Daniel erinnerte sich an Bewerbungsunterlagen.

Telefonrechnungen.

Kontoauszüge.

Ausweiskopien.

Vielleicht sogar alte Passwörter.

„Mein kompletter Lebenslauf lag praktisch auf diesem Rechner.“

Doch eine Frage blieb.

„Warum ich?“

Daniel sah in die Runde.

„Wenn die ganze Familie in diesem Archiv war, warum wurde ausgerechnet ich P-017?“

Weber öffnete einen weiteren Abschnitt.

Kandidatenprüfung

F-014 – ungeeignet

F-015 – erhöhte finanzielle Risiken

F-016 – instabile Wohnsituation

P-017 – geeignet

Daniel verstand sofort.

„Das sind meine Familienmitglieder.“

„Sehr wahrscheinlich“, sagte Berg.

Darunter standen die Kriterien:

stabile Bonität

regelmäßiges Einkommen

stabile Anschrift

geringe Verschuldung

geringe institutionelle Auffälligkeit

hohe wirtschaftliche Nutzbarkeit

Daniel blieb an der letzten Formulierung hängen.

„Wirtschaftliche Nutzbarkeit.“

Berg nickte.

„Sie waren finanziell unauffällig. Damit war Ihr Name wertvoll.“

Daniel lachte leise, aber ohne Humor.

„Ich wurde ausgewählt, weil ich meine Rechnungen bezahlt habe.“

„Vereinfacht gesagt: vermutlich ja.“

Es war absurd.

Ausgerechnet die Dinge, die Daniel immer als verantwortungsbewusst empfunden hatte, hatten ihn interessant gemacht.

Elf Jahre lang enthielt die Datei überwiegend Aktualisierungen.

Neue Adresse.

Neuer Arbeitgeber.

Neue Telefonnummer.

Dann änderte sich die Sprache.

P-017 für operative Nutzung freigegeben.

Kurz darauf begannen die ersten unbekannten Forderungen.

Daniel legte die Seiten nebeneinander.

„Da ging es los.“

Weber scrollte eine Zeile weiter.

Interner Zugriff übertragen: FD

Daniel brauchte keine Erklärung.

„Felix Dorn.“

Berg nickte.

Der Zeitpunkt passte auffällig gut zu Maras Beziehung mit Felix.

„Er hat sie nicht zufällig kennengelernt.“

Krüger sah ihn an.

„Das ist bislang nur eine Vermutung.“

„Er hatte meine Daten schon vorher. Dann taucht er Jahre später im Leben meiner Schwester auf.“

Daniel schüttelte den Kopf.

„Er wollte wieder einen familiären Zugang.“

Berg schrieb etwas auf.

„Wir prüfen das.“

Krügers Telefon vibrierte.

Sie las die Nachricht und sah sofort zu Berg.

„Was ist?“, fragte Daniel.

Krüger hob den Blick.

„Wir haben Ihre Schwester gefunden.“

Daniel stand auf.

„Wo?“

„Potsdam.“

„Ist sie okay?“

„Sie lebt.“

Er atmete aus.

Dann kam der Rest.

„Sie liegt im Krankenhaus.“

Daniels Erleichterung verschwand sofort.

„Was ist passiert?“

„Sie wurde heute Morgen auf einem Parkplatz gefunden. Unterkühlt, dehydriert und offenbar sediert.“

Daniel griff nach der Tischkante.

„Kann ich zu ihr?“

„Sobald die Ärzte es zulassen.“

Dann fügte Krüger hinzu:

„Sie hatte etwas bei sich.“

Auf ihrem Handy zeigte sie ihm ein Foto.

Ein kleiner Metallschlüssel.

Am Anhänger war eine Zahl eingraviert.

017

Darunter:

21.10.

Mara schlief noch, als Daniel später das Krankenzimmer betrat.

Krüger wartete draußen.

Daniel setzte sich neben das Bett.

Seine Schwester wirkte erschöpft.

Blass.

Ein kleiner Verband an der Stirn.

Was auch immer zwischen ihnen passiert war — in diesem Moment war sie einfach Mara.

Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen.

„Daniel?“

„Ja.“

Sie sah sich orientierungslos um.

„Wo bin ich?“

„Im Krankenhaus.“

Mara versuchte sich aufzurichten.

„Der Schlüssel.“

„Ist bei der Polizei.“

Sofort entspannte sich ihr Gesicht ein wenig.

„Gut.“

Daniel zog den Stuhl näher.

„Wofür ist er?“

Mara antwortete nicht.

„Was hat Felix damit zu tun?“

Ihre Augen wanderten zur Tür.

„Ich habe dir nicht alles erzählt.“

Daniel wartete.

„Felix wusste schon vor unserer Beziehung, wer du bist.“

„Wie lange vorher?“

„Das weiß ich nicht.“

„Aber als ihr euch kennengelernt habt?“

„Da kannte er deinen Namen bereits.“

Daniels Vermutung bestätigte sich.

„Er hat dich also wegen mir angesprochen.“

Mara nickte schwach.

„Ich habe das erst viel später verstanden.“

„Welches System steckt dahinter?“

Mara schloss kurz die Augen.

Dann sagte sie:

„Projekt Phoenix.“

Daniel schwieg.

Phoenix.

Endlich hatte das P einen Namen.

„Was ist das?“

Mara sah ihn an.

„Felix hat einmal gesagt: Menschen verschwinden. Daten nicht.“

Daniel wartete.

„Konten, Verträge, Adressen, Zugangsdaten. Sie können weiterverwendet werden.“

„Auch wenn der Mensch nicht mehr mitmacht.“

Mara nickte.

Daniel dachte an die Dateinamen.

TRANSITION

REPLACEMENT

„Der Übergang.“

Wieder ein Nicken.

„Was passiert am 21. Oktober?“

Mara griff nach seinem Arm.

„Sie wollen deine Identität übernehmen.“

„Wer?“

„Phoenix.“

„Wie übernimmt man eine Identität vollständig?“

„Nicht auf einmal.“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Man verändert Stück für Stück, was die Systeme über dich glauben.“

Daniel dachte an die Verträge.

Seine Bonität.

Telefonnummern.

E-Mail-Konten.

Plötzlich ergab alles eine Struktur.

Keine zufälligen Betrugsfälle.

Vorbereitung.

„Und Replacement?“

Mara sah weg.

Daniel spürte, dass sie die Antwort kannte.

„Sag es mir.“

Lange Stille.

Dann sagte sie:

„Felix nennt dich das Original.“

Daniel wartete.

„Und wenn der Übergang abgeschlossen ist, braucht Phoenix das Original nicht mehr.“

Kapitel 9 – Das Original

„Nach einem erfolgreichen Übergang braucht Phoenix das Original nicht mehr.“

Maras Satz blieb im Raum hängen.

Daniel saß neben ihrem Krankenhausbett und sah sie an.

„Was bedeutet das?“

Mara wich seinem Blick aus.

„Ich kenne nicht jedes Detail.“

„Dann erzähl mir das, was du weißt.“

Sie atmete langsam ein.

„Felix hat immer gesagt, eine Identität sei nur so stark wie die Systeme, die sie bestätigen.“

Daniel schwieg.

„Banken. Mobilfunkanbieter. Versicherungen. Behörden. Kundenkonten. Wenn überall dieselben Informationen auftauchen, irgendwann zweifelt niemand mehr daran.“

Daniel dachte an Telvora.

NovaTel.

Die Versandhäuser.

Seine Bonitätsdaten.

All die falschen Einträge.

„Also baut Phoenix keine neue Person.“

„Nein.“

Mara sah ihn an.

„Es baut eine glaubwürdigere Version der vorhandenen.“

Daniel bekam ein ungutes Gefühl.

„Und irgendwann soll diese Version wichtiger sein als ich.“

Mara antwortete nicht.

Das genügte.

„Replacement“, sagte Daniel.

Mara spannte sich an.

„So hieß eine der Dateien.“

Sie nickte.

„Was bedeutet es?“

„Ersatz.“

„Das weiß ich.“

Daniel lehnte sich näher.

„Wofür?“

Mara ließ sich Zeit.

„Für das Original.“

„Für mich.“

Wieder ein Nicken.

Daniel stand auf und ging zum Fenster.

„Was passiert mit den Originalen?“

„Nicht immer dasselbe.“

„Mara.“

„Manche geben auf. Manche bezahlen alles. Manche verschwinden.“

Daniel drehte sich um.

„Oliver Kern.“

Mara erstarrte.

„Woher kennst du den Namen?“

„P-015.“

Sie sah ihn lange an.

„Ich habe ihn nie getroffen.“

„Aber du kennst die Geschichte.“

„Nur einen Teil.“

Daniel setzte sich wieder.

„Was ist passiert?“

„Felix hat einmal von einem Oliver gesprochen. Er habe zu viel gefragt und irgendwann zur Polizei gehen wollen.“

„Und danach?“

Mara senkte den Blick.

„War er weg.“

Daniel dachte an Bergs Informationen.

Aufgegebene Wohnung.

Geschlossene Konten.

Keine erreichbare Telefonnummer.

Offiziell ins Ausland gegangen.

Aber niemand wusste wohin.

„Hat Felix ihm etwas angetan?“

„Das weiß ich nicht.“

„Was hat er gesagt?“

Mara zögerte.

„Dass P-015 verbrannt wurde.“

Daniel erinnerte sich an die Statusliste.

VERBRANNT.

Zum ersten Mal klang das Wort nicht mehr nach einem technischen Begriff.

Die Tür öffnete sich.

Berg trat ein.

„Wie geht es Ihnen?“

Mara zog die Decke etwas höher.

„Schon besser.“

Berg stellte einen Stuhl ans Bett.

„Dann sollten wir über den Schlüssel sprechen.“

Er legte ein Foto auf den kleinen Tisch.

Der Metallanhänger.

017

21.10.

„Wofür ist er?“

„Für ein Schließfach.“

Daniel sah sie an.

„Wo?“

„Das wusste ich zunächst nicht.“

„Und jetzt?“

Mara blickte auf das Foto.

„Vielleicht.“

Berg wurde aufmerksam.

„Wie sind Sie an den Schlüssel gekommen?“

Mara schwieg.

„Frau Falk.“

Sie schloss kurz die Augen.

„Ich habe ihn Felix gestohlen.“

Daniel hob die Augenbrauen.

„Wann?“

„Vor ein paar Tagen.“

„Warum?“

„Weil ich wusste, dass etwas mit Daniel geplant war.“

Berg lehnte sich leicht vor.

„Wo haben Sie Felix getroffen?“

„In einer Wohnung in Charlottenburg.“

„Adresse?“

Mara nannte sie.

Berg schrieb mit.

„Und dort lag der Schlüssel?“

„Felix hatte ihn in seiner Jacke.“

„Warum haben Sie überhaupt danach gesucht?“

Mara sah zu Daniel.

„Ich hatte seinen Namen gesehen.“

„Wo?“

„Auf einem Zettel.“

„Was stand drauf?“

„Daniel Falk. P-017. Und das Datum 21.10.“

Daniel sagte nichts.

Mara fuhr fort:

„Ich wusste nicht, was genau geplant war. Aber ich wusste, dass es nichts Gutes war.“

Berg legte den Stift kurz beiseite.

„Sie haben uns noch nicht alles erzählt.“

Mara sah ihn an.

„Was meinen Sie?“

„Ihre eigene Rolle.“

Daniel wurde still.

Mara rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Ich habe Felix geholfen.“

Daniel wusste längst, dass dieser Satz irgendwann kommen würde.

Trotzdem traf er ihn.

„Wobei?“

„Adressen.“

„Was für Adressen?“

„Wohnungen, Briefkästen, Orte, an denen Post angenommen werden konnte.“

Daniel sah sie fassungslos an.

„Für fremde Identitäten.“

„Ja.“

„Wie viele?“

„Ich weiß es nicht genau.“

„Zehn? Zwanzig?“

„Vielleicht zehn.“

Daniel stand auf.

„Und die Verkaufsanzeigen?“

Mara antwortete nicht sofort.

„Mara.“

„Bei einigen war ich beteiligt.“

Daniel lachte bitter.

„Nicht bei meinen, nehme ich an.“

„Nein.“

„Das soll mich beruhigen?“

„Nein.“

Zum ersten Mal verteidigte sie sich nicht.

„Warum hast du das gemacht?“

„Am Anfang wegen Geld.“

„Und später?“

„Weil ich zu tief drin war.“

Daniel sah sie lange an.

„Das ist keine Entschuldigung.“

„Ich weiß.“

Diese Antwort überraschte ihn.

Berg zog ein Foto aus seiner Mappe.

„Kennen Sie diesen Mann?“

Mara sah darauf.

Ein älterer Mann.

Graues Haar.

Brille.

„Nein.“

„Rolf Mertens.“

Keine Reaktion.

„Geschäftsführer von DataNova.“

Mara schüttelte den Kopf.

Dann betrachtete sie das Foto ein zweites Mal.

Ihr Gesicht veränderte sich.

„Warten Sie.“

Berg richtete sich auf.

„Was?“

„Ich kenne ihn.“

Daniel trat näher.

„Woher?“

„Bei Felix.“

„Unter welchem Namen?“

Mara dachte nach.

„Richard.“

Berg tauschte mit Krüger einen Blick, die gerade in der Tür erschienen war.

„Wie oft haben Sie ihn gesehen?“

„Mehrmals.“

„Wann zuletzt?“

„Vor vielleicht vier Jahren.“

Daniel blickte auf das Foto.

Rolf Mertens.

Der Mann, dessen Firma vierzehn Jahre zuvor den Computer seines Vaters gesichert hatte.

„War er bei Phoenix dabei?“, fragte Berg.

Mara nickte langsam.

„Felix hat ihn Chef genannt.“

Für einige Sekunden sagte niemand etwas.

Dann stand Berg auf.

„Ich telefoniere.“

Daniel blieb mit Mara allein.

„Warum hast du mir nie etwas davon erzählt?“

Sie sah zur Decke.

„Weil du mich gehasst hättest.“

„Du hast meine Daten benutzt.“

„Ich weiß.“

„Du hast für Leute gearbeitet, die andere Menschen betrogen haben.“

„Ja.“

„Und trotzdem hättest du irgendwann zu mir kommen können.“

Mara sah ihn an.

„Je länger man lügt, desto schwerer wird die Wahrheit.“

Daniel sagte nichts.

Dann fiel ihm etwas ein.

„Der USB-Stick.“

Mara runzelte die Stirn.

„Welcher?“

„Im Café. Er lag auf deinem Stuhl.“

„Ich hatte keinen USB-Stick.“

Daniel glaubte zunächst, sie habe ihn falsch verstanden.

„Der schwarze Stick. Mit den Phoenix-Daten.“

„Daniel, der war nicht von mir.“

Er setzte sich langsam wieder.

Jemand hatte das Treffen beobachtet.

Jemand hatte den Stick absichtlich dort platziert.

Und jemand wollte, dass die Polizei ihn bekam.

„Dann sollten wir ihn finden.“

Mara sah ihn ernst an.

„Oder nur genau das darauf, was jemand uns zeigen wollte.“

Daniel dachte an Bergs Warnung.

Vielleicht war Phoenix nicht nur ein Netzwerk.

Vielleicht war es auch eine Inszenierung.

Berg kam zurück.

„Die Wohnung in Charlottenburg ist leer.“

Daniel sah auf.

„Seit wann?“

„Schwer zu sagen. Aber sie wurde offensichtlich hastig geräumt.“

Er zeigte ein Foto auf seinem Handy.

Ein leeres Schlafzimmer.

Ein offener Tresor.

An der Wand stand:

17 → 21

Darunter:

KREUZBERG

Mara richtete sich auf.

„Ich weiß, was das bedeutet.“

„Eine Adresse?“, fragte Daniel.

„Nein.“

Sie sah Berg an.

„Das Schließfach.“

Der Ort war kein Bahnhof und keine Bank.

Mara erinnerte sich an ein privates Lagerhaus in Kreuzberg, das Felix früher mehrfach besucht hatte.

Selfstorage.

Kleine Lagerräume.

Schließfächer.

Zugang rund um die Uhr.

Berg ließ die Firma überprüfen.

Wenige Minuten später kam die Bestätigung.

Fach:

017

Vertragsinhaber:

Daniel Falk

Daniel musste beinahe lachen.

„Natürlich.“

„Der Vertrag läuft seit zwei Jahren“, sagte Berg.

„Und wann endet er?“

Berg sah auf den Bildschirm.

„Am 21. Oktober.“

Noch am selben Nachmittag wurde das Schließfach geöffnet.

Daniel durfte zunächst nur außerhalb des Gebäudes warten.

Dann kam die Nachricht von Berg.

„Kommen Sie rein.“

Der Gang im Lagerhaus wirkte endlos.

Graue Türen.

Nummern.

Dann:

017

Der kleine Raum dahinter war bis oben gefüllt.

Metallregale.

Ordner.

Festplatten.

Alte Mobiltelefone.

SIM-Karten.

Briefumschläge.

Ausweise.

Mehrere Ordner trugen Nummern.

P-006

P-011

P-015

P-017

Daniel blieb stehen.

„Das ist das Archiv.“

Berg nickte.

Auf einem kleinen Tisch lag ein Umschlag.

DANIEL FALK

Ein Techniker fotografierte ihn, dann öffnete Berg ihn vorsichtig.

Darin befanden sich drei Fotos.

Das erste zeigte Daniel als jungen Mann vor dem Haus seiner Eltern.

Vierzehn Jahre zuvor.

Auf der Rückseite:

P-017 – Ausgangszustand

Das zweite war aktuell.

Daniel vor seiner Wohnung.

P-017 – Vorbereitung abgeschlossen

Das dritte Foto zeigte einen fremden Mann.

Ungefähr Daniels Alter.

Ähnliche Statur.

Ähnliche Größe.

Aber ein anderes Gesicht.

Auf der Rückseite:

P-017R

Replacement Candidate

Daniel hielt den Blick darauf gerichtet.

„Das soll mein Ersatz sein.“

Berg nahm das Foto.

Darunter stand ein Name.

Nico Brandt

Krüger suchte sofort danach.

„Kein eindeutiger Treffer.“

„Also wahrscheinlich ebenfalls falsch.“

In einer weiteren Kiste lag eine Dokumentenmappe.

ÜBERGANGSPROTOKOLL P-017

Berg öffnete sie.

Daniel trat näher.

Die ersten Seiten enthielten Konten, Telefonnummern, Passwörter, neue Anschriften und digitale Zugänge.

Alles war chronologisch geordnet.

Dann:

PHASE 7 – ORIGINALTRENNUNG

Daniel las weiter.

Original aus aktivem Identitätskreislauf entfernen.

Kommunikationsfähigkeit unterbrechen.

Zugriff auf finanzielle und digitale Systeme vollständig sperren.

Replacement aktivieren.

Daniel verstand.

„Sie wollen mich nicht einfach verschwinden lassen.“

Berg sah ihn an.

„Nicht unbedingt.“

„Sie wollen dafür sorgen, dass ich mein eigenes Leben nicht mehr beweisen kann.“

Bankkonten gesperrt.

E-Mail verschwunden.

Telefonnummer übernommen.

Falsche Meldeadressen.

Ein anderer Mensch mit seinen Dokumenten.

Daniel dachte an die vergangenen Wochen.

Plötzlich wirkte alles wie Vorbereitung.

Nicht wie Chaos.

„Wenn ich danach irgendwo auftauche und sage, ich sei Daniel Falk …“

Krüger beendete den Satz.

„… würde ein Teil der Systeme etwas anderes behaupten.“

Daniel sah wieder auf das Foto von Nico Brandt.

Das war der Übergang.

Unter der Mappe lag ein handschriftlicher Zettel.

Berg nahm ihn.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Was steht da?“

Er legte das Blatt auf den Tisch.

P-017 vorgezogen.

Neue Durchführung: 18.09.

Daniel sah auf das Datum.

„Das ist übermorgen.“

Krüger griff sofort nach ihrem Telefon.

In diesem Moment vibrierte Daniels Handy.

Eine unbekannte Nummer.

Ein Foto.

Mara in ihrem Krankenhausbett.

Aufgenommen durch den Türspalt.

Vor wenigen Minuten.

Darunter:

Das Original hat seinen Zweck erfüllt.

Eine zweite Nachricht folgte.

Jetzt beginnt der Übergang.

Daniel sah zu Berg.

„Jemand ist bei Mara.“

Berg hatte sein Telefon bereits am Ohr.

Dann kam eine letzte Nachricht.

Und diesmal kannst du deine Schwester nicht retten.

Kapitel 10 – Der Übergang

Und diesmal kannst du deine Schwester nicht retten.

Daniel hielt das Handy so fest, dass seine Finger schmerzten.

Berg war bereits am Telefon.

„Sofort jemand ins Krankenhaus. Station 4B, Zimmer 417.“

Krüger war auf dem Weg zur Tür.

„Ich komme mit“, sagte Daniel.

„Nein.“

„Meine Schwester ist dort.“

„Genau deshalb.“

Daniel stellte sich ihr in den Weg.

„Wenn jemand gerade dieses Foto gemacht hat, ist er vielleicht noch im Gebäude.“

„Und dann laufen Sie ihm direkt entgegen?“

Berg kam hinter ihnen hervor.

„Er fährt mit mir.“

Krüger warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Aber er bleibt im Wagen“, ergänzte Berg.

Daniel wollte widersprechen.

„Nicht verhandelbar.“

Zwölf Minuten später hielten sie vor dem Krankenhaus.

Während der Fahrt hatte Daniel Mara immer wieder angerufen.

Mailbox.

Beim dritten Versuch war ihr Telefon bereits ausgeschaltet.

Berg parkte neben zwei Streifenwagen.

„Sie warten hier.“

Daniel nickte.

Berg stieg aus und verschwand im Gebäude.

Kaum war die Eingangstür hinter ihm zugefallen, vibrierte Daniels Handy.

Unbekannte Nummer.

Er ist nicht hier.

Daniel blickte zum Haupteingang.

Wer?

Die Antwort kam sofort.

Felix.

Daniels Daumen schwebte über dem Display.

Wo ist Mara?

Keine Reaktion.

Dann:

Zimmer 417.

Daniel sah nach oben zum vierten Stock.

Eine weitere Nachricht erschien.

Aber nicht mehr lange.

Er riss die Autotür auf.

Der Aufzug war besetzt.

Daniel nahm die Treppe.

Erster Stock.

Zweiter.

Dritter.

Im vierten hörte er bereits Stimmen.

Polizei.

Pflegepersonal.

Ein Arzt.

Zimmer 417 stand offen.

Das Bett war leer.

Krüger kam ihm entgegen.

„Was machen Sie hier?“

„Wo ist sie?“

Krügers Gesicht genügte.

„Sie ist weg.“

Daniel trat ins Zimmer.

Die Infusion hing noch am Ständer. Der Schlauch lag auf dem Boden.

„Wie kann sie einfach verschwinden?“

„Ein Mann hat sie angeblich zu einer Untersuchung abgeholt.“

„Welcher Mann?“

„Weiße Kleidung, Klinik-Ausweis. Die Beschreibung läuft bereits.“

Auf dem Nachttisch lag ein schwarzes Smartphone.

Nicht Maras.

Das Display leuchtete.

P-017

Krüger zog Handschuhe an.

Im selben Moment klingelte das Gerät.

Sie aktivierte den Lautsprecher.

„Ja?“

Eine Männerstimme.

„Daniel.“

Daniel trat näher.

„Felix?“

Kurzes Schweigen.

Dann ein leises Lachen.

„Endlich.“

„Wo ist Mara?“

„In Sicherheit.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Das ist dein Problem.“

„Was willst du?“

„Eigentlich nichts mehr von dir.“

Daniel sagte nichts.

„Du solltest nie so weit kommen.“

„Dann hättest du meinen Namen in Ruhe lassen sollen.“

Felix lachte wieder.

„Meinen Namen?“

Daniel hielt inne.

„Projekt Phoenix.“

Diesmal keine Reaktion.

„Rolf Mertens.“

Noch immer nichts.

„DataNova.“

Felix‘ Stimme verlor ihre Leichtigkeit.

„Du hast wirklich viel gefunden.“

„Nicht genug.“

„Nein.“

Eine kurze Pause.

„Noch lange nicht.“

Berg kam ins Zimmer.

Krüger zeigte wortlos auf das Telefon.

„Ihr habt das Lager geöffnet“, sagte Felix.

„Ja“, antwortete Daniel.

„Dann weißt du, was P-017 ist.“

„Ich weiß, was ihr mit mir vorhabt.“

„Dann weißt du auch, dass die Zeit vorbei ist.“

„Wo ist Mara?“

„Wenn du sie sehen willst, kommst du allein.“

Berg schüttelte sofort den Kopf.

Daniel ignorierte ihn.

„Wohin?“

„Du bekommst die Adresse.“

„Und warum sollte ich dir vertrauen?“

„Solltest du nicht.“

Die Verbindung brach ab.

Sekunden später kam eine Nachricht.

Ein stillgelegtes Bürogebäude in Tempelhof.

18:00 Uhr.

Allein.

Darunter:

Sonst beginnt der Übergang ohne dich.

Daniel sah auf die Uhr.

17:12.

„Ich gehe.“

Berg antwortete sofort.

„Ja.“

Daniel sah ihn überrascht an.

„Was?“

„Mit uns.“

Das Gebäude stand am Rand eines alten Gewerbegebiets.

Vier Stockwerke.

Große Fenster.

Teilweise vernagelt.

Kaum Verkehr.

Daniel saß in einem zivilen Polizeiwagen.

Berg befestigte einen kleinen Sender unter seiner Jacke.

„Sie gehen rein.“

„Das war gerade noch anders.“

„Wir brauchen ihn im Gespräch.“

„Und Mara?“

„Sobald wir sie sehen, greifen wir ein.“

Daniel sah zum Gebäude.

„Wie nah seid ihr?“

„Nah genug.“

„Das beruhigt mich nicht.“

„Soll es auch nicht.“

Daniel öffnete die Tür.

„Herr Falk.“

Er drehte sich noch einmal um.

„Keine Alleingänge.“

„Dafür ist es wohl etwas spät.“

Die Eingangstür stand offen.

Natürlich.

Innen roch es nach Staub und kaltem Beton.

Auf dem Boden klebten schwarze Pfeile.

Daniel folgte ihnen.

Erster Stock.

Zweiter.

Am Ende eines langen Flurs fiel Licht aus einem Raum.

Dahinter wartete kein verlassenes Büro.

Computer.

Monitore.

Server.

Kabel.

Mehrere Arbeitsplätze.

Auf dem größten Bildschirm:

P-017 TRANSITION

FORTSCHRITT: 12 %

„Pünktlich.“

Daniel drehte sich um.

Felix Dorn stand in der Tür eines Nebenraums.

Jeans.

Dunkles Hemd.

Keine sichtbare Waffe.

Fast enttäuschend gewöhnlich.

„Wo ist Mara?“

Felix zeigte auf einen Monitor.

Eine Kameraaufnahme.

Mara saß in einem kleinen Raum.

Die Hände gefesselt.

„Mach sie los.“

„Später.“

Daniel blickte auf den Fortschrittsbalken.

14 %.

„Was läuft da?“

„Das, wovor du seit Wochen davonläufst.“

„Der Übergang.“

Felix lächelte.

„Sehr gut.“

Daniel sah die Datenzeilen über den Bildschirm laufen.

Mobilfunkmigration vorbereitet

Cloud-Zugriff bestätigt

Bonitätsprofil – Synchronisierung

„Stoppe es.“

„Kann ich nicht mehr.“

„Du sitzt davor.“

„Phoenix läuft nicht nur hier.“

Daniel beobachtete Felix.

Er wirkte angespannt.

Nicht wie jemand, der alles unter Kontrolle hatte.

„Warum bin ich hier?“

Felix schwieg.

„Wenn der Prozess sowieso läuft, braucht ihr mich nicht.“

Das Lächeln verschwand.

Daniel wusste, dass er richtig lag.

„Biometrie“, sagte Felix schließlich.

„Was?“

„Aktuelle Stimme. Gesicht. Bewegungsmuster.“

Daniel verstand.

„Deshalb soll ich hier stehen.“

„Du bist die Referenz.“

„Und Nico Brandt mein Ersatz.“

Felix hob leicht die Augenbrauen.

„Du hast wirklich gründlich gelesen.“

„Wo ist er?“

„Noch nicht hier.“

Daniel sah wieder auf den Bildschirm.

21 %.

„Und wenn ich nicht mitmache?“

„Dann arbeiten wir mit dem, was wir haben.“

„Dann wäre ich trotzdem nicht nötig.“

Felix antwortete nicht.

Sein Blick wanderte zur Tür.

Daniel bemerkte es.

Jemand anderes spielte noch mit.

Plötzlich wechselten sämtliche Monitore.

ADMINISTRATOR VERBUNDEN

Felix wurde blass.

Auf dem Hauptbildschirm erschien ein Videofenster.

Rolf Mertens.

Älter als auf dem Foto.

Graues Haar.

Brille.

Ein ruhiger, beinahe freundlicher Gesichtsausdruck.

„Felix.“

„Du solltest nicht online gehen.“

Mertens lächelte.

„Und du solltest mein Projekt nicht verlieren.“

Daniel trat ins Kamerabild.

Mertens betrachtete ihn neugierig.

„P-017.“

„Mein Name ist Daniel Falk.“

„Natürlich.“

„Vierzehn Jahre.“

Mertens nickte.

„Eine lange Beobachtung.“

„Warum ich?“

„Weil Sie geeignet waren.“

„Finanziell?“

„Auch.“

Mertens lehnte sich zurück.

„Aber wichtiger war Ihre Reaktion.“

Daniel runzelte die Stirn.

„Welche Reaktion?“

„Sie dokumentieren. Sie fragen nach. Sie gehen zu Behörden. Sie versuchen, Systeme zu korrigieren.“

„Und das macht mich geeignet?“

„Sehr.“

Daniel verstand nicht.

Mertens lächelte.

„Phoenix war nie nur Betrug.“

Felix trat näher an den Bildschirm.

„Rolf. Schluss jetzt.“

Mertens ignorierte ihn.

„Wir wollten wissen, wie weit man eine Identität verändern kann, bevor ihr Besitzer sie zurückfordert.“

Daniel starrte ihn an.

„Sie haben Menschen als Versuch benutzt.“

„Wir haben Systeme getestet.“

„An Menschen.“

Mertens schwieg.

Die Antwort war klar genug.

Der Fortschritt sprang auf 38 %.

Felix blickte sofort zum Monitor.

„Das ist zu schnell.“

Mertens lächelte.

„Ich habe den Prozess beschleunigt.“

„Warum?“

„Weil P-017 heute endet.“

„Wir haben die Biometrie noch nicht.“

„Nicht mehr nötig.“

Felix setzte sich an die Tastatur.

ZUGRIFF VERWEIGERT

„Rolf.“

Daniel sah zwischen beiden hin und her.

Dann erschien eine neue Meldung.

OPERATOR FD – STATUS: VERBRANNT

Felix bewegte sich nicht.

Daniel dachte an Oliver Kern.

P-015.

Verbrannt.

„Was bedeutet das für dich?“

Felix antwortete nicht.

Mertens übernahm.

„Felix hat seinen Zweck erfüllt.“

Daniel sah zum Bildschirm.

„Sie ersetzen auch ihn.“

„Jeder ist ersetzbar.“

Im Gebäude ertönte ein Alarm.

Felix drehte sich zu einem zweiten Monitor.

„Polizei.“

Daniel sagte nichts.

Felix sah ihn nur kurz an.

Dann griff er unter den Tisch.

Daniel wich zurück.

Doch Felix zog keine Waffe hervor.

Eine externe Festplatte.

„Nimm die.“

Daniel reagierte nicht.

„Da ist alles drauf.“

„Phoenix?“

„Mehr.“

„Warum gibst du sie mir?“

Felix warf einen Blick auf den Bildschirm.

„Weil er gerade anfängt, auch mich zu löschen.“

Mertens lachte leise.

„Immer noch so dramatisch.“

Felix zog das Kabel heraus und drückte Daniel die Festplatte in die Hand.

„Passwort?“

„PHX-Null-Sieben-Rolf.“

Schritte im Flur.

Berg und die Einsatzkräfte.

„Mara?“

Felix zeigte zur gegenüberliegenden Tür.

„Da.“

Daniel rannte.

Die Tür war verschlossen.

„Mara!“

„Daniel?“

Berg kam hinter ihm.

„Zurück.“

Ein Beamter setzte Werkzeug an.

Die Tür sprang auf.

Mara saß auf einem Stuhl.

Erschöpft, aber unverletzt.

Daniel löste ihre Fesseln.

„Kannst du laufen?“

Sie nickte.

„Felix?“

Daniel blickte zurück.

Der Kontrollraum war leer.

Eine zweite Tür stand offen.

Felix war verschwunden.

Dann wurden alle Bildschirme schwarz.

Nur eine Anzeige blieb.

P-017 TRANSITION – 72 %

Daniel ging sofort zum Rechner.

„Stoppt das.“

Ein IT-Spezialist setzte sich davor.

73 %.

74 %.

Daniel nahm sein Handy heraus.

SIM-Karte nicht registriert.

Er öffnete die Banking-App.

Zugangsdaten ungültig.

E-Mail.

Passwort falsch.

Cloud.

Konto nicht gefunden.

Daniel hob den Blick.

„Es passiert.“

Mara kam zu ihm.

„Was?“

„Sie sperren mich aus.“

77 %.

Der Techniker arbeitete hektisch.

„Der Prozess läuft über mehrere externe Systeme.“

Daniel sah auf den Balken.

„Dann muss es irgendwo einen Endpunkt geben.“

Berg blickte zu ihm.

„Was meinen Sie?“

„Nico.“

„Der Ersatz?“

„Wenn der Übergang abgeschlossen werden soll, muss er irgendwo aktiviert werden.“

Mara wurde plötzlich still.

Daniel sah sie an.

„Du weißt etwas.“

Sie schüttelte zunächst den Kopf.

Dann hielt sie inne.

„Felix hat einmal gesagt, Phoenix endet immer dort, wo ein Projekt begonnen hat.“

Daniel verstand sofort.

„DataNova.“

Das alte Gebäude in Pankow existierte noch.

Teilweise leer.

Teilweise vermietet.

Während Berg die Adresse prüfen ließ, stieg der Fortschritt weiter.

84 %.

90 %.

92 %.

Daniel verfolgte alles auf einem Tablet.

„Was passiert bei hundert?“

Niemand antwortete.

Daniel sah Berg an.

„Sagen Sie nicht wieder, dass Sie es nicht wissen.“

Berg blieb ernst.

„Dann sage ich gar nichts.“

Daniel hätte beinahe gelacht.

Als sie Pankow erreichten, brannte nur im zweiten Stock Licht.

Die Polizei umstellte das Gebäude.

Über einer Tür hing noch das alte Schild.

DATANOVA

Daniel blieb kurz davor stehen.

Hier hatte alles begonnen.

Vierzehn Jahre zuvor.

Ein kaputter Familiencomputer.

Ein Backup.

Ein paar Dateien.

Mehr hatte es damals nicht gebraucht.

Im ehemaligen Büro stand ein Tisch.

Ein Computer.

Eine Kamera.

Und ein Mann.

Nico Brandt.

Oder wie auch immer er tatsächlich hieß.

Er saß vor Dokumenten mit Daniels Namen.

Als Daniel eintrat, stand er auf.

Beide sahen einander an.

Nico ähnelte ihm nicht genug, um jemanden auf der Straße zu täuschen.

Aber das war offenbar nie notwendig gewesen.

„Du sollst ich sein“, sagte Daniel.

Nico wich seinem Blick aus.

„Nur auf dem Papier.“

„Warum?“

„Fünfzigtausend.“

Daniel nickte langsam.

„Für ein paar Unterschriften.“

Nico sah überrascht auf.

„Woher weißt du das?“

„Weil ich inzwischen weiß, wie Phoenix arbeitet.“

Auf dem Monitor:

98 %.

Daniel zeigte darauf.

„Und was haben sie dir für danach versprochen?“

„Eine neue Identität.“

„Genau.“

Daniel legte die Festplatte auf den Tisch.

„Du bist nicht mein Ersatz.“

Nico runzelte die Stirn.

„Was dann?“

„Das nächste Original.“

Nicos Gesicht veränderte sich.

99 %.

Die Kamera schaltete sich ein.

BIOMETRISCHE BESTÄTIGUNG AUSSTEHEND

Daniel deutete darauf.

„Steh weg.“

Nico zögerte.

Dann trat er zur Seite.

Die Kamera versuchte, sein Gesicht zu erfassen.

Daniel riss das Kabel heraus.

Akku.

Das Gerät lief weiter.

Nico griff danach und warf es auf den Boden.

Das Gehäuse zerbrach.

BIOMETRISCHE BESTÄTIGUNG FEHLGESCHLAGEN

Der Balken blieb stehen.

MANUELLE ADMIN-FREIGABE ERFORDERLICH

Daniel atmete aus.

„Das war’s.“

Berg schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

Auf dem Bildschirm erschien erneut Rolf Mertens.

In seiner Hand hielt er ein kleines Gerät.

„Beeindruckend, Herr Falk.“

„Vorbei.“

„Noch nicht.“

Mertens drückte eine Taste.

ÜBERGANG WIRD ABGESCHLOSSEN

99,4 %.

99,6 %.

99,8 %.

Daniel hielt den Atem an.

Dann:

FEHLER

IDENTITÄTSKONFLIKT

Mertens‘ Gesicht verlor jede Ruhe.

Daniel sah zu Nico.

Zwei aktive Datensätze.

Das System konnte seine eigene Lüge nicht mehr eindeutig auflösen.

99,8 %.

Stillstand.

Dann:

ÜBERGANG ABGEBROCHEN

P-017 STATUS: VERBRANNT

Daniel las das Wort.

Verbrannt.

Diesmal bedeutete es nicht, dass er verloren hatte.

Phoenix konnte P-017 nicht mehr verwenden.

Mertens schrie etwas.

Die Verbindung brach ab.

Wenig später kam die Meldung.

Rolf Mertens war in Brandenburg festgenommen worden.

Felix Dorn blieb verschwunden.

Daniel setzte sich auf einen alten Bürostuhl.

Zum ersten Mal seit Wochen hörte er nichts.

Kein Klingeln.

Keine Nachricht.

Kein Countdown.

Mara kam in den Raum.

Sie sah auf den schwarzen Bildschirm.

„Ist es vorbei?“

Daniel blickte zu Berg.

„Der Übergang ist gestoppt“, sagte er.

„Und Phoenix?“

Berg antwortete vorsichtig:

„Das werden wir erst wissen, wenn wir alles ausgewertet haben.“

Daniel nickte.

Dann sah er auf die Dokumente vor Nico.

Ganz oben stand:

DANIEL FALK

Er nahm das Blatt.

Kein Zittern.

Keine Angst.

Nur sein Name.

„Der gehört mir.“

Mara sah ihn an.

Daniel legte das Dokument zurück auf den Tisch.

„Und diesmal bleibt das auch so.“

Kapitel 11 – Mein Name gehört mir

Drei Wochen später saß Daniel wieder in seiner eigenen Küche.

Zum ersten Mal fühlte sich die Wohnung wieder wie seine an.

Die Schubladen waren geschlossen.

Die Tür zum kleinen Außenaustritt an der Küche hatte ein neues Schloss bekommen.

Die Kamera seines Laptops war abgeklebt.

Und vor seiner Wohnungstür lag kein fremder Umschlag.

Nur auf dem Küchentisch stapelten sich noch immer Briefe.

Banken.

Mobilfunkanbieter.

Inkassounternehmen.

Bonitätsregister.

Daniel nahm den obersten.

Wiederherstellung Ihrer Kontozugänge erfolgreich abgeschlossen.

Er las den Satz ein zweites Mal und legte das Schreiben anschließend sorgfältig in einen Ordner.

Früher hätte er einen solchen Brief kaum beachtet.

Heute bedeutete er ein Stück Normalität.

Seine Kreditkarte funktionierte wieder.

Der falsche NovaTel-Vertrag war gesperrt.

Telvora hatte den zweiten Anschluss endgültig storniert.

Mehrere Inkassounternehmen bestätigten schriftlich, dass die Forderungen nicht weiter gegen Daniel verfolgt würden.

Bei den Bonitätsdaten dauerte die Bereinigung länger.

Aber zum ersten Mal seit Wochen bewegte sich alles in die richtige Richtung.

Telvora hatte sich entschuldigt.

Drei Seiten.

Viele höfliche Formulierungen.

Man bedauere den Vorfall.

Interne Abläufe würden überprüft.

Die ungewöhnlichen Vertragsvorgänge seien inzwischen nachvollzogen worden.

Daniel hatte das Schreiben gelesen und abgeheftet.

Nicht weil die Entschuldigung ihm besonders viel bedeutete.

Sondern weil er inzwischen jedes Dokument aufbewahrte.

Verträge.

E-Mails.

Aktenzeichen.

Screenshots.

Bestätigungen.

Eine Gewohnheit, die vermutlich noch lange bleiben würde.

Mara saß ihm gegenüber.

Seit dem Krankenhaus hatten sie sich nur wenige Male gesehen.

Heute war sie von sich aus gekommen.

Zwischen ihnen stand Kaffee.

Daneben eine dicke Mappe.

Ihr Anwalt hatte ihr geraten, mit den Ermittlern vollständig zusammenzuarbeiten.

Mara tat es.

Namen.

Adressen.

Konten.

Treffpunkte.

Menschen, die sie für Felix kennengelernt hatte.

Alles, woran sie sich erinnern konnte.

Auch ihre eigene Rolle verschwieg sie nicht mehr.

„Weißt du schon, was auf dich zukommt?“, fragte Daniel.

Mara schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

„Hast du Angst?“

Sie dachte kurz darüber nach.

„Ja.“

„Vor dem Verfahren?“

„Auch.“

Daniel wusste, was sie eigentlich meinte.

„Vor Felix.“

Mara sah in ihre Tasse.

„Manchmal denke ich, ich sehe ihn irgendwo.“

Daniel verstand das Gefühl nur zu gut.

„Und dann?“

„Dann ist es irgendein anderer Mann.“

Sie lächelte kurz.

„Bis jetzt jedenfalls.“

Felix Dorn war weiterhin verschwunden.

Sein Auto hatte die Polizei zwei Tage nach dem Einsatz in Tempelhof in einem Parkhaus gefunden.

Mehr nicht.

Keine verwertbaren Fingerabdrücke.

Keine aktuelle Telefonnummer.

Kein bekanntes Konto, über das er sich verfolgen ließ.

Seine früheren Wohnungen waren leer.

Kontakte behaupteten, seit Monaten nichts von ihm gehört zu haben.

Felix hatte offenbar jahrelang dafür gesorgt, dass andere Menschen digital sichtbar wurden.

Sich selbst hatte er fast vollständig unsichtbar gemacht.

Rolf Mertens dagegen saß in Untersuchungshaft.

Die Daten aus dem Lagerhaus, dem Büro in Tempelhof und der Festplatte, die Felix Daniel gegeben hatte, ermöglichten den Ermittlern erstmals einen umfassenden Blick auf Phoenix.

Hunderte Namen.

Gestohlene Dokumente.

Zugangsdaten.

Vertragsinformationen.

Beobachtungsakten.

Einige Betroffene wussten längst, dass ihre Identität missbraucht worden war.

Andere erfuhren erst durch die Ermittlungen davon.

Daniel war nur einer von vielen gewesen.

Nico Brandt hieß in Wirklichkeit Sebastian Reuter.

Auch sein Name war Teil der Inszenierung gewesen.

Er hatte hohe Schulden und war von Phoenix mit fünfzigtausend Euro und einer neuen Identität gelockt worden.

Dafür sollte er für einige Stunden Daniel Falk sein.

Unterschriften leisten.

Vor einer Kamera sitzen.

Digitale Bestätigungen durchführen.

Danach, so hatte man ihm versprochen, würde er verschwinden können.

Mit neuem Namen.

Neuen Dokumenten.

Neuem Leben.

Daniel hatte ihn seit der Nacht bei DataNova nicht mehr gesehen.

Berg hatte lediglich gesagt, Sebastian Reuter kooperiere mit den Ermittlern.

Das genügte Daniel.

Er sah zu Mara.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Sie wartete.

„Ich weiß nicht, ob ich dir vergeben kann.“

Mara senkte den Blick.

„Das verstehe ich.“

„Vielleicht irgendwann.“

„Du musst nicht.“

Daniel lehnte sich zurück.

„Aber ich will auch nicht für immer wütend auf dich sein.“

Mara sah ihn an.

Zum ersten Mal wirkte sie nicht angespannt.

Nur traurig.

„Mehr erwarte ich nicht.“

Daniel nickte.

Es war keine Versöhnung.

Noch nicht.

Aber vielleicht ein Anfang.

Am Abend stand Daniel am Fenster.

Berlin lag vor ihm.

Straßenlaternen.

Autos.

Erleuchtete Wohnungen.

Tausende Menschen, die nach Hause kamen, telefonierten, Rechnungen bezahlten oder Nachrichten lasen.

Früher hatte Daniel nie darüber nachgedacht, wie selbstverständlich eine Identität funktionierte.

Man nannte seinen Namen.

Gab ein Geburtsdatum an.

Zeigte einen Ausweis.

Loggte sich in ein Konto ein.

Und irgendwo bestätigte ein System:

Ja, diese Person existiert.

Phoenix hatte ihm gezeigt, wie schnell dieses Vertrauen erschüttert werden konnte.

Aber auch, wo seine Grenzen lagen.

Daniel war nicht Daniel Falk, weil eine Datenbank es sagte.

Kein Vertrag machte ihn zu diesem Menschen.

Keine Telefonnummer.

Kein Bonitätseintrag.

Und auch kein falscher Daniel konnte einfach all die Erinnerungen, Beziehungen und Erfahrungen übernehmen, aus denen sein Leben bestand.

Vielleicht war genau das der Fehler von Phoenix gewesen.

Das Netzwerk hatte Identität immer nur als Daten betrachtet.

Vier Monate später saß Daniel wieder im Büro von Jonas Berg.

„Sie wollten mich sprechen.“

Berg deutete auf den Stuhl.

„Nur kurz.“

Daniel setzte sich.

„Felix?“

„Nein.“

Die Antwort überraschte ihn nicht mehr.

Berg nahm einen Umschlag aus seiner Schreibtischschublade.

„Wir haben auf einem alten Server noch eine Phoenix-Datenbank gefunden.“

Daniel spürte sofort wieder diese alte Anspannung.

„Noch mehr Opfer?“

„Unter anderem.“

Berg legte mehrere Ausdrucke vor ihn.

Daniel überflog die Liste.

P-006.

P-011.

P-015.

Dann:

P-017 – Daniel Falk

Status:

VERBRANNT

Daniel blieb an dem Wort hängen.

Diesmal machte es ihm keine Angst.

„Also kann Phoenix meine Identität nicht mehr verwenden.“

„Zumindest nicht über dieses System.“

Daniel schob das Blatt zurück.

„Dann ist es vorbei.“

Berg antwortete nicht.

Daniel kannte diesen Blick inzwischen.

„Was?“

Berg legte ein weiteres Blatt vor ihn.

P-021

Daniel runzelte die Stirn.

Auf der älteren Datenbank hatte dort noch gestanden:

VORBEREITUNG

In der neueren Version gab es inzwischen einen Namen.

Eine Frau.

Berlin.

Status:

AKTIV

Daniel hob den Blick.

„Wann wurde das geändert?“

Berg antwortete:

„Vor elf Tagen.“

Daniel brauchte einen Moment.

„Mertens sitzt seit Monaten.“

„Ja.“

„Und Felix ist verschwunden.“

„Ja.“

Daniel sah wieder auf den Namen.

„Dann arbeitet noch jemand weiter.“

Berg sagte nichts.

Es war keine Bestätigung nötig.

Daniel nahm das Blatt noch einmal.

Eine fremde Frau.

Vielleicht saß sie gerade irgendwo in Berlin.

Trank Kaffee.

Ging zur Arbeit.

Bezahlte ihre Rechnungen.

Und hatte keine Ahnung, dass irgendwo eine Datei mit ihrem Namen existierte.

Daniel legte die Seite zurück.

„Weiß sie davon?“

„Noch nicht.“

„Dann sagen Sie es ihr.“

Berg nickte.

Daniel stand auf.

An der Tür blieb er kurz stehen.

„Herr Berg.“

„Ja?“

Daniel hatte ursprünglich fragen wollen, ob Berg ihn sofort informieren würde, sobald Felix gefunden wurde.

Doch er änderte seine Meinung.

Felix hatte bereits genug Platz in seinem Leben bekommen.

„Nichts.“

Er öffnete die Tür.

„Ich habe andere Dinge vor.“

Draußen war es kalt.

Daniel zog seine Jacke enger und ging die Straße entlang.

Nach einigen Metern vibrierte sein Handy.

Sofort kehrte für einen kurzen Moment das alte Gefühl zurück.

Unbekannte Nummer.

Drohung.

Eine neue Forderung.

Vielleicht nur wenige Wörter, die alles wieder von vorne beginnen ließen.

Daniel nahm das Telefon heraus.

Eine Nachricht seiner Bank.

Ihre persönlichen Daten wurden erfolgreich aktualisiert.

Er musste lächeln.

Dann steckte er das Handy zurück in die Tasche.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mann an einer Bushaltestelle.

Dunkle Jacke.

Kappe.

Für einen Moment schien er Daniel anzusehen.

Dann fuhr ein Bus dazwischen.

Menschen stiegen ein und aus.

Als der Bus weiterfuhr, war der Mann verschwunden.

Daniel blieb nicht stehen.

Vielleicht war es Felix gewesen.

Vielleicht irgendein Fremder.

Berlin war voller Menschen, die man nur für Sekunden sah und danach nie wieder.

Daniel wollte nicht mehr jedes unbekannte Gesicht zu einem Teil von Phoenix machen.

Er ging weiter.

Sein Name war Daniel Falk.

Nicht P-017.

Nicht „das Original“.

Nicht irgendein Datensatz.

Daniel Falk.

Phoenix hatte versucht, ihm seinen Namen zu nehmen.

Es war gescheitert.

Und diesmal blickte Daniel nicht zurück.

ENDE

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