Das Wasser lag ruhig da, eine trügerische Stille unter der flirrenden Sonne. Weit draußen, wo das Blau dunkler wurde, glitt etwas Unsichtbares durch die Tiefe. Kein Geräusch, kein Zeichen – nur Bewegung.
Der weiße Hai spürte die Vibrationen lange, bevor er sie sah. Unregelmäßige Schläge, hektisch, falsch. Beute. Seine Augen blieben leer, schwarz wie die Tiefe selbst, während sein Körper instinktiv Kurs aufnahm. Jede Muskelbewegung war reine Präzision, ein uraltes Programm ohne Zweifel und ohne Angst.
An der Oberfläche lachten Menschen. Eine Yacht schaukelte sanft, Musik spielte leise aus einem Lautsprecher. Niemand bemerkte den Schatten, der unter ihnen größer wurde, breiter, näher. Das Wasser kühlte sich abrupt ab, als der Hai unter dem Rumpf hindurchzog. Ein kurzer Stoß – Holz ächzte. Gläser kippten. Lachen verstummte.
Dann geschah es.
Ein Schrei zerriss die Luft, schrill und panisch. Wasser explodierte, rot färbte sich das Blau. Der Hai drehte ab, verschwand so schnell, wie er gekommen war. Zurück blieben Wellen, Treibgut – und Stille, schwer wie Blei.
Später würde man von einem Monster sprechen. Von Rache. Von Jagd. Doch tief unten zog der weiße Hai weiter seine Bahnen, gleichgültig gegenüber Angst und Legenden. Er war kein Dämon. Nur ein König der Tiefe, der für einen Moment die Welt der Menschen berührt hatte – und sie daran erinnerte, wem das Meer wirklich gehört.
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