Als Liora an diesem Morgen erwachte, war die Luft anders. Sie roch nach Magie – süß, wie blühende Nachtblumen, und zugleich elektrisch, als würde etwas Großes bevorstehen. Die kleine Elfe strich sich eine bunte Haarsträhne aus dem Gesicht und trat vorsichtig aus ihrem Blätterhaus.
Der Wald war still. Ungewöhnlich still.
„Auriel?“, rief sie leise.
Normalerweise hätte das Einhorn längst geantwortet – mit einem sanften Schnauben oder dem leisen Klirren seines magischen Horns. Doch heute blieb alles ruhig. Ein ungutes Gefühl breitete sich in Lioras Brust aus.
Sie lief los.
Tiefer hinein in den schimmernden Wald, vorbei an leuchtenden Pilzen und flüsternden Bäumen. Schließlich erreichte sie den Wasserfall, an dem sie Auriel zum ersten Mal begegnet war. Dort stand er.
Doch etwas stimmte nicht.
Sein sonst strahlendes Fell war matt, und die Farben seiner Mähne wirkten blasser als je zuvor. Das Licht seines Horns flackerte.
„Auriel… was ist passiert?“ Liora trat näher und legte vorsichtig ihre Hand an seinen Hals.
Das Einhorn hob langsam den Kopf. In seinen Augen lag eine Schwere, die sie noch nie gesehen hatte.
„Der Regenbogen… er stirbt“, flüsterte er.
Liora erstarrte. Der Regenbogen war mehr als nur ein schönes Schauspiel am Himmel. Er war das Herz der Magie. Seine Farben hielten den Wald lebendig.
„Warum?“
Auriel senkte den Blick. „Jemand hat das Leuchten gestohlen.“
Ohne zu zögern, sprang Liora auf seinen Rücken. „Dann holen wir es zurück.“
Auriel nickte leicht – und mit einem kraftvollen Satz trug er sie davon. Sie ritten durch den Wald, schneller als der Wind, bis sie den Rand der Welt erreichten – dort, wo der Regenbogen den Himmel berührte.
Doch statt strahlender Farben fanden sie nur Schatten.
In der Mitte stand eine Gestalt, gehüllt in Dunkelheit, die das Licht in sich aufsog. In ihren Händen pulsierte ein schwaches Glühen – die gestohlene Magie.
„Gebt es zurück!“, rief Liora mutig.
Die Gestalt lachte leise. „Warum sollte ich? Ohne Licht gehört diese Welt endlich mir.“
Liora spürte, wie Angst in ihr aufstieg. Doch dann legte Auriel seinen Kopf an ihre Schulter. Sein schwaches Leuchten berührte sie – und etwas in ihr begann zu glühen.
Nicht laut. Nicht grell.
Aber stark.
Liora trat vor und hob die Hand. Ihre Farben – all die bunten Nuancen ihrer Flügel, ihrer Haare, ihrer Seele – begannen zu strahlen.
„Magie gehört niemandem“, sagte sie ruhig. „Sie lebt in uns allen.“
Das Licht wurde heller. Wärmer. Echter.
Die Schattengestalt wich zurück, ihr Griff lockerte sich – und plötzlich brach das gestohlene Leuchten frei. Es schoss in den Himmel zurück und entfaltete sich in einem gewaltigen Farbenspiel.
Der Regenbogen kehrte zurück.
Die Dunkelheit zerfiel wie Staub im Wind.
Liora sank erschöpft auf die Knie, doch Auriel war sofort bei ihr. Sein Fell strahlte wieder, heller als zuvor. Sanft stupste er sie an.
„Du hast es geschafft.“
Liora lächelte müde und lehnte sich an ihn. „Wir haben es geschafft.“
Über ihnen spannte sich der Regenbogen erneut über den Himmel – lebendig, leuchtend und voller Hoffnung.
Und irgendwo tief im Wald begann das Leben wieder zu flüstern. ✨
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