Kapitel 1 – Die Pakete

Berlin, 8. Februar 2001.
Es war ein kalter Donnerstag, einer dieser grauen Februartage, an denen selbst am frühen Nachmittag das Gefühl aufkam, der Abend würde bereits beginnen.
In einem kleinen Kiosk in Prenzlauer Berg stand Ralf Neumann hinter dem Tresen und sortierte Zeitungen. Neben dem Eingang stapelten sich Getränkekisten, auf einem Regal lagen Zigarettenschachteln, Zeitschriften und Süßigkeiten. Eigentlich war es ein Tag wie viele andere.
Doch seit einigen Wochen gab es etwas, das Ralf zunehmend beschäftigte.
Pakete.
Erst waren es zwei gewesen.
Dann fünf.
Dann beinahe jeden zweiten Tag eines.
Immer waren sie für denselben Mann bestimmt: Tobias Falkenberg.
Manchmal stand auf den Sendungen allerdings ein anderer Name. Mal hieß der Empfänger Thomas Berg, mal Tobias Feldmann, ein anderes Mal Markus Falk. Trotzdem erschien stets derselbe Mann und fragte nach den Paketen.
Ralf hatte sich zunächst nichts dabei gedacht. Schließlich ließen sich viele seiner Stammkunden ihre Bestellungen an den Kiosk schicken, weil sie tagsüber arbeiteten.
Doch irgendwann begann er, genauer hinzusehen.
Auf den Kartons standen die Namen verschiedener Versandhäuser. Elektronik. Kleidung. Haushaltsgeräte.
Einmal hatte Tobias beim Abholen eines Pakets beiläufig erwähnt, er sei gerade umgezogen.
Eine Woche später behauptete er, seine Klingel sei kaputt.
Wieder einige Tage später erklärte er, bei ihm würden ständig Pakete gestohlen.
Zu viele Geschichten.
Zu viele verschiedene Namen.
Ralf hatte schließlich bei der Polizei angerufen.
Danach hatte er versucht, sich nichts anmerken zu lassen.
Am Morgen des 8. Februar standen zwei unscheinbare Fahrzeuge auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
In ihnen saßen Polizeibeamte in Zivil.
Sie warteten.
Kapitel 2 – 14:28 Uhr

Tobias Falkenberg erschien kurz vor halb drei.
Er trug eine dunkle Winterjacke und hatte die Hände tief in den Taschen vergraben. Als er den Kiosk erreichte, warf er nur einen kurzen Blick durch das Schaufenster.
Ralf bemerkte ihn sofort.
Sein Herz schlug schneller.
Er wusste, dass draußen mehrere Beamte warteten.
Tobias betrat den Kiosk.
„Ist was für mich gekommen?“
Ralf nickte.
„Hinten.“
Mehr sagte er nicht.
Tobias griff gerade nach seiner Geldbörse, als sich die Tür hinter ihm öffnete.
Zwei Männer kamen herein.
Ein weiterer blieb draußen.
„Herr Falkenberg?“
Tobias drehte sich um.
Für einen kurzen Moment sagte niemand etwas.
Dann griff einer der Männer in seine Jacke und zeigte seinen Dienstausweis.
„Polizei. Wir möchten mit Ihnen sprechen.“
Tobias‘ Gesicht veränderte sich.
Es war nur eine winzige Reaktion. Ein kurzes Erstarren.
Dann sah er zum Ausgang.
Der Weg war bereits versperrt.
Wenige Minuten später stand er draußen zwischen zwei Beamten.
Die Handschellen klickten.
14:28 Uhr.
Ralf beobachtete alles durch die Scheibe.
Er hatte sich diesen Augenblick oft vorgestellt, seit er die Polizei verständigt hatte. Trotzdem fühlte er keine Genugtuung.
Nur Erleichterung.
Und ein unangenehmes Gefühl im Magen.
Er wusste nicht, dass die Festnahme nur der Anfang war.
Kapitel 3 – Der Schlüssel

Etwa zur selben Zeit befand sich Tobias‘ jüngerer Bruder Simon Falkenberg in der Wohnung seiner Mutter.
Simon war neunzehn Jahre alt und lebte noch zu Hause. Die Familie wohnte seit vielen Jahren in einer Mietwohnung im Berliner Osten.
Tobias lebte eigentlich nicht mehr dort.
Zumindest offiziell.
In den vergangenen Wochen hatte er allerdings immer wieder bei seiner Mutter übernachtet.
Niemand wusste genau, weshalb.
Sein Verhältnis zum Vater Joachim Falkenberg war schwierig. Die Eltern lebten schon länger getrennt. Tobias tauchte auf, verschwand wieder und erzählte ständig neue Geschichten darüber, warum er gerade kein Geld hatte oder weshalb irgendwelche Rechnungen noch nicht bezahlt worden waren.
Seine Mutter Helga Falkenberg stellte irgendwann keine Fragen mehr.
An diesem Nachmittag schlief sie im Schlafzimmer.
Simon saß in seinem Zimmer, als er plötzlich Geräusche an der Wohnungstür hörte.
Metall schabte leise im Schloss.
Plötzlich klopfte jemand von draußen an die Wohnungstür.
Kurz darauf hörte Simon erneut, wie jemand draußen am Schloss hantierte und versuchte, den Schlüssel zu drehen
Simon ging in den Flur.
Er blieb stehen.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Noch immer versuchte jemand von außen, mit dem Schlüssel im Schloss die Wohnungstür zu öffnen.
Simon ging zum Schlafzimmer.
„Mama.“
Helga reagierte nicht.
„Mama, wach auf.“
Sie öffnete verschlafen die Augen.
„Was ist denn?“
„Da versucht jemand, in die Wohnung zu kommen.“
Jetzt war sie wach.
Beide gingen in den Flur.
Der eigentliche Wohnungsschlüssel steckte von innen im Schloss. Deshalb ließ sich die Tür mit dem Schlüssel von außen nicht öffnen.
Wieder klopfte es.
Diesmal laut.
„Kriminalpolizei! Bitte öffnen Sie die Tür!“
Helga und Simon sahen sich an.
„Kriminalpolizei?“, fragte sie leise.
Simon zuckte mit den Schultern.
Helga öffnete.
Vor der Tür standen mehrere Personen in Zivilkleidung.
Vier Männer und eine Frau.
Einer von ihnen hielt einen Schlüsselbund in der Hand.
Helga erkannte ihn sofort.
„Das sind meine Schlüssel.“
Der Beamte sah auf den Schlüsselbund.
„Die hatte Ihr Sohn bei sich.“
Helga schüttelte den Kopf.
„Tobias hat keinen Schlüssel zu dieser Wohnung.“
Der Beamte antwortete nicht.
Er erklärte lediglich, dass Tobias Falkenberg am Nachmittag festgenommen worden sei.
Es bestehe der Verdacht, dass er über längere Zeit Waren unter falschen Namen bestellt und nicht bezahlt habe.
Helga wurde blass.
Simon stand schweigend neben ihr.
Plötzlich verstand er, warum sein Bruder in den vergangenen Monaten ständig Pakete erhalten hatte.
Kapitel 4 – Die Wohnung

Die Beamten betraten die Wohnung.
Für Simon fühlte sich der vertraute Flur plötzlich fremd an.
Schranktüren wurden geöffnet.
Schubladen durchsucht.
Unterlagen geprüft.
Auch sein eigenes Zimmer blieb nicht verschont.
„Was suchen Sie überhaupt?“, fragte er.
Niemand antwortete ihm richtig.
Im Wohnzimmer wurden die Beamten schließlich fündig.
Auf einem kleinen Tisch lagen mehrere Rechnungen und Bestellunterlagen.
Helga kannte einige davon nicht.
Andere schon.
Tobias hatte immer behauptet, er kümmere sich darum.
Auf dem Regal stand außerdem ein neues Schnurlostelefon, das Tobias seiner Mutter einige Wochen zuvor geschenkt hatte.
Daneben befand sich ein Gerät, das den ISDN-Anschluss der Familie mit älteren analogen Telefonen verband.
„Woher stammen die Geräte?“, fragte einer der Beamten.
Helga sah ihn irritiert an.
„Von meinem Sohn.“
„Haben Sie Rechnungen dafür?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Es waren Geschenke.“
Der Beamte wechselte einen Blick mit seiner Kollegin.
Kurz darauf wurde ein Mitarbeiter des Telekommunikationsunternehmens VersoPhone verständigt.
Als der Mann später die Wohnung verließ, nahm er beide Geräte mit.
Helga stand im Wohnzimmer und starrte auf die leere Stelle im Regal.
Sie begriff noch immer nicht, was gerade geschah.
Dann stellte ihr einer der Polizisten Fragen über Tobias.
Wo er gewohnt habe.
Welche Telefonnummern er verwendet habe.
Woher die Pakete gekommen seien.
Ob sie gewusst habe, dass Waren nicht bezahlt worden waren.
Helga verneinte immer wieder.
Irgendwann wurde der Ton schärfer.
„Frau Falkenberg, Sie sollten uns schon sagen, was Sie wissen.“
„Ich weiß nichts.“
„Dann müssen wir das möglicherweise auf dem Revier klären.“
Simon sah seine Mutter an.
„Sie hat doch gesagt, dass sie nichts weiß.“
Einer der Beamten drehte sich zu ihm.
„Halten Sie sich da bitte raus.“
Simon schwieg.
Doch er vergaß diesen Satz nie.
Kapitel 5 – Die dritte Nummer

In den folgenden Tagen stellte sich heraus, dass Tobias nicht nur die Wohnung seiner Mutter als vorübergehenden Aufenthaltsort benutzt hatte.
Der ISDN-Anschluss der Familie verfügte über mehrere Telefonnummern.
Eine davon hatte Tobias für seine Bestellungen verwendet.
Ohne Helgas Wissen.
Die Nummer tauchte auf Bestellformularen und als Rückrufnummer bei verschiedenen Versandhäusern auf.
Das Problem war, dass dieselbe Nummer auch auf einer privaten Internetseite der Familie angegeben war.
Für die Ermittler entstand dadurch zunächst der Verdacht, Helga könnte von Tobias‘ Geschäften gewusst haben.
Plötzlich musste sie sich selbst erklären.
Sie, die ihren Sohn immer wieder unterstützt hatte.
Sie, die geglaubt hatte, seine finanziellen Schwierigkeiten seien nur eine vorübergehende Phase.
Simon erinnerte sich an den Abend, an dem seine Mutter am Küchentisch saß und den Brief immer wieder las.
„Die glauben wirklich, ich hätte ihm geholfen.“
Ihre Stimme zitterte.
Simon setzte sich ihr gegenüber.
„Das klärt sich doch auf.“
Helga legte das Schreiben auf den Tisch.
„Und wenn nicht?“
Darauf wusste er keine Antwort.
Er war neunzehn.
Bis vor wenigen Tagen hatte sein größtes Problem darin bestanden, genügend Geld für das Wochenende zu haben.
Jetzt kamen Briefe von Behörden.
Polizisten hatten sein Zimmer durchsucht.
Sein Bruder saß wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft.
Und seine Mutter musste erklären, warum ihre Telefonnummer auf Bestellungen auftauchte, von denen sie nichts wusste.
Doch zumindest dieser Verdacht ließ sich schließlich entkräften.
Die beschlagnahmten Unterlagen und die weiteren Ermittlungen zeigten, dass Tobias allein gehandelt hatte.
Helga hatte von den Bestellungen nichts gewusst.
Damit hätte die Sache für sie eigentlich beendet sein müssen.
Doch dann kam die Telefonrechnung.
Kapitel 6 – 1.600 Mark

Helga öffnete den Umschlag in der Küche.
Simon stand gerade am Kühlschrank.
„Was ist?“
Seine Mutter antwortete nicht.
Sie hielt nur das Papier in der Hand.
„Mama?“
Dann schob sie ihm die Rechnung hin.
Simon sah auf die Summe.
Mehr als 1.600 Mark.
„Das kann doch nicht stimmen.“
Doch die Rechnung stimmte.
Damals gab es noch keine selbstverständlichen Flatrates für jeden Anschluss. Gespräche wurden minutengenau abgerechnet.
Tobias hatte die Telefonnummer seiner Mutter nicht nur für Bestellungen verwendet.
Er hatte außerdem eine Rufumleitung eingerichtet.
Anrufe wurden auf sein Mobiltelefon weitergeleitet.
Jede Weiterleitung verursachte neue Kosten.
Minute für Minute.
Tag für Tag.
Helga hatte davon nichts bemerkt.
Bis die Rechnung kam.
Sie versuchte, mit dem Telefonanbieter zu sprechen.
Sie erklärte die Situation.
Die Festnahme.
Die Ermittlungen.
Die Durchsuchung.
Doch die Gespräche änderten zunächst nichts.
Der Anschluss lief auf ihren Namen.
Damit war auch die Rechnung ihre Rechnung.
Weitere Schreiben folgten.
Dann Mahnungen.
Schließlich meldete sich ein Inkassounternehmen.
Als der Brief mit der angekündigten Pfändung kam, saß Helga wieder an demselben Küchentisch.
Simon fand sie dort am Abend.
„Was machen wir jetzt?“
Sie sah ihn an.
„Ich weiß es nicht.“
Zum ersten Mal wirkte seine Mutter auf ihn alt.
Nicht krank.
Nicht schwach.
Nur erschöpft.
Simon nahm den Brief.
„Dann bezahlen wir das.“
Helga schüttelte den Kopf.
„Wovon denn?“
„Zusammen.“
„Simon, das ist nicht deine Rechnung.“
„Deine auch nicht.“
Sie sah ihn lange an.
Schließlich vereinbarten sie eine Ratenzahlung.
Jeden Monat ging ein Teil von Helgas Geld dafür drauf.
Und jeden Monat gab auch Simon etwas dazu.
Nicht weil er musste.
Sondern weil er seine Mutter nicht damit alleinlassen wollte.
Kapitel 7 – Danach
Der Fall Tobias Falkenberg beschäftigte die Familie noch lange.
Mehrere Versandhäuser machten Forderungen geltend. Ermittler rekonstruierten Bestellungen, Lieferadressen und falsche Namen.
Tobias hatte offenbar lange geglaubt, sein System könne funktionieren.
Bestellen.
Andere Namen benutzen.
Pakete an einem neutralen Ort abholen.
Telefonnummern verwenden, die nicht direkt zu ihm führten.
Eine Zeit lang hatte es funktioniert.
Bis einem Kioskbesitzer die vielen Pakete aufgefallen waren.
Für Außenstehende war es ein Betrugsfall.
Für Helga und Simon bedeutete dieser 8. Februar jedoch etwas anderes.
Es war der Tag, an dem jemand an ihrer Wohnungstür gestanden hatte und versucht hatte, mit einem Schlüssel hereinzukommen.
Der Tag, an dem fremde Menschen ihre Schränke geöffnet hatten.
Der Tag, an dem sie erfuhren, dass Tobias ihnen weit mehr verschwiegen hatte als ein paar unbezahlte Rechnungen.
Viele Jahre später erinnerte sich Simon vor allem an einen Moment.
Nicht an die Polizei.
Nicht an die beschlagnahmten Sachen.
Nicht einmal an die hohe Telefonrechnung.
Er erinnerte sich an seine Mutter am Küchentisch.
An die Briefe vor ihr.
An ihren Blick.
Damals hatte er zum ersten Mal verstanden, dass die Folgen einer Straftat nicht immer nur denjenigen treffen, der sie begeht.
Manchmal zahlen andere den Preis.
Menschen, die nichts bestellt haben.
Menschen, die nichts wussten.
Menschen, deren einziger Fehler darin bestand, jemandem zu vertrauen.
Und manchmal lässt sich eine Rechnung irgendwann vollständig begleichen.
Das, was innerhalb einer Familie zerbrochen ist, dagegen nicht immer.
