Es war ein ganz normaler Dienstagabend – zumindest sah es von außen so aus. In der kleinen Wohnung brannte Licht in der Küche, und aus dem Wohnzimmer flackerte leise der Fernseher. Doch hinter der Tür lag eine Spannung in der Luft, die man fast greifen konnte.
Lena saß auf dem Teppichboden und zog gedankenverloren die Fäden aus einer alten Decke. Neben ihr lag ihr kleiner Bruder Tom, der eigentlich längst hätte schlafen sollen. Doch an Schlaf war heute nicht zu denken.
Aus der Küche drangen Stimmen. Erst leise. Dann lauter.
„Du hörst mir einfach nie zu!“
„Und du übertreibst ständig!“
Lena hielt kurz inne. Sie kannte diese Sätze. Sie kannte auch, was danach kam.
Tom rückte näher zu ihr. „Fangen sie wieder an?“ flüsterte er.
Lena nickte nur und versuchte zu lächeln. „Ist gleich vorbei“, sagte sie, obwohl sie es selbst nicht glaubte.
Ein Teller klirrte laut. Dann Stille. Diese schlimmere Stille, die sich wie ein Druck auf die Brust legte.
Tom zog an ihrem Ärmel. „Haben wir was falsch gemacht?“
Die Frage traf Lena wie ein Schlag. Sie schluckte schwer. „Nein“, sagte sie schnell. „Das hat nichts mit uns zu tun.“
Aber irgendwo tief in ihr fühlte es sich anders an.
Die Stimmen wurden wieder lauter. Worte flogen durch die Wohnung, scharf wie kleine Pfeile. Lena legte ihre Arme um Tom, der sich jetzt ganz eng an sie drückte. Sie spürte, wie sein Herz schnell schlug.
„Ich mag das nicht“, murmelte er.
„Ich auch nicht“, flüsterte sie.
Sie drehte den Fernseher etwas lauter, nur ein bisschen, gerade so, dass die Stimmen aus der Küche nicht mehr jedes Wort verständlich machten. Bunte Bilder tanzten über den Bildschirm, doch keiner von beiden sah wirklich hin.
„Weißt du noch, im Sommer?“, fragte Lena plötzlich leise. „Als wir alle zusammen am See waren?“
Tom nickte. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Da haben sie gelacht.“
„Ja“, sagte Lena. „Da war alles ruhig.“
Für einen Moment hielten sie sich an dieser Erinnerung fest, als wäre sie ein sicherer Ort, zu dem sie jederzeit zurückkehren konnten.
Doch dann knallte wieder eine Tür.
Tom zuckte zusammen. Lena zog ihn noch fester an sich. „Ich bin hier“, sagte sie. „Ich bleib bei dir.“
Er schloss die Augen und nickte.
Draußen ging langsam das Licht in den Nachbarwohnungen aus. In ihrer Wohnung aber blieb es lange hell. Zu lange.
Irgendwann wurden die Stimmen leiser. Schritte. Eine weitere Tür, die diesmal vorsichtiger geschlossen wurde.
Stille.
Echte Stille.
Lena atmete tief aus. Tom war in ihren Armen eingeschlafen, erschöpft von all dem, was er nicht verstand.
Sie strich ihm vorsichtig über die Haare und blickte zur Küchentür. Für einen Moment wirkte alles wieder normal. Fast friedlich.
Aber sie wusste, dass dieser Frieden zerbrechlich war.
Und während sie dort saß, hielt sie ihren Bruder fest – ein kleines Versprechen inmitten einer Welt, die sich für sie beide viel zu groß und zu laut anfühlte.
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