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Es regnete seit drei Tagen ohne Unterbrechung.

Nicht dieser gemütliche Sommerregen, der gegen Fensterscheiben trommelt und Menschen einschlafen lässt. Nein. Dieser Regen war schwer. Grau. Krank. Er hing wie ein fauliger Schleier über der kleinen Stadt Falkenhain irgendwo im Osten Deutschlands, wo die Straßenlaternen nachts flackerten und die Leute ihre Vorhänge zuzögen, sobald es dunkel wurde.

Leon wusste nicht einmal genau, warum er an diesem Abend den letzten Bus genommen hatte.

Vielleicht war es die Einsamkeit.

Vielleicht der Streit mit seiner Schwester.

Oder vielleicht dieses Gefühl, dass ihn seit Wochen verfolgte — als würde etwas auf ihn warten.

Der Bus setzte ihn kurz nach Mitternacht an einer verlassenen Landstraße ab. Die Haltestelle bestand nur aus einem schiefen Schild und einem alten Wartesaal aus Beton und Glas. Das Neonlicht im Inneren summte nervös.

Leon zog seine Jacke enger.

Der nächste Bus kam erst um 5:20 Uhr.

„Na toll“, murmelte er.

Als er die Tür des Wartesaals öffnete, bemerkte er den alten Mann zuerst gar nicht.

Er saß regungslos in der Ecke.

Dunkler Mantel. Schwarzer Hut. Die Hände auf einem Spazierstock gefaltet.

Leon erschrak leicht.

„Oh… äh… guten Abend.“

Keine Antwort.

Der Mann bewegte sich nicht einmal.

Leon setzte sich auf die andere Bank. Das Neonlicht flackerte erneut und warf für einen Moment lange Schatten über den Boden.

Draußen peitschte der Regen gegen die Scheiben.

Dann hörte Leon ein leises Knacken.

Der alte Mann hob langsam den Kopf.

Und lächelte.

Es war kein freundliches Lächeln.

Seine Lippen wirkten zu breit. Zu trocken. Die Haut spannte sich wie altes Papier über den Knochen.

„Du bist spät unterwegs“, sagte er mit rauer Stimme.

Leon nickte nur.

Irgendetwas an diesem Typen fühlte sich falsch an.

Vielleicht waren es die Augen.

Sie wirkten milchig grau. Fast blind.

Und trotzdem hatte Leon das Gefühl, direkt angesehen zu werden.

„Bus verpasst“, sagte Leon knapp.

Der Mann grinste weiter.

„Das passiert hier oft.“

Wieder dieses Summen des Neonlichts.

Dann flackerte es komplett aus.

Nur für zwei Sekunden.

Doch diese zwei Sekunden reichten.

Denn als das Licht zurückkam, saß der alte Mann plötzlich näher.

Nicht viel.

Vielleicht einen Meter.

Aber Leon war sich sicher:
Vorher hatte er noch in der Ecke gesessen.

Sein Herz schlug schneller.

„Sind Sie… gerade aufgestanden?“

Der Mann antwortete nicht sofort.

Er betrachtete Leon nur mit diesem unnatürlichen Lächeln.

„Hast du jemals jemanden sterben sehen?“

Leon schluckte.

„Was?“

Der Regen draußen wurde stärker.

Fast so laut wie ein Wasserfall.

„Menschen glauben immer“, sagte der Alte leise, „dass Orte Erinnerungen behalten.“

Er strich langsam mit den Fingern über den Spazierstock.

„Aber das stimmt nicht.“

Pause.

„Orte behalten Hunger.“

Das Neonlicht summte plötzlich lauter.

Leon stand auf.

„Okay… wissen Sie was? Ich geh lieber.“

Der alte Mann begann zu lachen.

Nicht laut.

Dieses trockene, erstickte Lachen eines Menschen, dessen Stimme schon halb verfault klang.

Leon griff nach der Tür.

Sie bewegte sich keinen Millimeter.

Er zog stärker.

Nichts.

„Die klemmt nachts manchmal“, sagte der Alte ruhig.

Leon spürte nun eindeutig Panik.

„Hören Sie auf mit dem Scheiß.“

Der Mann hob langsam den Kopf.

Und diesmal sah Leon seine Augen richtig.

Da waren keine Augen mehr.

Nur schwarze, tiefe Höhlen.

Als hätte jemand alles herausgeschnitten.

Leon stolperte rückwärts.

Das Licht flackerte erneut.

Wieder Dunkelheit.

Diesmal länger.

Fünf Sekunden.

Sechs.

Sieben.

Und irgendwo in dieser Dunkelheit hörte Leon etwas über den Boden schleifen.

Langsam.

Näherkommend.

Dann ging das Licht wieder an.

Der alte Mann stand jetzt mitten im Raum.

Der Spazierstock lag auf dem Boden.

Seine Beine wirkten falsch verdreht.

Zu lang.

Zu dünn.

Und sein Grinsen reichte inzwischen fast bis zu den Ohren.

„Du solltest nicht allein reisen“, flüsterte er.

Leon schrie und warf sich gegen die Tür.

Diesmal sprang sie auf.

Kalte Nachtluft schlug ihm entgegen.

Er rannte.

Durch den Regen.

Über die dunkle Landstraße.

Ohne zurückzusehen.

Er hörte hinter sich keine Schritte.

Kein Rufen.

Nur den Regen.

Erst nach mehreren Minuten wagte er einen Blick zurück.

Der Wartesaal war leer.

Das Licht darin flackerte ruhig vor sich hin.

Kein alter Mann.

Nichts.

Leon lachte nervös.

Vielleicht hatte er halluziniert.

Stress.

Übermüdung.

Irgendeine Art Panikattacke.

Er zwang sich weiterzugehen.

Dann sah er die Bushaltestelle vor sich.

Wieder.

Leon blieb abrupt stehen.

Die gleiche zerbrochene Scheibe.

Das gleiche flackernde Neonlicht.

Der gleiche Wartesaal.

Er drehte sich um.

Nur dunkle Straße hinter ihm.

Keine Kreuzung.

Kein Waldweg.

Nichts.

Und im Inneren des Wartesaals saß der alte Mann wieder in der Ecke.

Regungslos.

Wartend.

Diesmal hob er langsam die Hand.

Und deutete auf den freien Platz neben sich.

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