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Als Anna das Knacken hörte, blieb sie stehen.
Die Treppe lag im Halbdunkel, nur der schmale Lichtkegel ihrer Taschenlampe schnitt durch den Staub der Luft. Das Geräusch kam aus der Küche. Ein leises, tastendes Schaben. So, als würde dort etwas warten.

Sie öffnete die Tür langsam.
Der Lichtstrahl glitt über Arbeitsfläche, Fliesen, Schranktüren – und blieb hängen.

Die unterste Schranktür stand offen.

Im Inneren kauerte eine Gestalt, kaum größer als ein Kind. Graue, dünne Haut spannte sich über schmale Schultern, die Augen waren schwarz und spiegelten das Licht wie stilles Wasser. Das Wesen hob den Kopf, nicht aggressiv, eher erschrocken. Seine langen Finger umklammerten die Schrankkante.

Anna wollte schreien.
Stattdessen flüsterte sie: „Was bist du?“

Das Wesen blinzelte. Dann kam eine Stimme in ihrem Kopf. Leise. Zögerlich.
Verloren.

Stunden später saßen sie sich am Küchentisch gegenüber. Zwischen ihnen stand eine leere Schale, als hätte sie vergessen, wofür sie gedacht war. Anna hatte Fragen. Zu viele. Woher? Warum hier? Warum ausgerechnet sie?

Sie hören uns nicht, erklärte das Wesen. Aber du schon.

Am nächsten Morgen fuhren sie los.
Der Camper rollte über die Autobahn, während das Wesen auf dem Beifahrersitz saß und aus dem Fenster sah, als würde es alles zum ersten Mal erleben. Wälder. Schilder. Himmel. Anna sagte kaum ein Wort. Sie wusste nur eines: Es gab kein Zurück mehr.

Die Halle lag außerhalb der Stadt, ein verlassener Ort aus Beton und Rost. Als Anna die Tür öffnete, vibrierte die Luft. In der Mitte der Halle schwebte ein scheibenförmiges Objekt, umgeben von kaltem, blauem Licht. Nebel kroch über den Boden. Das Wesen trat neben sie.

Hierher gehöre ich nicht mehr, sagte es. Aber sie kommen, um mich zu holen.

Im Inneren des Schiffes war es still. Unwirklich. Sterne flimmerten hinter transparenten Flächen, als wäre der Raum größer als das Universum selbst. Anna spürte Angst. Und Trauer. Beides zugleich.

„Musst du gehen?“, fragte sie.

Das Wesen sah sie an. Zum ersten Mal wirkten seine Augen warm.
Du hast mich gesehen. Das reicht.

Draußen färbte sich der Himmel violett. Das Schiff erhob sich lautlos. Anna stand allein auf dem leeren Gelände und hob die Hand. Das Licht verschwand zwischen den Wolken, als wäre es nie da gewesen.

Doch in ihrem Kopf blieb eine leise Stimme.
Und das sichere Gefühl, dass die Welt größer war, als sie je geglaubt hatte.

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