Es war einer dieser grauen Nachmittage, an denen der Himmel nicht wusste, ob er richtig regnen oder einfach nur trüb bleiben wollte. Tom stand an der Bushaltestelle, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben, und starrte auf die nasse Straße.
Neben ihm stand ein alter Regenschirm. Schwarz, leicht schief, einer von der Sorte, die schon bessere Tage gesehen hatten. Niemand hielt ihn fest.
Tom blickte sich um. Zwei Leute tippten auf ihren Handys, eine Frau telefonierte, ein Mann starrte ins Leere. Niemand schien den Schirm zu vermissen.
Der Bus ließ auf sich warten. Ein paar Tropfen fielen. Dann mehr.
Tom hob den Schirm auf, zögerte kurz – und spannte ihn auf. Das vertraute Knacken klang fast beruhigend. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte er etwas gerettet.
Als der Bus endlich kam, stiegen alle hastig ein. Tom setzte sich ans Fenster, den Schirm zwischen seinen Füßen. Die Scheibe war beschlagen, draußen verschwamm die Welt zu grauen Linien.
Zwei Haltestellen später stieg eine ältere Dame ein. Ihre Haare waren nass, kleine Tropfen hingen an ihrem Mantel. Sie suchte sich einen Platz, direkt gegenüber von Tom.
„Ach, das Wetter“, murmelte sie und lächelte entschuldigend.
Tom sah kurz auf den Schirm. Dann zu ihr.
Ohne lange nachzudenken, beugte er sich vor und sagte:
„Brauchen Sie einen Regenschirm? Ich… hab den hier gerade gefunden.“
Die Frau blinzelte überrascht. „Wirklich?“
Er nickte und schob ihn ihr rüber.
Sie nahm ihn vorsichtig, fast so, als wäre er etwas Wertvolles. „Dann hat er wohl heute genau den richtigen gefunden“, sagte sie leise.
Als sie wenige Minuten später ausstieg, drehte sie sich noch einmal um und hob den Schirm leicht an – wie ein kleines Dankeschön.
Tom blieb sitzen und sah ihr nach, bis sie im Regen verschwand.
Der Himmel war noch immer grau. Aber irgendwie wirkte alles ein kleines bisschen heller.
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