0 Comments

Teilen:

Kapitel 1 – Zwischen Cottbusser Platz und Kaulsdorf-Nord

Der Regen hatte am frühen Morgen eingesetzt und seitdem nicht mehr aufgehört. Er lief in schmalen Bahnen über die Fenster der U5, während der Zug durch den Berliner Osten in Richtung Hauptbahnhof fuhr.

Im letzten Wagen saßen nur wenige Fahrgäste. Niemand sprach. Das gleichmäßige Rattern der Räder und das gelegentliche Quietschen in den Kurven füllten die Stille.

Kurz nachdem der Zug den U-Bahnhof Cottbusser Platz verlassen hatte, hörte eine ältere Frau ein dumpfes Geräusch hinter sich. Sie drehte sich um, sah jedoch nur einen Mann in dunkler Kleidung, der im Mittelgang stand. Neben ihm befand sich eine zweite Person mit hochgezogener Kapuze.

Die Frau wandte sich wieder dem Fenster zu als sie gerade den nächsten U-Bahnhof Kienberg hielten. 

Als die Bahn wenig später Kaulsdorf-Nord erreichte, lag der dunkel gekleidete Mann reglos auf dem Boden. Die Person mit der Kapuze war verschwunden.

Der Fahrer ließ den Wagen räumen und verständigte Polizei und Rettungsdienst. Doch für den Mann kam jede Hilfe zu spät.

Neben dem Toten lag eine schwarze Ledertasche. Der Reißverschluss war geöffnet, der Inhalt teilweise auf dem Boden verteilt. Seine Geldbörse befand sich noch darin. Bargeld und Bankkarten fehlten nicht.

Was immer der Täter gesucht hatte, es war wertvoller als Geld.

Kapitel 2 – Die ersten Spuren

Kommissarin Katja Dresen kniete neben der Ledertasche und zog sich blaue Untersuchungshandschuhe über. Ihr Kollege Bernd Reichenberger hockte ihr gegenüber und betrachtete den Tatort.

Der Tote war auf den Bauch gefallen. Unter seinem Oberkörper hatte sich eine kleine Blutlache gebildet. Der Stich war gezielt gesetzt worden. Kein wilder Angriff, keine zufällige Auseinandersetzung.

„Der Täter wusste, was er tat“, sagte Bernd.

Katja hob ein kleines Stück grauen Materials mit einer Pinzette vom Mantel des Opfers.

„Metallstaub“, stellte sie fest. „Und hier sind dunkle Fasern. Die stammen nicht aus diesem Wagen.“

In einer Innentasche des Mannes fand sie einen zusammengefalteten Zettel. Darauf standen lediglich eine Uhrzeit und ein einzelner Buchstabe:

19:30 Uhr – B

Die Tote war schnell identifiziert. Sein Name lautete Matthias Dorn, 52 Jahre alt, wohnhaft in der Lion-Feuchtwanger-Straße. Er lebte allein und arbeitete zuletzt als freier Buchhalter.

Eine Zeugin bestätigte, dass Dorn kurz vor dem U-Bahnhof Cottbusser Platz mit einem Mann in einer schwarzen Kapuzenjacke gesprochen hatte. Die Unterhaltung sei leise gewesen, aber angespannt.

„Haben Sie etwas verstanden?“, fragte Katja.

Die Zeugin überlegte.

„Nur einen Satz. Der Mann mit der Kapuze sagte: Du hättest die Vergangenheit ruhen lassen sollen.“

Kapitel 3 – Das Haus gegenüber

Die Wohnung von Matthias Dorn wirkte ungewöhnlich ordentlich. In den Regalen standen sauber beschriftete Ordner, auf dem Esstisch lagen ungeöffnete Briefe, und selbst die Schuhe im Flur waren exakt nebeneinander aufgestellt.

Es gab keine Familienfotos und kaum persönliche Gegenstände.

Im Arbeitszimmer entdeckte Katja eine Kamera mit einem starken Teleobjektiv. Auf der Speicherkarte befanden sich Hunderte Aufnahmen des gegenüberliegenden Hauses in der Bansiner Straße.

Immer wieder war derselbe Eingang fotografiert worden.

Auf mehreren Bildern erschien ein Mann in dunkler Kleidung. Sein Gesicht war kaum zu erkennen. Mal trug er eine Mütze, mal eine Kapuze. Auf einem Foto schleppte er gemeinsam mit einer zweiten Person eine kleine Metallkiste aus dem Gebäude.

Bernd trat ans Fenster und blickte über die Bäume hinweg zum Haus gegenüber.

„Dorn hat jemanden beobachtet“, sagte er.

Katja stellte sich neben ihn. Eines der Fenster auf der anderen Straßenseite stand offen. Ein Vorhang bewegte sich langsam im Wind.

Dann glaubte sie, hinter der Scheibe eine Gestalt zu erkennen.

Nur einen Augenblick später war sie verschwunden.

„Vielleicht“, sagte Katja leise, „wurde Dorn ebenfalls beobachtet.“

Auf dem Schreibtisch fanden sie außerdem einen alten Schlüsselbund. Einer der Schlüssel fehlte. An der freien Stelle hing ein kleines Metallschild mit der Prägung:

B 17

Kapitel 4 – Das verlassene Gewerbe

Auf dem Rückweg zu ihrem Dienstwagen liefen Katja und Bernd am leerstehenden Gewerbekomplex im Lion-Feuchtwanger-Weg vorbei. Früher hatten sich dort eine Gaststätte und ein An- und Verkauf für Möbel befunden.

Die Fassade war verwittert, die Fenster waren verschmutzt, und hinter einigen Scheiben lagen zerbrochene Möbelstücke. Das Gebäude schien seit Jahren verlassen zu sein.

Bernd blieb stehen.

„Dorn hat hier gearbeitet“, sagte er und sah auf sein Telefon. „Vor zwölf Jahren. Buchhaltung für den damaligen Betreiber.“

Der Mann hatte Daniel Voss geheißen. Nach der Schließung des Geschäfts war er aus dem Berliner Melderegister verschwunden.

Katja ging zu einer Seitentür. Im nassen Boden davor zeichneten sich frische Schuhspuren ab. Am Schloss befanden sich helle Kratzer, als wäre es erst vor Kurzem aufgebrochen worden.

Sie blickte durch eines der Fenster.

Im Inneren war es dunkel. Zwischen umgestürzten Regalen und alten Tischen bewegte sich etwas.

Bernd trat neben sie.

„Hast du das gesehen?“

Katja nickte.

Sie umrundeten das Gebäude, fanden jedoch keinen geöffneten Zugang. Als sie wieder an der Vorderseite ankamen, war das Gelände leer.

Auf dem Weg zu ihrem Dienstwagen im Teterower Ring blickte Katja noch einmal zurück.

Hinter einem der oberen Fenster stand eine Gestalt.

Als sie stehen blieb, trat die Person in die Dunkelheit zurück.

Kapitel 5 – Die Fahrt zum Abschnitt 33

Bernd fuhr die Ludwigsluster Straße entlang. Hinter ihnen ragte der Elfgeschosser des Teterower Rings in den grauen Himmel. Links glitt die Schwimmhalle an ihnen vorbei.

Katja hatte die Fotos aus Dorns Wohnung auf ihrem Tablet geöffnet.

„Der Mann auf diesen Bildern kommt regelmäßig aus dem Haus in der Bansiner Straße“, sagte sie. „Und Dorn kannte das alte Möbelgeschäft.“

„Vielleicht lagert Voss dort noch etwas.“

„Oder Dorn hat dort etwas versteckt.“

Bernds Telefon klingelte. Die Rechtsmedizin hatte erste Ergebnisse.

Der graue Staub auf Dorns Mantel stammte von einem älteren lackierten Metallschrank. Die dunklen Fasern gehörten zu einer schweren Transportdecke, wie sie früher bei Möbeltransporten verwendet worden war.

Der Stich war mit einem schmalen, einseitig geschliffenen Messer ausgeführt worden. Die Tatwaffe fehlte.

„Das Gebäude wird immer interessanter“, sagte Bernd.

Kurz vor dem Polizeiabschnitt 33 kam eine weitere Nachricht der Spurensicherung. Im Futter der schwarzen Ledertasche war ein schmaler Hohlraum entdeckt worden. Die Naht war aufgetrennt und anschließend hastig wieder verschlossen worden.

Jemand hatte genau gewusst, wo er suchen musste.

Kapitel 6 – Die vergessene Akte

Im Polizeiabschnitt 33 breitete Katja die alten Unterlagen auf ihrem Schreibtisch aus. Bernd stand hinter ihr und blätterte durch eine vergilbte Ermittlungsakte.

Zwölf Jahre zuvor war gegen Daniel Voss ermittelt worden. Der Verdacht: gefälschte Rechnungen, illegale Möbeltransporte und Geldwäsche. Matthias Dorn war damals als Zeuge vernommen worden.

Er hatte behauptet, Voss führe neben der offiziellen Buchhaltung ein zweites Geschäftsbuch.

Doch dieses Geschäftsbuch war nie gefunden worden.

Kurz vor dem geplanten Prozess zog Dorn seine Aussage zurück. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt.

„Er hatte Angst“, sagte Katja.

Bernd legte ein altes Foto auf den Tisch. Es zeigte Daniel Voss vor dem Möbelgeschäft. Die rechte Schulter des Mannes hing auffällig tiefer als die linke.

Katja griff nach einem der Überwachungsfotos aus Dorns Wohnung.

Die Körperhaltung war dieselbe.

„Voss ist wieder da“, sagte sie.

Auf einem weiteren Tatortfoto bemerkte Bernd einen kleinen grünen Lacksplitter neben der Hand des Toten. Die Farbe entsprach dem Metallstaub auf dessen Mantel.

Katja schloss die Akte.

„Dorn war kurz vor seinem Tod in dem alten Gewerbe.“

„Dann sehen wir uns dort noch einmal gründlicher um.“

Kapitel 7 – Das Versteck

Am späten Nachmittag betraten Katja und Bernd das leerstehende Gebäude durch die aufgebrochene Seitentür. Der Strom war abgeschaltet. Nur ihre Taschenlampen durchschnitten die Dunkelheit.

In den ehemaligen Lagerräumen roch es nach Feuchtigkeit, Staub und verrottetem Holz.

An einer Wand standen mehrere alte Metallschränke. Einer davon war grün lackiert. Die Tür war verschlossen, doch an der Kante klebten frische Blutspuren.

Bernd brach das Schloss auf.

Zunächst fanden sie nur leere Fächer. Dann bemerkte Katja, dass der Boden des unteren Fachs ungewöhnlich hoch lag. Sie schob eine Metallplatte zur Seite.

Darunter befand sich ein verborgenes Versteck.

Darin lagen alte Fotografien, kopierte Rechnungen und ein Stadtplan mit eingezeichneter U5. Die Bahnhöfe Cottbusser Platz und Kaulsdorf-Nord waren rot markiert.

Zwischen den Papieren lag ein einzelner Schlüssel mit der Prägung:

B 17

Auf einem der Fotos standen Daniel Voss und Matthias Dorn gemeinsam vor dem Möbelgeschäft. Zwischen ihnen befand sich dieselbe Metallkiste, die später auf den Bildern aus der Bansiner Straße zu sehen gewesen war.

Katja nahm den Schlüssel vorsichtig auf.

„B steht nicht für einen Namen“, sagte sie.

Bernd betrachtete die Prägung.

„Bansiner Straße. Keller Nummer siebzehn.“

In diesem Moment fiel im hinteren Teil des Gebäudes eine Tür ins Schloss.

Die Kommissare liefen durch den Flur, erreichten den Ausgang jedoch zu spät.

Draußen waren nur noch frische Fußspuren zu sehen.

Kapitel 8 – Der Mann mit der Kapuze

Am frühen Abend bezogen Katja und Bernd in der Bansiner Straße Stellung. Sie parkten ihren Wagen so, dass sie den Hauseingang beobachten konnten, ohne sofort entdeckt zu werden.

Der Innenhof lag bereits im Schatten. Über dem Eingang brannte eine einzelne Lampe. Das warme Licht reichte nur bis zu den unteren Stufen.

Kurz nach 19 Uhr tauchte ein Mann mit schwarzer Kapuze auf.

Er ging langsam über den gepflasterten Weg und sah sich mehrfach um. Seine rechte Schulter hing tiefer als die linke.

Daniel Voss.

Katja und Bernd duckten sich hinter dem Wagen, während Voss die Treppe hinaufstieg und im Haus verschwand.

Wenige Minuten später ging in einem Kellerfenster Licht an.

Bernd verständigte die Einsatzkräfte. Katja beobachtete den Hauseingang.

Dann erlosch das Kellerlicht.

Voss kam nicht zurück.

„Hinterausgang“, sagte Katja.

Sie liefen um das Gebäude. Auf dem rückwärtigen Weg sahen sie den Kapuzenmann in Richtung Kaulsdorf-Nord rennen. Unter seinem Arm trug er eine kleine Metallkiste.

Katja und Bernd nahmen die Verfolgung auf.

Kapitel 9 – Kaulsdorf-Nord

Daniel Voss erreichte den Bahnsteig, als eine gelbe U5 nach Hönow einfuhr. Die Türen öffneten sich, Fahrgäste stiegen aus, und für einen Moment verlor Katja den Flüchtenden aus den Augen.

Dann sah Bernd ihn zwischen zwei Säulen.

Voss drängte sich in Richtung des hinteren Wagens. Die Metallkiste hielt er fest an seinen Körper gepresst.

„Polizei! Stehen bleiben!“, rief Katja.

Voss lief weiter.

Bernd holte ihn wenige Meter vor der geöffneten Zugtür ein. Er packte Voss von hinten, brachte ihn zu Boden und hielt ihn fest.

Katja sicherte die Situation.

„Hände weg von der Jacke!“

Die Metallkiste fiel auf den Bahnsteig und sprang auf.

Darin lagen das verschwundene Geschäftsbuch, mehrere Originalrechnungen, ein Messer und das Mobiltelefon von Matthias Dorn.

Voss hörte auf, sich zu wehren.

„Er wollte alles zerstören“, sagte er keuchend. „Mein Leben. Alles, was ich aufgebaut hatte.“

„Deshalb haben Sie ihn getötet?“, fragte Katja.

Voss schloss die Augen.

„Er hätte einfach schweigen sollen.“

Hinter ihnen schlossen sich die Türen der U-Bahn. Der Zug setzte sich in Bewegung und verschwand langsam aus dem Bahnhof.

Der Fall hatte in der U5 begonnen.

Und dort endete auch die Flucht des Täters.

Kapitel 10 – Die Wahrheit

Daniel Voss saß im Vernehmungsraum des Polizeiabschnitts 33. Seine Hände lagen gefaltet auf dem Tisch. Vor ihm befanden sich die versiegelten Beweisstücke und die schwarze Ledertasche des Opfers.

Katja und Bernd beobachteten ihn durch die Scheibe.

Fast eine Stunde lang hatte Voss geschwiegen. Dann begann er zu reden.

Matthias Dorn hatte die Unterlagen aus dem alten Möbelgeschäft gerettet. Jahrelang hatte er sich nicht getraut, sie der Polizei zu übergeben. Erst als er erfuhr, dass Voss wieder in Berlin lebte und erneut Geschäfte machte, fasste er einen Entschluss.

Er beobachtete ihn, fotografierte seine Wege und sammelte Beweise.

Schließlich verabredete er sich mit Voss in der U5. Dorn wollte ihm eine letzte Gelegenheit geben, sich selbst zu stellen.

Zwischen Cottbusser Platz und Kaulsdorf-Nord kam es zum Streit.

Voss verlangte die Unterlagen. Dorn weigerte sich. Daraufhin zog Voss das Messer und stach zu. Anschließend durchsuchte er die Ledertasche, fand jedoch nur das Mobiltelefon.

Die entscheidenden Beweise hatte Dorn im alten Metallschrank versteckt. Den Schlüssel zum Kellerraum in der Bansiner Straße hatte er dort zurückgelassen, damit die Polizei die Verbindung erkennen konnte.

Daniel Voss wurde wegen Mordes festgenommen. Die alten Ermittlungen wegen Betrugs und Geldwäsche wurden wieder aufgenommen.

Als am nächsten Morgen das erste Licht durch die Fenster des Abschnitts fiel, standen Katja und Bernd noch immer vor dem Vernehmungsraum.

„Er dachte, ein Mord würde die Vergangenheit begraben“, sagte Bernd.

Katja blickte auf Voss, der mit gesenktem Kopf am Tisch saß.

„Die Vergangenheit bleibt selten dort, wo man sie versteckt.“

Sie nahm die Akte und schloss sie.

Draußen erwachte Berlin zu einem neuen Tag. Die ersten Züge der U5 fuhren bereits wieder durch Kaulsdorf und Hellersdorf. Menschen saßen schweigend in den Wagen, blickten auf ihre Telefone oder hinaus in den Morgen.

Kaum jemand von ihnen wusste, was sich am Vortag auf derselben Strecke ereignet hatte.

Für Katja Dresen und Bernd Reichenberger war der Fall beendet.

Für Matthias Dorn kam die Wahrheit zu spät.

Doch sie war endlich ans Licht gekommen.

Teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel