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Der Schwarze Hof

◷ 217 Minuten
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Kapitel 1 – Nacht am Grunewald

Um 23:46 Uhr verließ Leonie Berger die S-Bahn am Bahnhof Grunewald.

Die Türen schlossen sich hinter ihr mit einem dumpfen Signalton.

Wenige Sekunden später setzte sich der Zug wieder in Bewegung und verschwand in Richtung Westkreuz.

Leonie blieb allein auf dem Bahnsteig zurück.

Fast allein.

Am anderen Ende stand ein älterer Mann mit einem kleinen Hund. Er zog den Mantelkragen höher, ging zur Treppe und war kurz darauf verschwunden.

Dann wurde es still.

Leonie sah auf ihr Handy.

23:47 Uhr.

Eine neue Nachricht von ihrer Kollegin.

Die Restaurierung morgen reicht. Geh endlich schlafen.

Leonie musste lächeln.

„Sehr witzig.“

Sie arbeitete im Archiv einer privaten Stiftung in Charlottenburg und restaurierte dort historische Briefe, Tagebücher und Fotografien. An diesem Abend hatte sie vollkommen die Zeit vergessen.

Ein beschädigtes Tagebuch aus dem Jahr 1891 hatte ihre Aufmerksamkeit länger gefesselt als geplant.

Vor allem eine Seite.

Sie war fast vollständig unleserlich gewesen.

Nur drei Worte hatte Leonie entziffern können.

Der Schwarze Hof.

Sie hatte den Begriff noch nie gehört.

Vielleicht eine politische Gesellschaft.

Ein Geheimbund.

Oder einfach irgendein längst vergessenes Berliner Lokal.

Morgen würde sie weiterforschen.

Jetzt wollte sie nur nach Hause.

Leonie schob das Handy in ihre Jackentasche und ging die Treppe hinunter.

Ihre Wohnung lag etwa zwanzig Minuten entfernt.

Normalerweise nahm sie den Bus.

Doch laut App musste sie zwölf Minuten warten.

Also beschloss sie zu laufen.

Es war eine milde Spätsommernacht.

Der Himmel über Berlin war wolkenverhangen, und zwischen den Bäumen des Grunewalds hing bereits leichter Nebel.

Leonie überquerte die Straße.

Schon nach wenigen Minuten wurden die Geräusche der Stadt schwächer.

Keine Autos.

Keine Stimmen.

Nur das Rauschen der Blätter.

Und ihre eigenen Schritte.

Sie mochte den Grunewald eigentlich.

Tagsüber.

Nachts war es etwas anderes.

Die Bäume wirkten dichter.

Der Wald dunkler.

Die Wege enger.

Leonie beschleunigte unbewusst.

Dann bemerkte sie das Auto.

Ein schwarzer Mercedes stand schräg am Straßenrand.

Die Fahrertür war geöffnet.

Das Licht im Innenraum brannte.

Leonie blieb stehen.

Sie wartete einige Sekunden.

Niemand kam.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Sie ging näher.

Vielleicht hatte jemand eine Panne.

Oder einen Unfall.

Als sie noch ungefähr zehn Meter vom Wagen entfernt war, bemerkte sie etwas auf dem Asphalt.

Ein Handy.

Der Bildschirm war gesprungen.

Daneben lag ein einzelner Lederschuh.

Leonie blieb abrupt stehen.

Etwas stimmte nicht.

„Hallo?“

Wieder keine Antwort.

Sie zog ihr eigenes Handy heraus.

Der Empfang war schlecht.

Ein Balken.

Dann zwei.

Leonie ging noch ein paar Schritte.

Jetzt konnte sie ins Fahrzeug sehen.

Auf dem Fahrersitz lag eine Aktentasche.

Auf der Mittelkonsole standen zwei Kaffeebecher.

Im Fußraum lag ein Schlüsselbund.

Kein Fahrer.

Leonie tippte bereits die Nummer der Polizei ein, als sie ein Geräusch hörte.

Ein leises Rascheln.

Im Wald.

Rechts von ihr.

Leonie drehte sich um.

Zwischen den Bäumen war nichts zu erkennen.

„Ist da jemand?“

Stille.

Dann wieder das Geräusch.

Nähe.

Leonie schaltete die Taschenlampe ihres Handys ein.

Der Lichtkegel glitt über Baumstämme, Büsche und feuchtes Laub.

Nichts.

Sie wollte gerade zurück zur Straße gehen.

Da sah sie die Hand.

Sie ragte hinter einem Baum hervor.

Leonie blieb wie angewurzelt stehen.

„Oh Gott.“

Sie ging langsam näher.

Ein Mann lag auf dem Boden.

Vielleicht fünfzig Jahre alt.

Grauer Anzug.

Weißes Hemd.

Keine Jacke.

Sein Gesicht war zur Seite gedreht.

Die Augen geöffnet.

Leonie schlug sich die Hand vor den Mund.

Der Mann war tot.

Das wusste sie sofort.

Seine Haut war nicht einfach blass.

Sie war fast grau.

Wächsern.

Wie Papier.

Leonie zwang sich, näher hinzusehen.

Keine sichtbaren Verletzungen.

Kein Blut.

Dann bemerkte sie seinen Hals.

Zwei kleine dunkle Punkte.

Direkt unterhalb des Kiefers.

Leonie wich zurück.

Ein Ast knackte hinter ihr.

Sie fuhr herum.

Nichts.

Sie hob das Handy.

„Polizei. Ich brauche—“

Die Taschenlampe flackerte.

Dann ging sie aus.

„Nein.“

Leonie tippte auf das Display.

Schwarz.

Der Akku war noch bei achtundsechzig Prozent gewesen.

Trotzdem reagierte das Telefon nicht mehr.

Aus dem Wald kam ein Geräusch.

Einatmen.

Langsam.

Tief.

Leonie stand vollkommen still.

Dann hörte sie eine Stimme.

„Du solltest nicht hier sein.“

Eine männliche Stimme.

Ruhig.

Fast freundlich.

Leonie drehte sich langsam um.

Zwischen zwei Bäumen stand ein Mann.

Vielleicht Mitte vierzig.

Groß.

Schlank.

Er trug einen langen dunklen Mantel.

Seine Haare waren schwarz und sorgfältig zurückgekämmt.

Sein Gesicht wirkte ungewöhnlich blass.

Aber nicht krank.

Fast makellos.

„Sind Sie verletzt?“, fragte Leonie.

Der Mann lächelte.

„Nein.“

„Da liegt jemand.“

„Ich weiß.“

Leonie bekam eine Gänsehaut.

„Haben Sie die Polizei gerufen?“

Der Fremde sagte nichts.

Er trat aus dem Schatten.

Leonie wich einen Schritt zurück.

„Kennen Sie ihn?“

„Nicht persönlich.“

Sein Blick glitt zu dem Toten.

„Aber ich kenne seine Familie.“

Leonie sah zum Wagen.

Vielleicht fünfzig Meter.

Sie konnte rennen.

Der Fremde bemerkte ihren Blick.

„Das würde ich nicht empfehlen.“

Leonie sah ihn wieder an.

„Was wollen Sie?“

Der Mann lächelte erneut.

Diesmal wirkte es anders.

Kälter.

„Ich wollte sehen, wer das Tagebuch geöffnet hat.“

Leonie spürte, wie ihr der Atem stockte.

„Welches Tagebuch?“

Der Mann kam näher.

„Du weißt genau, welches.“

Leonie dachte an das Archiv.

An die beschädigten Seiten.

An die drei Worte.

Der Schwarze Hof.

„Woher wissen Sie davon?“

Der Fremde blieb stehen.

Nur wenige Meter trennten sie.

„Weil ich dabei war, als es geschrieben wurde.“

Leonie starrte ihn an.

Für einen Moment glaubte sie, ihn falsch verstanden zu haben.

Das Tagebuch stammte aus dem Jahr 1891.

„Was soll das heißen?“

Der Mann antwortete nicht.

Seine Augen wirkten plötzlich dunkler.

Fast schwarz.

Leonie trat zurück.

Dann hörte sie Motorengeräusch.

Scheinwerfer tauchten die Straße in helles Licht.

Der Fremde drehte den Kopf.

Ein silberner Wagen näherte sich schnell.

Noch bevor er anhielt, öffnete sich die Beifahrertür.

Eine Frau sprang heraus.

Kurze dunkle Haare.

Schwarze Jeans.

Dunkle Jacke.

In ihrer Hand hielt sie etwas, das Leonie zunächst für eine Taschenlampe hielt.

Dann erkannte sie die Pistole.

„Weg von ihr!“

Der Fremde lächelte.

„Elisa.“

Die Frau hielt die Waffe auf ihn gerichtet.

„Cassian.“

Leonie sah zwischen beiden hin und her.

„Ihr kennt euch?“

Niemand antwortete ihr.

Cassian sah wieder zu Leonie.

„Wir werden uns wiedersehen.“

Elisa hob die Pistole.

„Nein.“

Cassian bewegte sich.

Leonie sah nicht einmal, wie.

Im einen Moment stand er noch vor ihnen.

Im nächsten befand er sich mehrere Meter entfernt zwischen den Bäumen.

Unmöglich schnell.

Elisa feuerte.

Der Knall zerriss die Stille.

Cassian verschwand im Wald.

Leonie stand regungslos da.

Ihr Herz raste.

Elisa ging langsam rückwärts zum Wagen.

„Steig ein.“

Leonie bewegte sich nicht.

„Was war das?“

„Keine Zeit.“

„Wer war dieser Mann?“

Elisa öffnete die Fahrertür.

„Wenn du hierbleibst, wirst du es wahrscheinlich in den nächsten fünf Minuten herausfinden.“

Aus dem Wald kam ein leises Geräusch.

Dann noch eines.

Mehrere Äste knackten.

Elisa blickte zwischen die Bäume.

„Und glaub mir“, sagte sie, „du willst die anderen nicht kennenlernen.“

Leonie hörte plötzlich etwas laufen.

Nicht einen Menschen.

Mehrere.

Schnell.

Viel zu schnell.

Elisa riss die Beifahrertür auf.

„Rein!“

Diesmal gehorchte Leonie.

Sie sprang in den Wagen.

Elisa setzte sich ans Steuer, startete den Motor und gab Gas.

Der Wagen schoss über die Straße.

Leonie drehte sich um.

Zwischen den Bäumen bewegten sich Schatten.

Einer.

Drei.

Vielleicht fünf.

Sie liefen parallel zum Auto.

Dann verschwanden sie.

Erst zwei Kilometer später sagte Leonie etwas.

„Der Mann im Wald war tot.“

Elisa nickte.

„Ja.“

„Was ist mit ihm passiert?“

Keine Antwort.

„Und wer war dieser Cassian?“

Elisa umklammerte das Lenkrad.

„Jemand, der seit sehr langer Zeit nicht mehr in Berlin hätte sein dürfen.“

„Was bedeutet das?“

Elisa sah kurz zu Leonie.

„Es bedeutet, dass wir ein Problem haben.“

„Wir?“

„Seit du das Tagebuch geöffnet hast, ja.“

Leonie starrte sie an.

„Wer sind Sie eigentlich?“

„Elisa Moreau.“

„Polizei?“

Ein kurzes Lächeln.

„Nein.“

„Verfassungsschutz?“

„Auch nicht.“

„Dann was?“

Elisa schwieg.

Vor ihnen tauchten die ersten Häuser von Charlottenburg auf.

Straßenlaternen.

Autos.

Menschen.

Die vertraute Stadt.

Leonie hätte sich sicher fühlen sollen.

Tat sie aber nicht.

„Der Tote“, sagte sie. „Er hatte zwei Verletzungen am Hals.“

Elisa sagte nichts.

Leonie dachte an Cassians Gesicht.

An seine schwarzen Augen.

An die Geschwindigkeit, mit der er sich bewegt hatte.

„Das kann nicht sein.“

Elisa sah sie an.

„Was?“

Leonie zögerte.

Das Wort kam ihr lächerlich vor.

Absurder als alles, was sie je ausgesprochen hatte.

„Vampire.“

Elisa blickte wieder auf die Straße.

Mehrere Sekunden vergingen.

Dann sagte sie:

„Wir nennen sie die Alten.“

Leonie lachte nervös.

Doch Elisa tat es nicht.

„Sie leben seit Jahrhunderten in dieser Stadt.“

Leonie verstummte.

Elisa fuhr weiter.

„Und Cassian Falkenberg ist einer der ältesten.“

„Warum will er dieses Tagebuch?“

„Nicht das Tagebuch.“

Elisa blickte sie an.

„Dich.“

Leonie spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen.

„Warum?“

Elisa schwieg so lange, dass Leonie glaubte, sie würde nicht mehr antworten.

Dann sagte sie:

„Weil dein Name darin steht.“

Zur selben Zeit betrat ein Mann das Archiv in Charlottenburg.

Die Alarmanlage war ausgeschaltet.

Keine Tür war aufgebrochen worden.

Keine Kamera zeichnete ihn auf.

Er ging durch den dunklen Lesesaal.

Vorbei an Regalen voller Akten.

Bis er den Restaurierungsraum erreichte.

Das Tagebuch lag noch auf Leonies Arbeitsplatz.

Der Fremde schlug es auf.

Blätterte vorsichtig durch die brüchigen Seiten.

Dann fand er die Stelle.

Eine Liste.

Namen.

Jahreszahlen.

Familien.

Sein Finger glitt über die Einträge.

Bis er bei einem Namen stehen blieb.

Berger.

Darunter stand ein einziger Satz.

Wenn die letzte Erbin das Siegel bricht, öffnet sich der Hof erneut.

Der Mann schloss das Tagebuch.

Dann nahm er sein Telefon heraus.

„Sie hat es gefunden.“

Eine Stimme antwortete.

„Ist sie allein?“

„Nein.“

Der Mann sah aus dem Fenster in die nächtliche Stadt.

„Moreau ist bei ihr.“

Am anderen Ende herrschte kurze Stille.

Dann sagte die Stimme:

„Dann beginnt es.“

Die Verbindung wurde getrennt.

Der Mann legte das Telefon weg.

Hinter ihm stand plötzlich Cassian Falkenberg.

Sein Mantel war mit Erde bedeckt.

Eine dunkle Wunde klaffte an seiner Schulter.

Sie schloss sich bereits.

Cassian sah auf das Tagebuch.

Dann lächelte er.

„Nach all den Jahren.“

Er strich mit den Fingern über den Namen.

Leonie Berger.

„Endlich.“

Kapitel 2 – Die Toten von Charlottenburg

David Stein mochte keine Fälle, die keinen Sinn ergaben.

Dieser hier ergab überhaupt keinen.

Es war kurz nach drei Uhr morgens, als der Kriminalhauptkommissar den abgesperrten Hinterhof eines alten Mietshauses in Charlottenburg betrat.

Zwei Streifenwagen standen auf der Straße.

Ein Rettungswagen war bereits wieder verschwunden.

Die Gerichtsmediziner waren noch da.

David zog seine Jacke enger.

„Was haben wir?“

Seine Kollegin Nora Jessen kam ihm entgegen.

„Männlich, vermutlich Mitte fünfzig. Keine Papiere. Keine offensichtlichen Verletzungen.“

„Todesursache?“

„Noch unklar.“

David sah an ihr vorbei.

Der Tote lag zwischen zwei Müllcontainern.

Die Position des Körpers wirkte seltsam ordentlich.

Nicht wie jemand, der gestürzt war.

Eher wie jemand, der dort abgelegt worden war.

David ging näher.

Der Gerichtsmediziner Dr. Lenz kniete neben der Leiche.

„Morgen.“

„Für dich vielleicht.“

Lenz grinste kurz.

„Schlechte Nacht?“

„Ich war seit vierzig Minuten im Bett.“

„Luxus.“

David zog Handschuhe an.

„Was ist mit ihm?“

Lenz deutete auf den Hals des Toten.

David ging in die Hocke.

Zwei kleine Wunden.

Direkt unterhalb des Kiefers.

„Tierbiss?“

„Wenn du mir ein Tier zeigst, das so beißt, kündige ich.“

David sah ihn an.

„Messer?“

„Möglich. Aber ungewöhnlich.“

„Blutverlust?“

Lenz schwieg.

David kannte diesen Blick.

„Was?“

„Der Mann hat sehr wenig Blut im Körper.“

„Wie wenig?“

„Zu wenig.“

„Hier irgendwo Blutspuren?“

Nora schüttelte den Kopf.

„Nichts.“

David sah wieder zum Toten.

„Dann wurde er woanders getötet.“

„Wahrscheinlich.“

Lenz hob eine Hand des Mannes.

Die Finger waren fast grau.

„Aber da ist noch etwas.“

David wartete.

„Die Leichenstarre passt nicht.“

„Inwiefern?“

„Wenn ich mich nicht völlig irre, ist dieser Mann seit mindestens acht Stunden tot.“

David sah auf seine Uhr.

03:17 Uhr.

„Und?“

„Eine Zeugin hat ihn gegen 1:40 Uhr noch lebend gesehen.“

David blickte zu Nora.

„Sicher?“

„Hausbewohnerin im zweiten Stock. Er kennt ihn.“

„Name?“

„Dr. Thomas Seidel. Historiker. Wohnte hier im Haus.“

David sah wieder auf die Leiche.

„Vielleicht hat sie sich in der Uhrzeit geirrt.“

Nora schüttelte den Kopf.

„Sie hat um 1:42 Uhr eine Nachricht an ihre Schwester geschickt. Angeblich hat Seidel direkt vor ihrem Fenster telefoniert.“

David stand auf.

„Das macht keinen Sinn.“

Lenz zog die Handschuhe aus.

„Willkommen in meinem Leben.“

David wandte sich zu Nora.

„Wohnung durchsuchen.“

„Schon dabei.“

„Telefon?“

„Fehlt.“

„Brieftasche?“

„Auch.“

„Raub?“

„Seine Uhr ist noch da.“

David betrachtete die teure Armbanduhr.

„Dann wohl nicht.“

Ein Beamter kam aus dem Treppenhaus.

„Herr Stein?“

David drehte sich um.

„Ja?“

„Wir haben oben etwas gefunden.“

Seidels Wohnung lag im vierten Stock.

Altbau.

Hohe Decken.

Dunkles Parkett.

Bücher.

Überall Bücher.

Regale standen nicht nur an den Wänden. Auch der Flur war damit vollgestellt.

David ging langsam durch das Wohnzimmer.

Historische Karten von Berlin hingen an den Wänden.

Eine davon zeigte die Stadt um 1700.

Eine andere das Berlin des späten 19. Jahrhunderts.

Auf dem Esstisch lagen alte Dokumente.

Fotografien.

Notizbücher.

„Historiker trifft es“, sagte Nora.

David nahm eine gerahmte Fotografie vom Regal.

Seidel stand darauf mit mehreren Personen vor der Zitadelle Spandau.

„Universität?“

„Freier Historiker“, sagte Nora. „Schwerpunkt Berliner Stadtgeschichte. Unterirdische Anlagen, verschwundene Gebäude, alte Familienarchive.“

David stellte das Foto zurück.

„Klingt nach jemandem, der auf Partys viel Spaß macht.“

Nora sah ihn an.

„Du sammelst alte Polizeimarken.“

„Das ist etwas völlig anderes.“

„Natürlich.“

Ein Kriminaltechniker rief aus dem Arbeitszimmer.

„Hier.“

David ging hinein.

Der Raum war kleiner.

Auf dem Schreibtisch standen zwei Monitore.

Daneben lagen Ordner.

Einer davon war geöffnet.

Auf dem Deckel stand:

SCHWARZER HOF

David zog die Augenbrauen hoch.

„Was soll das sein?“

Der Techniker zeigte auf mehrere leere Klarsichthüllen.

„Was auch immer drin war, wurde mitgenommen.“

David blickte sich um.

„Vom Täter?“

„Vermutlich.“

„Einbruchsspuren?“

„Keine.“

Nora trat neben ihn.

„Vielleicht kannte Seidel seinen Mörder.“

David nickte langsam.

Dann fiel sein Blick auf die Wand.

Dort hing eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie.

Eine Gruppe von Männern und Frauen stand vor einem Gebäude.

David trat näher.

Die Kleidung deutete auf die Zeit um 1900 hin.

Vielleicht etwas früher.

Unter dem Bild stand handschriftlich:

Gesellschaft zur Bewahrung der Berliner Geschichte – 1893

Nora zeigte auf einen Mann in der hinteren Reihe.

„Schau mal.“

David beugte sich vor.

„Was?“

„Der da.“

Ein großer Mann.

Schlank.

Dunkler Mantel.

Helle Haut.

David betrachtete das Gesicht.

„Und?“

Nora nahm ein zweites Foto vom Tisch.

Es war deutlich moderner.

Seidel stand vor einem Institut.

Neben ihm mehrere andere Personen.

Aufnahmedatum:

2019.

Nora zeigte auf einen Mann am Rand.

David sah genauer hin.

Dann wieder auf das Foto von 1893.

„Nein.“

„Doch.“

Es war dasselbe Gesicht.

Der gleiche Mann.

Fast unverändert.

David nahm beide Bilder.

„Fotomontage.“

„Das von 1893?“

„Dann sieht ihm jemand ähnlich.“

Nora verschränkte die Arme.

„Sehr ähnlich.“

David betrachtete beide Bilder erneut.

Zu ähnlich.

Er schob den Gedanken weg.

„Wir finden heraus, wer er ist.“

Da vibrierte Noras Telefon.

Sie nahm ab.

„Jessen.“

Kurze Pause.

Ihr Gesicht veränderte sich.

„Wo?“

David sah sie an.

Nora hörte noch einige Sekunden zu.

Dann legte sie auf.

„Wir haben noch einen.“

„Was?“

„Tote Frau.“

„Wo?“

„Wilmersdorf.“

„Gleiche Verletzungen?“

Nora nickte.

„Zwei Punkte am Hals.“

David fluchte leise.

Währenddessen saß Leonie Berger in einem Zimmer, dessen Existenz sie vor zwei Stunden noch für unmöglich gehalten hätte.

Es lag unter einem unscheinbaren Wohnhaus nahe dem Savignyplatz.

Kein Schild.

Keine Klingel.

Kein Hinweis.

Elisa hatte eine Tür in einem Keller geöffnet, die hinter einem alten Regal verborgen gewesen war.

Dahinter führte eine Treppe nach unten.

Sehr weit nach unten.

Leonie hatte irgendwann aufgehört, die Stufen zu zählen.

Jetzt saß sie auf einem Ledersofa.

Vor ihr stand eine Tasse Tee.

Sie hatte sie nicht angerührt.

Elisa lehnte an einem alten Holztisch.

„Also.“

Leonie sah sie an.

„Also?“

„Du wolltest Antworten.“

„Ich möchte vor allem wissen, ob ich gerade komplett verrückt werde.“

„Das wäre vermutlich angenehmer.“

Leonie schüttelte den Kopf.

„Ich habe gesehen, wie dieser Mann sich bewegt hat.“

„Cassian.“

„Ich weiß, wie er heißt.“

„Gut.“

„Das macht es nicht besser.“

Elisa setzte sich ihr gegenüber.

Leonie sah sich im Raum um.

Die Wände bestanden aus unverputztem Backstein.

In mehreren Regalen lagen Waffen.

Messer.

Armbrüste.

Pistolen.

Alte Bücher.

Auf einer Werkbank standen kleine Glasflaschen mit dunkler Flüssigkeit.

Leonie deutete darauf.

„Was ist das?“

„Später.“

„Nein.“

Elisa hob eine Augenbraue.

„Nein?“

„Seit zwei Stunden sagst du später.“

Leonie stand auf.

„Ich wurde von einem Mann verfolgt, der sich bewegt wie irgendetwas aus einem Horrorfilm. Dann erzählst du mir, Vampire existieren. Danach bringst du mich in einen geheimen Keller voller Waffen.“

Elisa sagte nichts.

„Also keine Geheimnisse mehr.“

Elisa betrachtete sie.

Dann nickte sie.

„In Ordnung.“

Sie setzte sich.

„Was willst du wissen?“

Leonie lachte kurz.

„Alles.“

„Das dauert.“

„Ich habe gerade nichts anderes vor.“

Elisa lehnte sich zurück.

„Vampire existieren.“

Leonie schwieg.

Der Satz klang auch beim zweiten Mal nicht besser.

„Nicht so, wie in Filmen.“

„Natürlich.“

„Sonnenlicht tötet sie nicht sofort.“

„Schade.“

„Knoblauch ist nutzlos.“

„Noch besser.“

„Kreuze funktionieren nur, wenn bestimmte Materialien verarbeitet wurden.“

Leonie starrte sie an.

„Du meinst das ernst.“

„Ja.“

Elisa deutete auf die Waffen.

„Silber verlangsamt sie. Bestimmte Legierungen können sie verletzen. Feuer funktioniert meistens.“

„Meistens?“

„Die älteren sind schwerer zu töten.“

Leonie dachte an Cassian.

„Wie alt ist er?“

Elisa antwortete nicht sofort.

„Wir wissen es nicht.“

„Schätzung.“

„Mindestens vierhundert Jahre.“

Leonie lachte.

Diesmal klang es fast verzweifelt.

„Natürlich.“

Elisa ließ sie.

Leonie ging durch den Raum.

„Und der Schwarze Hof?“

Elisa wurde ernst.

„Eine Vereinigung.“

„Von Vampiren?“

„Nicht nur.“

Leonie blieb stehen.

„Was soll das heißen?“

Elisa stand auf und ging zu einem Schrank.

Sie holte eine Mappe heraus.

Legte sie auf den Tisch.

„Berlin war schon immer ein guter Ort für Menschen, die verschwinden wollen.“

Sie öffnete die Mappe.

Alte Fotografien.

Dokumente.

Zeitungsartikel.

„Krieg. Krankheiten. politische Unruhen. Mauern. Flüchtlingsbewegungen. Millionen Menschen kommen und gehen.“

Sie schob Leonie ein Foto zu.

Es zeigte Männer in langen Mänteln.

Aufnahme vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Der Schwarze Hof hat dieses Chaos genutzt.“

„Wofür?“

„Zum Überleben.“

Leonie betrachtete die Gesichter.

„Sie töten Menschen.“

„Einige.“

„Einige?“

„Nicht jeder Vampir ist gleich.“

Leonie sah sie skeptisch an.

Elisa seufzte.

„Es gibt Vampire, die seit Jahrzehnten keine Menschen töten.“

„Und wovon leben die?“

„Blutkonserven. Tiere. Freiwillige.“

„Freiwillige?“

„Es gibt Menschen für alles.“

Leonie wollte lieber nicht darüber nachdenken.

Elisa nahm ein anderes Foto.

Darauf war Cassian zu sehen.

Schwarz-Weiß.

Datiert auf 1928.

Leonie schluckte.

Er sah genauso aus wie im Wald.

„Cassian gehörte zum Schwarzen Hof?“

„Er hat ihn geführt.“

„Hat?“

Elisa sah sie an.

„Der Hof wurde 1945 zerstört.“

„Von wem?“

„Von Menschen und Vampiren gemeinsam.“

Leonie blinzelte.

„Warum?“

„Weil Cassian etwas plante, das sogar anderen Vampiren zu weit ging.“

„Was?“

Elisa schwieg.

Leonie verschränkte die Arme.

„Keine Geheimnisse mehr.“

„Er wollte Berlin verändern.“

„Das klingt ziemlich ungenau.“

„Weil wir nicht wissen, wie.“

Elisa zog ein vergilbtes Dokument hervor.

„Wir wissen nur, dass dafür bestimmte Familien gebraucht wurden.“

Leonie sah die Namen.

Mehrere waren durchgestrichen.

Hoffmann.

Rosenfeld.

Albrecht.

Berger.

Leonie erstarrte.

„Das ist mein Name.“

„Ja.“

„Warum?“

Elisa sah sie an.

„Deine Familie war Teil eines Paktes.“

„Meine Familie hatte mit Vampiren zu tun?“

„Deine Vorfahren haben geholfen, den Schwarzen Hof zu versiegeln.“

Leonie setzte sich langsam.

„Versiegeln.“

„Nicht nur metaphorisch.“

Elisa zog eine weitere Fotografie heraus.

Darauf war ein steinernes Tor zu sehen.

Groß.

Verziert.

In die Oberfläche waren seltsame Symbole gemeißelt.

„Wo ist das?“

„Das weiß niemand mehr genau.“

„Du weißt nicht, wo ein riesiges Steintor steht?“

„Es steht nicht irgendwo sichtbar herum.“

„Wo dann?“

Elisa sah sie ernst an.

„Unter Berlin.“

David Stein erreichte Wilmersdorf kurz nach vier.

Der zweite Tatort lag in einer Tiefgarage.

Die Tote hieß Miriam Falk.

Vierundvierzig.

Anwältin.

Keine Vorstrafen.

Keine bekannten Feinde.

Wieder zwei Wunden am Hals.

Wieder fast kein Blut.

Wieder keine Blutspuren am Tatort.

„Das gefällt mir nicht“, sagte Nora.

David stand vor einer Betonsäule.

„Mir auch nicht.“

„Serientäter?“

„Nach zwei Opfern sage ich gar nichts.“

„Beide innerhalb von zwei Stunden.“

David betrachtete die Tote.

„Verbindung zwischen ihnen?“

Nora blickte auf ihr Tablet.

„Noch keine.“

„Arbeitsstellen.“

„Falk war Wirtschaftsanwältin.“

„Seidel Historiker.“

„Wohnorte unterschiedlich.“

„Familie?“

„Noch nichts.“

David ging einige Meter durch die Garage.

Dann blieb er stehen.

Auf dem Boden lag etwas.

Klein.

Metallisch.

David ging in die Hocke.

Eine Münze.

Nein.

Keine Münze.

Eine kleine runde Plakette.

Schwarz angelaufen.

Darauf befand sich ein Symbol.

Eine Art Krone über drei senkrechten Linien.

„Beutel.“

Nora reichte ihm einen Beweisbeutel.

David hob die Plakette vorsichtig auf.

„Schon mal gesehen?“

„Nein.“

David betrachtete das Zeichen.

„Foto machen und durch die Datenbanken jagen.“

„Mach ich.“

David steckte den Beutel ein.

„Und schick das Symbol an die Kollegen vom LKA.“

„Kunsthistoriker?“

„Auch.“

Nora sah ihn an.

„Kunsthistoriker?“

„Das Ding sieht alt aus.“

„Du wirst langsam wie Seidel.“

David grinste nicht.

Irgendetwas an dem Zeichen beunruhigte ihn.

Er wusste nur nicht warum.

Leonie hatte inzwischen ihre dritte Tasse Tee vor sich.

Auch diese war unberührt.

„Warum ich?“

Elisa stand an einem Regal.

„Weil du eine Berger bist.“

„Das beantwortet gar nichts.“

„Dein Blut gehört zu einer der letzten Familien, die das Siegel öffnen können.“

Leonie wurde blass.

„Mein Blut?“

„Ja.“

„Sehr beruhigend.“

Elisa drehte sich um.

„Cassian braucht dich lebend.“

„Das soll mich jetzt beruhigen?“

„Ein bisschen.“

„Tut es nicht.“

Elisa setzte sich wieder.

„Deine Familie hat über Generationen einen Teil des Wissens bewahrt.“

„Meine Mutter hat in einer Apotheke gearbeitet.“

„Und deine Großmutter?“

Leonie zögerte.

„Lehrerin.“

„Ihre Mutter?“

„Keine Ahnung.“

Elisa nickte.

„Genau.“

Leonie sah sie an.

„Was soll das heißen?“

„Dass irgendwann jemand in deiner Familie beschlossen hat, das Wissen nicht weiterzugeben.“

Leonie dachte nach.

Ihre Großmutter hatte nie viel über die Familie gesprochen.

Nicht über ihre Eltern.

Nicht über den Krieg.

Nicht über die Jahre davor.

Es hatte immer geheißen, die Unterlagen seien verloren gegangen.

„Das Tagebuch“, sagte Leonie.

„Was ist damit?“

„Vielleicht gehörte es jemandem aus meiner Familie.“

Elisa nickte.

„Das vermute ich.“

„Dann müssen wir zurück ins Archiv.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil Cassian weiß, wo es ist.“

„Das Tagebuch liegt dort.“

Elisa sah auf ihre Uhr.

„Nicht mehr.“

Leonie stand auf.

„Woher willst du das wissen?“

„Weil er es sich holen wird.“

Im Archiv in Charlottenburg hatte jemand sämtliche Lichter ausgeschaltet.

Cassian stand allein im Restaurierungsraum.

Das Tagebuch lag vor ihm.

Seine Finger glitten langsam über das alte Leder.

Hinter ihm öffnete sich die Tür.

Ein Mann trat ein.

Dunkler Anzug.

Graue Haare.

Professor Henrik Lorenz.

Cassian sah nicht auf.

„Du bist spät.“

Lorenz schloss die Tür.

„Ich musste sicherstellen, dass mir niemand folgt.“

Cassian lächelte.

„Menschen folgen dir jeden Tag.“

„Nicht diese Menschen.“

Cassian schlug das Tagebuch auf.

„Die Berger-Erbin lebt.“

Lorenz trat näher.

„Das weiß ich.“

Cassian sah ihn an.

„Moreau hat sie.“

„Auch das weiß ich.“

Cassians Augen wurden dunkel.

„Du weißt viel.“

Lorenz blieb ruhig.

„Das ist meine Aufgabe.“

„Deine Aufgabe war, sie zu finden.“

„Und das habe ich.“

Cassian schloss das Buch.

„Sie hat keine Ahnung, was sie ist.“

„Nein.“

„Gut.“

„Warum?“

Cassian lächelte.

„Weil Angst Menschen berechenbar macht.“

Lorenz sah zum Fenster.

„Der Hof ist noch nicht bereit.“

„Er wird bereit sein.“

„Du hast bereits zwei Menschen töten lassen.“

„Drei.“

Lorenz sah ihn an.

„Drei?“

Cassian nickte.

„Der dritte wurde vor einer Stunde gefunden.“

„Das war nicht vereinbart.“

Cassian ging auf ihn zu.

„Wir treffen keine Vereinbarungen, Henrik.“

Lorenz wich nicht zurück.

Cassian blieb direkt vor ihm stehen.

„Du dienst dem Hof.“

„Seit dreißig Jahren.“

„Dann solltest du inzwischen wissen, dass der Hof keine Geduld kennt.“

Cassian nahm seinen Mantel.

„Wo gehst du hin?“

„Spandau.“

Lorenz wurde sichtbar nervös.

„Warum?“

Cassian blieb an der Tür stehen.

„Weil sich dort jemand an Dinge erinnert, die besser vergessen geblieben wären.“

Er ging hinaus.

Lorenz blieb allein zurück.

Mehrere Sekunden lang bewegte er sich nicht.

Dann holte er sein Telefon hervor.

Er wählte eine Nummer.

Nach dem ersten Klingeln ging jemand ran.

„Ja?“

Lorenz flüsterte:

„Cassian fährt zur Zitadelle.“

Kurze Stille.

Dann antwortete eine Frauenstimme:

„Und Leonie?“

Lorenz sah auf das Tagebuch.

„Noch bei Elisa.“

„Gut.“

„Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

„Wie lange?“

Lorenz blickte auf die letzte Seite des Tagebuchs.

Dort stand ein Datum.

31. August.

Noch vier Tage.

„Bis zum Blutmond.“

Um 05:13 Uhr saß David Stein wieder in seinem Wagen.

Nora war bereits ins Präsidium gefahren.

David wollte gerade den Motor starten, als sein Telefon klingelte.

Unbekannte Nummer.

Er nahm ab.

„Stein.“

Niemand antwortete.

„Hallo?“

Ein leises Atmen.

Dann eine Männerstimme.

„Herr Stein.“

„Wer ist da?“

„Sie untersuchen die Todesfälle.“

David richtete sich auf.

„Woher wissen Sie das?“

„Der Historiker und die Anwältin.“

„Wer sind Sie?“

„Das ist nicht wichtig.“

„Für mich schon.“

Die Stimme ignorierte ihn.

„Suchen Sie nach dem Schwarzen Hof.“

David sagte nichts.

Sein Blick fiel auf den Beweisbeutel auf dem Beifahrersitz.

Die schwarze Plakette.

Die Krone.

Die drei Linien.

„Was ist der Schwarze Hof?“

Kurze Pause.

Dann:

„Der Grund, warum die Menschen sterben.“

David griff nach einem Stift.

„Treffen wir uns.“

„Nein.“

„Dann geben Sie mir einen Namen.“

Die Stimme flüsterte:

„Cassian Falkenberg.“

David schrieb den Namen auf.

„Wer ist das?“

Am anderen Ende hörte er plötzlich ein Geräusch.

Eine Tür.

Dann Schritte.

Die Stimme wurde hektisch.

„Er weiß, dass ich angerufen habe.“

„Wer?“

„Falkenberg.“

„Wo sind Sie?“

Keine Antwort.

„Hallo?“

Ein dumpfer Schlag.

Dann ein kurzer Schrei.

Die Verbindung brach ab.

David sah auf das Display.

Anruf beendet.

Er saß einige Sekunden regungslos da.

Dann startete er den Motor.

Im Keller unter Charlottenburg klingelte Elisas Telefon.

Sie nahm ab.

„Moreau.“

Leonie beobachtete sie.

Elisa hörte zu.

Ihr Gesicht wurde ernst.

„Bist du sicher?“

Pause.

„Wann?“

Wieder Stille.

„Verdammt.“

Sie legte auf.

Leonie stand auf.

„Was ist?“

Elisa ging zum Waffenschrank.

„Wir müssen los.“

„Wohin?“

Elisa zog eine Pistole heraus.

Prüfte das Magazin.

Nahm anschließend ein langes Messer.

Leonie betrachtete sie.

„Wohin?“

Elisa schloss den Schrank.

Dann sah sie Leonie an.

„Zur Zitadelle Spandau.“

„Warum?“

Elisa zog ihre Jacke an.

„Weil dort der einzige Mensch lebt, der weiß, wo sich das Tor befindet.“

„Und Cassian?“

Elisa blieb stehen.

„Ist bereits unterwegs.“

Leonie schluckte.

„Dann sollten wir vielleicht nicht hinfahren.“

Elisa öffnete die Tür.

„Wenn Cassian ihn zuerst findet, brauchen wir uns über das Tor keine Gedanken mehr zu machen.“

„Warum?“

Elisa sah sie an.

„Weil dann ganz Berlin ein Problem bekommt.“

Draußen begann langsam der Morgen.

Über den Häusern von Charlottenburg wurde der Himmel heller.

Menschen gingen zur Arbeit.

Busse fuhren.

Bäckereien öffneten.

Die Stadt erwachte.

Und niemand bemerkte, dass sich unter ihren Straßen etwas ebenfalls zu regen begann.

Tief unter Berlin.

Hinter einer Mauer, die seit Jahrzehnten niemand berührt hatte.

Erzitterte ein steinernes Tor.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Und aus der Dunkelheit dahinter kam ein leises Flüstern.

„Berger.“

Kapitel 3 – Die Zitadelle

Die Zitadelle Spandau lag still im frühen Morgenlicht.

Über den alten Mauern hing ein dünner Schleier aus Nebel, während die ersten Vögel zwischen den Bäumen zu hören waren. Von der Stadt drang nur ein fernes Rauschen herüber.

Leonie hätte den Ort unter anderen Umständen wahrscheinlich schön gefunden.

Heute empfand sie ihn nur als bedrohlich.

Elisa stellte den Wagen einige hundert Meter vom Eingang entfernt ab.

„Warum parken wir hier?“

„Weil Cassian weiß, welches Auto ich fahre.“

Leonie sah sie an.

„Natürlich weiß er das.“

Elisa öffnete die Tür.

„Gewöhn dich daran.“

„Ganz sicher nicht.“

Sie stiegen aus.

Leonie hatte seit Stunden nicht geschlafen. Ihre Augen brannten, ihr Kopf fühlte sich schwer an und jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken.

Sie folgte Elisa über einen schmalen Weg.

„Wer ist dieser Mann, den wir suchen?“

„Jakob Wendt.“

„Historiker?“

„Früher.“

„Was macht er jetzt?“

Elisa zögerte.

„Er versteckt sich.“

„Vor Cassian?“

„Vor vielen Dingen.“

Leonie blieb stehen.

„Das klingt wieder nach einer dieser Antworten, bei denen du mir nur die Hälfte sagst.“

Elisa drehte sich zu ihr.

„Jakob Wendt gehörte einmal zu einer Gruppe, die den Schwarzen Hof überwacht hat.“

„Menschen?“

„Überwiegend.“

„Überwiegend?“

„Leonie.“

„Schon gut.“

Sie gingen weiter.

Die massiven Mauern der Zitadelle ragten vor ihnen auf.

Leonie war schon als Kind einige Male hier gewesen.

Schulausflug.

Museumsbesuch.

Später mit Freunden.

Doch heute wirkte alles anders.

Älter.

Schwerer.

Als würde der Ort etwas verbergen.

Elisa führte sie nicht zum Haupteingang.

Stattdessen gingen sie an einer seitlichen Mauer entlang.

Dort befand sich eine kleine metallene Tür.

Keine Beschriftung.

Elisa klopfte.

Dreimal.

Pause.

Zweimal.

Nichts geschah.

„Vielleicht ist er nicht da.“

Elisa klopfte erneut.

Diesmal öffnete sich hinter der Tür ein kleines Sichtfenster.

Ein Auge erschien.

„Moreau.“

Die Stimme klang alt und misstrauisch.

„Mach auf, Jakob.“

„Du solltest nicht hier sein.“

„Cassian kommt.“

Das Auge verschwand.

Mehrere Schlösser wurden geöffnet.

Die Tür schwang auf.

Ein Mann stand dahinter.

Vielleicht Anfang siebzig.

Graues Haar.

Vollbart.

Dünne Brille.

Er trug einen alten Wollpullover und eine dunkelgrüne Hose.

Sein Blick fiel sofort auf Leonie.

Er wurde blass.

„Nein.“

Leonie blieb stehen.

„Was?“

Jakob trat einen Schritt zurück.

„Sie darf nicht hier sein.“

Elisa schob Leonie hinein.

„Zu spät.“

Jakob schloss die Tür.

Dann verriegelte er sämtliche Schlösser.

„Bist du wahnsinnig geworden?“

„Cassian hat sie bereits gefunden.“

Jakob sah Leonie an.

Lange.

Zu lange.

„Wie heißt du?“

„Leonie Berger.“

Jakob schloss kurz die Augen.

„Dann hat es begonnen.“

Leonie verschränkte die Arme.

„Können heute bitte alle aufhören, solche Sätze zu sagen?“

Jakob sah sie überrascht an.

Elisa musste kurz lächeln.

„Sie gewöhnt sich schnell.“

„Nein“, sagte Leonie. „Tue ich nicht.“

Jakob ging einen schmalen Gang entlang.

„Kommt.“

Der Raum hinter der Tür sah nicht aus wie ein Versteck.

Eher wie ein Archiv.

Regale voller Bücher.

Akten.

Historische Karten.

Holzkisten.

Auf einem Tisch lagen mehrere alte Waffen.

Silberne Klingen.

Ein Revolver.

Kleine Fläschchen.

Leonie blieb stehen.

„Ihr scheint alle dieselben Hobbys zu haben.“

Jakob ignorierte den Kommentar.

Er zog eine große Karte von Berlin aus einer Rolle.

Sie war alt.

Sehr alt.

„Das ist die Stadt um 1730.“

Leonie trat näher.

„Und?“

Jakob deutete auf mehrere schwarze Markierungen.

„Hier.“

Eine befand sich nahe Spandau.

Eine zweite ungefähr dort, wo heute Charlottenburg lag.

Eine weitere südlich von Köpenick.

„Was sind das?“

„Zugänge.“

„Zu was?“

Jakob sah sie an.

„Zum Hof.“

Leonie schwieg.

Elisa trat neben sie.

„Der Schwarze Hof war nie ein einzelner Ort.“

Jakob nickte.

„Es war ein Netzwerk.“

Er fuhr mit dem Finger über die Karte.

„Unterirdische Räume. Tunnel. Keller. Krypten. Einige existierten bereits lange vor dem modernen Berlin.“

Leonie sah die Linien.

„Das soll alles miteinander verbunden sein?“

„War es.“

„Und heute?“

„Niemand weiß es genau.“

Jakob nahm eine zweite Karte.

Diese stammte offenbar aus den 1930er-Jahren.

Darauf waren deutlich mehr Linien eingezeichnet.

„Während des 19. Jahrhunderts wurde das System erweitert.“

Er zeigte auf Charlottenburg.

„Neue Tunnel.“

Dann auf Mitte.

„Kelleranlagen.“

Weiter Richtung Spandau.

„Fluchtwege.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Warum braucht ein Vampir Fluchtwege?“

Jakob sah sie ernst an.

„Weil auch Vampire Feinde haben.“

Elisa trat an das Fenster.

„Cassian hatte viele.“

Jakob nickte.

„Vor allem in den letzten Jahren des Hofes.“

Leonie blickte zwischen beiden hin und her.

„Was ist damals passiert?“

Jakob schwieg.

Elisa übernahm.

„Der Schwarze Hof war ursprünglich ein Bündnis.“

„Zwischen Vampiren?“

„Zwischen Vampiren und Menschen.“

Leonie sah sie ungläubig an.

„Menschen haben freiwillig mit ihnen zusammengearbeitet?“

Jakob lachte trocken.

„Menschen arbeiten mit allem zusammen, wenn sie glauben, daraus Macht zu gewinnen.“

Er setzte sich.

„Politiker. Händler. Ärzte. Militärs. Adelige.“

„Und meine Familie?“

Stille.

Jakob sah auf die Karte.

„Die Bergers waren anders.“

Leonie trat näher.

„Wie anders?“

„Sie gehörten zu den Hütern.“

„Was ist ein Hüter?“

Jakob sah sie an.

„Jemand, der dafür sorgt, dass bestimmte Dinge geschlossen bleiben.“

Leonie dachte an das Tor.

„Das Siegel.“

Jakob nickte.

„Deine Familie besaß einen Teil davon.“

„Besitzt.“

Jakob wurde still.

Leonie bemerkte es.

„Was?“

Er sah zu Elisa.

„Du hast es ihr nicht gesagt.“

Elisa verschränkte die Arme.

„Ich wollte sicher sein.“

„Sicher womit?“, fragte Leonie.

Niemand antwortete.

„Elisa.“

Jakob stand auf.

„Zeig ihr deine Hand.“

Leonie starrte ihn an.

„Meine Hand?“

„Die linke.“

Leonie hob langsam die Hand.

„Und jetzt?“

„Handfläche.“

Sie drehte sie um.

Nichts Besonderes.

Dann nahm Jakob eine kleine Flasche aus einem Regal.

„Was ist das?“

„Nur Wasser.“

Leonie sah Elisa an.

Elisa nickte.

Jakob gab einen Tropfen auf Leonies Handfläche.

Zunächst geschah nichts.

Dann brannte es.

Leonie zog erschrocken die Hand zurück.

„Was zum—“

Unter ihrer Haut erschien eine dunkle Linie.

Dann eine zweite.

Eine dritte.

Sie bildeten ein Zeichen.

Eine Art Kreis.

Darin drei senkrechte Linien.

Darüber eine Krone.

Leonie erstarrte.

Dasselbe Symbol wie auf den alten Dokumenten.

„Was ist das?“

Jakob wurde blass.

„Das Siegel der Hüter.“

Leonie starrte auf ihre Hand.

Nach wenigen Sekunden verblasste das Zeichen wieder.

„Das war vorher nicht da.“

„Doch.“

„Ich hätte es gesehen.“

„Nicht mit bloßem Auge.“

Leonie sah Elisa an.

„Du wusstest davon.“

„Ich habe es vermutet.“

„Du hast gesagt, keine Geheimnisse mehr.“

„Ich musste wissen, ob du wirklich eine Hüterin bist.“

Leonie lachte kurz.

„Eine Hüterin. Natürlich.“

Sie ging einige Schritte durch den Raum.

„Gestern habe ich Papier restauriert. Heute habe ich irgendein Vampirsymbol unter der Haut.“

Jakob beobachtete sie.

„Das Zeichen wird vererbt.“

„Wie?“

„Blut.“

Leonie blieb stehen.

„Schon wieder Blut.“

Jakob nickte.

„Bei Vampiren dreht sich fast alles darum.“

David Stein saß währenddessen im Präsidium vor seinem Rechner.

Auf dem Bildschirm war das Symbol aus der Tiefgarage zu sehen.

Krone.

Drei Linien.

Schwarzer Kreis.

Nora stellte einen Kaffee neben ihn.

„Du siehst furchtbar aus.“

„Danke.“

„War als Kompliment gemeint.“

David nahm den Becher.

„Irgendwas zum Symbol?“

„LKA nichts.“

„Bundeskriminalamt?“

„Auch nichts.“

„Interpol?“

„Läuft.“

Nora setzte sich auf die Schreibtischkante.

„Aber wir haben etwas anderes.“

Sie legte eine Akte vor ihn.

„Thomas Seidel und Miriam Falk kannten sich.“

David öffnete sie.

„Woher?“

„Stiftung für historische Stadtforschung.“

„Seidel war Historiker.“

„Falk saß im Vorstand.“

David blätterte weiter.

„Sonst noch jemand?“

„Ja.“

Nora zeigte auf eine Liste.

„Professor Henrik Lorenz.“

David blieb bei dem Namen hängen.

„Der Historiker.“

„Du kennst ihn?“

„Vom Fernsehen.“

„Genau der.“

Sie deutete auf weitere Namen.

„Und ein Jakob Wendt.“

David sah auf.

„Wendt.“

„Ehemaliger Archivar. Seit Jahren offiziell im Ruhestand.“

„Adresse?“

Nora grinste.

„Du wirst lachen.“

„Vermutlich nicht.“

„Spandau.“

David nahm seine Jacke.

Leonie saß inzwischen an Jakobs Tisch.

Vor ihr lagen drei Fotografien.

Das älteste Bild war aus dem Jahr 1895.

Darauf standen fünf Personen.

Vier Männer.

Eine Frau.

Jakob deutete auf die Frau.

„Clara Berger.“

Leonie betrachtete ihr Gesicht.

Etwas daran war vertraut.

Nicht ähnlich genug, um sofort an Familie zu denken.

Aber die Augen.

Vielleicht.

„Meine Vorfahrin?“

„Ururgroßmutter.“

Leonie hob den Blick.

„Du weißt das ziemlich genau.“

„Ich habe die Familienlinien jahrzehntelang untersucht.“

„Warum?“

Jakob schwieg.

Elisa sah ihn an.

„Sag es ihr.“

Jakob atmete tief durch.

„Weil ich selbst einer der Hüter war.“

Leonie starrte ihn an.

„Du bist ein Berger?“

„Nein.“

„Dann wie?“

„Es gab mehrere Familien.“

Er zeigte auf die Namen.

„Berger. Rosenfeld. Wendt. Albrecht.“

Leonie sah wieder auf die Liste aus dem Tagebuch.

„Die Namen.“

„Ja.“

„Was ist mit den anderen Familien passiert?“

Jakob antwortete nicht sofort.

„Rosenfeld starb aus.“

„Albrecht?“

„Die letzte bekannte Nachfahrin verschwand 1987.“

„Und Wendt?“

Jakob lächelte traurig.

„Ich.“

Leonie sah ihn an.

„Dann sind wir die letzten?“

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Es gibt Familienzweige, die wir aus den Augen verloren haben.“

Elisa trat näher.

„Aber Cassian interessiert nur Leonie.“

Jakob wurde ernst.

„Weil Berger das Herz des Siegels besitzt.“

Leonie schloss kurz die Augen.

„Was ist jetzt wieder das Herz des Siegels?“

Jakob zog eine kleine Holzkiste hervor.

Er öffnete sie.

Darin lag ein alter metallener Gegenstand.

Etwa so groß wie eine Münze.

Schwarz.

In der Mitte befand sich eine Vertiefung.

„Das ist ein Teil des Mechanismus.“

„Mechanismus?“

„Das Tor wurde nicht einfach zugemauert.“

Jakob hob das Stück hoch.

„Es wurde verschlossen.“

„Mit einem Schlüssel?“

„Mit vier.“

Leonie sah die Vertiefung.

„Und das ist einer davon.“

„Nein.“

Jakob legte das Metall zurück.

„Das ist nur eine Kopie.“

„Wo ist das Original?“

Jakob sah sie an.

„Das weiß ich nicht.“

Elisa schnaubte.

„Das wird immer besser.“

Jakob ignorierte sie.

„1945 wurden die Schlüssel getrennt.“

„Von wem?“

„Den Hütern.“

„Und einer ging an meine Familie.“

„Ja.“

Leonie dachte nach.

„Wenn Cassian mich braucht, dann glaubt er also, ich hätte diesen Schlüssel.“

Jakob sah sie an.

„Nein.“

„Nein?“

„Er glaubt, du bist der Schlüssel.“

Stille.

Leonie spürte, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog.

„Was soll das heißen?“

Jakob wollte antworten.

Da hörte Elisa ein Geräusch.

Sie hob sofort die Hand.

„Still.“

Alle verstummten.

Ein dumpfer Schlag.

Von draußen.

Dann noch einer.

Jakob wurde blass.

„Die Tür.“

Elisa zog die Pistole.

„Gibt es einen zweiten Ausgang?“

„Ja.“

„Wo?“

Jakob zeigte auf ein Regal.

„Dahinter.“

Ein weiterer Schlag.

Metall knirschte.

Leonie sprang auf.

„Cassian?“

Elisa schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Woher weißt du das?“

Ein dritter Schlag.

Die Tür gab nach.

Elisa sah zur Wand.

„Cassian klopft nicht.“

Das Metall wurde nach innen gedrückt.

Dann war es still.

Zu still.

Elisa hob die Waffe.

„Jakob.“

„Ich weiß.“

Er öffnete eine Schublade.

Holte einen alten Revolver heraus.

Leonie starrte ihn an.

„Kann hier eigentlich irgendjemand keine Waffe benutzen?“

„Hinter mich.“

Die Tür wurde aus den Angeln gerissen.

Sie flog durch den Gang.

Dann erschienen zwei Männer.

Schwarze Kleidung.

Blasse Haut.

Dunkle Augen.

Elisa feuerte sofort.

Der erste Vampir wurde an der Schulter getroffen.

Er taumelte zurück.

Der zweite bewegte sich blitzschnell.

Jakob schoss.

Die Kugel traf ihn in die Brust.

Keine Wirkung.

„Silber!“, rief Elisa.

„War Silber!“

„Dann ist er älter!“

„Das wäre eine Information für vorher gewesen!“

Der Vampir sprang.

Elisa wich aus.

Seine Hand schlug gegen die Wand.

Backsteine brachen heraus.

Leonie rannte zum Regal.

Der erste Vampir packte Jakob.

Hob ihn vom Boden.

„Wo ist das Siegel?“

Jakob spuckte ihm ins Gesicht.

„Fahr zur Hölle.“

Der Vampir lächelte.

„Da war ich schon.“

Dann schleuderte er Jakob gegen den Tisch.

Leonie schrie.

Elisa feuerte erneut.

Der Vampir wurde getroffen.

Diesmal direkt im Hals.

Er ließ Jakob fallen.

„Leonie!“

Elisa warf ihr etwas zu.

Das Messer.

Leonie fing es beinahe nicht.

„Was soll ich damit?!“

„Benutz es!“

„Ich habe noch nie jemanden erstochen!“

„Dann ist heute ein guter Tag zum Lernen!“

Der zweite Vampir kam auf Leonie zu.

Langsam.

Er grinste.

„Berger.“

Leonie wich zurück.

„Alle scheinen mich zu kennen.“

„Dein Blut kennt jeder.“

Er sprang.

Leonie hob instinktiv das Messer.

Die Klinge traf ihn unterhalb des Brustbeins.

Der Vampir hielt inne.

Seine Augen weiteten sich.

Leonie starrte ihn an.

„Oh.“

Dann begann seine Haut zu reißen.

Schwarze Linien liefen über sein Gesicht.

Er schrie.

Leonie ließ das Messer los.

Der Vampir fiel zu Boden.

Innerhalb weniger Sekunden zerfiel sein Körper zu einer grauen, trockenen Masse.

Leonie stand regungslos da.

„Ich habe gerade—“

„Ja“, sagte Elisa.

„Ich habe—“

„Später.“

Der andere Vampir sah den zerfallenen Körper.

Dann Leonie.

Zum ersten Mal wirkte er unsicher.

„Sie trägt das Zeichen.“

Elisa lächelte kalt.

„Überraschung.“

Der Vampir rannte.

Nicht auf Leonie.

Zur Tür.

Elisa schoss.

Zu spät.

Er verschwand.

„Verdammt.“

Jakob richtete sich mühsam auf.

Blut lief aus einer Wunde an seiner Stirn.

„Er wird Cassian berichten.“

„Das war sowieso der Plan“, sagte Elisa.

Leonie drehte sich zu ihr.

„Welcher Plan?“

Elisa schwieg.

Leonie trat näher.

„Elisa.“

„Wir mussten wissen, ob das Siegel aktiv ist.“

Leonie starrte sie an.

„Ihr habt mich getestet?“

„Nicht so.“

„Was bedeutet nicht so?“

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie uns hier angreifen.“

„Aber du hast gewusst, dass etwas passieren könnte.“

Elisa antwortete nicht.

Leonie hob beide Hände.

„Unglaublich.“

Jakob stand langsam auf.

„Sie hatte keine Wahl.“

Leonie sah ihn an.

„Ihr habt anscheinend alle ständig keine Wahl.“

Ein Geräusch von draußen unterbrach sie.

Motoren.

Türen.

Stimmen.

Elisa ging zum schmalen Fenster.

„Polizei.“

Jakob wurde nervös.

„Wie haben die uns gefunden?“

Leonie sah durch das Fenster.

Mehrere Fahrzeuge standen draußen.

Ein Mann stieg aus.

Dunkle Jacke.

Bartstoppeln.

Müder Blick.

David Stein.

Er sprach mit einer Kollegin.

Elisa fluchte.

„Wir müssen weg.“

„Warum?“

„Weil ich keine Lust habe, einem Kriminalbeamten zu erklären, warum hier gerade zwei Vampire zu Staub zerfallen sind.“

Leonie sah auf den Boden.

„Nur einer.“

Elisa blickte zur offenen Tür.

„Stimmt.“

Jakob schob das Regal zur Seite.

Dahinter erschien eine schmale Öffnung.

Ein Tunnel.

„Der führt unter die Bastion.“

Leonie blickte noch einmal zum Fenster.

David näherte sich.

„Was ist mit ihm?“

Elisa sah sie an.

„Wer?“

„Der Polizist.“

„Stein.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Du kennst ihn?“

„Vom Namen.“

„Warum?“

Elisa antwortete nicht.

Jakob wurde plötzlich still.

Er sah David durch das Fenster.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Nein.“

Elisa drehte sich zu ihm.

„Was?“

Jakob trat näher ans Fenster.

„Das kann nicht sein.“

„Was ist?“

Jakob zeigte auf David.

„Sein Gesicht.“

Leonie sah zwischen beiden hin und her.

„Was ist mit seinem Gesicht?“

Jakob ging hastig zu einem Regal.

Er zog eine alte Mappe heraus.

Blätterte.

Dann hielt er inne.

Er zog ein vergilbtes Foto heraus.

„Hier.“

Das Bild zeigte eine Gruppe von Männern vor der Zitadelle.

Aufnahmedatum:

1945.

Jakob zeigte auf einen Mann in Uniform.

Leonie nahm das Foto.

Sie sah zum Fenster.

Dann wieder auf das Bild.

Der Mann auf der Fotografie sah David Stein erschreckend ähnlich.

Fast identisch.

Leonie schluckte.

„Wer ist das?“

Jakob antwortete leise.

„Samuel Stein.“

„Verwandt?“

„Das hoffe ich.“

Elisa sah ihn an.

„Und wenn nicht?“

Jakob schwieg.

Von draußen erklang eine Stimme.

„Polizei!“

David.

„Herr Wendt?“

Jakob faltete das Foto zusammen.

„Wir müssen jetzt gehen.“

Leonie blieb stehen.

„Nein.“

Elisa sah sie an.

„Leonie.“

„Der Mann da draußen untersucht die Toten.“

„Genau deswegen.“

„Vielleicht kann er helfen.“

Jakob schüttelte den Kopf.

„Oder er ist Teil davon.“

Leonie blickte noch einmal zum Fenster.

David stand keine zwanzig Meter entfernt.

„Wovon?“

Jakob sah sie ernst an.

„Vom Hof.“

David Stein hob die Hand.

„Herr Wendt?“

Keine Antwort.

Die Tür stand offen.

Oder genauer:

Sie lag auf dem Boden.

Nora zog ihre Waffe.

„Das sieht nicht gut aus.“

David trat hinein.

Der Gang war leer.

Auf dem Boden lagen Metallstücke.

Holzsplitter.

Und etwas Graues.

Nora kniete sich hin.

„Asche?“

David betrachtete die Spuren.

„Vielleicht.“

Sie gingen weiter.

Der Raum dahinter war verwüstet.

Ein Tisch war zerbrochen.

Ein Regal umgestürzt.

Auf dem Boden lag Blut.

Nicht viel.

David sah die alten Karten.

Die Waffen.

Dann bemerkte er etwas.

Ein Messer.

Es lag mitten im Raum.

Die Klinge war schwarz verfärbt.

David zog einen Handschuh an und hob es auf.

In den Griff war ein Symbol eingraviert.

Krone.

Drei Linien.

Kreis.

Dasselbe Zeichen wie auf der Plakette.

Nora sah ihn an.

„Das ist unser Symbol.“

David nickte.

Dann bemerkte er ein Foto auf dem Boden.

Er hob es auf.

Eine Aufnahme von 1945.

Mehrere Männer.

Einer davon sah ihm ähnlich.

Sehr ähnlich.

David starrte das Gesicht an.

Nora kam näher.

„David?“

Er antwortete nicht.

Sie sah auf das Foto.

„Okay.“

David schluckte.

„Das ist mein Großvater.“

„Sicher?“

„Samuel Stein.“

Nora nahm das Foto vorsichtig.

„Was hat dein Großvater hier gemacht?“

David sah durch das Zimmer.

Auf die Karten.

Das Symbol.

Das Messer.

Die Blutspuren.

„Keine Ahnung.“

Dann bemerkte er die Rückseite des Fotos.

Dort stand etwas.

Handschriftlich.

Die vier Hüter – Mai 1945.

Darunter vier Namen.

Samuel Stein.

Clara Berger.

Friedrich Wendt.

Emil Rosenfeld.

David las die Liste zweimal.

„Berger.“

Nora sah ihn an.

„Was?“

David deutete auf den Namen.

„Der Name kam heute schon vor.“

„Wo?“

Er griff nach seinem Telefon.

Öffnete die Daten aus Seidels Wohnung.

Eine Besucherregistrierung.

Ein Name.

Leonie Berger.

Sie hatte Seidel zwei Tage zuvor im Archiv getroffen.

David sah zur zerstörten Tür.

Dann auf das Foto seines Großvaters.

„Wir müssen diese Frau finden.“

Unterhalb der Zitadelle gingen Leonie, Elisa und Jakob durch einen schmalen Tunnel.

Feuchtigkeit tropfte von der Decke.

Ihre Schritte hallten über den Steinboden.

„Wie weit?“, fragte Leonie.

„Nicht mehr lange.“

„Das hast du vor zehn Minuten gesagt.“

Jakob blieb plötzlich stehen.

Vor ihnen befand sich eine Wand.

Darauf war dasselbe Symbol zu sehen wie auf Leonies Hand.

Jakob hob seine Taschenlampe.

„Das war vorher nicht hier.“

Elisa trat näher.

„Was meinst du?“

„Diese Wand.“

Er berührte den Stein.

„Sie war zugemauert.“

Leonie sah ihn an.

„Und jetzt nicht mehr?“

Jakob schüttelte den Kopf.

In der Mitte der Wand befand sich eine schmale Öffnung.

Dunkelheit dahinter.

Dann kam ein Geräusch.

Ein leises Flüstern.

Leonie hielt den Atem an.

„Habt ihr das gehört?“

Elisa hob die Waffe.

Jakob wurde blass.

Das Flüstern kam erneut.

Diesmal deutlicher.

Ein einziges Wort.

„Leonie.“

Sie wich zurück.

„Nein.“

Aus der Dunkelheit dahinter antwortete eine zweite Stimme.

Tiefer.

Älter.

Nicht menschlich.

„Das Herz ist zurück.“

Dann öffnete sich irgendwo tief unter ihnen eine Tür.

Kapitel 4 – Das Herz unter Spandau

Die Tür öffnete sich mit einem Geräusch, das Leonie durch Mark und Bein ging.

Stein schabte über Stein.

Langsam.

Schwer.

Als hätte sich seit Jahrzehnten nichts dahinter bewegt.

Elisa hob sofort ihre Pistole.

Jakob stand regungslos neben ihr.

Vor ihnen führte ein schmaler Gang weiter in die Dunkelheit.

Keine Beleuchtung.

Keine sichtbaren Kabel.

Keine modernen Spuren.

Nur grob behauener Stein.

Leonie starrte hinein.

„Das war vorher wirklich nicht da?“

Jakob schüttelte den Kopf.

„Nicht offen.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Für mich schon.“

Elisa zog eine kleine Taschenlampe aus ihrer Jacke.

Der Lichtstrahl glitt in den Gang.

Vielleicht zehn Meter.

Dann verschluckte die Dunkelheit alles.

„Wir gehen nicht da rein“, sagte Leonie.

Elisa sah sie an.

„Doch.“

„Natürlich.“

Leonie deutete hinter sich.

„Wir werden von Vampiren verfolgt, die Polizei ist irgendwo über uns, und jetzt hat irgendeine uralte Tür meinen Namen gesagt.“

„Technisch gesehen war es nicht die Tür.“

Leonie starrte Elisa an.

„Hilft gerade überhaupt nicht.“

Jakob trat näher an die Öffnung.

„Das ist ein alter Zugang.“

„Zum Schwarzen Hof?“, fragte Leonie.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

Jakob leuchtete auf die Wand.

Dort waren Symbole eingeritzt.

Ein Kreis.

Vier Linien.

Eine Krone.

Und darunter ein einzelnes Zeichen.

Ein Herz.

Leonie schluckte.

„Das ist neu.“

Jakob antwortete nicht.

„Jakob.“

„Ich habe dieses Zeichen seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen.“

Elisa trat neben ihn.

„Wo?“

Jakob sah sie an.

„Im Haus meines Großvaters.“

Stille.

„Er hat mir verboten, danach zu fragen.“

Leonie verschränkte die Arme.

„Und natürlich hast du gefragt.“

„Natürlich.“

„Was hat er gesagt?“

Jakob zögerte.

„Dass unter Berlin etwas schläft.“

Elisa blickte in den Gang.

„Etwas?“

„Er hat nie gesagt, was.“

„Großartig“, murmelte Leonie.

Dann kam wieder das Flüstern.

Leise.

Fast sanft.

„Leonie.“

Sie trat einen Schritt zurück.

„Nein.“

Elisa sah sie an.

„Es ruft nur dich.“

„Das macht es nicht besser.“

Jakob wurde plötzlich blass.

„Es erkennt ihr Blut.“

Leonie sah ihn scharf an.

„Kann heute bitte irgendetwas mal nicht mein Blut erkennen?“

Niemand antwortete.

Elisa ging voraus.

„Wir haben keine Zeit.“

„Wofür?“

Elisa blieb stehen.

„Für Cassian.“

Leonie atmete tief durch.

Dann folgte sie.

Der Gang führte abwärts.

Immer tiefer.

Die Luft wurde kälter.

Feuchter.

Und mit jedem Schritt hatte Leonie stärker das Gefühl, dass sie nicht mehr unter einer modernen Stadt unterwegs waren.

Keine Rohre.

Keine Stromleitungen.

Kein Beton.

Nur Stein.

Sehr alter Stein.

Jakob strich mit der Hand über eine Wand.

„Das hier ist älter als die Zitadelle.“

Elisa sah ihn an.

„Wie viel älter?“

„Schwer zu sagen.“

„Versuch es.“

„Vielleicht mehrere Jahrhunderte.“

Leonie blieb stehen.

„Mehrere?“

Jakob nickte.

„Einige dieser Anlagen wurden immer wieder überbaut.“

„Von wem?“

„Menschen.“

„Und davor?“

Jakob sagte nichts.

Leonie sah Elisa an.

Elisa hob die Schultern.

„Nicht alles wurde von Menschen gebaut.“

Leonie schloss kurz die Augen.

„Warum frage ich überhaupt noch?“

Sie gingen weiter.

Nach einigen Minuten erreichten sie eine Treppe.

Sie führte spiralförmig nach unten.

Jakob leuchtete in die Tiefe.

„Ich kenne diesen Bereich nicht.“

„Du hast hier gelebt“, sagte Leonie.

„Nicht hier unten.“

„Wie weit geht es?“

„Keine Ahnung.“

Elisa sah über die Schulter.

„Dann finden wir es heraus.“

Über ihnen ging David Stein langsam durch Jakobs zerstörtes Archiv.

Nora stand am Eingang.

„Keine Spur von Wendt.“

David betrachtete die verschobenen Regale.

„Hier waren mindestens drei Personen.“

„Woher weißt du das?“

„Drei verschiedene Schuhabdrücke.“

Nora trat näher.

„Und das Blut?“

„Nur eine Person, vermutlich Wendt.“

David ging zur Rückwand.

Der Stein dort wirkte ungewöhnlich.

Ein Teil des Bodens war aufgerieben.

Als hätte jemand etwas bewegt.

„Hilf mir.“

Nora griff an das Regal.

Gemeinsam schoben sie es zur Seite.

Dahinter erschien die schmale Tunnelöffnung.

Nora sah hinein.

„Nein.“

David nahm eine Taschenlampe.

„Was nein?“

„Nein im Sinne von: Wir gehen nicht in irgendeinen geheimen Tunnel unter einer alten Festung.“

David sah sie an.

„Natürlich gehen wir da rein.“

„Du guckst zu viele Krimiserien.“

„Das hier ist ein Kriminalfall.“

„Das ist genau das, was Leute in Krimiserien sagen, bevor ihnen etwas passiert.“

David grinste kurz.

Dann fiel sein Blick wieder auf das Foto seines Großvaters.

Das Lächeln verschwand.

„Sie sind da unten.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil jemand diesen Ausgang benutzt hat.“

Nora sah auf die dunkle Öffnung.

„Verstärkung?“

David dachte nach.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Noch nicht.“

„David.“

„Wir wissen nicht, wem wir trauen können.“

„Jetzt klingst du wirklich wie ein Verschwörungstheoretiker.“

David zeigte ihr das alte Foto.

„Mein Großvater steht auf einer Aufnahme von 1945 mit Leuten, die mit unseren Mordopfern verbunden sind.“

Nora schwieg.

„Und dieses Symbol taucht an zwei Tatorten auf.“

Sie sah auf das Messer.

„Okay.“

David holte seine Waffe.

„Wir sehen uns nur um.“

Nora zog ebenfalls ihre Pistole.

„Das sagen sie auch immer.“

Tief unter der Zitadelle endete die Wendeltreppe.

Vor Leonie lag eine große Kammer.

Sie blieb stehen.

„Wow.“

Selbst Elisa sagte nichts.

Der Raum war gewaltig.

Vielleicht dreißig Meter breit.

Die Decke verschwand teilweise im Dunkeln.

Vier massive Steinsäulen trugen das Gewölbe.

In der Mitte stand ein rundes Podest.

Darauf lag etwas.

Leonie ging langsam näher.

„Ist das …“

„Ein Sarkophag“, sagte Jakob.

Er wirkte nervös.

Sehr nervös.

„Was ist darin?“

„Ich hoffe, nichts.“

Elisa trat zum Podest.

„Hilfreich.“

Der Sarkophag war aus schwarzem Stein.

Auf seinem Deckel befand sich kein Name.

Nur dasselbe Symbol.

Krone.

Drei Linien.

Kreis.

Darunter ein Herz.

Leonie hob ihre linke Hand.

Das Zeichen unter ihrer Haut erschien wieder.

Von selbst.

„Oh nein.“

Elisa blickte zu ihr.

„Was?“

„Es reagiert.“

Ein dumpfes Geräusch ging durch die Kammer.

BUMM.

Leonie erstarrte.

„Was war das?“

Niemand antwortete.

BUMM.

Diesmal stärker.

Elisa sah zum Sarkophag.

„Das kam da drin her.“

Jakob schüttelte den Kopf.

„Nein.“

BUMM.

Leonie wich zurück.

„Das klingt wie—“

„Ein Herzschlag“, sagte Jakob.

Die drei sahen sich an.

Dann begann der Sarkophag zu vibrieren.

„Wir gehen“, sagte Leonie.

Elisa nickte.

„Ausnahmsweise bin ich völlig deiner Meinung.“

Sie drehten sich um.

Doch der Eingang war verschwunden.

Wo eben noch der Gang gewesen war, befand sich jetzt eine geschlossene Steinwand.

Leonie starrte darauf.

„Nein.“

Sie lief hin.

Drückte gegen den Stein.

„Nein, nein, nein.“

Jakob suchte die Wand ab.

„Es gibt einen Mechanismus.“

„Natürlich gibt es einen Mechanismus.“

Elisa sah zum Sarkophag.

„Ich glaube nicht, dass wir gehen können, bevor sie tut, was auch immer sie tun soll.“

Leonie drehte sich um.

„Ich tue gar nichts.“

BUMM.

Der Herzschlag wurde lauter.

BUMM.

Leonie spürte plötzlich einen stechenden Schmerz in ihrer Hand.

Sie schrie auf.

Das Zeichen leuchtete dunkelrot unter ihrer Haut.

„Leonie!“

Elisa rannte zu ihr.

Leonie sank auf die Knie.

Bilder schossen durch ihren Kopf.

Keine Erinnerungen.

Zumindest nicht ihre.

Berlin.

Aber anders.

Kutschen.

Schlammige Straßen.

Feuer.

Menschen liefen schreiend durch enge Gassen.

Dann ein Raum.

Dieser Raum.

Vier Menschen standen um den Sarkophag.

Eine Frau war unter ihnen.

Leonie erkannte sie sofort.

Clara Berger.

Ihre Vorfahrin.

Neben ihr stand Samuel Stein.

Davids Großvater.

Nein.

Das konnte zeitlich nicht stimmen.

Die Bilder sprangen.

Andere Menschen.

Andere Jahrzehnte.

Dasselbe Ritual.

Immer wieder.

Blut auf Stein.

Ein Tor.

Cassian.

Jünger.

Und doch genauso.

Dann hörte Leonie eine Stimme.

Nicht geflüstert.

Direkt in ihrem Kopf.

„Du bist nicht der Schlüssel.“

Leonie rang nach Luft.

„Du bist das Schloss.“

Sie riss die Augen auf.

Der Schmerz verschwand.

Elisa kniete neben ihr.

„Was ist passiert?“

Leonie atmete schwer.

„Ich habe etwas gesehen.“

Jakob kam näher.

„Was?“

Leonie sah zum Sarkophag.

„Meine Familie.“

„Clara?“

„Ja.“

„Was noch?“

Leonie schwieg.

Dann sagte sie:

„Mich.“

Elisa runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“

„Ich war hier.“

„Wann?“

„Ich weiß es nicht.“

Jakob sah beunruhigt aus.

Leonie stand langsam auf.

„Und die Stimme hat gesagt, ich bin nicht der Schlüssel.“

Elisa und Jakob sahen sich an.

„Was dann?“, fragte Elisa.

Leonie blickte zum Sarkophag.

„Das Schloss.“

BUMM.

Der Deckel bewegte sich.

Nur wenige Millimeter.

Aber eindeutig.

Jakob hob den Revolver.

„Zurück.“

Ein schwarzer Nebel quoll aus dem Spalt.

Elisa richtete ihre Waffe darauf.

Der Deckel bewegte sich erneut.

Dann blieb er stehen.

Stille.

Leonie wartete.

Nichts.

Elisa trat einen Schritt näher.

„Nicht“, sagte Jakob.

„Wenn da jemand drinliegt, möchte ich wissen wer.“

„Oder was.“

Elisa legte die Hand auf den Deckel.

Leonie sah plötzlich wieder ein Bild.

Clara Berger.

Blut auf ihren Händen.

Sie schrie.

Nicht öffnen!

„ELISA!“

Zu spät.

Elisa schob.

Der Deckel glitt zur Seite.

Im Sarkophag lag ein Mann.

Sehr alt.

Ausgetrocknet.

Fast mumifiziert.

Langes weißes Haar.

Die Haut spannte sich dünn über die Knochen.

Seine Hände lagen über der Brust.

Zwischen seinen Fingern befand sich ein schwarzer Metallgegenstand.

Ein Schlüssel.

Leonie hielt den Atem an.

Jakob wurde kreidebleich.

„Das ist unmöglich.“

Elisa sah ihn an.

„Du kennst ihn?“

Jakob trat näher.

„Nur von Bildern.“

„Wer ist es?“

Jakob schluckte.

„Matthias Berger.“

Leonie starrte ihn an.

„Berger?“

„Der erste bekannte Hüter deiner Linie.“

„Wann hat er gelebt?“

Jakob antwortete kaum hörbar.

„Im siebzehnten Jahrhundert.“

Leonie sah den Körper an.

„Warum liegt er hier?“

„Weil er offenbar nie gegangen ist.“

Dann öffnete Matthias Berger die Augen.

Leonie schrie und wich zurück.

Die Augen waren milchig weiß.

Sein Mund bewegte sich.

Ein trockenes Geräusch kam aus seiner Kehle.

Elisa hob die Waffe.

„Nicht schießen!“, rief Jakob.

Der Tote hob langsam den Kopf.

Dann sah er direkt zu Leonie.

„Berger.“

Seine Stimme klang wie trockenes Papier.

Leonie brachte kein Wort heraus.

Matthias streckte eine Hand aus.

„Komm.“

„Ganz sicher nicht.“

Er sah sie weiter an.

„Der Hof erwacht.“

„Das habe ich inzwischen verstanden.“

Sein Mund verzog sich beinahe zu einem Lächeln.

„Nein.“

Er hob den schwarzen Schlüssel.

„Du verstehst gar nichts.“

Leonie blieb stehen.

Matthias sah zum Eingang.

Als könne er durch die massive Wand sehen.

„Der Stein ist gekommen.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Was?“

Jakob erstarrte.

„Stein?“

Matthias nickte langsam.

„Das zweite Blut.“

David erreichte die Wendeltreppe.

Nora folgte ihm.

„Das wird immer absurder.“

„Du wolltest dabei sein.“

„Nein. Ich wollte verhindern, dass du allein gehst.“

Sie erreichten den unteren Gang.

David blieb stehen.

Vor ihm war die Luft seltsam kalt.

„Spürst du das?“

„Ja.“

Dann hörten beide den Herzschlag.

BUMM.

Nora hob die Waffe.

„Was zum Teufel ist das?“

David antwortete nicht.

Seine linke Hand begann zu brennen.

Er verzog das Gesicht.

„Verdammt.“

„Was ist?“

Er sah auf seine Handfläche.

Eine Linie erschien unter der Haut.

Dann eine zweite.

Ein Symbol.

Aber nicht dasselbe wie auf den Beweisen.

Ein geteilter Kreis.

Darin ein schwarzer Punkt.

Nora starrte darauf.

„David.“

„Ich sehe es.“

„Was ist das?“

„Keine Ahnung.“

Dann hörte er eine Stimme.

Leise.

Weit entfernt.

Und doch deutlich.

„Samuel.“

David erstarrte.

„Hast du das gehört?“

„Was?“

„Jemand hat meinen Großvater gerufen.“

Nora sah ihn an, als wäre sie nicht sicher, ob sie ihm glauben sollte.

Der Gang vor ihnen öffnete sich.

Von selbst.

In der Kammer richtete Matthias Berger seinen Blick plötzlich auf die Wand.

„Er ist hier.“

Elisa hob die Pistole.

„Cassian?“

Matthias schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Die Steinwand begann sich zu bewegen.

Leonie wich zurück.

Der Eingang erschien wieder.

Zwei Gestalten standen dahinter.

David Stein.

Und Nora Jessen.

David hob sofort seine Waffe.

Elisa tat dasselbe.

„Polizei! Waffe runter!“

„Das könnte schwierig werden“, sagte Elisa.

„Ich sage es nicht noch einmal.“

Leonie trat zwischen beide.

„Stopp!“

David sah sie an.

„Leonie Berger.“

Sie erstarrte.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Kriminalpolizei.“

„Das beantwortet die Frage nur teilweise.“

David blickte zum Sarkophag.

Dann zu Jakob.

Dann zu dem geöffneten Steinbehälter.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Was ist das?“

Nora sah hinein.

„Oh Gott.“

Matthias Berger drehte langsam den Kopf.

Seine milchigen Augen blieben an David hängen.

„Samuel Stein.“

David wurde blass.

„Nein.“

Matthias lächelte.

„Das Blut vergisst nie.“

Davids Hand begann erneut zu brennen.

Leonie sah das Zeichen.

„Du auch.“

David blickte zu ihr.

„Was auch?“

Leonie hob ihre Hand.

Ihr eigenes Symbol erschien.

Die beiden Zeichen reagierten aufeinander.

Ein tiefes Grollen ging durch die Kammer.

Jakob fluchte.

„Das hätte nicht passieren dürfen.“

Elisa sah ihn an.

„Was?“

„Zwei Linien des Siegels.“

Der Sarkophag begann zu beben.

Matthias Berger griff nach Leonies Arm.

Seine Hand war überraschend stark.

„Hört mir zu.“

Leonie wollte sich losreißen.

„Lassen Sie mich los.“

„Der Schwarze Hof wurde nicht versiegelt, um die Vampire draußen zu halten.“

Alle verstummten.

Leonie sah ihn an.

„Was?“

Matthias’ milchige Augen bewegten sich zum Boden.

„Er wurde versiegelt, um etwas darunter einzuschließen.“

Ein Geräusch kam aus der Tiefe.

Tiefer als zuvor.

Nicht der Herzschlag.

Etwas anderes.

Ein Kratzen.

Dann ein dumpfer Schlag.

Die gesamte Kammer erzitterte.

Staub rieselte von der Decke.

David hob seine Waffe.

„Was ist da unten?“

Matthias sah ihn an.

Zum ersten Mal lag echte Angst in seinem Gesicht.

„Etwas, vor dem selbst Cassian Falkenberg Angst hat.“

BUMM.

Ein Riss zog sich durch den Boden.

Leonie wich zurück.

Aus der Spalte drang warme Luft.

Und ein Geruch.

Metallisch.

Süßlich.

Blut.

Matthias schloss die Augen.

„Zu spät.“

Elisa blickte ihn an.

„Was ist zu spät?“

Er öffnete die Augen wieder.

„Cassian hat nicht versucht, den Schwarzen Hof zu öffnen.“

Stille.

„Er versucht, ihn aufzuhalten.“

Leonie spürte, wie ihr kalt wurde.

„Aufzuhalten vor was?“

Matthias Berger sah in die schwarze Spalte im Boden.

Dann flüsterte er:

„Vor seinem König.“

Tief unter ihnen begann etwas zu lachen.

Kapitel 5 – Der König unter Berlin

Das Lachen kam aus der Tiefe.

Langsam.

Rau.

Und viel zu menschlich.

Leonie stand regungslos am Rand des Risses im Boden.

Warme Luft strömte daraus hervor.

Sie roch nach altem Stein, Feuchtigkeit und etwas Metallischem.

Blut.

David trat einen Schritt näher.

„Was ist da unten?“

Matthias Berger lag halb aufgerichtet im Sarkophag.

Seine milchigen Augen waren auf die schwarze Öffnung gerichtet.

„Etwas, das niemals hätte erwachen dürfen.“

Elisa hob ihre Pistole.

„Das hören wir heute ziemlich oft.“

Matthias ignorierte sie.

„Der Schwarze Hof war nie Cassians Reich.“

Leonie sah ihn an.

„Aber Cassian hat ihn doch geführt.“

„Ja.“

„Dann war es sein Reich.“

Matthias schüttelte langsam den Kopf.

„Cassian war ein Verwalter.“

„Für wen?“

Matthias antwortete nicht.

Das Lachen kam erneut.

Diesmal näher.

Nora wich zurück.

„Ich glaube, wir sollten hier raus.“

„Endlich sagt es mal jemand“, murmelte Leonie.

David blickte zu Jakob.

„Gibt es einen Ausgang?“

„Der Gang hinter uns.“

„Dann los.“

Matthias hob die Hand.

„Wenn ihr jetzt geht, sterben Tausende.“

Stille.

Leonie schloss kurz die Augen.

„Natürlich.“

David sah ihn an.

„Erklären Sie das.“

Matthias richtete sich mühsam weiter auf.

Bei jeder Bewegung knackten seine Gelenke.

„Der Hof wurde vor Jahrhunderten erbaut, um einen einzigen Vampir einzuschließen.“

Elisa wurde blass.

„Wer?“

Matthias sah sie an.

„Aurelian.“

Jakob erstarrte.

„Das ist nur eine Legende.“

„Nein.“

„Aurelian hat nie existiert.“

Matthias lächelte schwach.

„Ich habe ihn gesehen.“

Jakob schwieg.

Leonie blickte zwischen ihnen hin und her.

„Kann mir jemand erklären, wer Aurelian ist?“

Elisa antwortete diesmal.

„Der erste König des Hofes.“

„Vampirkönig?“

„So nennt man ihn in den alten Texten.“

„Wie alt?“

Elisa sah zu Matthias.

„Älter als Berlin.“

Matthias nickte.

„Viel älter.“

Leonie atmete aus.

„Natürlich.“

David verschränkte die Arme.

„Und was genau macht ihn gefährlicher als die anderen?“

Matthias sah ihn lange an.

„Cassian tötet, wenn er es für notwendig hält.“

„Beruhigend.“

„Aurelian tötet, weil er es genießt.“

Das Lächeln verschwand aus Davids Gesicht.

Matthias fuhr fort.

„Und er verwandelt nicht einzelne Menschen.“

„Sondern?“, fragte Nora.

„Ganze Gruppen.“

Elisa senkte die Waffe etwas.

„Wie viele?“

„So viele, wie er will.“

Der Riss im Boden vibrierte.

Ein dumpfer Schlag kam aus der Tiefe.

BUMM.

Leonie blickte hinunter.

„Ist er da unten?“

Matthias nickte.

„Noch.“

„Noch?“

„Das Siegel hält ihn fest.“

Leonie hob ihre Hand.

Das Zeichen unter ihrer Haut war wieder sichtbar.

„Und ich bin das Schloss.“

„Ja.“

David sah auf seine eigene Handfläche.

Sein Symbol war ebenfalls noch da.

„Und was bin ich?“

Matthias wandte sich ihm zu.

„Die zweite Hälfte.“

David runzelte die Stirn.

„Wovon?“

„Vom Mechanismus.“

Jakob trat näher.

„Das alte Siegel hatte vier Familien.“

„Warum braucht man dann nur zwei?“, fragte Nora.

Matthias sah zu Leonie.

„Weil zwei Linien zerstört wurden.“

„Rosenfeld und Albrecht“, sagte Leonie.

„Ja.“

David sah Matthias scharf an.

„Dann müsste das Siegel doch längst gebrochen sein.“

„Fast.“

„Was heißt fast?“

Matthias legte die knochigen Hände auf den Rand des Sarkophags.

„Die verbliebenen Linien haben die Last übernommen.“

Leonie sah zu David.

„Berger und Stein.“

„Genau.“

David schüttelte den Kopf.

„Mein Großvater hieß Samuel Stein. Er war Polizist. Mehr weiß ich nicht.“

„Er war Hüter.“

David lachte kurz.

„Das behaupten hier alle.“

„Weil es wahr ist.“

Matthias streckte die Hand aus.

„Dein Blut trägt sein Zeichen.“

David wich zurück.

„Fassen Sie mich nicht an.“

Matthias ließ die Hand sinken.

„Du bist wie er.“

„Sie kannten ihn?“

„Sehr gut.“

David schwieg.

„Samuel war mutig.“

„Mein Vater hat nie von ihm gesprochen.“

„Das hatte Gründe.“

„Welche?“

Matthias schloss die Augen.

„Samuel starb nicht so, wie man dir erzählt hat.“

David erstarrte.

„Was heißt das?“

Nora sah ihn an.

„David?“

Er ignorierte sie.

„Mein Großvater ist 1951 gestorben.“

Matthias öffnete die Augen.

„Nein.“

„Ich habe seine Sterbeurkunde gesehen.“

„Sie war gefälscht.“

David ging einen Schritt auf ihn zu.

„Woher wissen Sie das?“

„Weil Samuel Stein 1951 noch lebte.“

Stille.

„Wie lange?“, fragte David.

Matthias antwortete nicht sofort.

„Bis 1978.“

David wurde blass.

„Das ist unmöglich.“

„Nein.“

„Mein Vater war damals zwölf.“

„Und Samuel durfte ihn nie wiedersehen.“

David starrte ihn an.

Leonie bemerkte, wie seine Hand zitterte.

Nur leicht.

Aber sie sah es.

„Warum?“, fragte David.

Matthias sah zum Riss.

„Weil Cassian ihn gejagt hat.“

Über der Zitadelle war inzwischen die Sonne aufgegangen.

Touristen standen vor verschlossenen Zugängen.

Mitarbeiter diskutierten mit der Polizei.

Niemand wusste, was tief unter ihnen geschah.

Und niemand sah den schwarzen Wagen, der auf der anderen Seite der Havel hielt.

Cassian Falkenberg stieg aus.

Seine Schulter war vollständig verheilt.

Ein Mann wartete bereits auf ihn.

Professor Henrik Lorenz.

„Du bist spät.“

Cassian ging an ihm vorbei.

„Ich musste jemanden überzeugen.“

Lorenz bemerkte das Blut an seinem Ärmel.

„Erfolgreich?“

„Nein.“

„Dann ist er tot.“

Cassian sah ihn an.

Lorenz schwieg.

„Die Kammer ist offen“, sagte Cassian.

„Ich weiß.“

Cassian blieb stehen.

„Woher?“

„Das Siegel reagiert.“

„Du kannst es spüren?“

Lorenz nickte.

Cassian musterte ihn.

„Du hast mir nie gesagt, dass du das kannst.“

„Du hast nie gefragt.“

Für einen Moment lag etwas Gefährliches in Cassians Blick.

Dann ging er weiter.

„Leonie ist dort.“

„Ja.“

„Stein ebenfalls.“

Lorenz sah ihn überrascht an.

„David Stein?“

„Das Blut hat ihn gerufen.“

Lorenz fluchte.

„Das war nicht vorgesehen.“

Cassian drehte sich um.

„Nichts davon war vorgesehen.“

„Wenn beide Linien zusammenkommen—“

„Dann wird Aurelian stärker.“

Lorenz wurde blass.

„Oder das Siegel.“

„Das Risiko können wir nicht eingehen.“

Cassian sah zur Zitadelle.

„Wir müssen sie trennen.“

„Leonie und Stein?“

„Ja.“

„Wie?“

Cassian lächelte.

„Menschen trennen sich am zuverlässigsten durch Misstrauen.“

In der Kammer ging David unruhig auf und ab.

„Mein Großvater hat bis 1978 gelebt.“

Matthias nickte.

„Ja.“

„Und niemand in meiner Familie wusste davon?“

„Dein Vater durfte es nicht wissen.“

„Warum?“

„Um ihn zu schützen.“

David lachte bitter.

„Das hat ja hervorragend funktioniert.“

Nora trat neben ihn.

„David.“

„Nein.“

Er zeigte auf Matthias.

„Ich will Antworten.“

Matthias sah ihn ruhig an.

„Samuel half 1945 dabei, Aurelian erneut einzuschließen.“

„Erneut?“

Leonie sah auf.

„Er war schon vorher frei?“

Matthias nickte.

„Für kurze Zeit.“

„Wann?“

„1945.“

Jakob wurde blass.

„Deshalb die Kämpfe.“

„Welche Kämpfe?“, fragte Leonie.

Jakob sah sie an.

„Es gibt Berichte über Menschen, die in den letzten Kriegstagen in Kellern verschwanden.“

„Ich dachte, das waren normale Kriegsopfer.“

„Einige.“

Matthias setzte sich aufrechter.

„Aurelian nutzte das Chaos.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Berlin brannte. Menschen verschwanden jeden Tag. Niemand bemerkte einige zusätzliche Tote.“

Elisa sah zum Boden.

„Cassian hat ihm geholfen?“

Matthias schwieg.

„Hat er?“

„Anfangs.“

Leonie sah ihn an.

„Und später?“

„Cassian erkannte, was Aurelian vorhatte.“

„Was?“

Matthias betrachtete seine eigenen Hände.

„Eine Stadt ohne Menschen.“

Stille.

Nora schüttelte den Kopf.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Für Aurelian schon.“

„Vampire brauchen Menschen.“

Matthias sah sie an.

„Nicht Aurelian.“

Elisa wurde aufmerksam.

„Was heißt das?“

Matthias antwortete:

„Er ernährt sich von Vampiren.“

Niemand sagte etwas.

Leonie verzog das Gesicht.

„Er frisst andere Vampire?“

„Ihr Blut.“

Jakob starrte Matthias an.

„Deshalb haben sie ihn König genannt.“

„Ja.“

„Weil die anderen Angst vor ihm hatten.“

„Ja.“

Elisa sah zur schwarzen Spalte.

„Und Cassian?“

Matthias lächelte schwach.

„Cassian hasst ihn.“

Leonie erinnerte sich an die Worte aus Kapitel vier.

„Also stimmt es.“

„Was?“

„Cassian versucht wirklich, ihn aufzuhalten.“

„Ja.“

„Dann ist Cassian nicht unser Gegner.“

Matthias sah sie direkt an.

„Doch.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Aber—“

„Nur weil zwei Monster sich hassen, wird eines davon nicht gut.“

Elisa nickte.

„Endlich sagt mal jemand etwas Vernünftiges.“

Ein Geräusch hallte durch den Gang.

Metall auf Stein.

Elisa hob sofort ihre Waffe.

„Wir bekommen Besuch.“

David zog seine Pistole.

„Wer?“

„Wenn ich das wüsste, müsste ich nicht die Waffe ziehen.“

Jakob ging zur Öffnung.

„Da kommt jemand.“

Schritte.

Langsam.

Nicht hektisch.

Nur eine Person.

Dann erschien Cassian.

Leonie wich zurück.

„Du.“

Cassian blieb am Eingang stehen.

David richtete die Waffe auf ihn.

„Cassian Falkenberg?“

Cassian sah ihn an.

„Samuel.“

Davids Gesicht verhärtete sich.

„Nennen Sie mich nicht so.“

Cassian lächelte.

„Die Ähnlichkeit ist beeindruckend.“

„Hände hoch.“

Cassian betrachtete die Pistole.

„Das wird dich nicht retten.“

„Probieren wir es aus.“

Elisa hielt ihre eigene Waffe auf Cassian.

„Keinen Schritt weiter.“

Cassian sah sie an.

„Du bist immer noch genauso unfreundlich.“

„Und du immer noch nicht tot.“

„Wir haben alle unsere Enttäuschungen.“

Leonie trat hinter Elisa.

„Warum bist du hier?“

Cassian sah sie an.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Um dich am Leben zu halten.“

Leonie lachte.

„Das glaube ich dir sofort.“

„Du solltest.“

„Im Grunewald wolltest du mich angreifen.“

„Nein.“

„Du bist auf mich losgegangen.“

„Ich wollte wissen, ob dein Zeichen erwacht ist.“

„Indem du mich fast umbringst?“

„Du warst nie in Gefahr.“

Elisa lachte trocken.

„Das ist selbst für dich eine beeindruckende Lüge.“

Cassian ignorierte sie.

Sein Blick fiel auf Matthias.

Etwas veränderte sich.

„Du lebst.“

Matthias lächelte schwach.

„Enttäuscht?“

„Überrascht.“

„Du warst schon immer schlecht darin, deine Überraschung zu verbergen.“

Cassian trat näher.

Elisa spannte den Finger am Abzug.

„Bleib stehen.“

Cassian blieb.

„Ihr müsst diesen Ort verlassen.“

David sah ihn an.

„Warum?“

„Weil Aurelian bereits wach ist.“

Matthias schüttelte den Kopf.

„Noch nicht vollständig.“

Cassian drehte sich zu ihm.

„Du hast lange geschlafen.“

„Und du bist noch arroganter geworden.“

„Er ist wach.“

„Nein.“

Cassian sah zum Riss.

„Er spricht bereits zu seinen Kindern.“

Leonie spürte eine Gänsehaut.

„Welche Kinder?“

Cassian sah sie an.

„Die, die in Berlin auf ihn warten.“

„Wie viele?“

Cassian schwieg.

„Wie viele?“

„Mehr als hundert.“

Nora fluchte leise.

David sah Cassian an.

„Vampire?“

„Ja.“

„Alle gehören zu diesem Hof?“

„Nein.“

„Warum sollten sie ihm folgen?“

Cassian antwortete ruhig:

„Weil sie glauben, dass er ihnen eine neue Welt versprochen hat.“

Leonie sah ihn an.

„Was für eine Welt?“

Cassian lächelte nicht.

„Eine, in der sie sich nicht mehr verstecken müssen.“

Das Mobiltelefon in Davids Jacke vibrierte.

Er zog es heraus.

Keine Nummer.

Nur eine Nachricht.

DEIN KOLLEGE IST TOT.

David erstarrte.

Nora sah ihn an.

„Was ist?“

Noch eine Nachricht.

Ein Bild.

David öffnete es.

Ein Mann lag auf dem Boden eines Büroraums.

Blass.

Zwei Wunden am Hals.

David kannte ihn.

Kriminaloberkommissar Marcel Krämer.

„Scheiße.“

Nora nahm ihm das Telefon ab.

„Oh Gott.“

Leonie trat näher.

„Was ist passiert?“

David antwortete nicht.

Eine dritte Nachricht erschien.

NOCH VIER MINUTEN BIS ZUM NÄCHSTEN.

Darunter eine Adresse.

Charlottenburg.

David sah zu Cassian.

„Warst du das?“

Cassian blickte auf das Telefon.

„Nein.“

„Wer dann?“

Cassian wurde ernst.

„Einer von Aurelians Anhängern.“

David steckte die Waffe weg.

„Wir müssen los.“

Elisa sah ihn an.

„Das könnte eine Falle sein.“

„Natürlich ist es eine Falle.“

„Dann gehst du trotzdem?“

David lief zum Ausgang.

„Da draußen stirbt jemand.“

Nora folgte ihm.

Leonie blieb stehen.

Dann sah sie zu Elisa.

„Wir gehen mit.“

„Nein.“

„Elisa.“

„Leonie, du bist das Ziel.“

„Genau deshalb.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Vielleicht wollen sie mich.“

„Sie wollen definitiv dich.“

„Dann hört vielleicht jemand auf zu sterben, wenn ich auftauche.“

Elisa starrte sie an.

„Das ist eine sehr schlechte Strategie.“

„Hast du eine bessere?“

Elisa schwieg.

„Dachte ich mir.“

Matthias blieb im Sarkophag zurück.

Jakob stand noch bei ihm.

„Kommst du nicht mit?“

Matthias schüttelte den Kopf.

„Ich kann diesen Ort nicht verlassen.“

Jakob sah ihn an.

„Warum?“

Matthias lächelte traurig.

„Weil ich nicht lebe.“

Jakob sagte nichts.

Matthias hob den schwarzen Schlüssel.

„Ich bin Teil des Siegels.“

Jakob blickte auf den Gegenstand.

„Was passiert, wenn du stirbst?“

Matthias sah zum Riss.

„Dann öffnet sich die nächste Tür.“

Jakob wurde blass.

„Wie viele Türen gibt es?“

Matthias antwortete:

„Sieben.“

Zwanzig Minuten später raste Davids Wagen durch Charlottenburg.

Nora saß neben ihm.

Leonie, Elisa und Jakob folgten in einem zweiten Fahrzeug.

Cassian war verschwunden.

Niemand wusste wohin.

David bog scharf in eine Seitenstraße ein.

„Adresse müsste hier sein.“

Nora sah auf das Telefon.

„Nummer 27.“

Sie hielten vor einem unscheinbaren Altbau.

Die Haustür stand offen.

„Das gefällt mir nicht.“

„Mir auch nicht.“

David zog seine Waffe.

Sie rannten hinein.

Treppenhaus.

Zweiter Stock.

Eine Wohnungstür stand offen.

„Polizei!“

Keine Antwort.

David ging hinein.

Wohnzimmer leer.

Küche leer.

Dann ein Geräusch.

Schluchzen.

Schlafzimmer.

David öffnete die Tür.

Eine junge Frau saß auf dem Boden.

Vielleicht Mitte zwanzig.

Ihre Hände waren gefesselt.

„Bitte.“

Nora rannte zu ihr.

„Polizei. Alles gut.“

Die Frau schüttelte hektisch den Kopf.

„Nein.“

David sah sich um.

„Ist noch jemand hier?“

„Nein.“

„Wer hat Ihnen das angetan?“

Die Frau begann zu weinen.

„Er.“

„Wer?“

Sie zeigte hinter David.

Er drehte sich um.

Nichts.

Dann fiel die Tür zu.

Das Licht erlosch.

Nora fluchte.

David hob die Waffe.

„Wer ist da?“

Eine Männerstimme kam aus dem Flur.

„Samuel Stein.“

David spannte sich an.

„Mein Name ist David.“

„Noch.“

Leonie und Elisa erreichten in diesem Moment das Treppenhaus.

Elisa blieb abrupt stehen.

„Leonie.“

„Was?“

„Riechst du das?“

Leonie atmete ein.

Metallisch.

Süßlich.

„Blut.“

Elisa zog ihre Waffe.

„Nicht nur.“

Sie blickte die Treppe hinauf.

„Alter Vampir.“

David ging langsam in den dunklen Flur.

„Zeig dich.“

Ein Schatten bewegte sich.

Dann stand ein Mann vor ihm.

Jung.

Vielleicht dreißig.

Blondes Haar.

Dunkler Anzug.

Sehr helle Augen.

Er lächelte.

„Du siehst ihm wirklich ähnlich.“

David schoss.

Der Vampir wich aus.

Viel zu schnell.

Er packte David am Hals und schleuderte ihn gegen die Wand.

Nora feuerte.

Zwei Schüsse.

Der Vampir taumelte.

Dann lachte er.

„Silber.“

Nora erstarrte.

„Woher—“

Der Vampir schlug sie zu Boden.

David rappelte sich auf.

Der Vampir stand nun vor ihm.

„Dein Großvater hat meinen Bruder getötet.“

David hob die Pistole.

„Dann hatte er vielleicht einen guten Grund.“

Der Vampir lächelte.

„Du klingst auch wie er.“

Plötzlich flog ein Messer durch den Flur.

Es traf den Vampir in der Schulter.

Er schrie.

Elisa erschien in der Tür.

„Von ihm weg.“

Leonie stand hinter ihr.

Der Vampir sah sie.

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Die Berger.“

Leonie atmete tief durch.

„Ja. Scheint sich herumgesprochen zu haben.“

Er zog das Messer aus der Schulter.

Schwarzes Blut lief über seine Hand.

Dann kniete er sich plötzlich hin.

Leonie blinzelte.

„Was macht er?“

Der Vampir lächelte.

„Willkommen, Herz des Hofes.“

Elisa hob die Pistole.

„Was hast du gesagt?“

„Ihr glaubt immer noch, sie sei eine Hüterin.“

Leonie spürte, wie ihr kalt wurde.

„Bin ich doch.“

Der Vampir sah sie an.

„Nein.“

„Doch.“

„Deine Familie hat das Siegel nicht geschaffen.“

Stille.

Jakob erschien im Flur.

Sein Gesicht wurde blass.

„Halt den Mund.“

Der Vampir grinste.

„Du weißt es.“

Leonie sah Jakob an.

„Was weiß er?“

„Nichts.“

„Jakob.“

Der Vampir lachte.

„Sag es ihr.“

Elisa sah zu Jakob.

„Was?“

Jakob schwieg.

Leonie trat näher.

„Was ist meine Familie wirklich?“

Der Vampir antwortete für ihn.

„Die Bergers waren nie die Hüter des Königs.“

Er sah Leonie direkt an.

„Sie sind seine Nachfahren.“

Leonie bewegte sich nicht.

David stand einige Meter entfernt und starrte sie an.

Elisa sagte nichts.

Jakob schloss die Augen.

„Das stimmt nicht.“

Der Vampir lächelte.

„Dann zeig ihr das Blut.“

„Sei still.“

„Zeig ihr, warum Aurelian sie Herz nennt.“

Leonie sah Jakob an.

„Was meint er?“

Jakob schwieg.

„Jakob.“

Langsam öffnete er die Augen.

„Leonie.“

„Sag es.“

Sein Gesicht war voller Angst.

„Aurelian hatte eine Tochter.“

Leonie spürte ihren Herzschlag.

„Und?“

Jakob schluckte.

„Sie hieß Anna Berger.“

Stille.

Leonie wich einen Schritt zurück.

Der Vampir lächelte.

„Willkommen zu Hause.“

Dann gingen im gesamten Haus gleichzeitig die Lichter aus.

Kapitel 6 – Blutlinie

Die Dunkelheit kam augenblicklich.

Kein Flackern.

Kein Summen.

Einfach schwarz.

Leonie hörte nur ihren eigenen Atem.

Und irgendwo vor ihr das leise Lachen des Vampirs.

„Elisa?“

Keine Antwort.

„David?“

Ein dumpfer Schlag.

Dann ein Schuss.

Der Knall war in der engen Wohnung ohrenbetäubend.

Für den Bruchteil einer Sekunde erhellte das Mündungsfeuer den Flur.

Leonie sah den Vampir.

Direkt vor David.

Dann war alles wieder dunkel.

„Runter!“, rief David.

Leonie warf sich zu Boden.

Ein zweiter Schuss.

Etwas krachte gegen die Wand.

Dann hörte sie Elisa fluchen.

„Er ist weg!“

„Wo?“

„Keine Ahnung.“

Leonie tastete nach ihrem Handy.

Nichts.

Ihre Finger zitterten.

Plötzlich griff jemand nach ihrem Arm.

Sie schrie.

„Ich bin’s!“

Elisa.

„Verdammt!“

„Komm.“

Elisa zog sie hoch.

„Wir müssen raus.“

„Was ist mit der Frau?“

Aus dem Schlafzimmer kam Noras Stimme.

„Ich habe sie.“

David schaltete die Taschenlampe seines Telefons ein.

Der schwache Lichtkegel glitt durch den Flur.

Der Vampir war verschwunden.

Auf dem Boden lagen einige Tropfen schwarzes Blut.

Sonst nichts.

„Fenster?“, fragte David.

„Geschlossen“, sagte Elisa.

„Dann muss er noch hier sein.“

„Nein.“

David sah sie an.

„Woher willst du das wissen?“

Elisa zeigte nach oben.

An der Decke befand sich eine geöffnete Wartungsklappe.

„Darüber.“

David hob die Taschenlampe.

„Ein Mensch passt da kaum durch.“

„Er ist kein Mensch.“

David antwortete nicht.

Nora kam mit der jungen Frau aus dem Schlafzimmer.

„Sie kann laufen.“

„Name?“, fragte David.

„Maja König.“

Die Frau war völlig blass.

Ihre Hände zitterten.

Leonie ging zu ihr.

„Hat er Sie verletzt?“

Maja schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum hat er Sie hierhergebracht?“

Maja sah Leonie an.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Wegen Ihnen.“

Leonie erstarrte.

„Wegen mir?“

Maja nickte.

„Er hat gesagt, Sie würden kommen.“

Elisa trat näher.

„Was genau hat er gesagt?“

Maja schluckte.

„Dass das Herz seinem Blut folgen würde.“

Stille.

Leonie sah zu Jakob.

Der wich ihrem Blick aus.

„Wir reden jetzt.“

Jakob antwortete nicht.

„Nicht später. Nicht irgendwann. Jetzt.“

David stellte sich neben Leonie.

„Da bin ich ausnahmsweise ganz ihrer Meinung.“

Elisa sah zur Wohnungstür.

„Nicht hier.“

„Warum?“, fragte David.

„Weil gerade ein Vampir durch die Decke verschwunden ist und vermutlich nicht allein gekommen ist.“

Als hätte die Wohnung auf ihre Worte gewartet, kam aus dem Treppenhaus ein Geräusch.

Langsam.

Schritte.

Mehrere.

David hob die Waffe.

Elisa ebenfalls.

„Hinterausgang?“, fragte sie.

Maja deutete zur Küche.

„Feuertreppe.“

„Los.“

Sie erreichten den Hinterhof nur wenige Sekunden später.

Nora half Maja die Metalltreppe hinunter.

David blieb auf halber Höhe stehen und blickte nach oben.

Im Küchenfenster erschien eine Gestalt.

Nur eine Silhouette.

Dann eine zweite.

Eine dritte.

„Wir bekommen Gesellschaft.“

Elisa erreichte den Boden.

„Überraschend.“

„Wie viele?“

„Drei sichtbar.“

„Und unsichtbar?“

„Das willst du nicht wissen.“

Leonie sprang von der letzten Stufe.

Ihr linker Fuß knickte kurz weg.

David fing sie am Arm.

„Alles okay?“

„Ja.“

Sie sah ihn an.

Seine Hand lag direkt auf ihrer.

Das Zeichen unter Leonies Haut erschien.

Gleichzeitig begann Davids Handfläche zu glühen.

Beide zuckten zurück.

Ein scharfer Schmerz schoss durch Leonies Arm.

Dann kamen die Bilder.

Nicht wie zuvor.

Diesmal heftiger.

Sie sah Feuer.

Menschen in historischen Kleidern.

Einen Mann auf einem steinernen Thron.

Langes schwarzes Haar.

Augen wie flüssiges Gold.

Aurelian.

Leonie wusste sofort, dass er es war.

Obwohl sie ihn noch nie gesehen hatte.

Vor ihm kniete eine junge Frau.

Anna Berger.

Seine Tochter.

Aurelian strich ihr über das Gesicht.

„Du wirst mein Herz außerhalb der Dunkelheit sein.“

Dann änderte sich das Bild.

Anna stand neben einem Mann.

Samuel Stein?

Nein.

Viel älter.

Ein Vorfahr.

Ein anderer Stein.

Er hielt ihre Hand.

Sie flohen.

Durch Tunnel.

Durch Wälder.

Aus der Stadt.

Aurelian schrie ihren Namen.

Dann Blut.

Viel Blut.

Und ein Satz.

„Berger bewahrt das Herz. Stein bewahrt die Klinge.“

Leonie riss die Augen auf.

Sie stand wieder im Hinterhof.

David hielt sich den Kopf.

„Was war das?“

Leonie sah ihn an.

„Du hast es auch gesehen.“

David nickte langsam.

Elisa kam näher.

„Was?“

Leonie schaute auf ihre Hand.

Das Zeichen verblasste.

„Anna Berger.“

Jakob wurde blass.

„Was hast du gesehen?“

„Sie ist geflohen.“

„Mit wem?“

Leonie sah zu David.

„Mit einem Stein.“

David blickte Jakob an.

„Was bedeutet das?“

Jakob schwieg.

„Sag es“, forderte Leonie.

Er atmete tief durch.

„Die Berger- und Stein-Linie waren nie getrennt.“

„Was heißt das?“

„Sie wurden absichtlich miteinander verbunden.“

David runzelte die Stirn.

„Durch Heirat?“

„Teilweise.“

„Teilweise?“

Jakob sah ihn an.

„Durch Blutrituale.“

David lachte ungläubig.

„Natürlich.“

Leonie ging einen Schritt näher.

„Und was bedeutet ‚Stein bewahrt die Klinge‘?“

Jakob sah wieder zu ihr.

Dann zu David.

„Das sollte Samuel euch erklären.“

„Samuel ist tot“, sagte David.

„Vielleicht.“

David wurde still.

„Was heißt vielleicht?“

Jakob wollte antworten.

Da zersprang über ihnen ein Fenster.

Eine Gestalt sprang aus dem zweiten Stock.

Sie landete auf allen vieren.

Nicht menschlich.

Der Vampir hob langsam den Kopf.

Seine Augen waren schwarz.

Elisa feuerte.

Der Schuss traf ihn in die Brust.

Er taumelte.

Dann kam der zweite Vampir.

Und der dritte.

„Zum Auto!“

Sie rannten.

David zog Nora und Maja mit sich.

Elisa blieb zurück und feuerte.

Leonie sah über die Schulter.

Einer der Vampire bewegte sich so schnell, dass er im Licht der Straßenlaternen nur verschwommen wirkte.

„Elisa!“

„Lauf!“

Jakob öffnete die Tür seines Wagens.

„Rein!“

Leonie sprang auf die Rückbank.

David und Nora brachten Maja in den anderen Wagen.

Dann erschien plötzlich der blonde Vampir vor Leonie.

Einfach so.

Direkt neben der geöffneten Tür.

Sie erstarrte.

„Hallo, Herz.“

Leonie griff nach dem Messer.

Zu spät.

Er packte sie am Hals.

Hob sie aus dem Wagen.

Jakob rief ihren Namen.

Der Vampir schleuderte ihn gegen die Motorhaube.

Leonie trat nach ihm.

Keine Wirkung.

„Lass mich los!“

Er lächelte.

„Aurelian möchte dich sehen.“

„Dann soll er sich hinten anstellen.“

Der Vampir grinste.

„Du hast seinen Humor.“

Leonie spuckte ihm ins Gesicht.

Das Grinsen verschwand.

„Und offenbar seine Arroganz.“

Plötzlich krachte etwas gegen seinen Kopf.

David.

Er hatte den Vampir mit einem Metallrohr getroffen.

Der Vampir ließ Leonie los.

Sie fiel zu Boden.

David schlug erneut.

Der Vampir fing das Rohr diesmal mit einer Hand ab.

„Stein.“

David versuchte es ihm zu entreißen.

Keine Chance.

Der Vampir zog ihn näher.

„Wo ist die Klinge?“

David starrte ihn an.

„Welche Klinge?“

„Tu nicht so.“

„Ich habe wirklich keine Ahnung.“

Der Vampir schlug ihm ins Gesicht.

David fiel zu Boden.

Nora feuerte aus wenigen Metern Entfernung.

Der erste Schuss traf den Vampir im Rücken.

Der zweite im Bein.

Elisa kam hinzu.

„Weg von ihm.“

Sie schoss ebenfalls.

Der Vampir taumelte.

Leonie zog das Messer.

Sie rannte auf ihn zu.

Diesmal sah er sie kommen.

Er packte ihr Handgelenk.

„Nein.“

Leonie drückte trotzdem.

Die Klinge kam seinem Körper näher.

Der Vampir lächelte.

Dann veränderte sich Leonies Hand.

Das Siegel erschien.

Dunkelrot.

Der Vampir schrie.

Nicht wegen des Messers.

Wegen ihrer Berührung.

Rauch stieg von seiner Hand auf.

Er ließ sie los.

Leonie stolperte zurück.

„Was zum—“

Der Vampir starrte auf seine verbrannte Haut.

Zum ersten Mal wirkte er verängstigt.

„Du bist erwacht.“

Leonie sah auf ihre Hand.

„Offenbar.“

Der Vampir wich zurück.

Dann lächelte er plötzlich wieder.

„Das wird ihn freuen.“

„Wen?“

„Deinen Vater.“

Leonie erstarrte.

„Was hast du gesagt?“

Elisa hob die Waffe.

„Leonie, nicht.“

Der Vampir sah nur sie an.

„Aurelian.“

Leonie spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog.

„Er ist nicht mein Vater.“

„Nicht in deiner menschlichen Bedeutung.“

„Dann halt den Mund.“

„Sein Blut lebt in dir.“

„Das weiß ich inzwischen.“

„Nein.“

Er lächelte.

„Du verstehst es immer noch nicht.“

Leonie hob das Messer.

„Dann erklär es.“

Der Vampir sah ihr direkt in die Augen.

„Du bist keine gewöhnliche Nachfahrin.“

Jakob wurde blass.

„Nicht.“

„Sie soll es wissen.“

„Halt den Mund!“

„Leonie Berger ist die dreizehnte Trägerin.“

Stille.

David richtete sich langsam auf.

„Trägerin von was?“

Der Vampir antwortete:

„Von Aurelians Essenz.“

Leonie starrte ihn an.

„Seiner was?“

„Als Aurelian versiegelt wurde, wurde ein Teil seiner Macht außerhalb des Hofes gebunden.“

Jakob schloss die Augen.

„In seiner Tochter“, sagte Leonie.

Der Vampir nickte.

„Anna.“

Leonie verstand.

Und wollte es gleichzeitig nicht verstehen.

„Und dann wurde es weitergegeben.“

„Von Mutter zu Tochter.“

„Generation für Generation.“

„Ja.“

Leonie blickte zu Jakob.

„Deshalb Berger.“

Er sagte nichts.

„Deshalb bin ich das Herz.“

Jakob nickte kaum sichtbar.

Der Vampir grinste.

„Wenn Aurelian erwacht, kehrt das Herz zu ihm zurück.“

Leonie sah ihn an.

„Was passiert dann mit mir?“

Zum ersten Mal schwieg der Vampir.

„Was passiert mit mir?“

Elisa schoss ihm ins Bein.

Er brach zusammen.

„Antwort.“

Der Vampir lachte.

„Sie stirbt.“

Stille.

Leonie spürte plötzlich gar nichts mehr.

Keine Angst.

Keinen Schmerz.

Nur Leere.

„Wie?“

„Das Herz kehrt zum Körper zurück.“

David sah zu Jakob.

„Stimmt das?“

Jakob antwortete nicht.

„STIMMT DAS?“

„Ja.“

Leonie schloss kurz die Augen.

Der Vampir lachte weiter.

„Ihr wolltet sie schützen.“

Elisa ging auf ihn zu.

„Genug.“

„Und habt ihr nie erzählt, wofür das Siegel wirklich existiert.“

Elisa schoss.

Die Kugel traf ihn direkt zwischen die Augen.

Der Vampir fiel nach hinten.

Schwarze Risse breiteten sich über sein Gesicht aus.

Sekunden später blieb nur grauer Staub zurück.

Leonie starrte darauf.

„Das war voreilig.“

Elisa steckte die Waffe ein.

„Er hat genug geredet.“

„Vielleicht wollte ich noch mehr hören.“

„Nein.“

Leonie drehte sich zu ihr.

„Das entscheidest du nicht.“

„Ich versuche, dich am Leben zu halten.“

„Indem du mir die Hälfte verschweigst?“

„Indem ich verhindere, dass du glaubst, was Aurelians Leute dir erzählen.“

„Aber er hat die Wahrheit gesagt.“

Elisa schwieg.

Das reichte Leonie als Antwort.

Sie sah zu Jakob.

„Alles.“

„Leonie—“

„Ich will alles wissen.“

Jakob blickte zu Boden.

„Die Legende sagt, dass Aurelians Körper nicht vollständig versiegelt werden konnte.“

„Weil?“

„Weil er zu mächtig war.“

„Also hat man seine Macht aufgeteilt.“

„Ja.“

„Und einen Teil davon in Anna gebunden.“

„Ja.“

„Warum hat sie zugestimmt?“

Jakob sah sie an.

„Weil es die einzige Möglichkeit war, ihn aufzuhalten.“

Leonie lachte bitter.

„Sehr familienfreundlich.“

„Sie wusste, was es bedeutete.“

„Dass ihre Nachkommen irgendwann sterben könnten?“

„Dass eines Tages jemand die Entscheidung wiederholen muss.“

Leonie wurde still.

„Welche Entscheidung?“

Jakob antwortete nicht.

David trat neben sie.

„Sag es.“

Jakob sah zwischen beiden hin und her.

„Wenn Aurelian vollständig erwacht, gibt es zwei Möglichkeiten.“

Leonie wartete.

„Die erste?“

„Du kehrst zu ihm zurück.“

„Und sterbe.“

„Ja.“

„Und er?“

„Wird vollständig.“

David fragte:

„Die zweite Möglichkeit?“

Jakob sah zu ihm.

„Die Stein-Linie erfüllt ihre Aufgabe.“

David hielt inne.

„Die Klinge.“

Jakob nickte.

„Welche Klinge?“

„Eine Waffe, die 1945 verschwunden ist.“

„Was kann sie?“

Jakob sah zu Leonie.

„Das Herz vom König trennen.“

Leonie verstand.

„Mich von Aurelian.“

„Ja.“

„Und dann?“

Jakob schwieg.

Leonie trat näher.

„Und dann?“

„Dann kann Aurelian getötet werden.“

David sah ihn an.

„Von wem?“

Jakob blickte auf Davids Hand.

„Von dir.“

Eine halbe Stunde später saßen sie in einem leerstehenden Bürogebäude nahe Westend.

Maja war inzwischen unter Polizeischutz.

Nora hatte zwei vertrauenswürdige Kollegen organisiert, ohne ihnen die Wahrheit zu erzählen.

David stand am Fenster.

Leonie saß an einem Tisch.

Zwischen ihnen herrschte Stille.

Elisa überprüfte ihre Waffen.

Jakob blätterte durch alte Aufzeichnungen.

„Wir müssen die Klinge finden“, sagte David.

Jakob nickte.

„Ja.“

„Wo?“

„Das ist das Problem.“

„Natürlich.“

„Samuel hat sie versteckt.“

„Mein Großvater.“

„Ja.“

„Und niemand weiß, wo.“

„Fast niemand.“

David hob den Blick.

„Wer weiß es?“

Jakob schloss das Buch.

„Henrik Lorenz.“

Leonie sah auf.

„Der Professor?“

„Er hat Jahrzehnte lang Samuels Aufzeichnungen untersucht.“

Elisa wurde misstrauisch.

„Lorenz arbeitet mit Cassian.“

Jakob nickte.

„Das wissen wir.“

„Dann können wir ihn nicht einfach fragen.“

David nahm seine Jacke.

„Doch.“

Elisa sah ihn an.

„Das ist keine besonders gute Idee.“

„Langsam gewöhne ich mich daran.“

Leonie stand ebenfalls auf.

„Ich komme mit.“

„Nein“, sagte David.

„Doch.“

„Der Vampir hat gerade gesagt, dass gefühlt jeder in Berlin hinter dir her ist.“

„Und?“

„Du bleibst hier.“

Leonie hob eine Augenbraue.

„Du kennst mich seit ungefähr zwei Stunden.“

„Hat gereicht.“

„Das war jetzt ziemlich unverschämt.“

„Aber nicht falsch.“

Elisa grinste kurz.

Leonie sah sie an.

„Du hältst dich da raus.“

„Sehr gerne.“

Jakob blätterte weiter.

Dann hielt er plötzlich inne.

„Moment.“

Alle sahen zu ihm.

„Was?“

Jakob zog ein altes Dokument hervor.

„Ich glaube, ich weiß, wo Samuel die Klinge versteckt hat.“

David trat näher.

„Wo?“

Jakob drehte das Papier.

Es zeigte eine alte Karte des Berliner Westens.

Ein schwarzer Kreis befand sich mitten im Grunewald.

„Dort.“

Leonie betrachtete die Stelle.

„Was ist da?“

David erkannte die Position.

„Teufelsberg.“

Jakob nickte.

„Samuel arbeitete nach dem Krieg zeitweise auf dem Gelände.“

Elisa sah ihn an.

„Die Abhörstation gab es damals noch gar nicht.“

„Nicht die Abhörstation.“

Jakob deutete auf eine Markierung unterhalb des Hügels.

„Darunter.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Unter dem Teufelsberg?“

„Der Berg besteht aus Trümmerschutt.“

„Das weiß ich.“

„Aber nicht alles darunter wurde zerstört.“

David beugte sich über die Karte.

„Was befindet sich dort?“

Jakob antwortete:

„Ein Bauwerk, das nie vollständig gesprengt wurde.“

„Was für eins?“

„Eine alte Anlage aus der Kriegszeit.“

Elisa sah auf die Karte.

„Und dort soll Samuel die Klinge versteckt haben?“

„Wenn diese Notiz stimmt.“

Leonie betrachtete die handschriftlichen Worte am Rand.

Wo der falsche Berg das Vergangene bedeckt, wartet die Klinge auf das Blut des Steins.

David seufzte.

„Mein Großvater mochte offenbar Rätsel.“

„Hüter liebten Rätsel“, sagte Jakob.

„Warum?“

„Weil klare Wegbeschreibungen schlecht sind, wenn Vampire hinter dir her sind.“

David nickte.

„Fair.“

Zur selben Zeit saß Professor Henrik Lorenz in seinem Arbeitszimmer.

Vor ihm lag das Tagebuch von 1891.

Cassian stand am Fenster.

„Sie wissen jetzt von der Klinge.“

Lorenz sah auf.

„Woher willst du das wissen?“

„Weil Jakob Wendt noch lebt.“

„Das ist keine Antwort.“

Cassian drehte sich um.

„Er wird sie zum Teufelsberg schicken.“

Lorenz wurde blass.

„Dann müssen wir zuerst dort sein.“

Cassian lächelte.

„Nein.“

„Nein?“

„Lass sie die Klinge finden.“

Lorenz starrte ihn an.

„Warum?“

Cassian ging langsam zum Schreibtisch.

„Weil nur ein Stein sie aus ihrem Versteck holen kann.“

„Und danach?“

Cassian legte die Hand auf das Tagebuch.

„Nehmen wir sie ihm ab.“

Lorenz sah ihn lange an.

„Du willst Aurelian töten.“

„Natürlich.“

„Und Leonie?“

Cassian schwieg.

„Was geschieht mit ihr, wenn das Herz getrennt wird?“

Cassian blickte aus dem Fenster.

„Das hängt davon ab, wie stark sie ist.“

„Das ist keine Antwort.“

„Mehr habe ich nicht.“

Lorenz stand auf.

„Und wenn sie stirbt?“

Cassian sah ihn an.

Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos.

„Dann stirbt sie.“

Lorenz schüttelte den Kopf.

„Du bist keinen Deut besser als er.“

Cassian trat so schnell vor ihn, dass Lorenz zusammenzuckte.

„Unterschätze niemals den Unterschied zwischen mir und Aurelian.“

„Welchen Unterschied?“

Cassians Augen wurden schwarz.

„Ich weiß, wann ich aufhören muss.“

Dann ließ er Lorenz los.

„Bereite alles vor.“

„Für den Teufelsberg?“

Cassian ging zur Tür.

„Für danach.“

Leonie stand später allein auf dem Balkon des Bürogebäudes.

Berlin lag vor ihr.

Ganz normal.

Autos.

Straßenlaternen.

Menschen auf dem Bürgersteig.

Irgendwo fuhr eine S-Bahn vorbei.

Sie konnte kaum begreifen, dass unter dieser Stadt etwas existierte, das älter war als fast alles, was sie kannte.

Die Balkontür öffnete sich.

David trat hinaus.

„Alles okay?“

Leonie sah ihn an.

„Ist das eine ernst gemeinte Frage?“

„Nein.“

„Gut.“

Er stellte sich neben sie.

Einige Sekunden schwiegen beide.

Dann sagte Leonie:

„Du sollst mich also retten.“

David schnaubte.

„Anscheinend.“

„Kein Druck.“

„Überhaupt nicht.“

Sie lächelte kurz.

Dann wurde sie wieder ernst.

„Was, wenn Jakob sich irrt?“

„Womit?“

„Mit der Klinge.“

„Dann finden wir eine andere Möglichkeit.“

„Und wenn es keine gibt?“

David antwortete nicht sofort.

„Dann sorgen wir dafür, dass es eine gibt.“

Leonie sah ihn an.

„Du klingst ziemlich überzeugt.“

„Bin ich nicht.“

„Okay.“

„Aber Panik hilft auch nicht.“

„Da hast du leider recht.“

David sah auf seine linke Hand.

„Mein Großvater hat offenbar sein halbes Leben geopfert, um dieses Ding aufzuhalten.“

Leonie nickte.

„Und meine Familie hat ein Stück Vampirkönig weitervererbt.“

„Familien sind kompliziert.“

Leonie sah ihn an.

„Das ist deine Zusammenfassung?“

„Ich bin Polizist, kein Therapeut.“

Sie musste lachen.

Zum ersten Mal seit Stunden richtig.

Dann wurde Davids Gesicht plötzlich ernst.

„Leonie.“

„Was?“

Er zeigte auf ihre Hand.

Das Zeichen war wieder erschienen.

Diesmal leuchtete es nicht rot.

Es war schwarz.

Leonie spürte ein Brennen.

Dann hörte sie die Stimme.

Nicht weit entfernt.

Nicht unter der Stadt.

Direkt hinter ihr.

„Meine Tochter.“

Leonie erstarrte.

David zog sofort seine Waffe.

„Was ist?“

Sie drehte sich um.

Niemand.

Doch in der Fensterscheibe sah Leonie eine Spiegelung.

Ein Mann stand hinter ihnen.

Langes schwarzes Haar.

Goldene Augen.

Ein schmales, fast schönes Gesicht.

Aurelian.

Leonie fuhr herum.

Der Balkon war leer.

Sie sah zurück zur Scheibe.

Er stand noch immer dort.

Und lächelte.

„Komm nach Hause.“

Die Scheibe bekam einen Riss.

Dann noch einen.

David zog Leonie zurück.

Das Glas zerbarst.

Tausende Splitter regneten auf den Balkon.

Leonie hielt die Arme vor das Gesicht.

Als sie wieder hinsah, war die Spiegelung verschwunden.

David starrte auf die zerbrochene Scheibe.

„War das er?“

Leonie nickte.

„Ja.“

„Aurelian?“

„Ja.“

David sah hinaus über Berlin.

„Dann wird es Zeit, diese Klinge zu finden.“

Leonie betrachtete ihre Hand.

Das schwarze Zeichen verblasste langsam.

Doch bevor es vollständig verschwand, hörte sie Aurelians Stimme ein letztes Mal.

„Du kannst mich nicht töten, ohne dich selbst zu töten.“

Kapitel 7 – Unter dem Teufelsberg

Der Teufelsberg lag wie ein dunkler Schatten über dem Grunewald.

Obwohl es noch früher Abend war, hatten sich schwere Wolken über Berlin geschoben. Der Wind rauschte durch die Bäume und ließ die alten Radarkuppeln auf dem Gipfel beinahe gespenstisch wirken.

David stellte den Wagen am Rand eines Waldweges ab.

Leonie sah durch die Windschutzscheibe nach oben.

„Da sollen wir jetzt wirklich rein?“

Jakob faltete die alte Karte auseinander.

„Nicht in die Abhörstation.“

Elisa stieg aus.

„Sondern darunter.“

Leonie blieb sitzen.

„Das hatte ich leider befürchtet.“

David öffnete seine Tür.

„Du kannst hierbleiben.“

Leonie sah ihn an.

„Versuchst du das wirklich nochmal?“

„Einen Versuch war es wert.“

„War es nicht.“

Sie stieg aus.

Der Wind war kälter geworden.

Leonie zog ihre Jacke enger und sah sich um.

Keine Spaziergänger.

Keine Hunde.

Keine Jogger.

Nur Wald.

Zu ruhig.

Elisa bemerkte ihren Blick.

„Was?“

„Nichts.“

„Du hast dieses Gesicht.“

„Welches Gesicht?“

„Das Ich-habe-ein-sehr-schlechtes-Gefühl-Gesicht.“

Leonie schnaubte.

„Vielleicht, weil wir nach einer magischen Vampirklinge unter einem Trümmerberg suchen.“

„Guter Punkt.“

Jakob zeigte auf einen schmalen Weg.

„Hier entlang.“

Sie gingen fast zwanzig Minuten durch den Wald.

Je näher sie dem Berg kamen, desto steiler wurde der Weg.

David lief neben Jakob.

„Was genau hat mein Großvater hier gemacht?“

„Nach dem Krieg arbeitete Samuel einige Monate bei einer technischen Einheit.“

„Welche Einheit?“

„Offiziell Bergungsarbeiten.“

„Und inoffiziell?“

Jakob sah ihn kurz an.

„Er suchte nach alten Zugängen.“

„Zum Schwarzen Hof?“

„Unter anderem.“

„Warum ausgerechnet hier?“

Jakob blieb stehen.

Vor ihnen lag ein überwucherter Betonblock.

Fast vollständig von Moos und Sträuchern bedeckt.

„Weil der Berg später Dinge begraben hat, die besser verborgen bleiben sollten.“

Leonie trat näher.

„Das klingt beruhigend.“

Jakob schob einige Äste beiseite.

Dahinter befand sich eine verrostete Metalltür.

Kein Griff.

Nur ein kreisförmiges Loch.

David sah auf seine Hand.

„Bitte sag mir nicht, dass ich da meine Hand reinstecken soll.“

Jakob schüttelte den Kopf.

„Nein.“

David atmete hörbar aus.

„Gut.“

„Nur deinen Daumen.“

David sah ihn an.

„Das ist nicht besser.“

Jakob zog ein kleines Messer hervor.

David starrte es an.

„Auf keinen Fall.“

„Samuel hat den Zugang mit Blut versiegelt.“

„Natürlich hat er das.“

Leonie grinste kurz.

„Familientradition.“

David sah sie an.

„Sehr hilfreich.“

„Gern.“

Elisa lehnte sich an die Betonwand.

„Entweder wir diskutieren jetzt eine Stunde oder Stein blutet freiwillig.“

David seufzte.

Dann nahm er das Messer.

Er setzte die Klinge an seinen Daumen.

Ein kleiner Schnitt.

Ein Tropfen Blut.

Er hielt ihn an die kreisförmige Öffnung.

Zunächst geschah nichts.

Dann hörten sie ein metallisches Klicken.

Ein tiefes Rattern begann hinter der Tür.

Leonie wich einen Schritt zurück.

Die Metalltür öffnete sich langsam nach innen.

Kalte, abgestandene Luft strömte ihnen entgegen.

Elisa schaltete ihre Taschenlampe ein.

„Na bitte.“

David verband seinen Daumen.

„Ich hasse inzwischen meine Familie.“

Jakob ging als Erster hinein.

„Warte ab.“

„Das war keine Einladung für schlimmere Nachrichten.“

Der Tunnel war eng.

Betonwände.

Rostige Rohre.

Alte Kabel.

Anders als unter der Zitadelle wirkte dieser Ort eindeutig von Menschen gebaut.

Leonie strich mit dem Finger über eine Wand.

„Das sieht nicht besonders alt aus.“

Jakob nickte.

„Dieser Teil stammt vermutlich aus den vierziger Jahren.“

„Und die Klinge?“

„Weiter unten.“

„Natürlich.“

Sie kamen an mehreren zugemauerten Türen vorbei.

Auf einigen befanden sich verblasste Nummern.

Auf anderen Symbole.

David blieb vor einer stehen.

Ein Kreis.

Darin ein schwarzer Punkt.

Dasselbe Zeichen, das auf seiner Hand erschienen war.

„Das ist meins.“

Jakob trat näher.

„Das Zeichen der Stein-Linie.“

„Was bedeutet es?“

„Wächter der Klinge.“

David betrachtete das Symbol.

„Ihr habt wirklich für alles Namen.“

„Jahrhunderte alte Geheimbünde neigen dazu.“

Leonie lächelte.

„Den muss ich mir merken.“

Ein Geräusch hallte aus dem Tunnel.

Alle verstummten.

Ein metallisches Klopfen.

Weit entfernt.

Elisa hob ihre Pistole.

„Sind wir allein?“

Jakob antwortete nicht.

„Jakob.“

„Sollten wir sein.“

David zog seine Waffe.

„Ich mag das Wort sollten nicht.“

Das Klopfen kam erneut.

Dreimal.

Pause.

Dann zweimal.

Leonie sah Jakob an.

„Das klingt nach deinem Klopfzeichen an der Zitadelle.“

Jakob wurde blass.

„Ist es.“

„Wer kennt es?“

„Nur Hüter.“

Stille.

David sah in die Dunkelheit.

„Dann ist hier noch einer.“

Sie folgten dem Gang.

Das Klopfen wiederholte sich nicht.

Nach einigen Minuten erreichten sie einen größeren Raum.

Alte Metallschränke standen an den Wänden.

Ein Tisch.

Zwei Stühle.

Ein Bettgestell.

Auf dem Boden lagen vergilbte Zeitungen.

Leonie hob eine davon auf.

Das Datum:

18. Oktober 1978.

Sie sah zu Jakob.

„1978.“

Er nahm ihr die Zeitung ab.

Sein Gesicht veränderte sich.

David bemerkte es.

„Was?“

„Samuel verschwand im Oktober 1978.“

David wurde still.

Leonie blickte sich um.

„Dann war er hier.“

Jakob öffnete einen der Schränke.

Leer.

Im zweiten lagen alte Konservendosen.

Im dritten befand sich Kleidung.

David zog eine Jacke heraus.

An der Innenseite war ein Name eingenäht.

S. STEIN

David hielt inne.

„Das gehörte ihm.“

Niemand sagte etwas.

Er legte die Jacke auf den Tisch.

Darunter lag eine kleine Metallbox.

David öffnete sie.

Fotos.

Briefe.

Ein Polizeiausweis.

Er nahm ihn heraus.

Samuel Stein.

Dasselbe Gesicht wie auf der Aufnahme von 1945.

Älter.

Aber eindeutig Davids Großvater.

„Also hat Matthias die Wahrheit gesagt.“

Leonie trat neben ihn.

David nahm einen Brief aus der Box.

Auf dem Umschlag stand:

Für meinen Sohn.

David schluckte.

„Mein Vater.“

„Willst du ihn lesen?“, fragte Leonie.

David sah den Umschlag lange an.

Dann steckte er ihn ein.

„Später.“

Elisa durchsuchte währenddessen den Raum.

„Keine Klinge.“

Jakob öffnete eine Schublade.

Darin lag eine Karte.

„Doch.“

Alle kamen näher.

Auf der Karte war ein weiterer Tunnel eingezeichnet.

Ein rotes X markierte einen Bereich tief unter dem Berg.

Daneben standen drei Worte.

Nur Stein allein.

David las sie zweimal.

„Das gefällt mir gar nicht.“

Leonie deutete auf die Karte.

„Heißt das, nur du darfst weiter?“

„Sieht so aus.“

Elisa schüttelte den Kopf.

„Auf keinen Fall.“

„Es ist mein Familienrätsel.“

„Und wir sind mitten in einem Vampirkrieg.“

David sah zu Jakob.

„Was passiert, wenn jemand anderes mitkommt?“

Jakob hob die Schultern.

„Keine Ahnung.“

Elisa lachte trocken.

„Wunderbar.“

Leonie nahm die Karte.

„Wir gehen zusammen.“

David schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Nicht schon wieder.“

„Da steht ziemlich eindeutig nur Stein allein.“

„Vielleicht meinte Samuel auch einen bestimmten Stein.“

David sah sie an.

„Ernsthaft?“

„Ich versuche kreativ zu sein.“

„Bitte nicht.“

Plötzlich flackerte Leonies Hand.

Das schwarze Zeichen erschien.

Sie verzog das Gesicht.

„Nicht schon wieder.“

Elisa trat sofort zu ihr.

„Aurelian?“

Leonie nickte.

Die Welt um sie herum wurde leiser.

Davids Stimme.

Der Wind in den Schächten.

Elisas Schritte.

Alles verschwand.

Dann stand Leonie nicht mehr im Bunker.

Sie befand sich in einem großen Saal.

Kerzen brannten an den Wänden.

Dutzende Menschen knieten auf dem Boden.

Vampire.

Am Ende des Raumes saß Aurelian.

Auf einem schwarzen Steinthron.

Er sah Leonie direkt an.

„Du suchst die Klinge.“

Leonie wollte antworten.

Kein Ton kam heraus.

Aurelian stand auf.

„Sie wurde geschaffen, um mich zu töten.“

Er ging langsam auf sie zu.

„Aber man hat dir nicht erzählt, was sie wirklich tut.“

Leonie zwang ihre Stimme heraus.

„Du lügst.“

Aurelian lächelte.

„Natürlich.“

Er kam näher.

„Aber nicht immer.“

Leonie blieb stehen.

„Was passiert, wenn David die Klinge benutzt?“

Aurelian hob eine Hand.

Plötzlich erschien ein Bild.

David.

Er hielt eine lange schwarze Klinge.

Leonie stand vor ihm.

Er stieß sie ihr in die Brust.

Leonie schrie.

Das Bild verschwand.

„Nein.“

Aurelian stand direkt vor ihr.

„Die Klinge trennt nicht nur mein Herz von mir.“

Er legte zwei Finger auf Leonies Brust.

„Sie trennt es von dir.“

„Das weiß ich.“

„Nein.“

Seine goldenen Augen leuchteten.

„Sie nimmt alles mit, was durch mein Blut in deiner Familie lebt.“

Leonie sagte nichts.

Aurelian lächelte.

„Deine Erinnerungen.“

„Nein.“

„Deine Kraft.“

„Halt den Mund.“

„Vielleicht sogar deine Seele.“

Leonie wich zurück.

„Du willst nur, dass ich Angst bekomme.“

„Ja.“

Aurelian lächelte breiter.

„Weil du Angst haben solltest.“

Dann flüsterte er:

„Frag Jakob, was mit der letzten Berger geschah, die die Klinge berührte.“

Die Vision brach ab.

Leonie taumelte.

David fing sie.

„Hey.“

Sie riss sich los.

„Jakob.“

Jakob sah sie an.

„Was?“

„Wer war die letzte Berger, die die Klinge berührt hat?“

Sein Gesicht wurde blass.

Elisa blickte sofort zu ihm.

„Was hat Aurelian gesagt?“

Leonie ignorierte sie.

„Jakob.“

Er schwieg.

„Wer?“

„Clara.“

„Meine Ururgroßmutter.“

„Ja.“

„Was ist mit ihr passiert?“

„Das ist kompliziert.“

Leonie lachte bitter.

„Ich hasse diesen Satz.“

„Sie hat überlebt.“

„Und?“

Jakob sah zu Boden.

„Sie hat danach niemanden mehr erkannt.“

Stille.

David ließ langsam die Hand sinken.

„Was heißt das?“

„Ihre Erinnerungen waren weg.“

Leonie starrte Jakob an.

„Alle?“

„Fast alle.“

„Wie lange?“

„Bis zu ihrem Tod.“

Leonie trat zurück.

„Und das wolltest du mir wann erzählen?“

„Wir wussten nicht, ob es wieder passieren würde.“

„Wieder dieses wir.“

Elisa sah Jakob wütend an.

„Davon wusste ich nichts.“

„Es stand nicht in den offiziellen Aufzeichnungen.“

„Aber du wusstest es.“

„Ja.“

Leonie schüttelte den Kopf.

„Ich werde diese Klinge nicht anfassen.“

David sagte ruhig:

„Musst du vielleicht auch nicht.“

Sie sah ihn an.

„Was?“

„Ich soll sie benutzen.“

„An mir.“

„Das wissen wir noch nicht.“

„David.“

„Wir wissen überhaupt nicht, wie dieses Ding funktioniert.“

Leonie schwieg.

Er sah zu Jakob.

„Wir finden die Klinge. Danach entscheiden wir, was wir damit machen.“

Elisa nickte.

„Das ist im Moment alles, was wir tun können.“

Leonie atmete tief durch.

„Gut.“

Dann sah sie Jakob an.

„Aber keine Geheimnisse mehr.“

Er nickte.

„Keine.“

Leonie zeigte auf ihn.

„Wenn du noch einmal lügst, lasse ich den nächsten Vampir zuerst dich fressen.“

Jakob lächelte schwach.

„Verstanden.“

Sie erreichten wenig später eine Abzweigung.

Der linke Tunnel führte weiter nach unten.

Der rechte endete vor einer Stahltür.

Darauf stand:

S

David blieb stehen.

„Das muss es sein.“

Elisa untersuchte die Tür.

„Kein Schloss.“

Jakob zeigte auf eine kleine Vertiefung.

„Blut.“

David seufzte.

„Mein Großvater hatte wirklich ein Thema.“

Er öffnete erneut den kleinen Schnitt an seinem Daumen.

Ein Tropfen fiel in die Vertiefung.

Die Tür öffnete sich.

Dahinter lag ein schmaler Gang.

An der Wand leuchteten nacheinander kleine Lampen auf.

Eine.

Zwei.

Drei.

Bis tief in die Anlage hinein.

Leonie sah David an.

„Sehr einladend.“

David holte seine Taschenlampe.

„Ihr bleibt hier.“

„David.“

„Diesmal wirklich.“

Elisa nickte.

Leonie sah sie überrascht an.

„Du stimmst ihm zu?“

„Da steht nur Stein allein.“

„Ich dachte, du hältst alte Regeln für Unsinn.“

„Nur die, die mir nicht gefallen.“

David ging zur Tür.

Leonie hielt ihn kurz am Arm fest.

„Pass auf.“

Er sah sie an.

„Du auch.“

Dann betrat er den Gang.

Die Tür schloss sich hinter ihm.

David ging allein weiter.

Seine Schritte hallten durch den Tunnel.

Nach vielleicht fünfzig Metern kam er in einen kleinen Raum.

Leer.

Bis auf einen Tisch.

Darauf lag ein Kassettenrekorder.

David blieb stehen.

„Nein.“

Daneben befand sich eine Kassette.

Eine handschriftliche Notiz.

David.

Sein Herz setzte für einen Moment aus.

„Das ist unmöglich.“

Er nahm die Kassette.

Sein Name.

Nicht der seines Vaters.

Nicht Samuel.

David.

Er legte sie in das Gerät.

Drückte auf Play.

Rauschen.

Dann eine Männerstimme.

Alt.

Müde.

„Wenn du das hörst, David, dann hat alles wieder begonnen.“

David bewegte sich nicht.

Die Stimme sprach weiter.

„Du kennst mich wahrscheinlich nur von Fotos.“

David schluckte.

Samuel.

„Es tut mir leid, dass ich deinen Vater verlassen musste.“

David schloss kurz die Augen.

„Ich hatte keine Wahl.“

Kurze Pause.

„Cassian hat mich gefunden.“

David öffnete die Augen.

„Und wenn du diese Aufnahme hörst, wird er vermutlich auch dich finden.“

Rauschen.

„Vertrau ihm nicht.“

David hielt den Atem an.

„Aber töte ihn auch nicht.“

Die Aufnahme knackte.

„Du wirst ihn brauchen.“

David starrte den Rekorder an.

„Für Aurelian.“

Das Band rauschte stärker.

„Die Klinge kann den König töten.“

Dann wurde Samuels Stimme leiser.

„Aber nur, wenn das Herz freiwillig loslässt.“

David runzelte die Stirn.

„Was?“

„Wenn du Leonie zwingst, wird die Klinge sie töten.“

David spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

„Wenn sie freiwillig loslässt, hat sie eine Chance.“

Eine Chance.

Nicht Sicherheit.

„Ich wünschte, ich könnte dir sagen, wie groß sie ist.“

Lange Pause.

„Kann ich nicht.“

David sah zu Boden.

„Es tut mir leid, Junge.“

Dann sagte Samuel noch etwas.

„Und wenn Jakob Wendt bei dir ist—“

David hob den Kopf.

„—dann vertrau ihm nicht.“

Das Band stoppte.

David stand vollkommen still.

Jakob.

Er drückte erneut auf Play.

Nichts.

Das Band war zu Ende.

Dann hörte er hinter sich eine Stimme.

„Samuel war immer zu misstrauisch.“

David fuhr herum.

Cassian stand im Eingang.

David zog sofort seine Waffe.

„Du.“

Cassian sah auf den Kassettenrekorder.

„Also hat er dir doch etwas hinterlassen.“

„Wie bist du hier reingekommen?“

„Ich kenne diesen Ort besser als du.“

„Das Siegel lässt nur Stein durch.“

Cassian lächelte.

„Ich war schon hier, bevor Samuel es versiegelt hat.“

David richtete die Pistole auf seine Brust.

„Was willst du?“

Cassian sah an ihm vorbei.

An der hinteren Wand befand sich eine kleine Nische.

Darin lag eine lange schwarze Klinge.

David hatte sie vorher nicht bemerkt.

Der Griff bestand aus dunklem Metall.

In der Mitte befand sich das Symbol der Stein-Linie.

Cassian sah sie an.

„Das.“

David stellte sich davor.

„Nein.“

„Du weißt nicht, womit du spielst.“

„Doch.“

„Nein.“

Cassians Gesicht wurde ernst.

„Wenn Aurelian erwacht, wird Berlin zu einem Schlachthaus.“

„Dann helfen wir ihm nicht dabei.“

„Du verstehst es immer noch nicht.“

Cassian trat näher.

David spannte den Finger am Abzug.

„Noch einen Schritt.“

Cassian blieb stehen.

„Jakob Wendt arbeitet für Aurelian.“

David sagte nichts.

„Du lügst.“

„Ja.“

Cassian lächelte schwach.

„Aber nicht diesmal.“

David erinnerte sich an Samuels Worte.

Vertrau Jakob nicht.

„Warum sollte er das tun?“

„Weil Aurelian ihm etwas versprochen hat.“

„Was?“

„Seinen Sohn.“

David runzelte die Stirn.

„Jakobs Sohn ist tot.“

„Genau.“

Stille.

Cassian sah zur Klinge.

„Aurelian versprach, ihn zurückzubringen.“

David schüttelte den Kopf.

„Kann er das?“

„Nein.“

„Dann warum—“

„Trauer macht Menschen dumm.“

Cassian bewegte sich plötzlich.

David schoss.

Die Kugel traf Cassian in der Schulter.

Er taumelte.

David rannte zur Klinge.

Seine Hand schloss sich um den Griff.

Ein Schmerz explodierte in seinem Arm.

Er schrie.

Das Symbol auf seiner Hand leuchtete weiß.

Die Klinge vibrierte.

Cassian blieb stehen.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Sie hat dich akzeptiert.“

David zog die Klinge aus der Halterung.

Sie war überraschend leicht.

Fast schwerelos.

Schwarze Linien liefen über das Metall.

Cassian sah ihn an.

„Jetzt hör mir gut zu.“

„Warum sollte ich?“

„Weil Jakob gerade versucht, Leonie zu Aurelian zu bringen.“

Auf der anderen Seite der Tür stand Leonie neben Elisa.

Jakob ging unruhig auf und ab.

„Wie lange dauert das?“

Elisa sah auf ihre Uhr.

„Fünf Minuten.“

„Zu lange.“

Leonie beobachtete ihn.

„Du bist nervös.“

„Natürlich bin ich nervös.“

„Vorher warst du ruhiger.“

Jakob antwortete nicht.

Elisa sah ihn an.

Dann auf seine rechte Hand.

Sie zitterte.

„Jakob.“

„Was?“

„Was ist los?“

„Nichts.“

Leonie hörte plötzlich ein Flüstern.

Nicht Aurelians Stimme.

Eine andere.

Leise.

Direkt hinter Jakob.

„Jetzt.“

Leonie erstarrte.

Jakob zog eine Pistole.

Elisa reagierte sofort.

Doch Jakob war schneller.

Er schoss.

Elisa wurde an der Schulter getroffen und fiel zu Boden.

„ELISA!“

Leonie rannte zu ihr.

Jakob richtete die Waffe auf Leonie.

Seine Augen waren voller Tränen.

„Es tut mir leid.“

Leonie starrte ihn an.

„Was machst du?“

„Ich habe keine Wahl.“

„Du hast immer eine Wahl.“

„Nicht diesmal.“

Elisa presste die Hand auf ihre Schulter.

„Jakob.“

„Bleib liegen.“

Leonie stand langsam auf.

„Du arbeitest für Aurelian.“

Jakob schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Doch.“

„Ich arbeite für meinen Sohn.“

Stille.

Leonie erinnerte sich.

Jakob hatte nie von Kindern gesprochen.

„Was ist mit ihm passiert?“

Jakobs Unterlippe zitterte.

„1998.“

„Was?“

„Autounfall.“

Seine Stimme brach.

„Er war neunzehn.“

Leonie sagte nichts.

„Aurelian hat gesagt, er kann ihn zurückbringen.“

Elisa lachte trotz des Schmerzes bitter.

„Er lügt dich an.“

„Das weißt du nicht.“

„Doch.“

„Halt den Mund.“

Jakob richtete die Pistole auf sie.

Leonie ging einen Schritt näher.

„Jakob.“

„Bleib stehen.“

„Du weißt, dass er lügt.“

„Nein.“

„Doch.“

Jakobs Hand zitterte stärker.

„Er hat mir seine Stimme gezeigt.“

Leonie verstand.

Aurelian hatte ihm Visionen geschickt.

Wie ihr.

„Das war nicht dein Sohn.“

„Du weißt gar nichts.“

„Ich weiß, was Aurelian macht.“

Sie ging noch einen Schritt.

„Er zeigt dir genau das, was du sehen willst.“

„Bleib stehen!“

„Und wenn du mich zu ihm bringst, bekommst du deinen Sohn nicht zurück.“

Jakobs Augen füllten sich mit Tränen.

„Hör auf.“

„Du bekommst nur einen Vampirkönig.“

Jakob schrie:

„HALT DEN MUND!“

Dann öffnete sich hinter Leonie die Stahltür.

David stand dort.

In seiner Hand hielt er die schwarze Klinge.

Jakob wurde kreidebleich.

David sah die verletzte Elisa.

Dann die Pistole in Jakobs Hand.

„Waffe runter.“

Jakob richtete sie auf David.

„Du verstehst das nicht.“

David hob die Klinge.

„Mein Großvater hat mich ausdrücklich vor dir gewarnt.“

Jakob erstarrte.

„Samuel?“

„Ja.“

„Er lebt?“

„Nein.“

Davids Stimme wurde kalt.

„Aber er kannte dich offenbar ziemlich gut.“

Leonie sah Jakob an.

„Es ist vorbei.“

Jakob blickte zwischen ihnen hin und her.

Dann kam wieder das Flüstern.

Diesmal hörten es alle.

„Nein.“

Die Lichter gingen aus.

Leonie schrie.

Etwas packte sie von hinten.

Eiskalte Hände.

Sie wurde in die Dunkelheit gerissen.

„LEONIE!“

David rannte los.

Die Klinge begann in seiner Hand zu leuchten.

Für einen Moment sah er eine Gestalt.

Groß.

Dunkel.

Goldene Augen.

Aurelian.

Nicht körperlich.

Ein Schatten.

Er hielt Leonie im Arm.

Dann verschwanden beide.

Das Licht kehrte zurück.

Leonie war weg.

David stand mitten im Tunnel.

„Nein.“

Elisa richtete sich mühsam auf.

Jakob starrte auf die Stelle, an der Leonie eben noch gestanden hatte.

Sein Gesicht war leer.

„Er hat sie.“

David drehte sich zu ihm.

„Wo?“

Jakob sagte nichts.

David packte ihn am Kragen.

„WO IST SIE?“

Jakob sah ihn an.

Dann flüsterte er:

„Unter Köpenick.“

„Wo genau?“

Jakob schloss die Augen.

„Unter dem Müggelsee.“

Elisa wurde blass.

„Der siebte Zugang.“

David ließ Jakob los.

„Was ist dort?“

Jakob sah ihn an.

„Der Thronsaal.“

David blickte auf die schwarze Klinge in seiner Hand.

Dann sagte er:

„Dann holen wir sie zurück.“

Kapitel 8 – Der siebte Zugang

Leonie erwachte mit dem Geschmack von Blut im Mund.

Zuerst wusste sie nicht, wo sie war.

Dann kam die Kälte.

Sie lag auf Stein.

Feuchtigkeit drang durch ihre Kleidung, und irgendwo in der Dunkelheit tropfte Wasser in einem gleichmäßigen Rhythmus.

Plopp.

Pause.

Plopp.

Leonie öffnete die Augen.

Über ihr spannte sich eine niedrige Decke aus grob behauenen Steinen.

An den Wänden brannten Kerzen.

Dutzende.

Vielleicht Hunderte.

Ihr flackerndes Licht ließ die Schatten über das Mauerwerk tanzen.

Leonie setzte sich auf.

Ihr Kopf pochte.

„Elisa?“

Keine Antwort.

„David?“

Nur das Echo ihrer eigenen Stimme.

Sie tastete nach ihrer Jacke.

Das Messer war weg.

Das Handy ebenfalls.

Leonie fluchte.

Dann erinnerte sie sich.

Der Teufelsberg.

Jakob.

Der Schuss auf Elisa.

Die Stimme.

Aurelian.

Und diese Hände, die sie in die Dunkelheit gerissen hatten.

Leonie stand auf.

„Na toll.“

Vor ihr führte ein breiter Gang weiter.

Kein Gitter.

Keine Tür.

Keine Fesseln.

Das machte ihr mehr Angst als alles andere.

Sie ging langsam los.

Der Boden bestand aus dunklen Steinplatten.

In einige waren Namen eingeritzt.

Leonie leuchtete mit einer der Kerzen darüber.

Johann Keller – 1714

Amalia von Lichtenberg – 1762

Friedrich Melzer – 1811

Georg Falkenberg – 1847

Sie hielt inne.

Falkenberg.

Cassians Familie?

Leonie ging weiter.

Mehr Namen.

Mehr Jahreszahlen.

Dann entdeckte sie etwas anderes.

Nicht nur Menschen.

Symbole.

Das Zeichen der Berger.

Das Zeichen der Stein-Linie.

Und weitere.

Rosenfeld.

Albrecht.

Alle vier Hüterfamilien.

Leonie kniete sich hin.

Unter den Zeichen stand ein Satz.

Vier bewahren den Weg.
Eines trägt das Herz.
Eines führt die Klinge.
Zwei halten die Dunkelheit geschlossen.

Leonie las die Worte zweimal.

„Zwei halten die Dunkelheit geschlossen.“

Also Rosenfeld und Albrecht.

Doch beide Linien waren verschwunden.

Das bedeutete—

„Dass das Siegel seit Jahrzehnten stirbt.“

Die Stimme kam aus dem Gang.

Leonie fuhr herum.

Aurelian stand dort.

Nicht als Schatten.

Nicht in einer Spiegelung.

Wirklich.

Er sah genauso aus wie in ihren Visionen.

Groß.

Schlank.

Langes schwarzes Haar.

Seine Haut war fast weiß, ohne leblos zu wirken.

Er trug einen dunklen Mantel über einem schwarzen Hemd.

Seine Augen waren nicht schwarz wie bei Cassian.

Sie waren golden.

Leuchtend.

Unnatürlich.

Leonie wich zurück.

„Du bist also echt.“

Aurelian lächelte.

„Enttäuscht?“

„Ein bisschen.“

„Warum?“

„Ich hatte gehofft, du wärst nur eine psychische Krise.“

Er lachte leise.

„Du bist wirklich eine Berger.“

„Das behauptet momentan jeder.“

Aurelian ging näher.

Leonie spannte sich an.

„Bleib stehen.“

Er hielt tatsächlich an.

„Du hast keine Waffe.“

„Ich kann trotzdem unfreundlich werden.“

„Das bezweifle ich nicht.“

Sein Blick fiel auf ihre linke Hand.

Das Zeichen erschien unter ihrer Haut.

Schwarz.

Aurelian lächelte.

„Da bist du.“

Leonie ballte die Hand zur Faust.

„Hör auf damit.“

„Womit?“

„Mit diesem Herz-Gelaber.“

Aurelian sah fast amüsiert aus.

„Du willst wissen, warum ich dich so nenne.“

„Eigentlich will ich nach Hause.“

„Dein Zuhause liegt über uns.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Wo sind wir?“

„Unter Friedrichshagen.“

„Unter dem Müggelsee?“

Aurelian nickte.

„Tief genug.“

Leonie sah sich um.

„Wie kommt so etwas unter einen See?“

„Der See war nicht immer, was er heute ist.“

„Das klingt nach einer Geschichtsstunde.“

„Geschichte ist wichtig.“

„Normalerweise schon. Bei dir befürchte ich nur, dass sie mehrere Jahrhunderte dauert.“

Aurelian lächelte.

„Komm.“

„Nein.“

Er drehte sich um.

„Du willst Antworten.“

Leonie blieb stehen.

„Und wenn ich nicht mitkomme?“

Aurelian blickte über die Schulter.

„Dann findest du niemals heraus, warum deine Familie dich belogen hat.“

Das traf.

Leonie hasste, dass er das wusste.

Noch mehr hasste sie, dass es funktionierte.

Sie folgte ihm.

Zur selben Zeit raste David durch den Grunewald.

Elisa saß auf dem Beifahrersitz.

Ihre Schulter war notdürftig verbunden.

Jakob saß hinten.

Seine Hände waren mit Kabelbindern gefesselt.

David sah immer wieder in den Rückspiegel.

„Wenn Leonie etwas passiert—“

„Ich weiß“, sagte Jakob.

„Nein. Weißt du nicht.“

„David.“

„Du hast auf Elisa geschossen.“

Jakob schwieg.

„Du hast Leonie praktisch an Aurelian ausgeliefert.“

„Ich wollte das nicht.“

Elisa lachte bitter.

„Das hilft meiner Schulter enorm.“

„Es tut mir leid.“

„Ach, dann ist alles gut.“

„Elisa“, sagte David.

„Was? Ich bin verletzt und schlecht gelaunt.“

David konzentrierte sich wieder auf die Straße.

Die schwarze Klinge lag neben ihm.

In eine Decke gewickelt.

Seit er sie berührt hatte, fühlte sich seine linke Hand anders an.

Wärmer.

Empfindlicher.

Als würde etwas in seiner Haut pulsieren.

„Wie kommen wir zum siebten Zugang?“

Jakob antwortete nicht.

David sah in den Rückspiegel.

„Jakob.“

„Friedrichshagen.“

„Das wissen wir.“

„Müggelseedamm.“

„Und dann?“

„Es gibt einen alten Wartungstunnel.“

Elisa drehte sich zu ihm.

„Seit wann?“

„Er wurde in den fünfziger Jahren teilweise verschlossen.“

„Teilweise?“

„Der offizielle Zugang.“

David kniff die Augen zusammen.

„Und der inoffizielle?“

„Unter einem alten Pumpenhaus.“

„Natürlich.“

Elisa lehnte den Kopf zurück.

„Warum haben Geheimbünde nie etwas unter einem Supermarkt?“

David musste trotz allem kurz lachen.

„Zu praktisch.“

Jakob sah aus dem Fenster.

„Ihr versteht nicht, was dort unten ist.“

David wurde sofort wieder ernst.

„Dann erklär es.“

„Der siebte Zugang führt nicht einfach zum Hof.“

„Sondern?“

Jakob schluckte.

„Zum ältesten Teil.“

Elisa sah ihn an.

„Zum Thronsaal.“

„Ja.“

„Und Aurelian ist dort?“

„Wenn er Leonie genommen hat, ja.“

David umklammerte das Lenkrad.

„Wie lange haben wir?“

Jakob schwieg.

„Wie lange?“

„Bis sie freiwillig das Herz öffnet.“

David sah wieder in den Spiegel.

„Was bedeutet das?“

„Aurelian kann die Essenz nicht einfach aus ihr herausnehmen.“

Elisa wurde aufmerksam.

„Sie muss sie freigeben.“

David dachte an Samuels Aufnahme.

Wenn das Herz freiwillig loslässt.

„Also braucht er ihre Zustimmung.“

Jakob nickte.

„Ja.“

David atmete etwas ruhiger.

„Dann haben wir Zeit.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Jakob sah ihn an.

„Weil Aurelian seit Jahrhunderten weiß, wie man Menschen dazu bringt, freiwillig Dinge zu tun.“

Leonie folgte Aurelian durch einen langen Korridor.

Zu beiden Seiten befanden sich verschlossene Türen.

Manche aus Holz.

Andere aus Metall.

Einige wirkten viel älter.

„Was ist dahinter?“

„Erinnerungen.“

Leonie sah ihn an.

„Das klingt verdächtig poetisch.“

„Gefangene.“

„Ah. Schon weniger poetisch.“

Aurelian ging weiter.

„Nicht alle unfreiwillig.“

„Das macht es nicht besser.“

„Menschen haben mir schon immer gern gedient.“

„Weil du sie hypnotisierst?“

„Manchmal.“

„Dann zählt es nicht.“

Aurelian blieb stehen.

Er drehte sich zu ihr.

„Glaubst du wirklich, Menschen bräuchten übernatürliche Kräfte, um sich einem Tyrannen anzuschließen?“

Leonie schwieg.

Aurelian lächelte schwach.

„Sie brauchen nur Angst.“

Er ging weiter.

„Oder Hoffnung.“

Leonie dachte an Jakob.

An seinen Sohn.

Aurelian bemerkte ihren Blick.

„Jakob.“

„Du hast ihn belogen.“

„Ja.“

Die Antwort kam so selbstverständlich, dass Leonie kurz stehen blieb.

„Du gibst es einfach zu?“

„Warum sollte ich nicht?“

„Du kannst seinen Sohn nicht zurückbringen.“

„Nein.“

„Und trotzdem hast du ihm gesagt, dass du es kannst.“

„Ja.“

Leonie starrte ihn an.

„Du bist ein Arschloch.“

Aurelian lachte.

„Eine erstaunlich moderne Beschreibung.“

„Aber korrekt.“

„Durchaus.“

Leonie folgte ihm weiter.

„Warum brauchst du mich wirklich?“

Aurelian wurde ernst.

„Weil ein Teil von mir seit Generationen in deiner Familie lebt.“

„Das weiß ich.“

„Nein.“

Er blieb vor einer großen Tür stehen.

Schwarzes Holz.

Darauf war das Berger-Symbol eingraviert.

„Du weißt nur, was die Hüter dir erzählt haben.“

„Und du willst jetzt behaupten, du erzählst mir die Wahrheit.“

„Ich erzähle dir meine.“

Er öffnete die Tür.

Dahinter lag ein kleiner Raum.

An den Wänden hingen Gemälde.

Porträts.

Leonie trat hinein.

Frauen.

Alle unterschiedlich.

Verschiedene Jahrhunderte.

Verschiedene Kleidung.

Doch etwas verband sie.

Die Augen.

Leonie erkannte sich darin.

Nicht ihr Gesicht.

Aber einzelne Merkmale.

„Wer sind sie?“

„Deine Familie.“

Aurelian ging zum ersten Bild.

Eine junge Frau in dunklem Kleid.

„Anna.“

Leonie trat näher.

„Deine Tochter.“

„Ja.“

Das nächste Bild.

„Margarethe Berger. Geboren 1698.“

Weiter.

„Luise. Charlotte. Johanna.“

Aurelian ging durch den Raum.

„Clara.“

Leonie blieb vor dem Porträt ihrer Ururgroßmutter stehen.

Sie kannte ihr Gesicht bereits vom Foto.

Hier war sie jünger.

Vielleicht dreißig.

Sie wirkte entschlossen.

„Was hast du mit ihnen gemacht?“

Aurelian antwortete nicht.

„Was?“

„Nichts.“

Leonie sah ihn an.

„Das glaube ich dir nicht.“

„Ich konnte sie nicht erreichen.“

„Warum?“

„Das Siegel.“

Aurelian betrachtete Anna.

„Meine Tochter sorgte dafür.“

„Sie ist vor dir geflohen.“

„Ja.“

„Warum?“

Aurelian schwieg länger.

Leonie trat näher.

„Warum ist deine eigene Tochter vor dir geflohen?“

Seine goldenen Augen verloren für einen Moment ihre Ruhe.

„Weil sie glaubte, ich sei ein Monster.“

„Warst du es?“

Aurelian sah sie an.

„Ja.“

Leonie hatte mit einer Ausrede gerechnet.

Nicht damit.

„Und jetzt?“

„Jetzt weiß ich es.“

„Das macht es nicht besser.“

„Nein.“

Er ging zu einem kleinen Tisch.

Darauf lag ein altes Buch.

„Anna half den Hütern, mich zu besiegen.“

„Also die Bergers haben dich nicht beschützt.“

„Nein.“

„Sie haben dich verraten.“

„Aus meiner Sicht.“

Leonie betrachtete das Buch.

„Und aus ihrer?“

„Sie retteten Berlin.“

Leonie sagte nichts.

Aurelian sah sie an.

„Du erwartest, dass ich sie dafür hasse.“

„Ein bisschen.“

„Das tat ich.“

„Und jetzt nicht mehr?“

„Dreihundert Jahre sind eine lange Zeit.“

„Du bist länger als dreihundert Jahre hier.“

„Sehr viel länger.“

„Wie alt bist du wirklich?“

Aurelian lächelte.

„Alt genug.“

„Furchtbar geheimnisvoll.“

„Du würdest mir die Zahl ohnehin nicht glauben.“

Leonie sah auf das Buch.

„Was ist das?“

„Annas Tagebuch.“

Sie erstarrte.

„Das Original?“

„Ja.“

„Das Tagebuch im Archiv war nicht von ihr.“

„Nein.“

„Von wem dann?“

„Clara.“

Leonie erinnerte sich an 1891.

„Meine Ururgroßmutter.“

„Sie suchte nach diesem Ort.“

„Warum?“

„Weil sie glaubte, das Siegel versage.“

Leonie nahm Annas Tagebuch vorsichtig in die Hand.

Es war erstaunlich gut erhalten.

Sie öffnete es.

Die Handschrift war alt.

Aber lesbar.

Auf der ersten Seite stand:

Für meine Töchter.
Damit niemals vergessen wird, was mein Vater war – und was er nie wieder werden darf.

Leonie hob den Blick.

Aurelian stand regungslos da.

„Sie hatte wirklich eine hohe Meinung von dir.“

„Sie kannte mich gut.“

Leonie blätterte.

Einige Seiten waren voller Warnungen.

Andere beschrieben Rituale.

Dann fand sie eine Passage.

Das Herz darf niemals zurückgegeben werden. Denn solange ein Teil seines Blutes außerhalb seines Körpers lebt, bleibt der König unvollständig.

Leonie sah Aurelian an.

„Du willst also vollständig werden.“

„Ja.“

„Und dafür sterbe ich.“

Aurelian schwieg.

„Sag es.“

„Dein menschlicher Körper wahrscheinlich.“

Leonie spürte einen kalten Schauer.

„Wahrscheinlich?“

„Es gab diesen Fall noch nie.“

„Großartig.“

Sie legte das Buch zurück.

„Dann nein.“

Aurelian wirkte nicht überrascht.

„So einfach?“

„Ja.“

„Du willst nicht einmal hören, was du dafür bekommst?“

Leonie lachte.

„Ich bekomme den Tod.“

„Vielleicht.“

„Sehr überzeugend.“

Aurelian trat näher.

„Du würdest nicht verschwinden.“

Leonie wurde still.

„Was soll das heißen?“

„Dein Bewusstsein würde Teil von mir.“

„Das klingt noch schlimmer.“

„Du würdest sehen, was ich sehe.“

„Nein.“

„Jahrhunderte.“

„Nein.“

„Geschichte.“

„Aurelian.“

„Menschen, Städte, Welten—“

„Nein.“

Seine Augen leuchteten.

„Und du würdest niemals wieder jemanden verlieren.“

Leonie hielt inne.

Aurelian bemerkte es.

„Da.“

„Was?“

„Jeder Mensch hat eine Tür.“

Leonie sah ihn wütend an.

„Du versuchst dasselbe mit mir wie mit Jakob.“

„Nein.“

„Doch.“

„Jakob wollte einen Toten zurück.“

„Und was willst du mir anbieten?“

Aurelian kam näher.

„Dass niemand, den du liebst, jemals wieder stirbt.“

Leonie starrte ihn an.

„Du kennst niemanden, den ich liebe.“

„Noch nicht.“

„Fass meine Gedanken nicht an.“

„Ich muss es nicht.“

Er lächelte.

„Menschen sind erstaunlich vorhersehbar.“

Leonie hob das Kinn.

„Dann hast du schon verloren.“

„Warum?“

„Weil du offenbar nicht mit Menschen gerechnet hast, die dich einfach nicht leiden können.“

Zum ersten Mal wirkte Aurelian beinahe ehrlich amüsiert.

„Ich beginne zu verstehen, warum Cassian dich interessant findet.“

Leonie wurde ernst.

„Was hat Cassian mit meiner Familie zu tun?“

Aurelians Lächeln verschwand.

„Mehr, als er dir sagen wird.“

David hielt vor einem verlassen wirkenden Gebäude nahe dem Müggelseedamm.

Von hier aus war der See zwischen den Bäumen zu erkennen.

Es begann zu regnen.

Elisa stieg aus.

„Das Pumpenhaus?“

Jakob nickte.

„Dahinter.“

David holte die Klinge aus dem Wagen.

Sobald seine Hand den Griff berührte, erschienen die schwarzen Linien auf dem Metall.

Elisa sah es.

„Das Ding mag dich.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das gegenseitig ist.“

Jakob stieg aus.

David löste eine seiner Fesseln.

Elisa sah ihn scharf an.

„Was machst du?“

„Er führt uns.“

„Und dann rennt er.“

David sah Jakob an.

„Tut er nicht.“

Jakob nickte.

„Nein.“

„Woher bist du dir so sicher?“

David hielt die Klinge hoch.

„Motivation.“

Jakob sah ihn an.

„Du würdest mich nicht töten.“

„Stimmt.“

Kurze Pause.

„Elisa vielleicht.“

„Definitiv“, sagte sie.

Jakob seufzte.

„Da entlang.“

Sie gingen um das Gebäude.

Hinter dichtem Gestrüpp lag eine alte Betontreppe.

Sie führte hinunter.

David leuchtete hinein.

Wasser stand auf den unteren Stufen.

„Wie tief?“

„Ungefähr dreißig Meter.“

Elisa sah zum Müggelsee.

„Unter Wasserniveau.“

„Ja.“

„Und warum läuft der Tunnel nicht voll?“

Jakob sah sie an.

„Weil der Hof älter ist als moderne Physik.“

Elisa blinzelte.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Ich weiß.“

David ging voraus.

„Ich möchte heute nicht mehr über Physik diskutieren.“

Sie stiegen tiefer.

Der moderne Beton ging irgendwann in alten Stein über.

David bemerkte sofort den Wechsel.

Dieselben Mauern wie unter der Zitadelle.

Dieselben Symbole.

Aber hier waren sie größer.

Dunkler.

Überall befanden sich eingeritzte Kronen.

„Wir sind im Hof“, sagte Jakob.

Elisa zog die Pistole.

„Wie viele Vampire?“

„Keine Ahnung.“

„Du bist heute wirklich hilfreich.“

Jakob blieb stehen.

„Wartet.“

Vor ihnen lag eine Leiche.

David ging näher.

Männlich.

Blasse Haut.

Schwarzes Blut.

Der Körper war teilweise zerfallen.

„Vampir“, sagte Elisa.

David sah auf die Wunden.

Drei tiefe Schnitte quer über die Brust.

„Was hat ihn getötet?“

Elisa kniete sich hin.

„Kein Silber.“

„Aurelian?“

„Vielleicht.“

Jakob wurde nervös.

„Nein.“

David sah ihn an.

„Was?“

„Aurelian würde nicht seine eigenen Anhänger töten.“

„Du kennst ihn offenbar ziemlich schlecht.“

„Nicht so.“

Elisa stand auf.

„Dann wer?“

Eine Stimme antwortete aus der Dunkelheit.

„Ich.“

Cassian trat aus einem Seitengang.

David hob sofort die Klinge.

Elisa zielte mit der Pistole.

„Du hast eine wirklich unangenehme Angewohnheit, einfach aufzutauchen.“

Cassian sah sie an.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“

David trat einen Schritt vor.

„Wo ist Leonie?“

„Im Thronsaal.“

„Lebt sie?“

„Ja.“

„Sicher?“

Cassian sah ihn direkt an.

„Ich kann ihren Herzschlag hören.“

David spannte den Kiefer an.

„Bring uns hin.“

„Das hatte ich vor.“

Elisa lachte trocken.

„Wie großzügig.“

Cassian sah auf die Klinge.

„Du hast sie gefunden.“

„Keine Bewegung.“

„Wenn ich sie haben wollte, würdest du sie nicht mehr halten.“

David hob sie etwas.

Das Metall begann zu leuchten.

Cassian wich tatsächlich einen halben Schritt zurück.

Elisa bemerkte es.

„Oh.“

David ebenfalls.

„Scheint, als hätte mein Großvater etwas Nützliches gebaut.“

Cassians Blick wurde kalt.

„Samuel hat sie nicht gebaut.“

„Wer dann?“

„Meine Schwester.“

Stille.

David sah ihn an.

„Was?“

Cassian blickte zur Klinge.

„Helena Falkenberg.“

Jakob wurde blass.

„Das wusste ich nicht.“

„Du weißt vieles nicht.“

David sah das schwarze Metall an.

„Deine Schwester war Hüterin?“

„Nein.“

Cassian schüttelte den Kopf.

„Sie war Vampirin.“

Elisa runzelte die Stirn.

„Eine Vampirin hat die Waffe gebaut, die Aurelian töten kann?“

„Ja.“

„Warum?“

Cassian sah in den Gang.

„Weil Aurelian sie geliebt hat.“

David wartete.

„Und?“

Cassians Stimme wurde leiser.

„Er hat sie getötet.“

Leonie stand vor einem Fenster.

Zumindest sah es aus wie eines.

Dahinter befand sich Wasser.

Dunkles, grünliches Wasser.

Fische bewegten sich durch die Schwärze.

Leonie trat näher.

„Sind wir wirklich unter dem See?“

Aurelian stand hinter ihr.

„Ja.“

„Das Glas hält?“

„Seit langer Zeit.“

„Das ist keine beruhigende Antwort.“

Sie sah nach oben.

Ein schwacher Lichtschimmer war zu erkennen.

Vielleicht die Oberfläche.

„Wie alt ist dieser Ort?“

„Der erste Teil wurde lange vor Berlin gebaut.“

„Von wem?“

„Von Menschen, die inzwischen vergessen sind.“

„Du könntest einfach mal einen Namen nennen.“

„Ich habe ihren Namen vergessen.“

Leonie drehte sich um.

„Du vergisst Dinge?“

„Viele.“

„Ich dachte, Unsterbliche erinnern sich an alles.“

Aurelian lachte.

„Das wäre eine schlimmere Strafe als Unsterblichkeit.“

Leonie wurde still.

Das hatte sie nicht erwartet.

Aurelian öffnete eine weitere Tür.

„Komm.“

Dahinter befand sich der Thronsaal.

Leonie blieb im Eingang stehen.

Er war riesig.

Eine unterirdische Halle mit hohen Säulen.

Schwarzer Stein.

An den Wänden brannten Fackeln.

Am anderen Ende stand der Thron aus ihrer Vision.

Doch das Beunruhigendste waren die Menschen.

Nein.

Nicht Menschen.

Vampire.

Dutzende.

Vielleicht hundert.

Sie standen zu beiden Seiten der Halle.

Regungslos.

Alle sahen Leonie an.

„Oh.“

Aurelian ging weiter.

„Sie warten.“

„Auf was?“

„Dich.“

Leonie blieb stehen.

„Dann können sie lange warten.“

Einige Vampire lächelten.

Andere wirkten beinahe ehrfürchtig.

Eine Frau trat aus der Menge.

Sie hatte langes weißblondes Haar.

„Das Herz.“

Leonie sah sie an.

„Bitte nicht.“

Die Frau kniete nieder.

Weitere Vampire folgten.

Einer nach dem anderen.

Leonie starrte Aurelian an.

„Was soll das?“

„Sie erkennen dein Blut.“

„Ich möchte nicht erkannt werden.“

„Zu spät.“

Bald kniete fast die gesamte Halle.

Leonie fühlte sich, als würde ihr Magen gefrieren.

„Steht auf.“

Niemand reagierte.

„Ich meine es.“

Aurelian stand neben ihr.

„Sie sehen in dir ihre Zukunft.“

„Dann brauchen sie dringend bessere Zukunftspläne.“

Aurelian sah sie an.

„Du könntest sie führen.“

Leonie lachte nervös.

„Ganz sicher nicht.“

„Warum?“

„Weil ich kein Vampir bin.“

„Noch nicht.“

Leonie wurde still.

„Was?“

Aurelian lächelte nicht.

„Wenn du das Herz freiwillig zurückgibst, gibt es eine zweite Möglichkeit.“

„Welche?“

„Du musst nicht sterben.“

Leonie sah ihn misstrauisch an.

„Was ist der Haken?“

„Du würdest dich verändern.“

„In einen Vampir.“

„Nicht ganz.“

„Was heißt nicht ganz?“

Aurelian ging zum Thron.

„Du würdest werden wie Anna.“

Leonie folgte ihm mit den Augen.

„Was war Anna?“

Aurelian sah sie an.

„Die erste Geborene.“

„Das erklärt gar nichts.“

„Halb Mensch.“

Leonie schluckte.

„Und halb Vampir.“

Aurelian nickte.

„Ja.“

Leonie dachte an alle Geschichten.

An das Herz.

An Aurelians Essenz.

„Anna wurde so geboren?“

„Ja.“

„Wie ist das möglich?“

„Ihre Mutter war menschlich.“

Leonie starrte ihn an.

„Du hattest mit einem Menschen ein Kind.“

„Ja.“

„Wer war sie?“

Aurelian schwieg.

Leonie bemerkte die Veränderung in seinem Gesicht.

Zum ersten Mal sah sie etwas, das fast wie Schmerz wirkte.

„Wie hieß sie?“

„Katharina.“

„Was ist mit ihr passiert?“

Aurelian sah zur Seite.

„Sie starb.“

„Wegen dir?“

Lange Stille.

„Ja.“

Leonie sagte nichts.

Aurelian blickte wieder zu ihr.

„Anna hat mir das nie verziehen.“

„Kann ich verstehen.“

„Das solltest du.“

Leonie sah zu den knienden Vampiren.

„Und du willst aus mir das machen, was Anna war.“

„Du bist es bereits teilweise.“

„Nein.“

„Dein Körper altert menschlich. Dein Blut nicht vollständig.“

Leonie wurde still.

„Was soll das heißen?“

„Hast du dich nie gefragt, warum du selten krank bist?“

Leonie antwortete nicht.

„Warum Verletzungen schneller verheilen?“

„Das ist Unsinn.“

„Ist es das?“

Leonie dachte an ihre Kindheit.

An einen Fahrradunfall.

Eine tiefe Wunde am Knie.

Der Arzt hatte damals gesagt, sie heile ungewöhnlich schnell.

Zufall.

Natürlich Zufall.

„Du manipulierst mich.“

„Ja.“

Aurelian kam näher.

„Aber du weißt trotzdem, wann ich recht habe.“

Ein Geräusch hallte durch die Halle.

Ein Schrei.

Dann ein Schuss.

Die Vampire erhoben sich gleichzeitig.

Aurelian drehte den Kopf.

Sein Gesicht wurde kalt.

Leonie wusste sofort.

„David.“

David zog die Klinge aus dem Körper eines Vampirs.

Der Mann zerfiel noch bevor er den Boden berührte.

David starrte auf die Waffe.

„Das ging schnell.“

Cassian lief weiter.

„Sie wurde dafür geschaffen.“

Elisa schoss einem zweiten Vampir ins Bein.

Cassian packte ihn am Hals und schleuderte ihn gegen die Wand.

„Wie viele sind hier?“, rief David.

„Zu viele.“

„Super Antwort!“

Jakob blieb hinter ihnen.

„Links!“

Eine Gestalt sprang aus einer Nische.

Elisa feuerte.

Daneben.

Der Vampir rammte sie gegen die Wand.

Cassian bewegte sich blitzartig.

Er packte ihn.

Drehte ihm den Hals um.

Das Geräusch ließ David zusammenzucken.

„Musste das sein?“

Cassian sah ihn an.

„Nein.“

David schüttelte den Kopf.

„Du bist wirklich sympathisch.“

Sie erreichten eine große Treppe.

Oben befand sich eine schwarze Tür.

Cassian blieb stehen.

„Dahinter.“

David umklammerte die Klinge.

„Leonie?“

„Ja.“

Elisa lud ihre Waffe nach.

„Dann gehen wir rein.“

Cassian hielt sie zurück.

„Nein.“

Elisa sah auf seine Hand.

„Wenn du deine Finger behalten möchtest—“

„Hört.“

Alle verstummten.

Von hinter der Tür kam ein Geräusch.

Viele Stimmen.

Im Chor.

„Aurelian.“

Wieder.

„Aurelian.“

Jakob wurde blass.

„Das Ritual.“

David sah ihn an.

„Welches Ritual?“

„Die Rückkehr.“

Cassian riss die Tür auf.

Leonie stand mitten im Thronsaal.

Die Vampire sprachen Aurelians Namen.

Immer wieder.

Sie konnte den Rhythmus in ihrem Körper fühlen.

Aurelian stand vor dem Thron.

„Beende es.“

Leonie sah ihn an.

„Nein.“

„Du kannst es.“

„Nein.“

„Ein Wort.“

„Was?“

„Sag, dass du das Herz freigibst.“

„Ganz sicher nicht.“

Der Boden vibrierte.

Aurelian trat näher.

„Leonie.“

„Nein.“

„Du weißt nicht, was geschieht, wenn du dich weigerst.“

„Dann erklär es.“

Aurelian sah zu den Vampiren.

„Das Siegel bricht trotzdem.“

Leonie wurde kalt.

„Dann brauchst du mich doch gar nicht.“

„Doch.“

„Warum?“

„Wenn es ohne dich bricht, erwacht mein Körper unvollständig.“

„Klingt gut.“

„Nein.“

Seine Stimme wurde scharf.

„Dann verliere ich die Kontrolle.“

Leonie starrte ihn an.

„Über was?“

„Über meinen Hunger.“

Die Vampire verstummten.

Aurelian sah sie an.

„Ich habe seit mehr als achtzig Jahren nicht vollständig getrunken.“

„Vampirblut.“

„Ja.“

„Und wenn du unvollständig erwachst?“

„Dann werde ich jeden Vampir in Berlin jagen.“

Leonie schwieg.

„Und danach jeden Menschen, dessen Blut Aurelians Essenz berührt hat.“

„Meine Familie.“

„Ja.“

„Ich bin die Letzte.“

Aurelian schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Leonie erstarrte.

„Was?“

„Du bist nicht die Letzte.“

„Jakob hat gesagt—“

„Jakob weiß es nicht.“

Leonie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Wer?“

Aurelian wollte antworten.

In diesem Moment flog die Tür des Thronsaals auf.

David trat ein.

Die schwarze Klinge in der Hand.

Elisa neben ihm.

Cassian.

Und Jakob.

Leonie atmete auf.

„David.“

Aurelians Gesicht veränderte sich.

Seine goldenen Augen wurden heller.

„Stein.“

David richtete die Klinge auf ihn.

„Lass sie gehen.“

Aurelian sah auf die Waffe.

Zum ersten Mal sah Leonie echte Angst in seinen Augen.

Nur einen Moment.

Aber sie sah sie.

Cassian trat in die Halle.

Die knienden Vampire wichen zurück.

„Hallo, Vater.“

Leonie drehte sich zu ihm.

David ebenfalls.

Elisa starrte Cassian an.

„Was hast du gerade gesagt?“

Cassian sah Aurelian an.

„Du wolltest es ihnen wohl nicht erzählen.“

Leonie blickte zwischen beiden hin und her.

„Vater?“

Aurelian sagte nichts.

Cassian lächelte kalt.

„Aurelian Falkenberg.“

Stille.

Leonie sah Cassian an.

„Du bist sein Sohn.“

„Einer davon.“

David hob die Klinge etwas höher.

„Wie viele?“

Cassian sah weiter zu Aurelian.

„Noch einer lebt.“

Aurelian sagte ruhig:

„Cassian.“

„Sag es ihnen.“

„Nicht jetzt.“

„Doch.“

Leonie spürte sofort, dass etwas noch Schlimmeres kam.

„Wer?“

Cassian sah sie an.

„Deine Linie stammt von Anna.“

„Das wissen wir.“

„Anna war Aurelians Tochter.“

„Auch das wissen wir.“

Cassian schüttelte den Kopf.

„Aber Anna war nicht sein einziges Kind mit menschlichem Blut.“

Aurelian schloss die Augen.

Cassian lächelte nicht mehr.

„Es gab einen Sohn.“

Leonie sah zu David.

Dann zurück.

„Wer?“

Cassian antwortete:

„Samuel Stein.“

David erstarrte.

Die Klinge in seiner Hand begann zu vibrieren.

„Nein.“

Jakob wurde kreidebleich.

„Das ist unmöglich.“

Cassian sah David an.

„Dein Großvater war nicht einfach ein Hüter.“

David schüttelte den Kopf.

„Halt den Mund.“

„Er war Aurelians Sohn.“

„Nein.“

„Und deshalb konnte nur seine Blutlinie die Klinge führen.“

David hob die Waffe.

„Du lügst.“

Cassian sah ihn ruhig an.

„Frag ihn.“

Alle blickten zu Aurelian.

Er schwieg.

David trat einen Schritt vor.

„Sag, dass es nicht stimmt.“

Aurelian sah ihn an.

Seine goldenen Augen wurden weich.

„Samuel.“

David schrie:

„ICH BIN NICHT SAMUEL!“

Die Klinge leuchtete plötzlich grell auf.

Ein Stoß ging durch den Saal.

Mehrere Vampire wurden zu Boden geschleudert.

Leonie hielt sich an einer Säule fest.

Aurelian wich zurück.

David starrte die Klinge an.

„Was war das?“

Cassian sagte leise:

„Blut erkennt Blut.“

Der Boden begann zu beben.

Ein tiefes Grollen kam aus der Erde.

Jakob blickte erschrocken auf die Symbole.

„Nein.“

Elisa sah ihn an.

„Was?“

„Die beiden Linien.“

Leonie verstand.

Berger.

Stein.

Herz.

Klinge.

Sie standen gemeinsam im Thronsaal.

Das Siegel reagierte.

Ein Riss zog sich durch den Boden.

Dann ein zweiter.

Aurelian sah hinunter.

„Geht zurück.“

Cassian wurde plötzlich ernst.

„Was hast du getan?“

„Nichts.“

„Der Hof öffnet sich.“

„Das sollte er nicht.“

Leonie sah Aurelian an.

„Du weißt nicht, was passiert?“

Zum ersten Mal antwortete er ohne jede Überheblichkeit.

„Nein.“

Der Boden brach auf.

Unter dem Thron entstand eine schwarze Öffnung.

Ein Geräusch drang daraus hervor.

Ein tiefes Knurren.

Cassian wurde blass.

Aurelian ebenfalls.

Elisa bemerkte es.

„Warum haben plötzlich beide Vampir-Superstars Angst?“

Aurelian trat zurück.

„Weil das nicht mein Gefängnis ist.“

Leonie starrte ihn an.

„Was?“

Der Riss wurde größer.

Steinplatten stürzten in die Tiefe.

David stellte sich neben Leonie.

„Wenn das nicht sein Gefängnis ist—“

Cassian beendete den Satz.

„Dann haben die Hüter etwas anderes hier eingesperrt.“

Aus der Dunkelheit erschien eine Hand.

Groß.

Grau.

Mit langen schwarzen Fingernägeln.

Sie packte den Rand der Öffnung.

Dann eine zweite.

Leonie wich zurück.

„Bitte sag mir, dass das ein Vampir ist.“

Cassian schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Ein Kopf erschien.

Kahl.

Ausgemergelt.

Ohne Augen.

Der Mund öffnete sich viel zu weit.

Darin lagen mehrere Reihen scharfer Zähne.

Aurelian flüsterte:

„Die Ersten.“

Jakob sah ihn an.

„Was sind die Ersten?“

Aurelian starrte auf die Kreatur.

„Das, woraus Vampire gemacht wurden.“

Weitere Hände erschienen aus der Tiefe.

Nicht eine Kreatur.

Viele.

Aurelian wandte sich zu Leonie.

„Jetzt haben wir ein größeres Problem.“

Die erste Kreatur zog sich aus der Öffnung.

Dann begann der gesamte Schwarze Hof zu schreien.

Kapitel 9 – Die Ersten

Der erste Schrei kam von einem Vampir links neben dem Thron.

Dann brach die Hölle los.

Die Kreatur zog sich vollständig aus dem Riss.

Leonie hatte noch nie etwas gesehen, das so falsch wirkte.

Der Körper erinnerte entfernt an einen Menschen.

Zwei Arme.

Zwei Beine.

Ein Kopf.

Doch die Proportionen stimmten nicht.

Die Arme waren zu lang.

Die Finger berührten beinahe den Boden.

Die graue Haut lag eng über den Knochen, und dort, wo Augen hätten sein sollen, befanden sich nur dunkle Vertiefungen.

Die Kreatur öffnete ihr Maul.

Mehrere Reihen schwarzer Zähne kamen zum Vorschein.

Dann sprang sie.

Nicht auf Leonie.

Auf einen Vampir.

Sie packte ihn am Hals.

Der Vampir schrie und versuchte, sich zu befreien.

Keine Chance.

Die Kreatur biss ihm direkt in die Schulter.

Der Schrei wurde schriller.

Seine Haut begann innerhalb von Sekunden einzufallen.

Aurelian erstarrte.

„Zurück!“

Zu spät.

Der Körper des Vampirs wurde grau.

Trocken.

Leer.

Die Kreatur ließ ihn fallen.

Dann hob sie langsam den Kopf.

Ihre Haut hatte sich verändert.

Nicht mehr grau.

Fast menschlich.

„Sie hat ihn ausgesaugt“, sagte Leonie.

Cassian antwortete:

„Nicht sein Blut.“

Leonie sah ihn an.

„Was dann?“

„Alles.“

Ein zweites Wesen kroch aus dem Riss.

Dann ein drittes.

David stellte sich vor Leonie.

Die schwarze Klinge leuchtete in seiner Hand.

Elisa hob die Pistole.

„Bitte sag mir, dass Silber bei denen funktioniert.“

Aurelian schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Feuer?“

„Vielleicht.“

„Vielleicht ist heute mein neues Hasswort.“

Das erste Wesen drehte den Kopf in ihre Richtung.

Obwohl es keine Augen hatte, wusste Leonie sofort, dass es sie ansah.

Dann bewegte es sich.

David hob die Klinge.

„Komm doch.“

Das Wesen sprang.

David schlug zu.

Die schwarze Klinge traf den Arm der Kreatur.

Ein grelles weißes Licht explodierte im Saal.

Das Wesen schrie.

Der Arm fiel zu Boden.

Schwarze Flüssigkeit spritzte über den Stein.

David starrte die Klinge an.

„Okay.“

Cassian sah ihn überrascht an.

„Helena wusste mehr, als ich dachte.“

Das Wesen taumelte.

Dann wuchs aus seinem Armstumpf etwas Neues.

Ein Knochen.

Fleisch.

Finger.

Leonie schluckte.

„Das ist schlecht.“

Der Arm war innerhalb weniger Sekunden wieder vollständig.

David hob die Klinge.

„Sehr schlecht.“

Weitere Kreaturen krochen aus dem Riss.

Fünf.

Acht.

Zwölf.

Die Vampire im Thronsaal begannen zurückzuweichen.

Einige flohen.

Andere griffen an.

Eine Vampirin sprang auf eines der Wesen.

Sie rammte ihm beide Hände in den Rücken.

Die Kreatur drehte sich um und packte ihren Kopf.

Ein Ruck.

Ein trockenes Knacken.

Die Vampirin fiel zu Boden.

Leonie wandte den Blick ab.

„Wir müssen hier raus.“

Aurelian schüttelte den Kopf.

„Wenn sie den Hof verlassen, erreichen sie die Oberfläche.“

„Dann schließen wir den Riss.“

„Das ist nicht möglich.“

„Warum nicht?“

„Weil das Siegel gebrochen ist.“

Cassian sah zu ihm.

„Nicht vollständig.“

Aurelian erwiderte seinen Blick.

„Noch nicht.“

Jakob trat näher.

„Die vier Linien.“

Leonie sah ihn an.

„Was?“

„Das ursprüngliche Siegel.“

„Zwei Linien sind tot.“

„Vielleicht nicht.“

Aurelian drehte sich langsam zu Jakob.

„Was weißt du?“

Jakob schwieg.

Cassian wurde ungeduldig.

„Wendt.“

Jakob sah zu Leonie.

„Die Albrecht-Linie könnte noch existieren.“

„Du hast gesagt, die letzte Nachfahrin verschwand 1987.“

„Verschwunden ist nicht tot.“

Elisa schoss auf eine Kreatur.

Die Kugeln prallten beinahe wirkungslos von ihrer Brust ab.

„Könnt ihr euren Stammbaum später klären?“

Das Wesen rannte auf sie zu.

Cassian warf sich dagegen.

Beide krachten gegen eine Säule.

Stein splitterte.

Elisa wich zurück.

„Danke.“

Cassian rang mit der Kreatur.

„Gern.“

Das Wesen packte ihn am Hals.

Cassians Gesicht verzerrte sich.

„Vielleicht jetzt helfen.“

Elisa zog ein Messer.

„Schon besser.“

Sie rammte es der Kreatur in den Nacken.

Keine Wirkung.

„Oder auch nicht.“

Cassian trat das Wesen zurück.

Aurelian bewegte sich.

Leonie sah nur einen dunklen Schatten.

Im nächsten Moment stand er hinter der Kreatur.

Er legte beide Hände an deren Kopf.

Das Wesen begann zu schreien.

Aurelians goldene Augen leuchteten.

Dann riss er den Kopf mit einer einzigen Bewegung vom Körper.

Der Rest fiel zu Boden.

Leonie starrte ihn an.

Aurelian hielt den Kopf noch immer in der Hand.

„Was?“

„Nichts.“

„Du siehst mich an.“

„Ich überlege nur gerade, ob ich heute Nacht jemals wieder schlafen werde.“

Aurelian ließ den Kopf fallen.

„Wahrscheinlich nicht.“

Der tote Körper begann sich zu bewegen.

Elisa bemerkte es zuerst.

„Ähm.“

Cassian sah hin.

Die kopflose Kreatur richtete sich wieder auf.

Leonie wich zurück.

„Nein.“

Aus dem Hals wuchs Gewebe.

Aurelian wurde blass.

„Lauft.“

Niemand widersprach.

Sie rannten.

David führte die Gruppe zu einer seitlichen Tür.

Mehrere Vampire folgten ihnen.

Hinter ihnen kamen die Ersten.

Leonie hörte ihre Hände über den Stein kratzen.

Schnell.

Viel zu schnell.

„Wo führt das hin?“, rief David.

Cassian antwortete:

„Oberer Ring.“

„Ist das gut?“

„Nein.“

„Warum rennen wir dann dahin?“

„Weil alle anderen Wege schlimmer sind.“

„Fantastisch.“

Sie erreichten eine Treppe.

Plötzlich blieb Aurelian stehen.

Leonie bemerkte es.

„Was ist?“

Er sah zurück.

„Sie folgen uns nicht.“

Cassian blieb ebenfalls stehen.

Tatsächlich.

Die Geräusche hatten aufgehört.

David hob die Klinge.

„Warum?“

Jakob wurde blass.

„Sie suchen etwas anderes.“

Aurelian schloss die Augen.

Für einen Moment bewegte er sich nicht.

Dann riss er sie wieder auf.

„Den Sarkophag.“

Leonie verstand.

„Matthias.“

Aurelian nickte.

„Er ist Teil des Siegels.“

Jakob wurde bleich.

„Wenn sie ihn töten—“

„Öffnet sich die nächste Tür“, sagte Leonie.

Stille.

David fluchte.

„Wir müssen zurück zur Zitadelle.“

Cassian schüttelte den Kopf.

„Zu spät.“

„Woher willst du das wissen?“

Aurelian sah zur Decke.

„Ich kann sie hören.“

Leonie wusste nicht, ob sie fragen wollte.

„Wie viele?“

Aurelian antwortete:

„Mehr als zwanzig haben den Hof verlassen.“

Elisa sah ihn an.

„Richtung?“

Aurelian schloss wieder die Augen.

Dann:

„Spandau.“

David holte sein Telefon hervor.

Kein Empfang.

„Natürlich.“

Elisa überprüfte ihres.

„Nichts.“

Cassian ging weiter.

„Im Hof funktionieren menschliche Netze nicht.“

„Das wäre eine Information gewesen, die du früher hättest erwähnen können.“

„Du hast nicht gefragt.“

Elisa hob die Pistole.

„Ich fange langsam an, dich wirklich zu hassen.“

„Langsam?“

Leonie sah zwischen ihnen hin und her.

„Können wir das verschieben?“

Ein dumpfes Geräusch ging durch die Wand.

Dann noch eines.

Aurelian wurde ernst.

„Sie kommen wieder.“

„Warum?“

Er sah Leonie an.

„Wegen dir.“

Leonie seufzte.

„Natürlich.“

David stellte sich neben sie.

„Was wollen sie von ihr?“

Aurelian antwortete nicht.

„Aurelian.“

„Sie erkennen mein Blut.“

Cassian sah ihn an.

„Nein.“

Aurelian erwiderte seinen Blick.

Cassian wurde blass.

„Sie erkennen das ursprüngliche Blut.“

Leonie sah zu beiden.

„Kann mich bitte jemand in menschlicher Sprache informieren?“

Cassian antwortete:

„Vampire stammen von ihnen ab.“

„Das haben wir verstanden.“

„Aber nicht alle.“

Leonie wartete.

Aurelian sprach weiter.

„Meine Linie ist näher an ihnen als die meisten anderen.“

„Warum?“

Aurelian sah zum Gang.

„Weil ich einer der ersten Vampire war, die aus ihrem Blut erschaffen wurden.“

Stille.

David runzelte die Stirn.

„Von ihnen erschaffen?“

„Ja.“

„Also warst du einmal Mensch.“

Aurelian sah ihn an.

„Natürlich.“

Leonie starrte Aurelian an.

„Wie lange ist das her?“

Er schwieg.

„Du hast vorhin schon die Frage nicht beantwortet.“

Aurelian lächelte diesmal nicht.

„Fast zweitausend Jahre.“

Leonie sagte nichts.

Elisa ebenfalls nicht.

David blinzelte.

„Du bist zweitausend Jahre alt.“

„Ungefähr.“

Leonie atmete aus.

„Und ich dachte, vierhundert wären schon schlimm.“

Cassian sah zu seinem Vater.

„Er spricht nicht gern darüber.“

„Kann ich verstehen.“

Das Geräusch kam erneut.

Näher.

Aurelian zeigte auf Leonie.

„Sie riechen das Blut, das ich Anna gegeben habe.“

Leonie wurde kalt.

„Dann wollen sie mich fressen.“

Aurelian antwortete:

„Wahrscheinlich.“

„Du könntest bei schlechten Nachrichten wenigstens manchmal lügen.“

„Das wolltest du nicht.“

„Ich ändere meine Meinung.“

Die Wand brach.

Steine flogen in den Gang.

David zog Leonie zurück.

Eine Kreatur kroch durch die Öffnung.

Dann eine zweite.

Aurelian stellte sich vor die Gruppe.

Cassian daneben.

Vater und Sohn sahen sich kurz an.

Cassian sagte:

„Wie früher.“

Aurelian blickte ihn an.

„Damals hast du besser gekämpft.“

„Damals hattest du weniger graue Haare.“

Leonie sah zu Elisa.

„Ist das deren Version von Familienhumor?“

„Offenbar.“

Die Ersten griffen an.

Cassian sprang auf den ersten.

Aurelian auf den zweiten.

David hob die Klinge.

Ein drittes Wesen raste direkt auf Leonie zu.

David schlug zu.

Die Klinge traf die Brust.

Wieder das grelle Licht.

Die Kreatur wurde mehrere Meter zurückgeschleudert.

Doch diesmal geschah etwas anderes.

Das Wesen schrie.

Sein Körper begann schwarz zu werden.

Risse liefen über die Haut.

David starrte es an.

„Das ist neu.“

Die Kreatur zerfiel.

Nicht zu Staub.

Zu schwarzer Asche.

Cassian sah hin.

„Was hast du gemacht?“

„Keine Ahnung.“

Aurelian blickte auf die Klinge.

Dann auf Leonie.

„Sie war in deiner Nähe.“

David sah zu ihr.

„Und?“

Aurelian trat näher.

„Die Klinge reagiert auf beide Linien.“

Leonie hob ihre Hand.

Das Berger-Zeichen leuchtete.

David verstand.

„Herz und Klinge.“

Jakob nickte.

„Gemeinsam.“

Leonie sah die nächste Kreatur.

„Dann probieren wir es.“

David stellte sich neben sie.

„Was genau?“

„Du schlägst.“

„Und du?“

Leonie hielt ihre Hand über die Klinge.

„Keine Ahnung.“

„Großartiger Plan.“

„Hast du einen besseren?“

„Nein.“

„Dann los.“

Die Kreatur sprang.

Leonie berührte Davids Hand.

Beide Zeichen erschienen gleichzeitig.

Die schwarze Klinge leuchtete weiß.

David holte aus.

Der Schlag traf das Wesen quer über die Brust.

Ein Lichtblitz füllte den Gang.

Die Kreatur wurde regelrecht auseinandergerissen.

Schwarze Asche regnete auf den Boden.

Stille.

Elisa sah Leonie an.

„Okay.“

Leonie starrte auf ihre Hand.

„Das war irgendwie befriedigend.“

David sah sie an.

„Nicht übermütig werden.“

„Du klingst wie mein Vater.“

Aurelian wurde plötzlich still.

Leonie bemerkte es.

„Was?“

„Nichts.“

„Du hast dieses Gesicht.“

Aurelian hob eine Augenbraue.

„Welches Gesicht?“

„Das Ich-weiß-etwas-und-sage-es-nicht-Gesicht.“

Cassian lachte.

„Sie lernt schnell.“

Aurelian ignorierte ihn.

„Wir müssen weiter.“

Sie erreichten schließlich eine große Steintür.

Cassian öffnete sie.

Dahinter lag ein langer Tunnel.

„Der führt nach draußen.“

David sah ihn an.

„Wohin?“

„Rahnsdorf.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Das ist ziemlich weit vom Müggelseedamm entfernt.“

„Unterirdische Anlagen neigen dazu, lang zu sein.“

Elisa ging hinein.

„Hauptsache raus.“

Jakob blieb stehen.

Er blickte zurück.

„Was ist?“, fragte Leonie.

„Ich kann nicht mitkommen.“

David sah ihn an.

„Doch.“

„Nein.“

„Das war keine Einladung zur Diskussion.“

Jakob sah zu Leonie.

„Ich muss zur Zitadelle.“

„Matthias.“

„Ja.“

David schüttelte den Kopf.

„Du gehst nicht allein.“

„Dann verlieren wir Zeit.“

„Die Ersten sind dort.“

„Genau deshalb.“

Elisa sah ihn an.

„Jakob, du bist kein Vampirjäger.“

„Ich bin ein Hüter.“

Leonie wurde still.

Jakob sah sie an.

„Vielleicht kein guter.“

„Das hast du gesagt.“

Er lächelte schwach.

„Aber einer.“

Leonie trat näher.

„Aurelian hat dich benutzt.“

Jakob nickte.

„Ja.“

„Du schuldest uns nichts.“

„Doch.“

„Nein.“

„Dir.“

Leonie wollte widersprechen.

Jakob hob die Hand.

„Lass mich wenigstens versuchen, etwas wiedergutzumachen.“

David sah zu Elisa.

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.

Leonie verstand.

Jakob würde sich nicht umstimmen lassen.

„Dann komm zurück.“

Er lächelte traurig.

„Das ist der Plan.“

Leonie umarmte ihn plötzlich.

Jakob erstarrte.

Dann legte er vorsichtig einen Arm um sie.

„Das habe ich nicht verdient.“

„Wahrscheinlich nicht.“

Er lachte leise.

„Danke.“

Dann löste Leonie sich.

Jakob drehte sich um und verschwand im Gang zurück.

David sah ihm nach.

„Ich mag das nicht.“

Elisa sagte:

„Ich auch nicht.“

Zwanzig Minuten später erreichten sie eine alte Metalltür.

Cassian drückte dagegen.

Tageslicht fiel in den Tunnel.

Leonie blinzelte.

Sie standen mitten in einem Waldstück.

Ein paar hundert Meter entfernt war Wasser zwischen den Bäumen zu erkennen.

„Rahnsdorf“, sagte Cassian.

Leonie trat hinaus.

Zum ersten Mal seit Stunden roch sie frische Luft.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so über Berlin freuen würde.“

David holte sein Telefon heraus.

Empfang.

Sofort erschienen Nachrichten.

Verpasste Anrufe.

Warnmeldungen.

Nora nahm ihr eigenes Handy.

Ihr Gesicht veränderte sich.

„David.“

„Was?“

Sie zeigte ihm den Bildschirm.

Mehrere Polizeieinsätze.

Spandau.

Charlottenburg.

Mitte.

Köpenick.

Meldungen über Angriffe.

Vermisste.

Schwerverletzte.

David scrollte.

„Das sind zu viele.“

Elisa sah zu Aurelian.

„Deine Leute?“

„Teilweise.“

„Teilweise?“

Aurelian blickte Richtung Stadt.

„Der Hof gerät außer Kontrolle.“

Cassian nahm David das Telefon aus der Hand.

Er las eine Meldung.

Dann wurde er blass.

Leonie bemerkte es.

„Was?“

Cassian zeigte Aurelian den Bildschirm.

Ein Einsatz nahe der Zitadelle.

Mehrere Tote.

Aurelian las.

Sein Gesicht wurde hart.

„Sie waren schneller.“

David trat näher.

„Was ist passiert?“

Cassian antwortete:

„Matthias.“

Leonie spürte sofort, was er meinte.

„Nein.“

Aurelian sah sie an.

„Wenn Matthias stirbt, öffnet sich die zweite Tür.“

In diesem Moment bebte der Boden.

Nur ganz leicht.

Dann kam ein tiefer Ton.

So tief, dass Leonie ihn eher fühlte als hörte.

Aurelian schloss die Augen.

Cassian ebenfalls.

„Was?“, fragte David.

Aurelian öffnete die Augen.

„Die zweite Tür.“

Leonie wurde kalt.

„Sie ist offen.“

Unter der Zitadelle Spandau lag Matthias Berger noch immer im Sarkophag.

Der Raum war verwüstet.

Zwei tote Erste lagen auf dem Boden.

Ein drittes Wesen kroch langsam über das Podest.

Matthias hielt den schwarzen Schlüssel fest in der Hand.

Seine ausgetrockneten Finger zitterten.

„Nicht.“

Die Kreatur blieb stehen.

Ihr kopfloses Gesicht wandte sich ihm zu.

Hinter ihr erschien Jakob.

Er hielt Elisas zurückgelassenes Messer.

„Hey.“

Die Kreatur drehte sich um.

Jakob schluckte.

„Nimm lieber mich.“

Sie sprang.

Jakob wich aus.

Das Messer traf ihre Seite.

Keine Wirkung.

Die Kreatur schlug ihn zu Boden.

Jakob schrie.

Matthias versuchte sich aus dem Sarkophag zu erheben.

„Wendt!“

Das Wesen packte Jakob.

Hob ihn hoch.

Jakob sah Matthias an.

Dann den Schlüssel.

Er verstand.

„Tu es.“

Matthias schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„TU ES!“

Matthias schloss die Augen.

Er zerbrach den schwarzen Schlüssel.

Ein Lichtstoß ging durch die Kammer.

Die Kreatur schrie.

Jakob fiel zu Boden.

Doch gleichzeitig riss ein Spalt durch die gegenüberliegende Wand.

Stein zerbrach.

Eine zweite Tür erschien.

Sie öffnete sich langsam.

Matthias starrte darauf.

„Nein.“

Jakob richtete sich mühsam auf.

Hinter der Tür lag ein dunkler Raum.

Darin stand eine Frau.

Lebendig.

Menschlich.

Vielleicht Mitte fünfzig.

Graues Haar.

Sie blickte Matthias an.

Dann Jakob.

Auf ihrer Hand leuchtete ein Zeichen.

Ein Dreieck innerhalb eines Kreises.

Jakob erstarrte.

„Albrecht.“

Die Frau trat aus der Dunkelheit.

„Ihr habt euch aber Zeit gelassen.“

Matthias starrte sie an.

„Wer bist du?“

Sie lächelte.

„Eva Albrecht.“

Jakob konnte es kaum glauben.

„Die Linie existiert.“

Eva sah zur zerstörten Kammer.

„Natürlich existiert sie.“

Dann wurde ihr Gesicht ernst.

„Und wenn ihr Rosenfeld nicht findet, bevor die dritte Tür fällt, ist das auch völlig egal.“

Jakob schluckte.

„Warum?“

Eva blickte in die Dunkelheit hinter sich.

Dort bewegte sich etwas.

Etwas Großes.

„Weil die Ersten nicht das Schlimmste sind, was hier unten eingesperrt wurde.“

Kapitel 10 – Die zweite Tür

Der Regen hatte Berlin inzwischen vollständig erreicht.

Schwere Tropfen prasselten auf die Straßen von Rahnsdorf, während David versuchte, einen Streifenwagen zu erreichen.

Beim dritten Versuch ging endlich jemand ran.

„Stein?“

Nora stand einige Meter entfernt und lauschte ihrem eigenen Telefon.

„Ja.“

David hielt sich eine Hand ans andere Ohr.

„Wo bist du?“

„Köpenick.“

„Sehr genaue Angabe.“

„Lange Geschichte.“

Am anderen Ende herrschte Stille.

„Bei dir ist doch alles eine lange Geschichte geworden.“

David sah zu Leonie.

Sie stand unter einem Baum und betrachtete ihre linke Hand.

Das Zeichen war verschwunden.

Vorläufig.

Cassian und Aurelian hielten sich einige Meter voneinander entfernt.

Vater und Sohn.

Keiner sprach mit dem anderen.

„Wir brauchen ein Fahrzeug“, sagte David.

Nora antwortete:

„Und ich brauche eine Erklärung dafür, warum überall in Berlin Menschen mit Bisswunden auftauchen.“

„Später.“

„Nein.“

„Nora.“

„David.“

Er seufzte.

„Zitadelle Spandau.“

„Was ist dort?“

David blickte zu Leonie.

„Hoffentlich noch Jakob.“

Vierzig Minuten später saßen sie in zwei Fahrzeugen.

David fuhr.

Leonie saß neben ihm.

Elisa hinten.

Cassian und Aurelian waren mit dem zweiten Wagen unterwegs.

Niemand hatte diskutiert, wer fahren durfte.

Aurelian hatte kurz angeboten, selbst zu fahren.

Elisa hatte ihm daraufhin wortlos die Autoschlüssel weggenommen.

Seitdem fuhr Cassian.

Leonie blickte aus dem Fenster.

Der Regen zog Streifen über die Scheibe.

„Denkst du, Jakob lebt noch?“

David antwortete nicht sofort.

„Ja.“

„Du klingst nicht überzeugt.“

„Bin ich auch nicht.“

Leonie sah ihn an.

„Dann sag nicht ja.“

„Ich wollte optimistisch sein.“

„Steht dir nicht.“

David warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Danke.“

„Gern.“

Eine Weile fuhren sie schweigend.

Dann sagte Leonie:

„Samuel.“

Davids Hände spannten sich am Lenkrad an.

„Was ist mit ihm?“

„Cassian hat behauptet, er sei Aurelians Sohn.“

„Ja.“

„Glaubst du ihm?“

David starrte auf die Straße.

„Keine Ahnung.“

„Aurelian hat es nicht bestritten.“

„Das macht es nicht automatisch wahr.“

„Nein.“

David atmete aus.

„Mein Großvater war für mich immer nur ein Name.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist er angeblich Vampirsohn, Hüter und Besitzer einer magischen Klinge.“

Leonie nickte.

„Familientreffen wären bei euch bestimmt anstrengend.“

David musste trotz allem lachen.

„Bei dir läuft es auch nicht viel besser.“

„Stimmt.“

Sie wurde wieder ernst.

„Wenn Samuel wirklich Aurelians Sohn war, dann sind wir irgendwie verwandt.“

David sah sie an.

„Bitte fang jetzt nicht mit Stammbäumen an.“

„Ich wollte nur sagen—“

„Sehr weit entfernt.“

„Offenbar.“

„Gut.“

Leonie grinste.

„Du sahst gerade kurz panisch aus.“

„Weil ich in den letzten Tagen genug Überraschungen hatte.“

Auf der Rückbank überprüfte Elisa ihre Schulter.

Die Blutung hatte aufgehört.

Leonie drehte sich um.

„Wie geht’s?“

„Beschissen.“

„Sehr medizinisch.“

„Ich bin keine Ärztin.“

Elisa sah aus dem Fenster.

„Aber es wird gehen.“

Leonie beobachtete sie.

„Cassian hat vorhin etwas gesagt.“

„Er sagt ständig etwas.“

„Über Helena.“

Elisas Blick veränderte sich.

„Seine Schwester.“

„Ja.“

„Du kanntest sie?“

Elisa schwieg kurz.

„Nein.“

„Aber?“

„Ich kenne Geschichten.“

„Welche?“

Elisa lehnte sich zurück.

„Helena Falkenberg war eine der wenigen Vampire, die sich offen gegen Aurelian stellte.“

„Deshalb hat sie die Klinge gebaut.“

„Vermutlich.“

„Cassian sagte, Aurelian habe sie geliebt.“

Elisa nickte.

„Das erzählen die alten Texte.“

„Und dann hat er sie getötet.“

„Ja.“

Leonie schaute aus dem Fenster.

„Aurelian wirkt nicht wie jemand, der irgendetwas bereut.“

Elisa antwortete:

„Das macht ihn gefährlicher.“

„Warum?“

„Weil er sehr gut darin ist, Reue zu spielen.“

Im zweiten Fahrzeug war die Stimmung deutlich schlechter.

Cassian fuhr.

Aurelian saß auf dem Beifahrersitz.

Seit zehn Minuten hatte keiner gesprochen.

Dann sagte Cassian:

„Du hättest es ihr erzählt.“

Aurelian sah weiter aus dem Fenster.

„Was?“

„Von Anna.“

„Sie wusste genug.“

„Nicht alles.“

„Niemand muss alles wissen.“

Cassian lächelte kalt.

„Das hast du bei Helena auch gesagt.“

Aurelian drehte langsam den Kopf.

„Sprich ihren Namen nicht.“

„Warum?“

„Cassian.“

„Tut er weh?“

Aurelians Augen begannen golden zu leuchten.

Cassian grinste.

„Gut.“

„Du hast nichts verstanden.“

„Doch.“

Cassian konzentrierte sich wieder auf die Straße.

„Sie hat dich geliebt.“

Aurelian schwieg.

„Und trotzdem hast du sie getötet.“

„Sie wollte mich töten.“

„Weil du wahnsinnig warst.“

„Ich war hungrig.“

„Du warst immer hungrig.“

Aurelian sah wieder nach draußen.

„Du klingst wie deine Mutter.“

Cassian trat plötzlich auf die Bremse.

Der Wagen kam mitten auf der Straße zum Stehen.

Aurelian blickte ihn an.

„Was?“

Cassian drehte sich zu ihm.

„Du wirst nicht über sie sprechen.“

„Warum nicht?“

„Du hast sie ebenfalls getötet.“

Stille.

Aurelian sagte nichts.

Cassian startete den Wagen wieder.

„Genau.“

Als sie die Zitadelle erreichten, standen dort bereits mehrere Polizeifahrzeuge.

David fluchte.

„Das wird kompliziert.“

Elisa sah hinaus.

„Seit wann stört dich das?“

„Seit ich erklären müsste, warum ich mit zwei Vampiren herumfahre.“

Leonie löste den Sicherheitsgurt.

„Wir gehen nicht durch den Haupteingang.“

David sah sie an.

„Woher weißt du das?“

„Weil Jakob uns den anderen Zugang gezeigt hat.“

Sie stiegen aus.

Cassian und Aurelian kamen zu ihnen.

Aurelian blickte zur Zitadelle.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Die zweite Tür ist offen.“

David sah ihn an.

„Kannst du das spüren?“

„Ja.“

„Und Matthias?“

Aurelian schwieg.

Leonie wurde unruhig.

„Lebt er?“

Aurelian schloss kurz die Augen.

„Etwas lebt dort unten.“

„Das war nicht meine Frage.“

Er öffnete die Augen.

„Ich weiß es nicht.“

Der Seiteneingang stand offen.

Die Metalltür war verbogen.

David zog die Pistole.

„Polizei scheint noch nicht hier gewesen zu sein.“

Elisa ging voraus.

„Dann sollten wir schneller sein.“

Sie gingen hinunter.

Durch Jakobs zerstörtes Archiv.

Dann in den Tunnel.

Leonie bemerkte sofort die Spuren.

Schwarzes Blut.

Graue Asche.

Tiefe Kratzspuren an den Wänden.

„Die Ersten.“

Aurelian ging in die Hocke.

Er strich mit einem Finger über eine der Spuren.

„Vier.“

Cassian sah ihn an.

„Nur vier?“

„Hier.“

David hob die Klinge.

„Wo sind die anderen?“

Aurelian blickte in die Dunkelheit.

„Weiter.“

Sie gingen schneller.

Die Kammer unter der Zitadelle war kaum wiederzuerkennen.

Mehrere Säulen waren beschädigt.

Der Sarkophag stand schräg auf seinem Podest.

Teile der Decke waren eingestürzt.

Leonie sah zuerst Jakob.

Er saß an einer Wand.

Blut lief über seine Stirn.

„Jakob!“

Sie rannte zu ihm.

Er öffnete die Augen.

„Du lebst.“

„Du offensichtlich auch.“

Leonie kniete sich vor ihn.

„Bist du verletzt?“

„Alles tut weh.“

„Das zählt nicht.“

„Dann ja.“

Elisa kam näher.

Ihr Blick war deutlich weniger freundlich.

„Schön, dass du noch atmest.“

Jakob sah auf ihre Schulter.

„Elisa.“

„Sag nichts.“

„Es tut mir leid.“

„Ich sagte: nichts.“

David ging zum Sarkophag.

Matthias lag darin.

Regungslos.

„Matthias?“

Keine Reaktion.

Aurelian trat näher.

Er betrachtete den Körper.

Dann sagte er:

„Er ist noch hier.“

Leonie sah ihn an.

„Lebt er?“

„Nein.“

„Das wussten wir.“

„Auch nicht tot.“

„Das wussten wir irgendwie auch.“

Aurelian legte zwei Finger an Matthias‘ Stirn.

Dessen Augen öffneten sich.

Leonie zuckte zusammen.

Matthias holte tief Luft.

„Aurelian.“

„Matthias.“

„Du siehst schlecht aus.“

Aurelian blickte auf dessen mumifizierten Körper.

„Du auch.“

Cassian verdrehte die Augen.

„Könnt ihr später flirten?“

Matthias sah ihn an.

„Cassian.“

„Hallo.“

„Immer noch unausstehlich.“

„Danke.“

Dann bemerkte Leonie die Frau.

Sie stand neben der zweiten geöffneten Tür.

Graues Haar.

Dunkler Mantel.

Vielleicht Mitte fünfzig.

Ihre Haltung wirkte ruhig.

Fast zu ruhig.

Auf ihrer linken Hand war ein leuchtendes Zeichen zu sehen.

Ein Dreieck in einem Kreis.

„Wer sind Sie?“, fragte Leonie.

Die Frau sah sie an.

„Eva Albrecht.“

Jakob richtete sich mühsam auf.

„Sie ist eine Hüterin.“

Leonie blickte auf ihre Hand.

„Albrecht.“

Eva nickte.

„Du musst Leonie sein.“

„Woher kennen Sie mich?“

„Dein Name wurde lange erwartet.“

Leonie seufzte.

„Ich hasse diesen Satz.“

Eva lächelte leicht.

„Verständlich.“

David trat näher.

„Sie gelten seit 1987 als verschwunden.“

„Offiziell.“

„Wo waren Sie?“

Eva zeigte auf die offene Tür.

„Dahinter.“

David sah hinein.

Dunkelheit.

„Seit 1987?“

„Ja.“

„Und Sie sind kein Vampir?“

Eva hob eine Augenbraue.

„Nein.“

Elisa musterte sie.

„Sie sind kaum gealtert.“

„Das ist kompliziert.“

Leonie sah zu David.

„Ich glaube, wir haben das Wort vielleicht erfolgreich abgelöst.“

„Durch kompliziert.“

„Ja.“

Eva trat in die Mitte der Kammer.

„Wir haben nicht viel Zeit.“

David verschränkte die Arme.

„Dann erklären Sie schnell.“

„Die sieben Türen sind kein einzelnes Gefängnis.“

Aurelian sah sie scharf an.

„Was meinst du?“

Eva erwiderte seinen Blick.

„Du weißt es wirklich nicht.“

Zum ersten Mal wirkte Aurelian irritiert.

„Ich war selbst hier eingesperrt.“

„Aber nicht ganz unten.“

Stille.

Cassian sah seinen Vater an.

„Sie weiß etwas, das du nicht weißt.“

Aurelian ignorierte ihn.

Eva ging zur Wand.

Dort befand sich eine Darstellung, die Leonie zuvor nicht bemerkt hatte.

Sieben Kreise.

Einer innerhalb des nächsten.

„Die erste Tür hält die Kammer des Herzens.“

Sie deutete auf den äußeren Kreis.

„Die zweite trennt die Wächter von den unteren Ebenen.“

„Die Ersten“, sagte David.

Eva nickte.

„Teilweise.“

„Teilweise?“

„Die Ersten wurden hier nicht erschaffen.“

Aurelian wurde still.

Eva sah ihn an.

„Du weißt, woher sie stammen.“

„Ja.“

„Sag es.“

Aurelian schwieg.

Cassian antwortete:

„Rom.“

Alle sahen ihn an.

Leonie blinzelte.

„Rom?“

Aurelian schloss kurz die Augen.

„Nicht die Stadt, wie ihr sie heute kennt.“

Eva nickte.

„Die ersten Aufzeichnungen stammen aus der römischen Antike.“

David sah zu Aurelian.

„Du wurdest dort verwandelt.“

Aurelian antwortete nicht.

Das war Antwort genug.

Eva deutete auf den dritten Kreis.

„Die dritte Tür hält etwas anderes.“

Jakob wurde nervös.

„Was?“

Eva sah ihn an.

„Die, die zwischen Mensch und Vampir stehen.“

Leonie spürte sofort Unbehagen.

„Wie Anna.“

Eva nickte.

„Wie Anna.“

Aurelian wurde plötzlich aufmerksam.

„Es gibt keine anderen.“

Eva sah ihn an.

„Doch.“

Stille.

„Wie viele?“, fragte Cassian.

„Das weiß niemand.“

„Was sind sie?“

Eva antwortete:

„Kinder der ersten Generation.“

Leonie verschränkte die Arme.

„Das klingt immer noch nicht besonders hilfreich.“

Eva sah sie an.

„Menschen, die mit Vampirblut geboren wurden.“

Leonie wurde still.

„So wie ich.“

„Ähnlich.“

„Ähnlich?“

„Bei dir ist das Blut über Generationen verdünnt worden.“

Eva deutete auf die dritte Tür.

„Bei ihnen nicht.“

Cassian wurde blass.

„Reine Erstgeborene.“

Eva nickte.

Aurelian trat einen Schritt zurück.

Das entging Leonie nicht.

„Du hast Angst vor ihnen.“

Aurelian sah sie an.

„Ja.“

Leonie hätte nicht erwartet, dass er es zugibt.

„Warum?“

Eva antwortete für ihn.

„Weil sie Vampire töten können.“

Elisa ging zu der Darstellung.

„Was ist hinter Tür vier?“

Eva schwieg.

„Fünf?“

Keine Antwort.

„Sechs?“

Eva sah sie an.

„Jede Tür wurde aus einem Grund versiegelt.“

„Das ist keine Antwort.“

„Mehr weiß ich nicht.“

Aurelian lachte leise.

„Du erwartest ernsthaft, dass wir dir das glauben?“

Eva drehte sich zu ihm.

„Ich habe neununddreißig Jahre hinter dieser Tür verbracht.“

Aurelian schwieg.

„Du warst tausend Jahre lang zu beschäftigt mit dir selbst, um herauszufinden, was unter deinem Thronsaal liegt.“

Cassian konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ich mag sie.“

Aurelian sah ihn an.

„Sei still.“

Eva ging zu einer alten Steinplatte.

„Die Hüter wussten, dass das Siegel irgendwann versagen würde.“

Jakob sah auf.

„Warum hat mir niemand davon erzählt?“

„Weil deine Linie kompromittiert wurde.“

Jakob erstarrte.

„Was?“

Eva sah ihn ernst an.

„Nicht durch dich.“

„Durch wen?“

„Deinen Vater.“

Jakob wurde blass.

„Mein Vater war ein Hüter.“

„Ja.“

„Er hat sein ganzes Leben—“

„Für Cassian gearbeitet.“

Stille.

Cassian sah Eva an.

„Das ist eine Lüge.“

„Ist es das?“

Jakob stand auf.

„Mein Vater hat Cassian gehasst.“

Eva schüttelte den Kopf.

„Nach außen.“

„Nein.“

„Er gab ihm Informationen.“

Jakob sah zu Cassian.

Cassian wirkte tatsächlich überrascht.

„Ich kannte Friedrich Wendt.“

„Natürlich.“

„Aber er arbeitete nicht für mich.“

Eva musterte ihn.

Dann nickte sie langsam.

„Dann für jemand anderen.“

Leonie sah zu Aurelian.

Aurelian hob eine Hand.

„Nicht für mich.“

David stöhnte.

„Gibt es eigentlich noch irgendeine Person, die nicht heimlich für irgendjemanden arbeitet?“

Elisa hob die Hand.

„Ich.“

David sah sie an.

„Sind wir sicher?“

„Sehr witzig.“

Eva zog eine kleine Metallkapsel aus ihrer Tasche.

Sie legte sie auf den Sarkophag.

„Ich habe das seit 1987.“

Jakob betrachtete sie.

„Was ist das?“

„Eine Botschaft.“

„Von wem?“

„Rosenfeld.“

Alle wurden still.

Leonie trat näher.

„Die vierte Linie.“

Eva nickte.

„Ich dachte, sie sei ausgestorben.“

„Das sollten alle glauben.“

„Warum?“

„Zu ihrem Schutz.“

David öffnete die Kapsel.

Darin befand sich ein schmaler Papierstreifen.

Er las.

Wenn Albrecht zurückkehrt, sucht uns dort, wo Berlin seine Toten vergessen hat.

David sah auf.

„Das ist alles?“

Eva nickte.

„Ja.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Wo Berlin seine Toten vergessen hat.“

Jakob dachte nach.

„Friedhöfe?“

„Davon gibt es viele“, sagte Elisa.

Cassian trat näher.

„Nicht Friedhöfe.“

Alle sahen ihn an.

„Was dann?“

Cassian blickte auf die Nachricht.

„Die Toten unter der Stadt.“

Leonie bekam eine Gänsehaut.

David sah ihn an.

„Bitte genauer.“

„Alte Begräbnisstätten.“

Eva nickte langsam.

„Es gab eine Rosenfeld-Gruft.“

Jakob wurde aufmerksam.

„Wo?“

„Mitte.“

„Wo genau?“

Eva dachte nach.

„Unter einem Friedhof, der im Laufe der Stadtentwicklung teilweise überbaut wurde.“

David hob eine Augenbraue.

„Das grenzt es enorm ein.“

Aurelian sagte plötzlich:

„Invalidenstraße.“

Cassian sah ihn an.

„Woher weißt du das?“

„Ich war dort.“

Leonie verschränkte die Arme.

„Wann?“

Aurelian dachte kurz nach.

„1821.“

David schloss die Augen.

„Natürlich.“

Ein Knacken ging durch die Kammer.

Alle verstummten.

Eva drehte sich zur zweiten Tür.

„Nein.“

Ein Riss lief durch den Steinrahmen.

Jakob sah sie an.

„Was passiert?“

„Die nächste Tür.“

Aurelian wurde blass.

„Sie darf sich nicht öffnen.“

David hob die Klinge.

„Wie verhindern wir das?“

Eva sah Leonie an.

Dann David.

„Nicht wir.“

„Wer?“

„Vier.“

Leonie verstand sofort.

„Die vier Linien.“

„Ja.“

„Berger.“

„Stein.“

Eva hob ihre Hand.

„Albrecht.“

Alle sahen zum leeren Platz.

David sagte:

„Und Rosenfeld.“

Eva nickte.

Die Tür bebte erneut.

„Wenn wir Rosenfeld nicht finden, fällt die dritte Tür.“

Cassian blickte auf die Wand.

„Wie lange?“

Eva legte eine Hand auf den Stein.

Schloss die Augen.

Dann fluchte sie.

„Was?“, fragte Leonie.

Eva sah sie an.

„Bis Sonnenuntergang morgen.“

„Und wenn wir es nicht schaffen?“

Eva blickte zu Aurelian.

„Dann werden die Erstgeborenen freigelassen.“

Cassian wurde still.

Leonie sah ihn an.

„Sind die wirklich so schlimm?“

Cassian antwortete:

„Meine Schwester Helena war eine.“

Stille.

Aurelian schloss die Augen.

Leonie sah ihn an.

„Helena war halb Mensch.“

Cassian nickte.

„Und halb Vampir.“

David betrachtete die Klinge.

„Deshalb konnte sie die Waffe erschaffen.“

„Ja.“

Elisa sah zu Cassian.

„Du hast gesagt, Aurelian habe sie getötet.“

Cassians Gesicht wurde hart.

„Hat er.“

Eva blickte zu Aurelian.

„Dann solltest du ihnen auch sagen, warum.“

Aurelian hob langsam den Kopf.

„Eva.“

„Sie haben ein Recht darauf.“

Cassian ging auf seinen Vater zu.

„Warum?“

Aurelian schwieg.

„WARUM?“

Die goldenen Augen des Königs wurden dunkel.

„Weil sie die dritte Tür öffnen wollte.“

Niemand bewegte sich.

Cassian starrte ihn an.

„Was?“

„Helena wusste, wer dahinter war.“

„Wer?“

Aurelian sah zur steinernen Tür.

„Ihre Kinder.“

Cassians Gesicht verlor jede Farbe.

„Helena hatte Kinder?“

Aurelian nickte.

„Drei.“

„Du hast mir gesagt, sie sei allein gewesen.“

„Ich habe dich belogen.“

Cassian starrte ihn an.

„Du hast sie getötet, weil sie ihre Kinder retten wollte.“

„Nein.“

Aurelians Stimme wurde härter.

„Ich habe sie getötet, weil ihre Kinder begonnen hatten, Menschen zu jagen.“

„Sie waren Kinder!“

„Sie waren älter als du heute.“

Stille.

Leonie sah zur dritten Tür.

„Und sie leben immer noch.“

Eva antwortete:

„Wenn das Siegel gehalten hat.“

Cassian ging langsam auf die Tür zu.

„Wie heißen sie?“

Aurelian sagte nichts.

„Sag es.“

„Cassian.“

„Sag ihre Namen.“

Aurelian sah seinen Sohn an.

„Lucian.“

Die Tür bebte.

„Mara.“

Ein weiterer Riss.

„Und Severin.“

Cassian stand regungslos davor.

Leonie sah, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten.

„Meine Schwester hatte drei Kinder.“

„Ja.“

„Und du hast sie seit Jahrhunderten eingesperrt.“

„Ja.“

Cassian drehte sich um.

Seine Augen waren vollkommen schwarz.

„Ich werde dich töten.“

David hob sofort die Klinge.

„Nicht jetzt.“

Cassian ignorierte ihn.

Aurelian blieb ruhig.

„Wenn du mich tötest, bevor das Herz getrennt wurde, bricht das Siegel vollständig.“

Cassian blieb stehen.

Wut und Hass lagen in seinem Gesicht.

„Du bist wirklich gut darin, dafür zu sorgen, dass niemand dich töten kann.“

Aurelian antwortete leise:

„Das hat mir geholfen, sehr alt zu werden.“

Später saß Leonie neben Jakob im zerstörten Archiv.

Die anderen bereiteten die Fahrt nach Mitte vor.

„Geht es?“, fragte sie.

Jakob nickte.

„Ich werde überleben.“

„Schon wieder.“

„Offenbar bin ich schlecht im Sterben.“

Leonie lächelte schwach.

Dann wurde sie ernst.

„Eva sagt, dein Vater hat Informationen weitergegeben.“

„Ja.“

„Glaubst du ihr?“

Jakob sah zu Boden.

„Ich weiß es nicht.“

„Und Aurelian?“

„Dem glaube ich grundsätzlich nichts.“

„Guter Anfang.“

Jakob sah sie an.

„Leonie.“

„Was?“

„Wenn wir Rosenfeld finden und das Siegel erneuern können, heißt das nicht automatisch, dass du sicher bist.“

„Das dachte ich mir.“

„Das Herz bleibt mit Aurelian verbunden.“

„Also brauchen wir trotzdem Davids Klinge.“

„Ja.“

Leonie sah in Richtung Tür.

David stand dort und sprach mit Elisa.

„Und danach könnte ich meine Erinnerungen verlieren.“

„Ja.“

„Oder sterben.“

Jakob antwortete nicht.

„Du darfst ja sagen.“

„Ja.“

Leonie atmete tief durch.

„Großartig.“

„Es tut mir leid.“

„Kannst du nicht mal was anderes sagen?“

Jakob lächelte traurig.

„Ich arbeite daran.“

Eine Stunde später standen sie vor der Zitadelle.

Der Regen hatte aufgehört.

Die Wolkendecke über Berlin begann aufzureißen.

David kontrollierte seine Waffe.

Elisa hatte sich eine frische Bandage angelegt.

Eva stand neben Jakob.

Cassian sprach mit niemandem.

Aurelian blickte Richtung Osten.

Leonie trat neben David.

„Invalidenstraße.“

„Ja.“

„Alte Gruft.“

„Ja.“

„Versteckte vierte Hüterfamilie.“

„Ja.“

Sie sah ihn an.

„Du bist heute wenig gesprächig.“

David steckte die Pistole ein.

„Ich versuche, den Überblick zu behalten.“

„Erfolgreich?“

„Nein.“

„Gut. Dann geht’s uns gleich.“

Er sah zu ihr.

„Bereit?“

Leonie schaute zur Stadt.

Irgendwo dort wartete Rosenfeld.

Vielleicht.

Und unter ihnen begann bereits die nächste Tür zu brechen.

„Nein.“

Sie öffnete die Autotür.

„Aber fahren wir trotzdem.“


Tief unter der Zitadelle blieb Matthias Berger allein zurück.

Zumindest glaubte er das.

Er lag im Sarkophag und hörte die Schritte der anderen langsam verschwinden.

Dann öffnete er die Augen.

„Du kannst rauskommen.“

Stille.

„Ich weiß, dass du da bist.“

Eine Gestalt löste sich aus der Dunkelheit.

Ein Mann.

Schwarzer Mantel.

Blasses Gesicht.

Matthias sah ihn an.

„Du hast lange gebraucht.“

Der Mann trat näher.

„Es war schwierig, unbemerkt nach Berlin zurückzukehren.“

„Die anderen glauben, deine Linie sei verschwunden.“

„Das sollte sie.“

Matthias richtete sich etwas auf.

„Rosenfeld.“

Der Mann lächelte.

„Nicht ganz.“

Matthias‘ Gesicht veränderte sich.

„Wer bist du?“

Der Fremde trat ins Licht.

Auf seiner Hand erschien ein Zeichen.

Aber es war nicht das Symbol Rosenfelds.

Es war eine Krone.

Darunter drei schwarze Linien.

Matthias starrte ihn an.

„Nein.“

Der Fremde lächelte.

Zwei lange Eckzähne wurden sichtbar.

„Doch.“

Matthias flüsterte:

„Der Schwarze Hof.“

„Hat niemals aufgehört zu existieren.“

Der Mann beugte sich über den Sarkophag.

„Wir haben nur gewartet.“

„Worauf?“

Seine Augen wurden schwarz.

„Darauf, dass Leonie Berger alle Türen für uns öffnet.“

Matthias griff nach ihm.

Zu spät.

Der Fremde rammte ihm eine Klinge in die Brust.

Matthias schrie.

Der gesamte unterirdische Komplex erbebte.

Weit entfernt knackte Stein.

Ein neuer Riss lief durch die dritte Tür.

Der Fremde zog die Klinge heraus.

„Noch drei Hüter.“

Matthias sah ihn entsetzt an.

„Wer bist du?“

Der Mann lächelte.

„Adrian Rosenfeld.“

Dann stieß er die Klinge ein zweites Mal zu.

Und tief unter Berlin begann die dritte Tür sich zu öffnen.

Kapitel 11 – Die vergessenen Toten

Berlin-Mitte wirkte an diesem Abend beinahe friedlich.

Zu friedlich.

Die Straßen glänzten noch vom Regen. Autos zogen über die Invalidenstraße, Fahrräder rauschten über nassen Asphalt, und vor einigen Restaurants saßen Menschen unter Heizstrahlern.

Niemand ahnte, was unter ihren Füßen geschah.

Leonie saß auf dem Beifahrersitz und blickte durch die Scheibe.

„Wie genau findet man eine zweihundert Jahre alte Gruft mitten in Berlin?“

David hielt an einer roten Ampel.

„Normalerweise mit Akten.“

„Und diesmal?“

„Mit einem zweitausend Jahre alten Vampir.“

Leonie sah in den Rückspiegel.

Aurelian saß hinten.

Neben ihm Eva Albrecht.

Elisa und Cassian folgten mit einem zweiten Wagen.

Jakob war bei ihnen geblieben.

Aurelian blickte aus dem Fenster.

„Du könntest mich einfach fragen.“

Leonie drehte sich halb um.

„Wo ist die Gruft?“

„Nicht mehr dort, wo sie ursprünglich war.“

David schloss kurz die Augen.

„Natürlich.“

„Teile des Friedhofs wurden verändert.“

„Welcher Friedhof?“, fragte Leonie.

Aurelian deutete nach vorne.

„Dorotheenstädtischer Bereich.“

Eva sah ihn an.

„Die Rosenfeld-Gruft lag nicht auf dem heutigen Gelände.“

Aurelian nickte.

„Nein.“

„Sondern darunter.“

„Teilweise.“

David bog ab.

„Ich liebe dieses Wort inzwischen.“

Leonie grinste.

„Vielleicht.“

„Nein. Teilweise.“

„Stimmt.“

Sie parkten einige Straßen weiter.

Der Abendverkehr war dichter geworden.

Menschen kamen aus Büros.

Touristen fotografierten Gebäude.

Leonie betrachtete Aurelian.

„Du kannst nicht so raus.“

Er sah an sich herunter.

„Warum?“

„Du siehst aus wie ein Vampir.“

„Ich bin ein Vampir.“

„Genau das ist das Problem.“

David sah zu Leonie.

„Was soll er machen?“

„Weniger… Aurelian sein.“

Aurelian hob eine Augenbraue.

„Ich weiß nicht, was das bedeutet.“

Elisa kam hinzu.

„Mach einfach die Augen normal.“

„Sie sind normal.“

„Für eine Katze vielleicht.“

Cassian stieg aus dem zweiten Wagen.

„Er konnte sich noch nie unauffällig verhalten.“

Aurelian sah ihn an.

„Du trägst einen schwarzen Mantel bei zwanzig Grad.“

Cassian blickte an sich herunter.

„Stil.“

Leonie musste lachen.

„Ihr seid wirklich verwandt.“

Beide Vampire sahen sie gleichzeitig an.

„Unheimlich“, murmelte David.

Eva führte die Gruppe in eine schmale Seitenstraße.

„Hier.“

Vor ihnen stand ein unscheinbares älteres Gebäude.

Im Erdgeschoss befand sich ein geschlossenes Büro.

Keine Hinweise auf eine Gruft.

David sah zu Eva.

„Sicher?“

„Ja.“

„Das hier?“

„Früher stand an dieser Stelle ein Nebengebäude des Friedhofs.“

Leonie blickte nach oben.

„Und die Gruft ist darunter.“

Eva nickte.

Elisa ging zur Tür.

„Abgeschlossen.“

David holte seine Marke heraus.

„Das könnte man offiziell lösen.“

Cassian trat vor.

Er drückte gegen die Tür.

Das Schloss brach.

David sah ihn an.

„Oder so.“

Cassian öffnete.

„Zeit gespart.“

„Das nennt man Einbruch.“

„Menschen haben viele Worte für praktische Dinge.“

Drinnen roch es nach Staub und altem Holz.

David schaltete seine Taschenlampe ein.

„Keller?“

Eva zeigte auf einen Gang.

„Hinten.“

Sie fanden eine Treppe.

Unten standen alte Regale.

Kartons.

Rohrleitungen.

Kein Hinweis auf eine Gruft.

Leonie sah sich um.

„Und jetzt?“

Aurelian ging direkt zu einer Wand.

Er legte die Hand darauf.

„Hier.“

David betrachtete den Putz.

„Da ist nichts.“

Aurelian schlug mit der Faust dagegen.

Der Putz brach.

Dahinter kam alter Backstein zum Vorschein.

Ein Symbol war eingeritzt.

Eine Rose.

Darunter ein Kreis.

Eva trat näher.

„Rosenfeld.“

Leonie atmete aus.

„Endlich etwas Einfaches.“

David sah die Wand an.

„Wie öffnen wir sie?“

Aurelian zeigte auf einen kleinen Schlitz.

„Blut.“

David sah Leonie an.

„Natürlich.“

Eva trat vor.

„Nicht unseres.“

„Wessen dann?“

„Rosenfeld.“

Stille.

Leonie verschränkte die Arme.

„Das ist ungünstig.“

Cassian betrachtete die Wand.

„Vielleicht gibt es einen zweiten Mechanismus.“

Eva schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Dann stehen wir vor einer Wand.“

David sagte:

„Adrian.“

Alle sahen ihn an.

„Wenn er Rosenfeld ist, kann er sie öffnen.“

Elisa wurde ernst.

„Falls er hier auftaucht.“

Aurelian sah zur Dunkelheit hinter ihnen.

„Er ist bereits hier.“

Eine Stimme kam aus dem Treppenhaus.

„Sehr aufmerksam.“

David hob sofort seine Waffe.

Adrian Rosenfeld stand oben auf der Treppe.

Schwarzer Mantel.

Blasses Gesicht.

Ruhiges Lächeln.

Zwei weitere Männer standen hinter ihm.

Beide ebenfalls Vampire.

Leonie sah zu Eva.

„Das ist Rosenfeld?“

Eva wurde blass.

„Ja.“

Adrian kam langsam herunter.

„Eva.“

„Adrian.“

„Du bist älter geworden.“

„Du nicht.“

Er lächelte.

„Einer der Vorteile.“

David richtete die Waffe auf ihn.

„Hände sichtbar.“

Adrian sah ihn an.

„Samuel Stein.“

David spannte den Kiefer an.

„Falscher Name.“

„Aber richtiges Blut.“

Cassian trat vor.

„Was willst du?“

Adrian verneigte sich leicht.

„Cassian.“

„Antwort.“

Adrian sah zur Wand.

„Ich möchte nach Hause.“

Leonie runzelte die Stirn.

„In die Gruft?“

„Unter anderem.“

Eva sah ihn scharf an.

„Du hast Matthias angegriffen.“

Adrian lächelte nicht mehr.

„Ja.“

Leonie wurde kalt.

„Lebt er?“

Adrian schwieg.

„Lebt er?“

„Das ist kompliziert.“

Leonie ging einen Schritt auf ihn zu.

„Ich bringe dich um.“

Adrian lächelte wieder.

„Du klingst wirklich wie Anna.“

Aurelian trat plötzlich vor.

„Nenn ihren Namen nicht.“

Adrian sah ihn an.

Sein Lächeln verschwand.

„König.“

Aurelian wurde still.

„Du kennst mich.“

„Natürlich.“

„Woher?“

Adrian deutete auf sich.

„Meine Familie hat dich jahrhundertelang bewacht.“

„Deine Familie war menschlich.“

„War.“

Stille.

Eva sah Adrian an.

„Wer hat dich verwandelt?“

Adrian blickte zu Cassian.

Cassian runzelte die Stirn.

„Nicht ich.“

„Nein.“

Adrian lächelte.

„Helena.“

Cassian erstarrte.

Aurelian ebenfalls.

„Das ist unmöglich“, sagte Cassian.

„Sie starb vor Jahrhunderten.“

„Nicht bevor sie mich fand.“

„Wann?“

„1784.“

Cassian ging näher.

„Helena hat Menschen verwandelt?“

„Nur wenige.“

„Warum dich?“

Adrian sah zur Rosenfeld-Wand.

„Weil sie jemanden brauchte, der ihre Kinder bewacht.“

Stille.

Cassian wurde bleich.

„Lucian. Mara. Severin.“

„Ja.“

„Du kennst sie.“

„Sehr gut.“

Aurelian sagte leise:

„Du warst Teil ihres Plans.“

Adrian sah ihn an.

„Ich bin ihr Plan.“

Eva stellte sich vor die Wand.

„Du wirst diese Gruft nicht öffnen.“

Adrian blickte sie an.

„Du kannst mich nicht aufhalten.“

„Versuch es.“

Einer der Vampire hinter Adrian bewegte sich.

Elisa zog sofort ihre Pistole.

„Noch einen Schritt.“

Der Vampir grinste.

„Silber?“

„Willst du es testen?“

Adrian hob die Hand.

Der Vampir blieb stehen.

„Keine unnötige Gewalt.“

Cassian lachte trocken.

„Du hast Matthias zweimal erstochen.“

„Notwendig.“

Leonie sah ihn an.

„Du klingst wie Aurelian.“

Adrian blickte kurz zum König.

„Das war beleidigend.“

Aurelian nickte.

„Für mich ebenfalls.“

David trat näher.

„Was ist hinter der Wand?“

Adrian antwortete:

„Die Wahrheit.“

„Sehr hilfreich.“

„Die Rosenfeld-Linie hat etwas versteckt.“

Eva wurde nervös.

„Adrian.“

Er sah sie an.

„Sie sollten es wissen.“

„Nein.“

„Es ist ohnehin zu spät.“

Leonie sah zwischen beiden hin und her.

„Was?“

Adrian deutete auf Eva.

„Frag sie, warum Albrecht 1987 verschwunden ist.“

Leonie sah Eva an.

„Du hast gesagt, du wärst hinter der zweiten Tür gewesen.“

„Das stimmt.“

„Warum?“

Eva schwieg.

Adrian lächelte.

„Weil sie die Tür selbst geöffnet hat.“

Aurelian sah Eva an.

„Was?“

Cassian ebenfalls.

Eva wirkte plötzlich müde.

„Ich hatte keine Wahl.“

Leonie schnaubte.

„Dieser Satz schon wieder.“

Eva sah sie an.

„Wir hatten eine Warnung bekommen.“

„Von wem?“

„Rosenfeld.“

„Was für eine Warnung?“

Eva blickte zur Wand.

„Dass die dritte Tür irgendwann geöffnet werden würde.“

David runzelte die Stirn.

„Also bist du freiwillig darunter gegangen.“

„Ja.“

„Um was zu tun?“

Eva antwortete leise:

„Um jemanden zu verstecken.“

Adrian lächelte.

„Da sind wir.“

Leonie sah ihn an.

„Wen?“

Adrian antwortete:

„Die letzte echte Rosenfeld-Hüterin.“

Niemand sagte etwas.

David blickte zur Wand.

„Sie ist dahinter.“

Eva nickte.

„Ja.“

„Seit wann?“

„1987.“

Leonie wurde blass.

„Seit fast vierzig Jahren?“

„Für sie sind nur wenige Jahre vergangen.“

„Wie bei dir.“

„Ja.“

Aurelian wurde aufmerksam.

„Die Zeitkammer.“

Eva sah ihn an.

„Du kennst sie.“

„Ich dachte, sie sei zerstört.“

„Nein.“

Cassian blickte zu Adrian.

„Warum willst du sie?“

Adrians Gesicht wurde ernst.

„Weil sie meine Schwester ist.“

Eva schüttelte den Kopf.

„Halbschwester.“

„Spielt keine Rolle.“

„Für sie schon.“

Leonie trat näher.

„Wie heißt sie?“

Eva antwortete:

„Sophie Rosenfeld.“

Jakob, der bisher geschwiegen hatte, wurde blass.

„Sophie?“

Alle sahen ihn an.

Eva bemerkte seinen Blick.

„Du kennst sie.“

Jakob sagte nichts.

„Jakob.“

Er sah zu Boden.

„Ja.“

Leonie hob eine Augenbraue.

„Wie gut?“

Jakob schwieg.

Elisa sah ihn an.

„Oh.“

David blickte zwischen beiden hin und her.

„Was?“

Elisa sagte trocken:

„Sehr gut, würde ich vermuten.“

Jakob seufzte.

„Wir waren zusammen.“

Leonie blinzelte.

„Wann?“

„1986.“

„Und sie ist ein Jahr später verschwunden.“

„Ja.“

„Du dachtest, sie sei tot.“

„Alle dachten das.“

Eva sah ihn ruhig an.

„Sie lebt.“

Jakob musste sich an einem Regal festhalten.

„Warum hast du mir das nie gesagt?“

„Weil Sophie darum gebeten hat.“

„Warum?“

Eva blickte zu Adrian.

„Wegen ihm.“

Adrian ging zur Wand.

„Genug.“

Er zog ein Messer.

Eva stellte sich ihm in den Weg.

„Nein.“

„Geh zur Seite.“

„Du weißt, was Sophie von dir hält.“

Adrians Augen wurden schwarz.

„Sie versteht es nicht.“

„Sie versteht dich besser als jeder andere.“

„Sie hat Helena verraten.“

Cassian wurde aufmerksam.

„Was meinst du?“

Adrian sah zu ihm.

„Sophie wusste von der dritten Tür.“

„Und?“

„Sie half Aurelian, sie zu versiegeln.“

Cassian starrte ihn an.

„Warum?“

Adrian deutete auf Aurelian.

„Weil der König recht hatte.“

Aurelian schwieg.

Leonie sah zu ihm.

„Das gefällt dir.“

„Nein.“

„Sieht aber so aus.“

Adrian fuhr fort.

„Helenas Kinder waren außer Kontrolle.“

Cassian wurde wütend.

„Du hast sie doch angeblich bewacht.“

„Ich habe es versucht.“

„Und bist gescheitert.“

Adrian ging einen Schritt näher.

„Du hast sie nie kennengelernt.“

„Sie sind meine Familie.“

„Nein.“

Cassians Augen wurden schwarz.

„Pass auf.“

„Sie hätten dich getötet, bevor du ihren Namen ausgesprochen hättest.“

Aurelian sagte leise:

„Er hat recht.“

Cassian drehte sich zu ihm.

„Natürlich stellst du dich auf seine Seite.“

„Ich stelle mich auf gar keine Seite.“

„Du hast Helena getötet.“

Aurelians Gesicht verhärtete sich.

„Weil sie sich geweigert hat zu sehen, was ihre Kinder geworden waren.“

Cassian ging auf ihn zu.

David stellte sich dazwischen.

„Nicht jetzt.“

Cassian sah auf die Klinge.

Dann zu David.

„Geh mir aus dem Weg.“

„Nein.“

„Du kannst mich nicht aufhalten.“

Die Klinge begann in Davids Hand zu leuchten.

Cassian blieb stehen.

David hob eine Augenbraue.

„Möchtest du das testen?“

Cassian schwieg.

„Dachte ich mir.“

Adrian zog die Klinge über seine Handfläche.

Dunkles Blut lief über seine Finger.

Eva griff nach ihm.

Zu spät.

Er drückte die Hand auf das Rosenfeld-Symbol.

Die Wand bebte.

Ein tiefes Rattern begann.

„Nein!“, rief Eva.

Der Backstein bewegte sich.

Langsam öffnete sich ein schmaler Spalt.

Kalte Luft strömte heraus.

Jakob trat vor.

„Sophie.“

Adrian lächelte.

„Endlich.“

Die Öffnung wurde breiter.

Dahinter führte eine alte Treppe nach unten.

An den Wänden brannten plötzlich kleine Lichter.

Eva zog ihre Pistole.

„Niemand geht hinein.“

Adrian sah sie an.

„Du kannst uns nicht alle erschießen.“

Elisa stellte sich neben Eva.

„Sie vielleicht nicht.“

Adrian sah zu ihr.

„Noch verletzt?“

„Genug Kraft für dich.“

Leonie trat zwischen beide Seiten.

„Stopp.“

Elisa sah sie an.

„Leonie.“

„Wir brauchen Sophie.“

„Ja.“

„Dann müssen wir da rein.“

Eva schüttelte den Kopf.

„Adrian darf nicht zu ihr.“

Leonie sah ihn an.

„Warum?“

Eva antwortete:

„Weil Sophie die vierte Linie trägt.“

David verstand.

„Wenn Adrian sie tötet—“

„Kann er das Rosenfeld-Siegel übernehmen.“

Adrian lächelte.

Leonie sah ihn an.

„Das ist dein Plan.“

Er schwieg.

„Du willst Hüter werden.“

„Ich bin Rosenfeld.“

„Du bist Vampir.“

„Das schließt sich nicht aus.“

Eva sagte:

„Doch.“

Adrian sah sie an.

„Die alten Regeln interessieren mich nicht.“

Aurelian trat vor.

„Mich schon.“

Adrian blickte zum König.

„Du hast keine Autorität mehr.“

Aurelian lächelte.

„Möchtest du das testen?“

Adrian sagte nichts.

Leonie schüttelte den Kopf.

„Heute wollen wirklich alle alles testen.“

David sah sie kurz an.

„Nicht hilfreich.“

„Ich versuche, ruhig zu bleiben.“

Sie beschlossen schließlich, gemeinsam hinunterzugehen.

Niemand vertraute irgendjemandem.

David ging vorne.

Die Klinge in der Hand.

Leonie direkt hinter ihm.

Eva und Jakob folgten.

Dann Elisa.

Cassian und Aurelian.

Adrian und seine beiden Vampire gingen zuletzt.

Die Treppe führte tiefer, als Leonie erwartet hatte.

„Wie tief sind wir?“

Eva antwortete:

„Ungefähr fünfzehn Meter.“

„Das geht.“

„Noch.“

Leonie sah sie an.

„Warum sagst du sowas?“

Eva lächelte schwach.

Der Gang endete vor einer runden Metalltür.

Darauf befand sich das Rosenfeld-Symbol.

Eva legte ihre Hand darauf.

Nichts.

„Sophie muss von innen öffnen.“

Jakob trat näher.

„Kann sie uns hören?“

„Vielleicht.“

Er legte eine Hand an die Tür.

„Sophie.“

Stille.

„Ich bin es.“

Keine Reaktion.

Jakobs Stimme wurde leiser.

„Jakob.“

Leonie beobachtete ihn.

„Du dachtest, ich sei tot“, sagte eine Frauenstimme hinter der Tür.

Jakob erstarrte.

„Sophie.“

„Du bist alt geworden.“

Er lachte nervös.

„Du offenbar nicht.“

„Das weißt du nicht.“

„Mach die Tür auf.“

Stille.

„Wer ist bei dir?“

Jakob sah zu den anderen.

„Viele.“

„Das klingt schlecht.“

„Ist es.“

Leonie musste trotz allem lächeln.

Dann fragte Sophie:

„Ist Adrian dort?“

Alle blickten nach hinten.

Adrian trat näher.

„Hallo, Schwester.“

Hinter der Tür wurde es still.

Sehr still.

Dann:

„Dann öffne ich nicht.“

Adrians Gesicht verhärtete sich.

„Sophie.“

„Verschwinde.“

„Wir brauchen dich.“

„Ihr braucht mein Blut.“

Adrian sagte nichts.

„Genau deshalb öffne ich nicht.“

Leonie trat an die Tür.

„Sophie?“

„Wer bist du?“

„Leonie Berger.“

Stille.

Dann ein scharfes Einatmen.

„Das Herz.“

Leonie schloss kurz die Augen.

„Ja. Scheinbar.“

„Lebt Aurelian?“

Leonie sah zu ihm.

„Leider.“

Aurelian hob eine Augenbraue.

Sophie antwortete:

„Dann seid ihr schon zu spät.“

Leonie wurde kalt.

„Wofür?“

„Die dritte Tür.“

Eva sah alarmiert aus.

„Sie ist noch geschlossen.“

„Nein.“

„Sophie.“

„Ich kann es fühlen.“

In diesem Moment vibrierte der Boden.

Ein tiefer Ton ging durch die Mauern.

Staub rieselte von der Decke.

Cassian wurde blass.

„Nein.“

Aurelian hob langsam den Kopf.

„Sie öffnet sich.“

Tief unter der Zitadelle Spandau brach der letzte Stein des dritten Siegels.

Die massive Tür bewegte sich.

Zentimeter für Zentimeter.

Dahinter stand eine Gestalt.

Ein Mann.

Groß.

Langes weißes Haar.

Sein Gesicht war jung.

Fast schön.

Seine Augen tiefrot.

Er trat durch die Öffnung.

Dann eine Frau.

Dunkles Haar.

Blutrotes Kleid.

Hinter ihr ein weiterer Mann.

Breite Schultern.

Schwarze Augen.

Lucian.

Mara.

Severin.

Die drei Kinder Helenas.

Jahrhunderte lang eingesperrt.

Lucian atmete tief ein.

„Berlin.“

Mara lächelte.

„Endlich.“

Severin betrachtete die zerstörte Kammer.

Matthias Berger lag regungslos im Sarkophag.

Der Fremde, der ihn angegriffen hatte, war verschwunden.

Lucian ging zum Sarkophag.

Er betrachtete Matthias.

Dann lächelte er.

„Der alte Hüter.“

Matthias öffnete schwach die Augen.

„Helena würde sich für euch schämen.“

Lucians Lächeln verschwand.

Er packte Matthias am Hals.

„Unsere Mutter ist tot.“

Matthias flüsterte:

„Wegen euch.“

Lucians Augen wurden rot.

Mara legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Nicht.“

„Warum?“

„Er gehört zum Siegel.“

Severin sah zur nächsten Tür.

„Dann brauchen wir ihn.“

Lucian ließ Matthias los.

Er drehte sich um.

„Wo ist Aurelian?“

Mara schloss die Augen.

Sie atmete ein.

Dann lächelte sie.

„Mitte.“

„Und Cassian?“

„Bei ihm.“

Severin knurrte.

„Unser Onkel.“

Lucian ging zur Öffnung.

„Dann besuchen wir die Familie.“

Unter der Invalidenstraße erschien plötzlich ein weiterer Riss in der Wand.

Aurelian drehte sich um.

„Sie sind frei.“

Cassian wusste sofort, wen er meinte.

„Alle drei?“

Aurelian nickte.

Cassians Gesicht veränderte sich.

Wut.

Angst.

Vielleicht auch etwas anderes.

Familie.

Leonie sah ihn an.

„Cassian.“

Er antwortete nicht.

„Sind sie wirklich so gefährlich?“

Cassian sah sie an.

„Helena hat sie geliebt.“

„Das beantwortet die Frage nicht.“

„Sie hat versucht, sie zu beschützen.“

„Cassian.“

Er schwieg einen Moment.

Dann sagte er:

„Lucian hat innerhalb einer Nacht siebenunddreißig Menschen getötet.“

Leonie wurde still.

„Mara verwandelte ein ganzes Dorf.“

David fluchte leise.

„Und Severin?“

Cassian blickte auf die Wand.

„Severin tötet keine Menschen.“

Leonie atmete kurz auf.

Cassian fuhr fort:

„Er tötet Vampire.“

Aurelian sah ihn an.

„Und er wird zuerst nach mir suchen.“

Aus dem Gang hinter ihnen kam plötzlich ein leises Klatschen.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Alle drehten sich um.

Ein Mann stand am Ende des Korridors.

Groß.

Schwarze Augen.

Breite Schultern.

Severin.

Cassian erstarrte.

„Das ging schnell.“

Severin lächelte.

„Onkel.“

Cassian sagte nichts.

Aurelian trat vor.

Severins Blick wanderte zu ihm.

Das Lächeln verschwand.

„Großvater.“

Aurelian wurde still.

Severin öffnete die Arme.

„Familientreffen.“

Dann wurde sein Blick kalt.

„Ich habe lange darauf gewartet.“

Die Rosenfeld-Tür hinter Leonie begann sich zu öffnen.

Kapitel 12 – Die Nacht vor dem Blutmond

Die Tür hinter Leonie öffnete sich langsam.

Kalte Luft strömte aus der Kammer.

Severin stand am anderen Ende des Ganges und lächelte.

Niemand bewegte sich.

David hielt die schwarze Klinge vor sich.

Elisa zielte mit ihrer Pistole auf Severin.

Cassian stand zwischen ihm und Aurelian.

„Onkel“, sagte Severin erneut.

Cassian antwortete nicht.

Severins Blick wanderte an ihm vorbei.

Zu Aurelian.

Seine schwarzen Augen verengten sich.

„Und da ist er.“

Aurelian blieb vollkommen ruhig.

„Severin.“

„Du erinnerst dich.“

„Natürlich.“

Severin lachte leise.

„Wie rührend.“

Hinter Leonie ertönte ein metallisches Klicken.

Die Rosenfeld-Tür öffnete sich vollständig.

Eine Frau stand dahinter.

Leonie drehte sich um.

Sophie Rosenfeld wirkte höchstens Mitte dreißig.

Kurzes dunkelbraunes Haar.

Helle Haut.

Grüne Augen.

Sie trug eine dunkle Hose und ein graues Oberteil, dessen Schnitt aussah, als stamme es aus einer anderen Zeit.

Was vermutlich sogar stimmte.

Jakob bewegte sich nicht.

Sophie ebenfalls nicht.

Fast vierzig Jahre lagen zwischen ihnen.

Zumindest für ihn.

„Sophie.“

Ihre Augen blieben auf Jakob gerichtet.

„Hallo.“

Jakob lachte nervös.

Dann brach seine Stimme.

„Du lebst.“

Sophie lächelte traurig.

„Offenbar.“

Er ging einen Schritt auf sie zu.

Blieb dann stehen.

Als hätte er Angst, sie könnte verschwinden, wenn er ihr zu nahe kam.

„Ich dachte—“

„Ich weiß.“

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

Sophie sah zu Eva.

Dann zurück.

„Weil du mich gesucht hättest.“

„Natürlich hätte ich dich gesucht.“

„Genau deswegen.“

Jakob schwieg.

Severin begann zu klatschen.

Langsam.

„Wirklich schön.“

Alle drehten sich wieder zu ihm.

„Aber ich hasse Wiedersehen.“

Cassian ging einen Schritt vor.

„Warum bist du hier?“

Severin lächelte.

„Nicht wegen dir.“

„Dann geh.“

„Nein.“

Sein Blick wanderte zu Aurelian.

„Ich habe fast dreihundert Jahre auf diesen Moment gewartet.“

Aurelian sagte ruhig:

„Du willst mich töten.“

„Sehr.“

„Dann versuch es.“

Cassian drehte sich zu ihm.

„Vater.“

Aurelian hob nur leicht eine Hand.

„Er wird es ohnehin tun.“

Severin verschwand.

Leonie sah nur einen Schatten.

Dann krachte Aurelian gegen die Wand.

Stein brach.

Severin hatte ihn am Hals gepackt.

Elisa feuerte.

Severin wich aus, ohne Aurelian loszulassen.

David rannte vor.

„Weg von ihm!“

Severin sah die Klinge.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Helena.“

David hielt inne.

Severin ließ Aurelian los.

Der König fiel auf die Knie.

Severin starrte nur noch auf die schwarze Waffe.

„Woher hast du die?“

David hob sie.

„Von meinem Großvater.“

„Nein.“

Severin ging langsam näher.

„Die gehörte meiner Mutter.“

Cassian stellte sich ihm in den Weg.

„Severin.“

„Gib sie mir.“

David schüttelte den Kopf.

„Vergiss es.“

Severins Augen wurden vollkommen schwarz.

„Sie gehört meiner Familie.“

David antwortete:

„Offenbar gehört sie inzwischen meiner.“

Die Klinge begann weiß zu leuchten.

Severin blieb stehen.

Dann lächelte er.

„Du bist wirklich Samuels Blut.“

David verzog das Gesicht.

„Und wenn mich heute noch einer mit meinem Großvater vergleicht, werde ich langsam unangenehm.“

Leonie flüsterte:

„Langsam?“

David sah kurz zu ihr.

„Nicht jetzt.“

Sophie trat aus ihrer Kammer.

Das Rosenfeld-Zeichen erschien auf ihrer Hand.

Eine Rose innerhalb eines Kreises.

In demselben Moment leuchteten auch Leonies, Davids und Evas Zeichen auf.

Berger.

Stein.

Albrecht.

Rosenfeld.

Alle vier.

Ein tiefer Ton ging durch das Gebäude.

Eva starrte auf ihre Hand.

„Die Linien.“

Sophie sah Leonie an.

Dann David.

„Ihr seid wirklich beide hier.“

Leonie nickte.

„Lange Geschichte.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Sophie hob ihre Hand.

Die vier Zeichen leuchteten stärker.

Plötzlich bebte der Boden.

Severin blickte zur Decke.

Aurelian richtete sich langsam auf.

„Was habt ihr getan?“

Eva sah ihn an.

„Nichts.“

„Doch.“

Aurelian wurde bleich.

„Das Siegel erkennt wieder vier Hüter.“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Nicht vollständig.“

David sah sie an.

„Was fehlt?“

„Die Bindung.“

„Welche Bindung?“

Sophie wollte antworten.

Da klingelte Davids Telefon.

Er sah irritiert auf das Display.

Nora.

„Stein.“

Ihre Stimme war hektisch.

„Wo bist du?“

„Mitte.“

„Bleib nicht dort.“

David wurde sofort aufmerksam.

„Warum?“

„Wir haben mehrere Angriffe.“

„Wo?“

„Alexanderplatz. Prenzlauer Berg. Friedrichshain.“

David sah zu Elisa.

„Was für Angriffe?“

„Keine Ahnung.“

Nora atmete schwer.

„Menschen greifen andere Menschen an. Einige Zeugen behaupten, die Täter hätten—“

Sie stockte.

„Was?“

„Zähne.“

David schloss kurz die Augen.

„Wie viele Täter?“

„Dutzende.“

Cassian hatte das Gespräch gehört.

„Mara.“

Alle sahen ihn an.

David hielt das Telefon etwas weg.

„Woher weißt du das?“

„So arbeitet sie.“

Aurelian wurde still.

Cassian fuhr fort:

„Sie verwandelt nicht einen.“

„Sondern viele“, sagte Leonie.

Cassian nickte.

David sprach wieder ins Telefon.

„Nora, sperrt die betroffenen Bereiche ab.“

„Weshalb?“

„Ich erkläre es dir später.“

„Du sagst seit zwei Tagen später!“

Im Hintergrund ertönten Schreie.

Dann ein Schuss.

David wurde blass.

„Nora?“

Keine Antwort.

„NORA?“

Rauschen.

Dann:

„Bin noch da.“

David atmete aus.

„Wo bist du?“

„Alexanderplatz.“

Cassian fluchte.

„Sie muss da weg.“

David sagte ins Telefon:

„Nora, steig ins Auto und fahr.“

„David, hier liegen Menschen.“

„FAHR!“

Stille.

Dann:

„Okay.“

Die Verbindung brach ab.

Leonie sah ihn an.

„Sie schafft es.“

David steckte das Telefon ein.

„Das hoffe ich.“

Cassian wandte sich zum Ausgang.

„Mara ist dort.“

Severin sah ihn an.

„Dann gehst du zu ihr.“

„Ja.“

„Sie wird dich töten.“

„Vielleicht.“

„Sie hasst dich.“

Cassian blieb stehen.

„Sie kennt mich nicht.“

Severin lächelte kalt.

„Das hält sie nicht davon ab.“

Aurelian trat näher.

„Lucian wird ebenfalls oben sein.“

Severin sah ihn an.

„Und?“

Aurelian antwortete:

„Wenn Mara Menschen verwandelt, sammelt Lucian sie.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Wofür?“

Aurelian blickte zu ihr.

„Für morgen Nacht.“

„Den Blutmond.“

„Ja.“

Sophie wurde blass.

„Dann weiß er vom Ritual.“

Eva sah sie an.

„Welches Ritual?“

Sophie schwieg.

Leonies Geduld riss.

„Bitte nicht schon wieder.“

Sophie sah sie an.

„Was?“

„Dieses dramatische Schweigen, bevor jemand eine lebensgefährliche Information auspackt.“

David nickte.

„Da muss ich ihr recht geben.“

Sophie atmete tief durch.

„Der Blutmond verstärkt das Blut des Hofes.“

„Was bedeutet das?“

„Für einige Stunden werden sämtliche Bindungen stärker.“

Leonie sah auf ihre Hand.

„Auch meine zu Aurelian.“

„Ja.“

„Wie viel stärker?“

Sophie blickte zu Aurelian.

„Stark genug, dass er dich möglicherweise auch ohne Zustimmung zurückholen kann.“

Stille.

Leonie wurde kalt.

„Moment.“

Aurelian sah Sophie an.

„Das stimmt nicht.“

„Doch.“

„Anna hat das verhindert.“

„Anna glaubte, sie hätte es verhindert.“

Aurelian ging auf Sophie zu.

„Woher weißt du das?“

„Rosenfeld hat das Siegel dokumentiert.“

„Ich kenne diese Aufzeichnungen.“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Nicht alle.“

Cassian lächelte dünn.

„Scheint heute häufiger vorzukommen.“

Aurelian ignorierte ihn.

Leonie fragte:

„Wie lange habe ich?“

Sophie sah auf eine alte Uhr an der Wand.

„Der Blutmond beginnt morgen Abend.“

„Und dann?“

„Wenn wir das Siegel vorher vollständig erneuern, können wir Aurelians Verbindung zu dir schwächen.“

David hob die Klinge.

„Oder wir trennen sie.“

Sophie sah auf die Waffe.

Ihr Gesicht wurde ernst.

„Helena.“

Severin stand plötzlich neben ihr.

Nicht aggressiv.

Nur still.

Er betrachtete die Klinge.

„Du kanntest meine Mutter?“

Sophie nickte.

„Ihre Aufzeichnungen.“

„Nicht sie.“

„Nein.“

Severin sah enttäuscht aus.

Nur einen Augenblick.

Dann war es wieder verschwunden.

„Die Klinge allein reicht nicht“, sagte Sophie.

David sah sie an.

„Das habe ich inzwischen befürchtet.“

„Die vier Linien müssen das Herz lösen.“

Leonie verschränkte die Arme.

„Das Herz bin ich.“

„Ja.“

„Also machen wir was?“

Sophie antwortete:

„Wir trennen Aurelians Essenz von deinem Blut.“

„Und dann?“

„David benutzt die Klinge.“

„Und ich verliere möglicherweise meine Erinnerungen.“

Sophie wurde still.

„Wer hat dir das erzählt?“

„Jakob.“

Sophies Blick wanderte zu ihm.

Jakob nickte.

„Clara.“

„Clara hat ihre Erinnerungen nicht wegen der Klinge verloren.“

Jakob erstarrte.

„Was?“

Leonie trat näher.

„Was meinst du?“

Sophie sah sie an.

„Clara benutzte das Ritual allein.“

„Ohne die anderen Linien.“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil Stein nicht gekommen ist.“

David wurde aufmerksam.

„Samuel?“

„Nein. Sein Vater.“

„Dann warum—“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Das war 1891.“

Leonie erinnerte sich an das Tagebuch.

„Claras Tagebuch.“

„Ja.“

Sophie fuhr fort:

„Das Herz kann von einem einzelnen Hüter getrennt werden.“

„Aber?“

„Der Preis ist hoch.“

„Ihre Erinnerungen.“

„Ja.“

Leonie sah ihre Hand an.

„Und mit allen vier Linien?“

Sophie antwortete:

„Sollte das nicht passieren.“

„Sollte.“

David sah sie an.

„Nicht sollte.“

Sophie hielt seinem Blick stand.

„Niemand hat das Ritual seit 1945 vollständig durchgeführt.“

„Was geschah damals?“

„Es funktionierte.“

Aurelian sagte plötzlich:

„Nein.“

Alle sahen zu ihm.

„Es funktionierte nicht.“

Sophie runzelte die Stirn.

Aurelian ging auf Leonie zu.

„1945 wurde das Herz nicht getrennt.“

„Warum?“

„Claras Tochter weigerte sich.“

Leonie sagte nichts.

„Sie wusste, dass sie sterben könnte.“

Sophie widersprach:

„Sie hätte nicht sterben müssen.“

Aurelian lächelte kalt.

„Das weißt du nicht.“

„Du willst Leonie nur verunsichern.“

„Natürlich.“

Aurelian sah Leonie direkt an.

„Aber ich lüge nicht darüber.“

Leonie spürte das Berger-Zeichen unter ihrer Haut.

Es brannte.

„Hör auf.“

Aurelian blieb stehen.

„Ich tue nichts.“

„Doch.“

„Nicht diesmal.“

Das Brennen wurde stärker.

Leonie keuchte.

David griff nach ihrem Arm.

Sofort leuchtete sein Zeichen ebenfalls auf.

Ein Bild explodierte in Leonies Kopf.

Alexanderplatz.

Menschen rannten.

Blaulicht.

Schreie.

Eine Frau stand auf dem Dach eines Gebäudes.

Langes dunkles Haar.

Mara.

Unter ihr knieten Dutzende frisch verwandelte Vampire.

Dann ein Mann.

Weißes Haar.

Lucian.

Er hielt eine Schale in den Händen.

Gefüllt mit Blut.

Leonie hörte seine Stimme.

„Morgen kehrt das Herz zurück.“

Die Vision verschwand.

Leonie stolperte zurück.

David hielt sie fest.

„Was hast du gesehen?“

„Alexanderplatz.“

Cassian trat näher.

„Mara?“

„Ja.“

„Lucian?“

„Auch.“

Aurelian wurde ernst.

„Was machten sie?“

Leonie sah ihn an.

„Sie sammeln Blut.“

Sophie schloss die Augen.

„Für das Ritual.“

David fragte:

„Welches Ritual?“

Aurelian antwortete diesmal:

„Sie wollen mich nicht nur befreien.“

Stille.

„Sie wollen dich ersetzen“, sagte Cassian.

Aurelian sah ihn an.

Cassian verstand offenbar selbst erst jetzt.

„Lucian will König werden.“

Sie verließen das Gebäude wenige Minuten später.

Sophie hatte die Rosenfeld-Kammer geschlossen.

Adrian war verschwunden.

Seine beiden Vampire ebenfalls.

Niemand wusste, wann er gegangen war.

„Er wird zu Lucian gehen“, sagte Eva.

Sophie nickte.

„Adrian glaubt noch immer, Helenas Kinder seien die Zukunft des Hofes.“

Cassian sah sie an.

„Und du nicht.“

„Nein.“

„Warum?“

Sophie blieb stehen.

„Weil ich gesehen habe, was sie getan haben.“

Severin stand einige Meter entfernt.

Er hörte jedes Wort.

Sophie sah ihn an.

„Tut mir leid.“

Severin lächelte.

„Nein, tut es nicht.“

„Nein.“

„Gut.“

Cassian stellte sich vor ihn.

„Was machst du jetzt?“

„Aurelian töten.“

„Davon rede ich nicht.“

Severin musterte ihn.

„Du möchtest wissen, ob ich zu Lucian gehe.“

„Ja.“

„Nein.“

„Warum?“

Severin sah Richtung Stadt.

„Mein Bruder glaubt, Macht könne heilen, was mit uns passiert ist.“

„Und du?“

„Ich glaube nicht mehr an Heilung.“

Cassian schwieg.

Severin drehte sich zu ihm.

„Aber Mara glaubt ihm.“

„Dann hilf mir, sie aufzuhalten.“

Severin lachte.

„Warum sollte ich dir helfen?“

Cassian antwortete:

„Weil Helena es getan hätte.“

Severins Gesicht wurde kalt.

Cassian hatte offenbar die falschen Worte gewählt.

„Sprich nicht für meine Mutter.“

„Sie war meine Schwester.“

„Und du warst nicht da.“

Cassian schwieg.

„Dreihundert Jahre“, sagte Severin.

„Wir lagen hinter dieser Tür.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Mara schrie die ersten fünfzig.“

Cassian sagte nichts.

„Lucian redete hundert Jahre lang davon, dass jemand kommen würde.“

Severins schwarzer Blick wanderte zu Aurelian.

„Unsere Mutter.“

Aurelian sah zur Seite.

„Aber sie kam nicht.“

Severin ging auf den König zu.

„Weil du sie getötet hast.“

Aurelian hob den Kopf.

„Ja.“

„Sag es noch einmal.“

„Ich habe Helena getötet.“

Severins Gesicht verzerrte sich.

„Warum?“

„Weil sie die Tür öffnen wollte.“

„Falsch.“

„Severin.“

„Sie wollte uns retten.“

„Ihr habt Menschen abgeschlachtet.“

„Wir waren hungrig!“

Severins Schrei hallte durch die Straße.

Einige Passanten blickten herüber.

Elisa trat näher.

„Vielleicht etwas leiser.“

Severin ignorierte sie.

„Du hast uns erschaffen.“

Aurelian wurde still.

„Helenas Blut kam von dir.“

„Ja.“

„Dann war unser Hunger dein Erbe.“

„Ja.“

Severin schlug Aurelian.

Der König wurde gegen einen geparkten Wagen geschleudert.

Alarmanlage.

Menschen schrien und liefen weg.

David zog die Waffe.

Cassian hob die Hand.

„Nicht.“

Severin stand über Aurelian.

„Dreihundert Jahre.“

Aurelian richtete sich auf.

Blut lief aus seinem Mund.

„Ich weiß.“

„Nein.“

Severin packte ihn am Mantel.

„Du weißt gar nichts.“

Aurelian sah ihm direkt in die Augen.

„Dann töte mich.“

Cassian erstarrte.

Severin ebenfalls.

„Was?“

„Du willst es seit Jahrhunderten.“

Aurelian breitete die Arme aus.

„Tu es.“

Severins Hände zitterten.

Leonie beobachtete ihn.

Dann verstand sie.

Er konnte es nicht.

Severin stieß Aurelian von sich.

„Nicht so.“

Aurelian lächelte schwach.

„Das dachte ich mir.“

„Sei still.“

„Du willst, dass ich Angst habe.“

Severins Augen wurden schwarz.

„Du wirst Angst haben.“

Er trat zurück.

„Aber erst wenn du alles verloren hast.“

Dann verschwand er.

Cassian blickte in die Richtung, in die Severin verschwunden war.

Leonie trat neben ihn.

„Kommt er wieder?“

„Ja.“

„Auf welcher Seite?“

Cassian antwortete:

„Severin hat keine Seite.“

Am Alexanderplatz war die Lage inzwischen eskaliert.

Nora stellte den Wagen quer auf die Straße.

„Zurück! Alle zurück!“

Menschen rannten an ihr vorbei.

Mehrere Polizeibeamte versuchten, einen Bereich abzusperren.

Ein junger Mann lag auf dem Boden.

Blut lief aus seinem Hals.

„Rettungsdienst!“

Ein Sanitäter kniete neben ihm.

Plötzlich öffnete der Verletzte die Augen.

Schwarz.

Er packte den Sanitäter.

Nora zog ihre Pistole.

„Loslassen!“

Der Mann fauchte.

Dann sprang er auf.

Zu schnell.

Nora feuerte.

Der Schuss traf ihn in die Schulter.

Keine Wirkung.

„Scheiße.“

Eine Gestalt landete hinter ihm.

Weißes Haar.

Lucian.

Er legte dem frisch verwandelten Vampir die Hand auf die Schulter.

„Genug.“

Der Mann ließ den Sanitäter los.

Nora richtete die Pistole auf Lucian.

„Polizei! Hände hoch!“

Lucian sah sie an.

„Menschen sagen das gern.“

„Hände hoch.“

Er lächelte.

„Du kennst David Stein.“

Nora wurde still.

„Woher kennen Sie David?“

„Blut.“

„Was?“

Lucian kam näher.

Nora feuerte.

Lucian fing die Kugel.

Mit der Hand.

Er betrachtete sie.

Dann ließ er sie fallen.

Nora wich zurück.

„Das war Silber.“

Lucian lächelte.

„Ich bin kein gewöhnlicher Vampir.“

Hinter ihm tauchte Mara auf.

Sie sah Nora neugierig an.

„Die Polizistin.“

„Ja.“

„Töten?“

Lucian schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Mara verzog den Mund.

„Warum nicht?“

„Sie bringt uns zu Stein.“

Nora spannte die Finger um ihre Waffe.

Lucian kam näher.

„Sag David, dass wir auf ihn warten.“

„Sag es ihm selbst.“

„Werde ich.“

Mara sah auf Noras Hals.

„Ich habe Hunger.“

Lucian sah sie scharf an.

„Nein.“

„Nur ein bisschen.“

„Mara.“

Sie verdrehte die Augen.

„Langweilig.“

Dann lächelte sie Nora an.

„Bis später.“

Beide verschwanden.

Nora stand regungslos da.

Dann griff sie nach ihrem Telefon.

David nahm beim ersten Klingeln ab.

„Nora.“

„Ich habe sie gesehen.“

Er blieb stehen.

„Wen?“

„Zwei.“

Cassian kam sofort näher.

„Beschreibung.“

Nora atmete schwer.

„Mann. Weißes Haar.“

„Lucian.“

„Und eine Frau. Dunkles Haar.“

„Mara.“

David schloss kurz die Augen.

„Bist du verletzt?“

„Nein.“

„Andere?“

„Viele.“

„Wie viele?“

„Ich weiß es nicht.“

Nora schwieg kurz.

„David, einige von denen waren vorher Menschen.“

Er sah zu Aurelian.

„Ich weiß.“

„Nein. Du verstehst nicht.“

Ihre Stimme brach beinahe.

„Ich habe gesehen, wie jemand gestorben ist.“

Stille.

„Zehn Minuten später stand er wieder auf.“

David presste die Lippen zusammen.

„Geh ins Präsidium.“

„Sie haben nach dir gefragt.“

„Was?“

„Lucian sagte, sie warten auf dich.“

David sah auf die Klinge.

„Wo?“

„Hat er nicht gesagt.“

Leonie trat näher.

„Doch.“

David sah sie an.

Ihr Berger-Zeichen leuchtete.

„Leonie?“

Sie schloss die Augen.

Wieder die Stimme.

Lucian.

„Herz.“

Ein Bild.

Fernsehturm.

Rotes Licht.

Menschen auf dem Platz.

Dann Dunkelheit.

„Morgen, wenn der Mond sich färbt.“

Leonie öffnete die Augen.

„Alexanderplatz.“

David sah sie an.

„Wann?“

„Morgen Nacht.“

Cassian wurde still.

„Sie wollen dort das Ritual durchführen.“

Elisa runzelte die Stirn.

„Mitten auf dem Alexanderplatz?“

Sophie antwortete:

„Nicht oben.“

Leonie sah sie an.

„Wo dann?“

„Darunter.“

David stöhnte.

„Natürlich darunter.“

Sophie ging zu einem alten Stadtplan, den Eva mitgebracht hatte.

Sie breitete ihn auf der Motorhaube aus.

„Es gab einmal einen Zugang des Hofes in diesem Gebiet.“

Aurelian trat näher.

„Nein.“

Sophie sah ihn an.

„Doch.“

„Ich hätte davon gewusst.“

„Er wurde nach dem Krieg gebaut.“

„Von wem?“

Sophie zeigte auf das Symbol am Rand der Karte.

Eine Krone.

Drei Linien.

Der Schwarze Hof.

„Von deinen Anhängern.“

Aurelian wurde blass.

„Nach 1945.“

„Ja.“

Cassian lachte bitter.

„Während du dachtest, der Hof wäre zerstört.“

Leonie erinnerte sich an Adrians Worte.

Der Schwarze Hof hat niemals aufgehört zu existieren.

„Sie haben weitergemacht.“

Eva nickte.

„Im Verborgenen.“

David sah zur Karte.

„Und Lucian übernimmt jetzt diese Leute.“

„Vermutlich bereits geschehen.“

„Wie viele?“

Sophie antwortete:

„Wenn Adrian seit Jahrzehnten Mitglieder gesammelt hat?“

Sie schwieg.

David verstand.

„Hunderte.“

Am Abend zogen sie sich in Elisas Versteck unter Charlottenburg zurück.

Zum ersten Mal waren alle vier Hüterlinien im selben Raum.

Leonie Berger.

David Stein.

Eva Albrecht.

Sophie Rosenfeld.

Jakob saß etwas entfernt und beobachtete Sophie.

Sie hatte bisher kaum mit ihm gesprochen.

Cassian stand am Waffenschrank.

Elisa sortierte Munition.

Aurelian saß allein an einem Tisch.

Niemand vertraute ihm.

Leonie konnte nicht sagen, ob ihn das störte.

David legte die schwarze Klinge vor Sophie.

„Wie funktioniert das Ritual?“

Sie betrachtete die Waffe.

„Vier Hüter.“

„Haben wir.“

„Das Herz.“

Leonie hob die Hand.

„Leider.“

„Die Klinge.“

David nickte.

„Und Aurelian.“

Alle sahen zum König.

Aurelian hob langsam den Blick.

„Nein.“

Leonie runzelte die Stirn.

„Was nein?“

„Ich werde daran nicht teilnehmen.“

David lachte ungläubig.

„Du hast da nicht wirklich eine Wahl.“

„Doch.“

Aurelian stand auf.

„Wenn ihr das Herz trennt, verliere ich einen Teil meiner Kraft.“

„Das ist der Sinn“, sagte Elisa.

„Und möglicherweise mein Leben.“

Cassian lehnte sich gegen den Schrank.

„Noch besser.“

Aurelian sah ihn an.

„Wenn ich sterbe, bevor die unteren Siegel geschlossen sind, sterben möglicherweise auch die Bindungen.“

Sophie nickte langsam.

„Da könnte er recht haben.“

Leonie sah sie entgeistert an.

„Nicht du auch noch.“

„Wir müssen erst das Siegel stabilisieren.“

David sah zur Karte.

„Mit vier Linien.“

„Ja.“

„Wie?“

Sophie nahm ein altes Blatt.

Darauf war ein Kreis mit vier Zeichen.

„Jeder Hüter trägt einen Teil.“

Eva betrachtete es.

„Das alte Ritual.“

„Du kennst es?“

„Meine Mutter hat davon gesprochen.“

„Dann weißt du, was wir tun müssen.“

Eva wurde ernst.

„Blut.“

Leonie stöhnte.

„Natürlich Blut.“

David sah sie an.

„Wenigstens überrascht es uns nicht mehr.“

Sophie erklärte:

„Wir müssen die vier Zeichen verbinden.“

„Wo?“, fragte Leonie.

Sophie sah auf die Karte.

„Am Ursprung des Siegels.“

Stille.

David wusste bereits, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.

„Wo ist das?“

Aurelian antwortete:

„Unter dem Müggelsee.“

Leonie schloss die Augen.

„Da waren wir doch gerade.“

„Im Thronsaal.“

„Und der Ursprung?“

Aurelian zeigte auf einen Bereich noch tiefer.

„Darunter.“

Elisa starrte ihn an.

„Es geht noch tiefer?“

„Ja.“

„Wie tief?“

Aurelian schwieg.

„Ich hasse dich.“

„Das sagtest du bereits.“

Sophie faltete die Karte zusammen.

„Wir fahren morgen früh.“

Leonie sah sie an.

„Warum nicht jetzt?“

„Weil die vier Linien erschöpft sind.“

„Meine Linie fühlt sich eher an, als würde sie versuchen, meine Hand abzubrennen.“

„Genau deshalb.“

David nickte.

„Wir brauchen ein paar Stunden.“

„Schlafen?“

Elisa sah ihn an.

„Du bist optimistisch.“

Leonie stand auf.

„Ich könnte es versuchen.“

Sie ging Richtung Nebenraum.

Aurelian sagte hinter ihr:

„Leonie.“

Sie blieb stehen.

„Was?“

„Der Blutmond.“

„Was ist damit?“

Er sah sie ernst an.

„Wenn Lucian beginnt, das Ritual durchzuführen, wirst du ihn spüren.“

„Großartig.“

„Und er dich.“

„Noch besser.“

Aurelian trat näher.

„Wenn du seine Stimme hörst, antworte nicht.“

Leonie verschränkte die Arme.

„Warum?“

„Weil Lucian nicht wie ich in deine Gedanken eindringen kann.“

„Aber?“

„Wenn du ihm antwortest, öffnest du eine Verbindung.“

Leonie sah ihn lange an.

„Du hast dich also ohne Erlaubnis in meinen Kopf gedrängt.“

„Ja.“

„Und er braucht eine Einladung.“

„Ja.“

„Das ist unfair.“

Aurelian lächelte leicht.

„Ich bin älter.“

„Nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal.“

Sie ging weiter.

Dann blieb sie noch einmal stehen.

„Aurelian.“

„Ja?“

„Was passiert wirklich, wenn wir das Herz trennen?“

Er sagte nichts.

„Nicht Sophies Version.“

Leonie drehte sich zu ihm.

„Deine.“

Aurelian sah sie lange an.

Dann antwortete er:

„Ich weiß es nicht.“

Leonie hatte mit einer Lüge gerechnet.

„Noch nie?“

„Anna weigerte sich.“

„Clara machte es allein.“

„Und überlebte.“

„Aber verlor ihre Erinnerungen.“

„Ja.“

Aurelian kam einen Schritt näher.

„Du könntest überleben.“

„Könnte.“

„Ja.“

„Und wenn nicht?“

Aurelian antwortete ruhig:

„Dann stirbst du.“

Leonie schluckte.

„Danke.“

„Du wolltest die Wahrheit.“

„Ich weiß.“

Sie ging.

Aurelian sagte noch:

„Leonie.“

Sie drehte sich nicht um.

„Was?“

„Ich werde nicht zulassen, dass Lucian dich bekommt.“

Leonie lachte leise.

„Das soll wahrscheinlich beruhigend klingen.“

„Tut es das nicht?“

„Überhaupt nicht.“

Später lag Leonie auf einer schmalen Couch.

Schlafen konnte sie nicht.

Sie schloss die Augen.

Öffnete sie wieder.

Schloss sie erneut.

Dann hörte sie die Stimme.

„Herz.“

Leonie setzte sich sofort auf.

Lucian.

Aurelians Warnung.

Nicht antworten.

„Du hörst mich.“

Leonie schwieg.

Vor ihr wurde die Wand dunkel.

Ein Bild erschien.

Alexanderplatz.

Nacht.

Der Fernsehturm leuchtete rot.

Dutzende Menschen standen bewegungslos auf dem Platz.

Vampire zwischen ihnen.

Mara stand mitten in der Menge.

Adrian Rosenfeld neben ihr.

Dann Lucian.

Seine roten Augen blickten direkt zu Leonie.

„Du kannst morgen zu uns kommen.“

Leonie sagte nichts.

Lucian lächelte.

„Oder wir kommen zu dir.“

Das Bild veränderte sich.

Nora.

Gefesselt.

Blut lief über ihre Stirn.

Leonie sprang auf.

„Nein.“

In dem Moment wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Lucians Lächeln wurde breiter.

„Danke.“

Leonie erstarrte.

Sie hatte geantwortet.

Nur ein Wort.

Aber es reichte.

Lucians Stimme war plötzlich nicht mehr fern.

Sie war direkt in ihrem Kopf.

„Jetzt sehe ich dich.“

Das Licht im Raum erlosch.

Leonie rannte zur Tür.

„DAVID!“

Die Tür flog auf.

David stand davor.

Klinge in der Hand.

„Was ist?“

„Lucian.“

Das Berger-Zeichen brannte schwarz unter ihrer Haut.

David sah es.

„Was hat er gemacht?“

„Ich habe ihm geantwortet.“

Aurelian erschien hinter David.

Sein Gesicht wurde kreidebleich.

„Was hast du gesagt?“

„Nur nein.“

„Das reicht.“

„Was bedeutet das?“

Aurelian kam auf sie zu.

„Er kann dich jetzt finden.“

Ein Geräusch kam aus dem Keller.

Metall.

Dann ein Schrei.

Elisa.

David drehte sich um.

„Nein.“

Etwas schlug gegen die Wand.

Der gesamte Raum bebte.

Cassian rief:

„SIE SIND HIER!“

David rannte hinaus.

Leonie folgte.

Im Hauptraum lag Elisa am Boden.

Cassian kämpfte mit einem Vampir.

Eva hatte eine Klinge gezogen.

Jakob stand vor Sophie.

Und mitten im Raum stand Mara.

Ihr dunkles Haar war blutverschmiert.

Sie lächelte Leonie an.

„Hallo.“

Leonie blieb stehen.

„Du musst Mara sein.“

„Und du bist das Herz.“

„Ich weiß.“

Mara neigte den Kopf.

„Du bist kleiner, als ich dachte.“

Leonie blinzelte.

„Was?“

Mara sprang.

David stellte sich dazwischen.

Die schwarze Klinge leuchtete auf.

Mara wich zurück.

Ihre Augen wurden rot.

„Mutig.“

„Gewöhn dich nicht dran.“

Hinter ihr erschien Adrian Rosenfeld.

Sophie wurde bleich.

„Adrian.“

Er sah sie an.

„Schwester.“

„Was habt ihr getan?“

Adrian lächelte.

„Begonnen.“

Sophie blickte zur Tür.

„Wo ist Lucian?“

Mara grinste.

„Bei der Polizistin.“

David erstarrte.

„Nora.“

Mara sah ihn an.

„Sie schreit kaum.“

David stürmte auf sie zu.

Mara wich lachend aus.

Cassian rief:

„David!“

Zu spät.

Ein zweiter Vampir sprang aus der Dunkelheit.

Dann ein dritter.

Der Raum füllte sich.

Elisa rappelte sich auf.

„Wir sind umzingelt.“

Aurelian trat langsam nach vorne.

Seine goldenen Augen begannen zu leuchten.

Alle Vampire hielten inne.

Mara sah ihn an.

Zum ersten Mal verschwand ihr Lächeln.

„Großvater.“

Aurelian öffnete seinen Mantel.

„Geh.“

Mara starrte ihn an.

„Du befiehlst mir nichts mehr.“

„Geh.“

Die Luft im Raum schien schwerer zu werden.

Leonie spürte Druck auf ihrer Brust.

Die anderen Vampire wichen zurück.

Nur Mara blieb stehen.

„Lucian wird dich töten.“

Aurelian sah sie ruhig an.

„Er kann es versuchen.“

Mara lächelte wieder.

„Morgen.“

Dann deutete sie auf Leonie.

„Bring das Herz mit.“

Aurelians Augen wurden schwarz.

„Verschwinde.“

Mara wich zur Tür.

Adrian folgte ihr.

Sophie rief:

„Adrian!“

Er blieb stehen.

„Was?“

„Wenn du Lucian hilfst, wird er dich töten, sobald er dich nicht mehr braucht.“

Adrian lächelte traurig.

„Vielleicht.“

„Dann bleib.“

„Zu spät.“

Er verschwand.

Die übrigen Vampire folgten.

Mara blieb als Letzte.

Sie sah Cassian an.

„Onkel.“

Cassian wurde still.

„Mara.“

Sie musterte ihn.

„Mutter hat manchmal von dir gesprochen.“

Cassian schluckte.

„Was hat sie gesagt?“

Mara lächelte.

„Dass du nie da bist, wenn man dich braucht.“

Dann war sie fort.

Cassian blieb regungslos zurück.

Niemand sagte etwas.

Schließlich nahm David sein Telefon.

„Wir holen Nora.“

Sophie packte seinen Arm.

„David.“

„Lass mich los.“

„Das ist eine Falle.“

„Natürlich ist es eine Falle.“

„Der Blutmond ist morgen.“

„Nora ist heute.“

Leonie trat neben ihn.

„Ich komme mit.“

Aurelian sagte:

„Nein.“

Leonie drehte sich zu ihm.

„Ich habe nicht gefragt.“

„Lucian will genau das.“

„Das weiß ich.“

„Er will dich nach Alexanderplatz locken.“

Leonie sah David an.

Dann die schwarze Klinge.

Dann Sophie, Eva und Jakob.

Vier Linien.

Das Herz.

Der Blutmond.

Die Uhr lief.

„Dann geben wir ihm, was er will.“

David sah sie an.

„Was?“

„Uns.“

Elisa hob eine Augenbraue.

„Das klingt nach einem ausgesprochen schlechten Plan.“

Leonie nickte.

„Ja.“

„Gut. Nur damit wir uns einig sind.“

Leonie sah zu Aurelian.

„Lucian glaubt, er kontrolliert das Ritual.“

„Ja.“

„Und er braucht mich.“

„Ja.“

„Dann lassen wir ihn glauben, dass er mich bekommt.“

Cassian verstand zuerst.

„Und während er sich auf dich konzentriert—“

David hob die Klinge.

„Trennen wir das Herz.“

Sophie schüttelte sofort den Kopf.

„Das Ritual sollte am Ursprung stattfinden.“

„Sollte“, sagte Leonie.

Sophie sah sie an.

Leonie lächelte schwach.

„Ich lerne eure Lieblingswörter.“

Eva trat näher.

„Es könnte funktionieren.“

Sophie sah sie ungläubig an.

„Eva.“

„Der Blutmond verstärkt alle vier Linien.“

„Und ebenso Aurelian.“

„Ja.“

Eva blickte zu Leonie.

„Aber möglicherweise brauchen wir dadurch den Ursprung nicht.“

David sagte:

„Möglicherweise.“

Leonie sah ihn an.

„Willkommen in meinem Leben.“

Aurelian schüttelte den Kopf.

„Zu gefährlich.“

Cassian lächelte.

„Jetzt klingst du fast besorgt.“

Aurelian sah ihn kalt an.

„Ich bin besorgt.“

Cassian verstummte.

Leonie trat vor Aurelian.

„Dann hilf uns.“

Er musterte sie lange.

„Du könntest sterben.“

„Das hast du erwähnt.“

„Lucian könnte dich übernehmen.“

„Dann hältst du ihn auf.“

„Und wenn ich es nicht kann?“

Leonie blickte zur Klinge in Davids Hand.

„Dann kann David es.“

Aurelian sah zu David.

David sagte nichts.

Der König verstand trotzdem.

Wenn Leonie übernommen wurde, müsste David die Klinge benutzen.

Auch wenn es sie tötete.

Aurelian sah wieder zu Leonie.

„Du vertraust ihm.“

„Ja.“

„Nach zwei Tagen.“

„Mehr als dir nach zweitausend Jahren.“

Cassian lachte leise.

Aurelian ignorierte ihn.

Schließlich nickte er.

„Gut.“

David sah in die Runde.

„Dann holen wir Nora.“

Leonie sah auf die Uhr.

23:38 Uhr.

Noch weniger als vierundzwanzig Stunden bis zum Blutmond.

Draußen über Berlin rissen die Wolken auf.

Der Mond erschien.

Noch weiß.

Noch normal.

Aber am unteren Rand lag bereits ein schwacher rötlicher Schatten.

Und tief unter dem Alexanderplatz stand Lucian Falkenberg vor einem steinernen Altar.

Nora lag gefesselt davor.

Adrian trat neben ihn.

„Sie kommen.“

Lucian lächelte.

„Natürlich.“

Mara lehnte an einer Säule.

„Und wenn nicht?“

Lucian nahm eine schwarze Schale vom Altar.

„Dann schicken wir ihnen noch ein Stück von der Polizistin.“

Nora hob den Kopf.

„Du bist wirklich ein krankes Arschloch.“

Mara lachte.

Lucian sah Nora an.

„Das sagt Leonie auch oft.“

Nora verzog das Gesicht.

„Dann mag ich sie jetzt schon.“

Lucian strich mit einem Finger über den Rand der Schale.

„Morgen wird Berlin eine neue Königin sehen.“

Adrian runzelte die Stirn.

„Königin?“

Lucian lächelte.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich das Herz töten werde.“

Mara richtete sich auf.

„Lucian.“

Er sah zu seiner Schwester.

„Aurelian hat jahrhundertelang denselben Fehler gemacht.“

„Welchen?“

Lucians rote Augen leuchteten.

„Er wollte die Macht des Herzens für sich allein.“

Er blickte auf Nora.

„Ich werde Leonie nicht töten.“

Adrian wurde unruhig.

„Was willst du mit ihr machen?“

Lucian lächelte.

„Sie verwandeln.“

Stille.

„Und wenn das Herz erst einmal Vampir ist—“

Er hob die schwarze Schale.

„—brauchen wir Aurelian überhaupt nicht mehr.“

Über ihnen schlug die Weltzeituhr am Alexanderplatz Mitternacht.

Der letzte Tag vor dem Blutmond hatte begonnen.

Kapitel 13 – Das Herz entscheidet

Um 2:14 Uhr nachts lag der Alexanderplatz beinahe leer vor ihnen.

Beinahe.

Mehrere Polizeifahrzeuge standen an den Zufahrten.

Absperrbänder flatterten im Wind.

Blaulicht spiegelte sich auf dem nassen Asphalt, und über allem ragte der Fernsehturm in den dunklen Berliner Himmel.

David stellte den Wagen einige Straßen entfernt ab.

Niemand stieg sofort aus.

Leonie sah durch die Windschutzscheibe.

„Das ist eine Falle.“

Elisa saß hinter ihr.

„Ja.“

„Wir wissen, dass es eine Falle ist.“

„Ja.“

„Und wir gehen trotzdem rein.“

„Ja.“

Leonie nickte langsam.

„Gut. Ich wollte nur sicher sein, dass wir inzwischen kollektiv verrückt geworden sind.“

David nahm die schwarze Klinge vom Rücksitz.

„Wir waren schon vor ein paar Stunden an dem Punkt.“

Neben ihnen hielt der zweite Wagen.

Cassian stieg aus.

Dann Aurelian.

Sophie Rosenfeld und Eva Albrecht folgten.

Jakob blieb diesmal im Versteck.

Seine Verletzungen waren zu schwer gewesen.

Er hatte protestiert.

Elisa hatte ihn ignoriert.

Leonie öffnete die Autotür.

Aurelian erschien plötzlich neben ihr.

Sie zuckte zusammen.

„Kannst du das bitte lassen?“

„Was?“

„Einfach auftauchen.“

„Ich bin gelaufen.“

„Du läufst mit ungefähr zweihundert Stundenkilometern.“

„Etwas weniger.“

Leonie sah ihn an.

„Das war keine ernst gemeinte Zahl.“

„Meine auch nicht.“

Sie schüttelte den Kopf.

Dann wurde sie ernst.

„Kannst du Lucian spüren?“

Aurelian blickte Richtung Alexanderplatz.

Seine goldenen Augen leuchteten schwach.

„Ja.“

„Mara?“

„Auch.“

„Nora?“

Er schwieg.

David trat näher.

„Aurelian.“

Der Vampir schloss die Augen.

Einige Sekunden.

Dann öffnete er sie wieder.

„Sie lebt.“

David atmete hörbar aus.

„Sicher?“

„Ihr Herz schlägt.“

„Wie weit weg?“

Aurelian zeigte Richtung Platz.

„Unter uns.“

Elisa zog ihre Pistole.

„Natürlich.“

Leonie sah sie an.

„Hast du ernsthaft etwas anderes erwartet?“

„Ich wollte einmal in meinem Leben gegen Vampire kämpfen, ohne danach in irgendeinen Tunnel zu müssen.“

Cassian kam hinzu.

„Berlin ist voller Tunnel.“

Elisa musterte ihn.

„Danke für diese geografische Erkenntnis.“

Der Zugang lag in einer stillgelegten Versorgungspassage.

Sophie kannte die Stelle aus alten Rosenfeld-Aufzeichnungen.

Eine unscheinbare Metalltür hinter einer Baustellenverkleidung.

Kein Schild.

Kein Schloss.

Nur das Symbol des Schwarzen Hofes.

Krone.

Drei Linien.

Kreis.

Leonie berührte es nicht.

„Und wie öffnen wir das?“

Cassian trat vor.

„Ich.“

Er legte die Hand auf die Tür.

Nichts geschah.

Er runzelte die Stirn.

Aurelian trat neben ihn.

„Du wurdest ausgeschlossen.“

Cassian sah ihn an.

„Von meinem eigenen Hof?“

„Er war nie deiner.“

„Das hören wir heute aber zum ersten Mal.“

Aurelian legte seine Hand auf das Zeichen.

Sofort ging ein tiefes Klicken durch die Tür.

Cassian sah ihn an.

„Ich hasse dich.“

„Das weiß ich.“

Die Tür öffnete sich.

Dahinter führte eine breite Treppe nach unten.

Leonie atmete tief durch.

„Natürlich.“

David ging voraus.

„Wir holen Nora.“

Je tiefer sie kamen, desto stärker wurde das Gefühl des Hofes.

Leonie kannte es inzwischen.

Dieser Druck.

Als wäre die Luft schwerer.

Als würde der Ort selbst zuhören.

An den Wänden brannten elektrische Lampen.

Neu.

Nicht jahrhundertealt.

David blieb stehen.

„Das wurde modernisiert.“

Sophie nickte.

„Der Schwarze Hof hat nach 1945 weiterexistiert.“

Elisa leuchtete in einen Seitengang.

„Offenbar mit Budget.“

Cassian betrachtete die Kabel.

„Adrian.“

Sophie sah ihn an.

„Vermutlich.“

„Er hat den Hof neu aufgebaut.“

„Oder jemand vor ihm.“

Aurelian ging an ihnen vorbei.

„Nicht hier stehen bleiben.“

Leonie folgte.

„Du bist nervös.“

„Nein.“

„Doch.“

Aurelian sah sie nicht an.

„Lucian ist stark.“

„Stärker als du?“

Kurze Pause.

„Heute Nacht vielleicht.“

Leonie wurde still.

David hatte es ebenfalls gehört.

„Wieso heute?“

Sophie antwortete:

„Je näher der Blutmond kommt, desto stärker werden alle direkten Blutlinien.“

David sah zu Cassian.

„Also auch du.“

„Ja.“

„Severin.“

„Ja.“

„Mara.“

„Ja.“

Leonie sah Aurelian an.

„Und ich.“

Er nickte.

„Vor allem du.“

Sie erreichten eine unterirdische Halle.

Leonie blieb stehen.

„Wow.“

Elisa trat neben sie.

„Das Wort hast du schon mal benutzt.“

„Passt wieder.“

Der Raum sah aus wie ein stillgelegter Bahnhof.

Hohe Decke.

Betonsäulen.

Alte Gleisreste.

An den Wänden hingen schwarze Banner mit dem Symbol des Hofes.

Dutzende Menschen standen dort.

Nein.

Vampire.

Frisch verwandelte.

Leonie erkannte es sofort.

Viele sahen erschöpft aus.

Verwirrt.

Verängstigt.

Manche waren kaum älter als zwanzig.

Andere deutlich älter.

Ein Mann hielt sich die Hand an den Mund.

Blut klebte an seinen Fingern.

Er sah Leonie an.

„Bitte.“

David senkte die Waffe etwas.

„Was ist hier passiert?“

Eine Frau antwortete.

„Sie haben uns gebissen.“

„Wer?“

„Die Frau.“

„Mara“, sagte Cassian.

Die Frau nickte hektisch.

„Sie hat gesagt, wir sollen warten.“

Elisa sah zu Aurelian.

„Kann man ihnen helfen?“

Aurelian betrachtete die Gruppe.

„Wenn die Verwandlung noch nicht abgeschlossen ist.“

„Wie lange?“

„Unterschiedlich.“

„Das bedeutet?“

„Stunden.“

Eine junge Frau begann zu weinen.

„Was passiert mit uns?“

Aurelian sah sie an.

Zum ersten Mal wirkte seine Stimme fast sanft.

„Ihr müsst hier raus.“

Cassian sah ihn überrascht an.

Aurelian ignorierte ihn.

David holte sein Telefon heraus.

Kein Empfang.

„Wir bringen sie nach oben.“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Wir haben keine Zeit.“

David sah sie an.

„Wir lassen sie nicht hier.“

„Lucian wartet.“

„Dann wartet er.“

Leonie trat neben David.

„Ich helfe.“

Elisa nickte.

„Ich auch.“

Cassian sah zu Aurelian.

„Wir können vorausgehen.“

Aurelian schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum?“

„Weil Lucian genau das will.“

Cassian verstand.

„Uns trennen.“

„Ja.“

Leonie sah in Richtung eines dunklen Tunnels.

„Dann machen wir es zusammen.“

Sie brachten die frisch Verwandelten zurück zur Treppe.

Eva blieb bei ihnen.

Sie sollte die Gruppe nach oben führen und Hilfe organisieren.

Bevor sie ging, hielt sie Leonie am Arm fest.

„Wenn ihr Nora findet, kommt zurück.“

Leonie nickte.

Eva sah sie ernst an.

„Ich meine es.“

„Ich weiß.“

„Kein Ritual ohne vier Linien.“

„Wir wissen nicht, ob wir eine Wahl haben.“

Eva schwieg.

Dann:

„Du hast immer eine Wahl.“

Leonie dachte an Jakob.

Genau das hatte sie ihm gesagt.

„Hoffentlich.“

Eva ging.

Sophie blieb bei der Gruppe.

Drei Hüter.

Eine Linie fehlte jetzt.

Leonie wusste, dass das gefährlich war.

Doch Nora war irgendwo vor ihnen.

Und Lucian wusste das.

Sie gingen weiter.

Nach einigen Minuten hörten sie Musik.

Leise.

Klassisch.

Ein Streichquartett.

Elisa blieb stehen.

„Ist das sein Ernst?“

Cassian schloss die Augen.

„Lucian mochte schon immer Theater.“

David zog die Pistole.

„Dann enttäuschen wir ihn.“

Der Tunnel öffnete sich.

Dahinter lag ein großer Saal.

Rund.

Schwarzer Stein.

In der Mitte stand ein Altar.

Darauf lag Nora.

Ihre Hände waren gefesselt.

Sie bewegte sich.

Lebendig.

David rannte los.

„Nora!“

„DAVID, NICHT!“

Zu spät.

Ein schwarzer Kreis auf dem Boden begann zu leuchten.

David blieb abrupt stehen.

Eine unsichtbare Kraft schleuderte ihn zurück.

Leonie fing ihn nicht.

Niemand hätte ihn fangen können.

Er krachte gegen eine Säule.

Die Klinge rutschte über den Boden.

„David!“

Leonie rannte zu ihm.

Er stöhnte.

„Geht.“

„Bist du verletzt?“

„Nur mein gesamter Rücken.“

„Dann geht’s ja.“

„Danke.“

Applaus ertönte.

Lucian trat hinter dem Altar hervor.

Weißes Haar.

Rote Augen.

Eleganter schwarzer Anzug.

Mara stand neben ihm.

Adrian Rosenfeld auf der anderen Seite.

Leonie richtete sich auf.

„Ihr seid wirklich schlechte Gastgeber.“

Lucian lächelte.

„Du bist gekommen.“

„Überrascht?“

„Nein.“

„Dann tu nicht so.“

Seine roten Augen wanderten zu David.

„Stein.“

David griff nach der Klinge.

Sie lag drei Meter entfernt.

Lucian bemerkte es.

„Lass sie liegen.“

David hob die Pistole.

„Lass Nora gehen.“

Nora drehte den Kopf.

„Bitte sag mir, dass ihr einen Plan habt.“

Leonie antwortete:

„Einen schlechten.“

„Natürlich.“

Mara lachte.

„Ich mag sie.“

Nora sah zu ihr.

„Beruht nicht auf Gegenseitigkeit.“

Mara grinste.

Cassian ging vor.

„Mara.“

Sie betrachtete ihn.

„Onkel.“

„Lass die Polizistin gehen.“

„Warum?“

„Sie gehört nicht hierher.“

Mara lachte.

„Niemand gehört hierher.“

„Mara.“

Ihr Lächeln verschwand.

„Benutz meinen Namen nicht, als würdest du mich kennen.“

Cassian schwieg.

„Du warst nicht da.“

„Ich wusste nichts von euch.“

„Das sagt Severin auch.“

Cassian sah sie an.

„Wo ist er?“

„Nicht hier.“

„Lucian.“

Mara blickte zu ihrem Bruder.

„Er will nicht mitmachen.“

Lucian lächelte dünn.

„Severin war schon immer schwierig.“

Cassian sagte:

„Vielleicht ist er einfach der Einzige von euch, der noch selbst denkt.“

Mara fauchte.

Lucian hob eine Hand.

Sie beruhigte sich sofort.

Leonie bemerkte das.

„Du kontrollierst sie.“

Lucian sah sie an.

„Nein.“

„Doch.“

Mara drehte sich wütend zu Leonie.

„Er kontrolliert mich nicht.“

Leonie hob beide Hände.

„Okay.“

„Ich bin freiwillig hier.“

„Dann ist es schlimmer.“

Mara machte einen Schritt auf sie zu.

Lucian sagte nur:

„Schwester.“

Sie blieb stehen.

Leonie sah Lucian an.

„Sieht ziemlich freiwillig aus.“

Sein Lächeln wurde kälter.

Aurelian ging nach vorne.

Alle Vampire im Raum wurden still.

Lucian sah ihn an.

„Großvater.“

„Lucian.“

„Du siehst schwach aus.“

„Und du siehst aus wie dein Vater.“

Lucians Gesicht verhärtete sich.

Cassian sah Aurelian an.

Leonie flüsterte:

„Wer war sein Vater?“

Cassian antwortete ebenso leise:

„Ein Mensch.“

„Lebt er?“

„Seit dreihundert Jahren nicht mehr.“

„Aurelian?“

„Nein.“

Lucian hatte es gehört.

Natürlich.

„Mein Vater war besser als ihr alle.“

Aurelian nickte.

„Das war er.“

Lucian wirkte für einen Moment überrascht.

„Du erinnerst dich an ihn.“

„Ja.“

„Du hast ihn trotzdem sterben lassen.“

Aurelian schwieg.

Lucian trat vor.

„Mutter wollte uns retten.“

„Helena wollte euch freilassen.“

„Das ist dasselbe.“

„Nein.“

Lucians rote Augen leuchteten.

„Für jemanden, der nie eingesperrt war, ist das leicht zu sagen.“

Aurelian erwiderte seinen Blick.

„Ich war länger eingesperrt als du.“

„Aber du hattest deinen Thron.“

„Und du hattest deine Geschwister.“

Lucian wurde still.

„Wir hatten nur einander.“

„Dann beschütze sie.“

Lucian sah kurz zu Mara.

„Das tue ich.“

Aurelian schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Du weißt nichts.“

„Du benutzt sie.“

Mara blickte zu Lucian.

Nur kurz.

Aber Leonie sah es.

Zweifel.

Lucian ebenfalls.

Sein Ton wurde scharf.

„Genug.“

Er hob die Hand.

Nora schrie.

Eine dünne Klinge fuhr aus dem Altar und schnitt in ihren Arm.

Blut lief in eine schwarze Schale.

David sprang auf.

„HÖR AUF!“

Lucian lächelte.

„Menschenblut.“

Er nahm die Schale.

„Nicht besonders mächtig.“

Dann sah er Leonie an.

„Aber ein guter Anfang.“

Leonie wurde kalt.

„Was willst du?“

„Das weißt du.“

„Sag es.“

Lucian ging langsam auf sie zu.

Aurelian stellte sich dazwischen.

Lucian blieb stehen.

„Aus dem Weg.“

„Nein.“

„Du kannst mich nicht aufhalten.“

Aurelian lächelte.

„Dann versuch es.“

Lucian verschwand.

Aurelian ebenfalls.

Ein gewaltiger Schlag ging durch den Saal.

Beide erschienen mehrere Meter entfernt.

Lucian hatte Aurelian gegen eine Säule gedrückt.

Aurelian schlug zurück.

Die Säule zerbrach.

Mara sprang.

Cassian fing sie ab.

Sie krachten über den Boden.

Elisa zog ihre Pistole.

Adrian bewegte sich auf Sophie zu.

Sophie hob ihre Hand.

Das Rosenfeld-Zeichen leuchtete.

Adrian blieb stehen.

„Du kannst mich nicht töten.“

„Möchte ich auch nicht.“

„Lüge.“

„Nein.“

Sophie sah ihn traurig an.

„Ich möchte meinen Bruder zurück.“

Adrian lachte.

„Der ist seit 1784 tot.“

Leonie rannte zum Altar.

Nora sah sie an.

„Bitte sag nicht Herz.“

„Was?“

„Alle nennen dich Herz.“

Leonie zog an den Fesseln.

„Ich hasse es.“

„Gut.“

„Kannst du laufen?“

„Wenn du mich losmachst.“

„Arbeite dran.“

David erreichte die schwarze Klinge.

Seine Hand schloss sich um den Griff.

Sofort leuchtete die Waffe.

Lucian sah es.

„NEIN!“

Er schleuderte Aurelian zur Seite und raste auf David zu.

Leonie sah ihn kommen.

„DAVID!“

David drehte sich.

Zu spät.

Lucian packte ihn am Hals.

Hob ihn hoch.

Die Klinge fiel nicht.

David hielt sie fest.

„Gib sie mir.“

„Nein.“

Lucian drückte stärker.

David rang nach Luft.

Leonie ließ Nora los.

Sie rannte auf Lucian zu.

„HEY!“

Lucian sah sie an.

Leonie hielt ihre linke Hand hoch.

Das Berger-Zeichen glühte schwarz.

„Du willst das Herz?“

Lucian ließ David fallen.

„Ja.“

„Dann komm.“

Aurelian rief:

„LEONIE, NEIN!“

Sie ignorierte ihn.

Lucian kam näher.

Langsam.

„Freiwillig?“

Leonie lächelte.

„Nicht ganz.“

Er blieb vor ihr stehen.

„Du hast keine Angst.“

„Doch.“

„Gut.“

„Aber nicht vor dir.“

Lucian runzelte die Stirn.

Leonie berührte seine Brust.

Das Berger-Zeichen explodierte in rotem Licht.

Lucian schrie.

Sein Körper wurde mehrere Meter zurückgeschleudert.

David sprang auf.

„Wie hast du das gemacht?“

Leonie starrte auf ihre Hand.

„Keine Ahnung!“

Aurelian stand wieder.

Blut lief über sein Gesicht.

„Mein Blut.“

Lucian richtete sich auf.

Seine Kleidung rauchte.

Leonie sah Aurelian an.

„Was?“

„Du hast auf mein Blut in ihm reagiert.“

Cassian hatte Mara inzwischen zu Boden gedrückt.

Sie fauchte.

„Lass mich los!“

„Nein.“

„Ich töte dich!“

„Später.“

Mara riss sich frei und schlug Cassian gegen die Wand.

„Familienidylle“, murmelte Elisa.

Lucian blickte auf seine verbrannte Brust.

Dann begann er zu lachen.

Leonie wich zurück.

„Warum lachst du?“

„Weil es funktioniert.“

Aurelian wurde blass.

„Nein.“

Lucians Wunde heilte.

Aber das rote Licht blieb unter seiner Haut.

„Du hast mir das Herz geöffnet.“

Leonie erstarrte.

„Was?“

Sophie drehte sich um.

„Leonie!“

Lucian streckte die Hand aus.

Das Berger-Zeichen auf Leonies Haut wurde schwarz.

Schmerz schoss durch ihren Körper.

Sie sank auf die Knie.

„NEIN!“

David rannte zu ihr.

Eine unsichtbare Kraft warf ihn zurück.

Lucian hob beide Arme.

„Jetzt.“

Der gesamte Saal begann zu beben.

Die Symbole des Hofes leuchteten auf.

Aurelian wurde auf die Knie gezwungen.

Cassian ebenfalls.

Mara starrte ihren Bruder an.

„Lucian.“

Er hörte sie nicht.

Oder ignorierte sie.

Leonie spürte etwas in ihrem Körper.

Etwas zog.

Aus ihrer Brust.

Aus ihren Knochen.

Aus ihrem Blut.

Sie schrie.

Aurelian ebenfalls.

Eine dunkle Linie aus Licht entstand zwischen ihnen.

Herz und König.

Lucian trat dazwischen.

„Dreihundert Jahre haben wir auf Freiheit gewartet.“

Cassian versuchte aufzustehen.

„Lucian!“

„Jetzt nehmen wir alles zurück.“

Mara blickte ihn entsetzt an.

„Du hast gesagt, wir würden gemeinsam herrschen.“

Lucian sah sie nicht an.

„Das werden wir.“

„Warum tust du ihr weh?“

„Weil sie das Herz ist.“

„Du wolltest sie verwandeln.“

„Später.“

Mara wurde still.

„Du hast mich belogen.“

Lucian lächelte.

„Nicht jetzt, Mara.“

Sie starrte ihn an.

Etwas brach in ihrem Gesicht.

Nicht körperlich.

Vertrauen.

„Du hast mich belogen.“

Lucian wurde ungeduldig.

„Sei still.“

Mara wich zurück.

Cassian sah sie an.

„Mara.“

Sie blickte zu ihm.

„Er benutzt dich.“

„Halt den Mund.“

„Du weißt es.“

„HALT DEN MUND!“

Aber diesmal schrie sie nicht Cassian an.

Sondern Lucian.

Sophie rannte zu Leonie.

Sie wurde ebenfalls von der unsichtbaren Barriere zurückgestoßen.

„Wir brauchen Eva!“

David blickte zur Treppe.

„Sie ist oben.“

„Ohne alle vier Linien können wir die Verbindung nicht schließen.“

Leonie schrie erneut.

Ihre Sicht verschwamm.

Aurelian lag auf den Knien.

Seine Haut wurde blasser.

Lucian dagegen stärker.

Jünger.

Seine roten Augen leuchteten.

Er nahm Aurelians Kraft.

Und Leonies.

„David!“

Leonie konnte kaum sprechen.

„Die Klinge!“

David hob sie.

Aurelian schrie:

„NEIN!“

Leonie sah zu ihm.

„Warum?“

„Noch nicht!“

„Ich halte das nicht lange aus!“

„Du musst freiwillig loslassen!“

Lucian lachte.

„Sie kann nicht.“

David sah Leonie an.

„Was soll ich tun?“

Sie wusste es nicht.

Wenn David zustach, konnte sie sterben.

Wenn er nichts tat, würde Lucian das Herz übernehmen.

Die schwarze Linie zwischen ihr und Aurelian pulsierte.

Leonie sah Bilder.

Anna.

Clara.

Ihre Mutter.

Großmutter.

Frauen ihrer Familie.

Alle.

Dann Aurelian.

Nicht als König.

Als Mensch.

Eine Straße aus Stein.

Sonne.

Ein anderes Land.

Ein anderes Zeitalter.

Eine Frau.

Katharina.

Anna als Kind.

Blut.

Feuer.

Tod.

Zweitausend Jahre Erinnerung schossen durch Leonies Kopf.

Sie schrie.

Und plötzlich verstand sie.

Das Herz war nicht nur Macht.

Es war Erinnerung.

Aurelians Menschlichkeit.

Der Teil von ihm, den Anna damals aus seinem Körper genommen hatte.

Deshalb hatte man es Herz genannt.

Nicht weil es seine Stärke war.

Sondern weil darin das geblieben war, was einmal menschlich gewesen war.

Leonie sah Aurelian an.

Er sah zurück.

Er wusste, dass sie es verstanden hatte.

„Du hast es gewusst.“

Aurelian schwieg.

„Das Herz ist deine Menschlichkeit.“

Lucian wurde still.

Cassian ebenfalls.

Leonie atmete schwer.

„Deshalb wirst du schwächer, wenn ich es abgebe.“

Aurelian nickte.

„Ja.“

„Und wenn du es zurückbekommst?“

„Werde ich vollständig.“

„Als Monster?“

Aurelian sah sie an.

„Vielleicht.“

Leonie lachte bitter.

„Du weißt wirklich erstaunlich wenig für zweitausend Jahre.“

„Ich hatte wenig Gelegenheit, es auszuprobieren.“

Schritte kamen von der Treppe.

Eva.

Sie rannte in den Saal.

Das Albrecht-Zeichen leuchtete auf ihrer Hand.

Sophie rief:

„JETZT!“

Eva verstand sofort.

Sie stellte sich an eine Seite des Kreises.

Sophie gegenüber.

David neben Leonie.

Doch ein Platz blieb leer.

„Stein ist die Klinge“, sagte Sophie.

„Leonie das Herz.“

Eva sah sich um.

„Dann fehlt die Bindung.“

„Welche?“

Sophie blickte zu Cassian.

„Blut des Königs.“

Cassian wurde blass.

„Ich?“

Aurelian hob den Kopf.

„Nein.“

Cassian sah ihn an.

„Warum?“

„Weil es dich töten könnte.“

Cassian lachte.

„Und jetzt interessiert dich das?“

„Cassian.“

„Nein.“

Er ging zum Kreis.

Mara stellte sich ihm in den Weg.

„Was machst du?“

„Was ich schon vor Jahrhunderten hätte tun sollen.“

„Du wirst sterben.“

Cassian sah sie an.

„Vielleicht.“

„Nicht dieses Wort.“

Er lächelte schwach.

Leonie musste trotz Schmerzen lachen.

„Sie lernt auch.“

Cassian sah Mara an.

„Hilf uns.“

Mara blickte zu Lucian.

Er stand mitten im Ritual.

Sein Körper glühte inzwischen von innen.

„Mara!“, rief er.

„Komm her.“

Sie bewegte sich nicht.

„SCHWESTER!“

Mara sah zu Cassian.

Dann zu Aurelian.

Dann Leonie.

„Wenn ich helfe, was passiert mit Lucian?“

Niemand antwortete.

David tat es schließlich.

„Vielleicht stirbt er.“

Mara schloss kurz die Augen.

Tränen liefen über ihr Gesicht.

„Er ist mein Bruder.“

Cassian nickte.

„Ich weiß.“

„Du weißt gar nichts.“

„Stimmt.“

Sie sah ihn überrascht an.

Cassian trat näher.

„Aber ich weiß, wie es ist, jemanden aus der Familie zu verlieren.“

Sein Blick wanderte zu Aurelian.

„Und ich weiß, dass Blut allein niemanden zu deiner Familie macht.“

Mara sah wieder zu Lucian.

„Er hat uns am Leben gehalten.“

„Und jetzt opfert er dich.“

Mara schwieg.

Dann stellte sie sich neben Cassian.

„Was muss ich tun?“

Sophie sah ihre Hand.

„Dein Blut.“

Mara zog eine Kralle über ihre Handfläche.

Dunkles Blut tropfte auf den Boden.

Cassian tat dasselbe.

Aurelian starrte seine Enkelin an.

„Mara.“

Sie sah ihn an.

„Nicht.“

„Was?“

„Sag nichts.“

Er schwieg.

Vier Zeichen leuchteten.

Berger.

Stein.

Albrecht.

Rosenfeld.

Dazu das Blut von Cassian und Mara.

Sophie hob beide Hände.

„Leonie.“

„Ja.“

„Du musst entscheiden.“

Lucian schrie:

„NEIN!“

Die unsichtbare Barriere begann zu brechen.

„Was entscheiden?“, rief Leonie.

„Ob du das Herz behalten willst.“

„Natürlich will ich es behalten!“

„Dann sag es.“

Leonie verstand.

Freiwillig.

Das Herz musste freiwillig loslassen.

Aber nicht zu Aurelian.

Von ihm.

Sie sah den König an.

„Wenn ich das tue—“

„Wirst du frei.“

„Und du?“

Aurelian lächelte schwach.

Zum ersten Mal wirkte er alt.

Nicht äußerlich.

Einfach müde.

„Vielleicht auch.“

Leonie schüttelte den Kopf.

„Was bedeutet das?“

„Tu es.“

„Aurelian.“

„Leonie.“

Seine goldenen Augen sahen sie an.

Keine Manipulation.

Keine Überheblichkeit.

Nur Ruhe.

„Ich habe lange genug von deiner Familie gestohlen.“

Sie wurde still.

Aurelian lächelte.

„Lass mich gehen.“

Cassian sah zu seinem Vater.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Vater.“

Aurelian blickte zu ihm.

„Ich hätte dich beschützen sollen.“

Cassian sagte nichts.

„Und Helena.“

Cassians Augen wurden feucht.

„Sag ihren Namen nicht.“

„Es tut mir leid.“

Cassian starrte ihn an.

Zweitausend Jahre.

Jahrhunderte aus Hass.

Und plötzlich wusste er offenbar nicht, was er sagen sollte.

Aurelian sah zurück zu Leonie.

„Jetzt.“

Lucian schrie.

Die schwarze Verbindung zog stärker.

Leonie dachte an ihre Mutter.

Ihre Großmutter.

Clara.

Anna.

Alle Frauen, die dieses Blut getragen hatten.

Alle, die nie gefragt worden waren.

Sie schloss die Augen.

Dann sagte sie:

„Ich bin Leonie Berger.“

Das Zeichen auf ihrer Hand wurde hell.

„Ich bin nicht dein Herz.“

Aurelian schloss die Augen.

„Nein.“

„Ich bin nicht deine Tochter.“

„Nein.“

„Ich bin nicht deine Erbin.“

Das Licht wurde stärker.

Lucian begann zu schreien.

„NEIN!“

Leonie öffnete die Augen.

„Und dein Blut gehört nicht mehr mir.“

Die schwarze Verbindung riss.

Ein Lichtstoß explodierte durch den Saal.

Leonie schrie.

Aurelian ebenfalls.

David wurde nach hinten geschleudert.

Sophie und Eva fielen zu Boden.

Cassian packte Mara und zog sie mit sich.

Lucian stand mitten im Licht.

Sein Körper begann zu reißen.

„WAS HAST DU GETAN?!“

Leonie konnte nicht antworten.

Etwas wurde aus ihrer Brust gerissen.

Kein Organ.

Keine Wunde.

Etwas anderes.

Erinnerungen.

Bilder.

Aurelians Leben.

Sie strömten aus ihr heraus.

Das Herz nahm Form an.

Eine schwebende Kugel aus dunkelrotem Licht.

Lucian sprang danach.

„MEINS!“

Aurelian bewegte sich.

Er stellte sich zwischen Lucian und das Herz.

Lucian rammte ihm die Hand durch die Brust.

Stille.

Cassian schrie:

„VATER!“

Aurelian sah hinunter.

Lucians Arm steckte in seinem Körper.

Schwarzes Blut lief über sein Hemd.

Lucian lächelte.

„Endlich.“

Aurelian hob den Kopf.

Dann lächelte er ebenfalls.

„Du hast etwas vergessen.“

Lucian runzelte die Stirn.

Aurelian packte seinen Arm.

„Ich bin immer noch älter.“

Er riss Lucian näher.

„DAVID!“

David verstand.

Er griff nach der schwarzen Klinge.

Stand auf.

Rannte.

Lucian versuchte sich loszureißen.

Aurelian hielt ihn fest.

„JETZT!“

David stieß zu.

Die Klinge durchbohrte Lucians Rücken.

Und Aurelians Brust.

Beide.

Schwarzes Licht explodierte.

Lucian schrie.

Aurelian nicht.

Leonie sah nur, wie seine goldenen Augen langsam erloschen.

Dann sagte er:

„Cassian.“

Cassian kniete neben ihm.

„Ich bin hier.“

Aurelian lächelte schwach.

„Diesmal auch.“

Cassians Gesicht brach.

„Verdammter Bastard.“

„Ja.“

Lucians Körper begann zu zerfallen.

Er sah zu Mara.

„Schwester.“

Mara stand regungslos da.

„Hilf mir.“

Sie weinte.

Doch sie bewegte sich nicht.

„MARA!“

Sie flüsterte:

„Es tut mir leid.“

Lucian schrie.

Dann zerfiel sein Körper zu schwarzer Asche.

Die Klinge fiel klirrend auf den Boden.

Aurelian sank in Cassians Arme.

Leonie konnte kaum stehen.

Sie ging zu ihnen.

Aurelian sah sie an.

Seine Haut wurde grau.

„Ist es vorbei?“

Leonie sah auf ihre Hand.

Das Berger-Zeichen war verschwunden.

Vollständig.

„Ich glaube ja.“

Aurelian lächelte.

„Gut.“

Cassian hielt ihn fest.

„Du stirbst nicht.“

Aurelian sah seinen Sohn an.

„Doch.“

„Nein.“

„Cassian.“

„Halt den Mund.“

Aurelian lachte schwach.

„Das hast du von deiner Mutter.“

Cassian schloss die Augen.

„Bitte.“

Leonie hatte ihn noch nie so gehört.

„Nicht jetzt.“

Aurelian hob eine Hand.

Legte sie an Cassians Gesicht.

„Du warst immer besser als ich.“

Cassian schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Doch.“

„Du kennst mich gar nicht.“

„Mehr als du glaubst.“

Aurelian blickte zu Mara.

„Und du.“

Sie kam näher.

Zögernd.

„Großvater.“

„Beschütze deinen Bruder.“

Mara weinte stärker.

„Er ist tot.“

Aurelian sah sie an.

„Nicht Lucian.“

Stille.

Cassian blickte auf.

„Severin.“

Aurelian nickte.

Dann sah er zu Leonie.

„Die anderen Türen.“

Leonie wurde kalt.

„Was ist mit ihnen?“

„Sie schließen nicht.“

„Aber das Herz ist getrennt.“

„Ja.“

„Und Lucian ist tot.“

„Ja.“

„Dann warum?“

Aurelian holte schwer Luft.

„Weil das Siegel nicht dafür gebaut wurde, mich zu halten.“

Leonie erinnerte sich.

Die Ersten.

Die Erstgeborenen.

Noch vier Türen.

„Was ist dahinter?“

Aurelian lächelte schwach.

„Ich sagte doch.“

Seine Stimme war kaum noch hörbar.

„Ich weiß es nicht.“

Dann fiel seine Hand zu Boden.

Seine goldenen Augen erloschen.

Cassian bewegte sich nicht.

„Vater.“

Keine Antwort.

„Vater.“

Stille.

Aurelians Körper begann zu zerfallen.

Nicht wie bei den anderen.

Langsam.

Fast friedlich.

Graue Asche löste sich von seiner Haut und schwebte in die Luft.

Cassian hielt ihn fest, bis nichts mehr übrig war.

Dann saß er mit leeren Armen auf dem Boden.

Niemand sagte etwas.

Leonie erinnerte sich später nicht mehr daran, wer Nora zuerst losgebunden hatte.

Vielleicht Elisa.

Vielleicht Sophie.

Alles verschwamm.

Nora kam zu David.

„Du lebst.“

„Du auch.“

Sie umarmte ihn.

David erstarrte kurz.

Dann erwiderte er es.

Leonie setzte sich auf den Boden.

Müde.

Leer.

Aber sie war noch sie selbst.

Sie wusste ihren Namen.

Ihre Wohnung.

Ihre Arbeit.

Ihre Mutter.

Ihre Kindheit.

Alles.

Sophie kniete vor ihr.

„Leonie.“

„Ich weiß noch alles.“

Sophie lächelte.

„Gut.“

„Das war’s?“

„Mit dem Herz.“

Leonie sah auf ihre Hand.

„Es ist weg.“

„Ja.“

„Bin ich jetzt normal?“

Sophie wollte antworten.

Dann hielt sie inne.

„Was?“

„Deine Augen.“

Leonie wurde kalt.

„Was ist mit meinen Augen?“

David kam näher.

Er sah sie an.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Leonie.“

„Was?“

Elisa zog einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche.

Leonie nahm ihn.

Ihre Augen waren braun.

Wie immer.

Bis auf einen dünnen goldenen Ring um die Pupillen.

Aurelians Farbe.

„Nein.“

Sophie sah sie an.

„Ein Rest.“

„Du hast gesagt, das Herz ist getrennt.“

„Ist es.“

„Warum dann das?“

Mara antwortete hinter ihnen:

„Weil du nicht nur das Herz getragen hast.“

Alle drehten sich zu ihr.

Sie stand neben Cassian.

„Was meint das?“, fragte Leonie.

Mara sah sie an.

„Du bist immer noch Annas Nachfahrin.“

Leonie wurde still.

„Also bleibt ein Teil Vampirblut.“

Mara nickte.

„Sehr wenig.“

Elisa steckte ihre Pistole weg.

„Damit können wir später umgehen.“

David sah auf die Uhr.

03:26 Uhr.

„Später.“

Leonie lachte müde.

„Ich hasse dieses Wort.“

Dann ging ein tiefes Beben durch den Boden.

Alle verstummten.

Sophie wurde blass.

„Nein.“

Ein weiteres Beben.

Stärker.

Staub rieselte von der Decke.

Cassian stand auf.

Sein Gesicht war noch immer leer vor Trauer.

„Welche Tür?“

Sophie schloss die Augen.

Eva legte eine Hand auf die Wand.

Dann sagte sie:

„Vier.“

Elisa sah sie an.

„Tür vier öffnet sich.“

David nahm die schwarze Klinge.

„Natürlich.“

Nora blickte zwischen ihnen hin und her.

„Ich habe wahrscheinlich sehr viele Fragen.“

Leonie stand auf.

„Glaub mir.“

Sie sah zum dunklen Tunnel.

„Die werden nicht weniger.“

Tief unter dem Müggelsee brach die vierte Tür.

Langsam.

Zuerst erschien nur ein schmaler Spalt.

Dann Dunkelheit.

Keine Kreatur kroch heraus.

Kein Schrei.

Kein Knurren.

Nichts.

Sekunden vergingen.

Dann trat ein kleines Mädchen durch die Öffnung.

Vielleicht acht Jahre alt.

Barfuß.

Weißes Kleid.

Dunkles Haar.

Sie sah sich um.

Hinter ihr erschienen weitere Kinder.

Zehn.

Zwanzig.

Dreißig.

Alle vollkommen still.

Das erste Mädchen hob den Kopf.

Ihre Augen waren golden.

Wie Aurelians.

Dann lächelte sie.

„Der König ist tot.“

Die anderen Kinder lächelten ebenfalls.

„Jetzt gehört die Stadt uns.“

Und irgendwo über ihnen begann der Himmel über Berlin langsam rot zu werden.

Kapitel 14 – Der Blutmond

Der erste rote Schatten legte sich über den Mond, als Leonie den Alexanderplatz verließ.

Es war kurz nach vier Uhr morgens.

Die Stadt wirkte erschöpft.

Blaulicht flackerte zwischen den Gebäuden. Straßen waren abgesperrt. Rettungswagen standen an Kreuzungen, und immer wieder liefen Polizisten durch die Dunkelheit.

David hatte Nora kaum davon überzeugen können, sich untersuchen zu lassen.

„Mir geht’s gut“, hatte sie gesagt.

„Du wurdest entführt.“

„Schon gemerkt.“

„Du hast Blut verloren.“

„Auch gemerkt.“

„Dann geh zum Sanitäter.“

„Du bist nicht mein Chef.“

„Doch.“

„Leider.“

Schließlich war sie gegangen.

Nicht glücklich.

Aber lebendig.

Leonie hatte das als Erfolg verbucht.

Jetzt saßen sie wieder in den Wagen.

Leonie, David, Elisa, Sophie und Eva im ersten.

Cassian und Mara im zweiten.

Aurelian war tot.

Lucian ebenfalls.

Und trotzdem fühlte sich nichts beendet an.

Im Gegenteil.

Leonie betrachtete ihre Hand.

Das Berger-Zeichen war verschwunden.

Kein Brennen.

Kein schwarzes Licht.

Keine Stimme mehr in ihrem Kopf.

Zum ersten Mal seit Tagen war dort nur Stille.

Eigentlich hätte sie sich darüber freuen sollen.

Tat sie aber nicht.

„Du denkst an ihn.“

David blickte auf die Straße.

Leonie sah zu ihm.

„Aurelian?“

„Ja.“

„Ein bisschen.“

„Vermisst du ihn?“

Leonie lachte ungläubig.

„Nein.“

Pause.

„Vielleicht die Stimme nicht.“

David grinste.

„Das klang fast wie vermissen.“

„Er war ein zweitausend Jahre alter manipulativer Vampirkönig.“

„Also nein.“

„Ganz klares nein.“

Sophie saß hinten und sagte:

„Aber ein Teil seiner Erinnerungen war lange in dir.“

Leonie wurde still.

„Ja.“

„Das hinterlässt Spuren.“

„Hoffentlich keine weiteren goldenen Augen.“

Elisa betrachtete sie im Rückspiegel.

„Die hast du noch.“

„Danke.“

„Gern.“

Sie fuhren Richtung Köpenick.

Unter dem Müggelsee wartete die vierte Tür.

Und dahinter die Kinder.

Leonie wusste nicht, welches Wort schlimmer klang.

Kinder.

Oder das, was sie tatsächlich waren.

Eva hatte versucht, in den alten Aufzeichnungen etwas über sie zu finden.

Fast nichts.

Nur eine Bezeichnung.

Die Stillen.

„Warum heißen sie so?“, fragte Leonie.

Eva sah von einem Buch auf.

„Weil sie nicht schreien.“

„Das klingt nicht gefährlich.“

„Das war keine beruhigende Beschreibung.“

„Was machen sie?“

Eva schwieg.

Leonie drehte sich zu ihr.

„Eva.“

„Wir wissen es nicht genau.“

„Natürlich.“

Sophie ergänzte:

„In einem Rosenfeld-Text steht, dass sie Gedanken hören können.“

David verzog das Gesicht.

„Alle Vampire können offenbar Gedanken lesen.“

„Nein“, sagte Mara über die Freisprechanlage aus dem anderen Wagen.

David hatte widerwillig zugestimmt, beide Fahrzeuge verbunden zu lassen.

„Die meisten nicht.“

Leonie sah auf das Telefon.

„Aurelian konnte es.“

„Aurelian war Aurelian.“

„Lucian konnte es.“

„Nur nachdem du ihm die Verbindung geöffnet hast.“

„Und die Kinder?“

Mara schwieg.

Cassian antwortete:

„Sie brauchen keine Verbindung.“

Im Wagen wurde es still.

Leonie sah aus dem Fenster.

„Natürlich nicht.“

Der Himmel über Berlin wurde heller.

Doch der Mond blieb sichtbar.

Sein unterer Rand färbte sich immer dunkler.

Rot.

Sophie sah aus dem Fenster.

„Das beginnt zu früh.“

Eva nickte.

„Viel zu früh.“

David blickte kurz hinauf.

„Was soll das heißen?“

„Der Blutmond sollte erst heute Abend seine stärkste Phase erreichen.“

„Aber?“

Sophie sah Leonie an.

„Die Siegel reagieren.“

„Auf was?“

„Aurelians Tod.“

Mara sagte aus dem Lautsprecher:

„Und Lucians.“

Cassian fügte hinzu:

„Zwei direkte Linien innerhalb weniger Minuten.“

Eva schlug das Buch zu.

„Das System bricht schneller zusammen.“

David wurde unruhig.

„Wie schnell?“

„Wenn die vierte Tür offen ist, können wir es nicht mehr berechnen.“

Leonie lehnte den Kopf zurück.

„Wunderbar.“

Elisa fragte:

„Und Tür fünf?“

Niemand antwortete.

„Nicht alle gleichzeitig.“

Sie erreichten das alte Pumpenhaus kurz vor fünf.

Cassian parkte hinter ihnen.

Mara stieg zuerst aus.

Sie hatte sich seit Lucians Tod verändert.

Nicht äußerlich.

Aber die rastlose Energie war verschwunden.

Sie sprach kaum.

Leonie beobachtete sie.

Mara bemerkte es.

„Was?“

„Nichts.“

„Du starrst.“

„Ich denke.“

„Gefährlich.“

Leonie hob eine Augenbraue.

„Da ist sie ja wieder.“

Mara grinste schwach.

Dann wurde sie ernst.

„Ich habe ihn nicht retten können.“

Leonie wusste sofort, wen sie meinte.

„Lucian.“

Mara nickte.

„Vielleicht wollte er nicht gerettet werden.“

„Das macht es nicht leichter.“

Cassian kam hinzu.

„Nein.“

Mara sah ihn an.

Kein Streit.

Keine Wut.

Nur Müdigkeit.

Cassian sagte:

„Wir müssen rein.“

Im Tunnel unter dem Müggelsee war es anders als zuvor.

Leonie spürte es sofort.

„Hier stimmt etwas nicht.“

Elisa zog die Pistole.

„Sehr präzise.“

„Die Luft.“

David blieb stehen.

Auch er bemerkte es.

Der Gang war warm.

Fast unangenehm.

Und völlig still.

Kein Tropfen.

Kein Wind.

Keine Geräusche aus den alten Rohren.

Mara sah in die Dunkelheit.

„Sie wissen, dass wir kommen.“

Sophie hielt ihre Hand an die Wand.

Das Rosenfeld-Zeichen erschien schwach.

„Das Siegel reagiert kaum noch.“

Eva tat dasselbe.

Ihr Zeichen leuchtete heller.

„Wir müssen schneller.“

Cassian ging voraus.

„Bleibt zusammen.“

Elisa sah ihn an.

„Seit wann gibst du Befehle?“

„Seit ich der Älteste bin.“

Mara räusperte sich.

„Technisch gesehen nicht.“

Cassian sah sie an.

„Hilfreich.“

Leonie lächelte kurz.

Dann kam das Flüstern.

Nicht eine Stimme.

Viele.

Kinderstimmen.

„Leonie.“

Sie blieb stehen.

David drehte sich zu ihr.

„Was?“

„Sie kennen meinen Namen.“

Mara wurde blass.

„Nicht antworten.“

Leonie sah sie an.

„Ich habe gelernt.“

Die Stimmen kamen wieder.

„Leonie Berger.“

Dann:

„Anna.“

Leonie spürte einen Stich im Kopf.

Ein Bild.

Nur kurz.

Ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren.

Goldene Augen.

Es stand vor einem Haus.

Ein anderes Jahrhundert.

Dann war es weg.

Leonie atmete schwer.

„Sie zeigen Bilder.“

Sophie trat näher.

„Was für Bilder?“

„Ich weiß es nicht.“

Mara sagte leise:

„Erinnerungen.“

„Wessen?“

Mara sah in den Tunnel.

„Ihre.“

Die Kammer des Schwarzen Hofes lag offen vor ihnen.

Der Thronsaal war zerstört.

Risse verliefen durch die Wände.

Der schwarze Thron war in zwei Teile zerbrochen.

Die vierte Tür stand vollständig offen.

Doch die Kinder waren verschwunden.

David hob die Klinge.

„Wo sind sie?“

Cassian schloss die Augen.

„Überall.“

Leonie sah ihn an.

„Das ist keine gute Antwort.“

„Sie sind im Komplex verteilt.“

Mara legte den Kopf schief.

„Nein.“

„Was?“

„Sie bewegen sich nicht.“

Cassian sah sie an.

„Dann wo?“

Mara zeigte nach oben.

„Sie sind über uns.“

Stille.

David blickte zur Decke.

„An der Oberfläche?“

Mara nickte.

„Ja.“

Elisa fluchte.

„Wie viele?“

Eva antwortete:

„Mindestens dreißig.“

Leonie erinnerte sich an die Vision.

„Und wenn sie Menschen angreifen?“

Cassian sah sie an.

„Dann erfahren wir es sehr schnell.“

Davids Telefon vibrierte.

Empfang war hier unten eigentlich unmöglich.

Trotzdem leuchtete das Display.

Nora.

David nahm ab.

„Nora?“

Nur Rauschen.

Dann ihre Stimme.

„David.“

„Wo bist du?“

„Präsidium.“

„Was ist los?“

„Wir haben Meldungen.“

David sah zu den anderen.

„Welche?“

„Kinder.“

Leonie wurde kalt.

„Wo?“, fragte David.

„Überall.“

„Was heißt überall?“

„Köpenick. Mitte. Spandau.“

Nora atmete schwer.

„Charlottenburg.“

Leonie sah Elisa an.

„Was machen sie?“

„Nichts.“

David runzelte die Stirn.

„Nichts?“

„Sie stehen einfach da.“

„Wo?“

„Straßen. Plätze. U-Bahnhöfe.“

Kurze Pause.

„Menschen gehen zu ihnen.“

Eva wurde blass.

„Nein.“

David sah sie an.

„Was?“

„Frag Nora, ob die Menschen freiwillig hingehen.“

David wiederholte die Frage.

Nora antwortete:

„Ja.“

„Wie viele?“

„Hunderte.“

Leonie bekam eine Gänsehaut.

Sophie flüsterte:

„Sie rufen.“

Nora sagte:

„David?“

„Ja.“

„Ein Kollege ist gerade einfach gegangen.“

„Wohin?“

„Zu einem Kind.“

„Halt ihn auf.“

„Er hört nicht.“

Dann wurde Noras Stimme leiser.

„Oh Gott.“

„Was?“

„Da steht eines vor dem Präsidium.“

David erstarrte.

„Nora, weg vom Fenster.“

„Es sieht mich an.“

„NORA.“

Stille.

„Es lächelt.“

Dann brach die Verbindung ab.

David starrte auf das Telefon.

„Scheiße.“

Leonie sah zu Sophie.

„Was machen die mit den Menschen?“

„Ich weiß es nicht.“

Mara antwortete:

„Sie sammeln sie.“

Alle sahen sie an.

Cassian wurde bleich.

„Woher weißt du das?“

Mara starrte auf die offene vierte Tür.

„Weil ich sie gehört habe.“

„Was?“

„Als wir eingesperrt waren.“

Cassian ging näher.

„Mara.“

Sie sah ihn an.

„Manchmal kamen die Stimmen durch die Wand.“

„Warum hast du nie etwas gesagt?“

„Lucian hat gesagt, ich bilde es mir ein.“

„Was haben sie gesagt?“

Mara schluckte.

„Dass sie eines Tages wieder Menschen brauchen.“

Leonie wurde kalt.

„Wofür?“

Mara antwortete:

„Um zu wachsen.“

Ein Schrei kam aus dem Gang.

Alle drehten sich um.

Ein Mann rannte auf sie zu.

Mensch.

Vielleicht vierzig.

Sein Gesicht war voller Blut.

„Helft mir!“

David lief ihm entgegen.

„Was ist passiert?“

Der Mann stolperte.

David fing ihn.

„Die Kinder.“

„Was haben sie gemacht?“

„Meine Frau.“

„Wo?“

„Oben.“

Er weinte.

„Sie ist einfach mitgegangen.“

Leonie kam näher.

„Wohin?“

Der Mann zeigte nach hinten.

„Zum See.“

Mara wurde blass.

„Nein.“

Cassian sah sie an.

„Was?“

„Sie bringen sie hierher.“

Sophie verstand.

„Die Menschen.“

Eva blickte zur vierten Tür.

„Als Nahrung?“

Mara schüttelte den Kopf.

„Nicht Nahrung.“

„Dann was?“

Eine Kinderstimme antwortete.

Direkt hinter ihnen.

„Familie.“

Leonie drehte sich langsam um.

Das Mädchen aus der Vision stand im Thronsaal.

Barfuß.

Weißes Kleid.

Goldene Augen.

Hinter ihr weitere Kinder.

Zehn.

Fünfzehn.

Zwanzig.

David hob die Klinge.

Das Mädchen sah sie an.

„Stein.“

Dann Leonie.

„Berger.“

Eva.

„Albrecht.“

Sophie.

„Rosenfeld.“

Das Mädchen lächelte.

„Vier.“

Sophie stellte sich vor Leonie.

„Wer bist du?“

Das Mädchen legte den Kopf schief.

„Wir haben viele Namen.“

„Deiner.“

„Livia.“

Cassian wurde plötzlich starr.

„Nein.“

Livia sah ihn an.

„Du erinnerst dich.“

Mara blickte zu Cassian.

„Wer ist sie?“

Er sagte nichts.

„Cassian.“

Sein Gesicht war kreidebleich.

„Meine Schwester.“

Stille.

Leonie starrte ihn an.

„Helena?“

Cassian schüttelte den Kopf.

„Eine andere.“

Mara sah Livia an.

„Aurelian hatte noch ein Kind.“

Cassian nickte.

„Vor Helena.“

Livia lächelte.

„Sehr lange vor ihr.“

Leonie sah Cassian an.

„Wie alt ist sie?“

Er antwortete:

„Fast sechzehnhundert Jahre.“

David sah das Kind an.

„Sie sieht acht aus.“

Livia lachte.

„Ich war acht.“

„Als was?“

„Als Vater mich veränderte.“

Cassians Augen wurden schwarz.

„Er hat dich als Kind verwandelt.“

„Ja.“

Mara flüsterte:

„Großvater.“

Livia nickte.

„Er wollte wissen, ob Kinder länger leben.“

Leonie spürte Übelkeit.

„Und?“

Livia lächelte.

„Wir tun es.“

Weitere Kinder traten in den Saal.

Cassian ging langsam auf Livia zu.

„Warum hat er euch eingesperrt?“

„Weil wir nicht aufhörten.“

„Womit?“

Livia sah zum verletzten Mann.

Er begann plötzlich zu zittern.

Dann ging er auf sie zu.

David hielt ihn fest.

„Hey.“

Der Mann versuchte sich loszureißen.

„Ich muss zu ihr.“

„Nein.“

„Sie braucht mich.“

Livia lächelte.

Leonie verstand.

„Ihr kontrolliert Menschen.“

„Nein.“

„Doch.“

„Wir zeigen ihnen nur, was sie wollen.“

Leonie dachte an Aurelian.

An Jakob.

An Lucian.

„Immer dasselbe.“

Livia sah sie interessiert an.

„Was?“

„Ihr nennt Manipulation immer anders.“

Livia lächelte.

„Menschen wollen manipuliert werden.“

„Nein.“

„Doch.“

Sie zeigte auf den Mann.

„Er möchte seine Frau.“

Der Mann weinte.

„Wo ist sie?“

Livia sah ihn an.

„Bei uns.“

„Bring mich zu ihr.“

David hielt ihn zurück.

Livia streckte die Hand aus.

„Komm.“

Der Mann riss sich plötzlich los.

Er rannte.

David packte ihn wieder.

Doch diesmal schlug der Mann auf ihn ein.

„LASS MICH!“

Leonie trat dazwischen.

„Hören Sie mir zu!“

Der Mann sah sie an.

Seine Augen waren leer.

Nicht schwarz.

Menschlich.

Aber leer.

„Sie wartet.“

Livia lächelte.

„Alle warten.“

Sophie hob ihre Hand.

Das Rosenfeld-Zeichen leuchtete.

Livia sah es.

Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht.

„Hüter.“

Eva trat daneben.

Auch ihr Zeichen erschien.

David hob die Klinge.

Leonie spürte nichts.

Kein Berger-Zeichen.

Es war weg.

Sophie sah zu ihr.

„Leonie.“

„Ich weiß.“

„Wir brauchen deine Linie.“

„Sie ist weg.“

Livia lächelte.

„Nein.“

Leonie blickte zu ihr.

„Was?“

„Das Herz ist weg.“

Livia kam näher.

„Das Blut nicht.“

Mara hatte dasselbe gesagt.

Leonie sah auf ihre Hand.

„Wie aktiviere ich es?“

Livia lächelte.

„Du musst nur wollen.“

„Sehr hilfreich.“

Das Mädchen ging noch einen Schritt.

David hob die Klinge.

„Nicht näher.“

Livia sah sie an.

„Du wirst mich nicht töten.“

„Probier es aus.“

„Du tötest Kinder?“

David schwieg.

Livia lächelte.

„Nein.“

Dann sprang eines der anderen Kinder.

Schnell.

David schwang die Klinge.

Doch er zögerte.

Nur einen Moment.

Genug.

Das Kind traf ihn in der Brust.

David flog mehrere Meter zurück.

„DAVID!“

Leonie rannte.

Elisa schoss.

Die Kugel traf das Kind.

Keine Wirkung.

Cassian griff an.

Das Kind wich aus.

Mara packte es.

„Hör auf!“

Das Kind drehte sich zu ihr.

„Schwester.“

Mara erstarrte.

„Was?“

„Wir sind alle Familie.“

Es berührte ihre Stirn.

Mara schrie.

Bilder.

Leonie konnte nicht sehen, was sie sah.

Doch Mara fiel auf die Knie.

Cassian packte das Kind und schleuderte es weg.

„Fass sie nicht an!“

Livia lächelte.

„Du kannst uns nicht alle beschützen.“

Dann hörte Leonie die Stimmen.

Viele.

Nicht die Kinder.

Menschen.

Sie kamen durch die Tunnel.

Hunderte Schritte.

Sophie wurde blass.

„Sie bringen sie.“

Eva zog ihre Waffe.

„Wir können keine Menschen erschießen.“

Elisa sah zum Gang.

„Dann brauchen wir eine andere Lösung.“

Leonie dachte nach.

Hüter.

Vier Linien.

Das Siegel.

Vielleicht konnte man die vierte Tür schließen.

„Sophie.“

„Was?“

„Können wir die Tür wieder versiegeln?“

„Mit allen vier Linien.“

„Gut.“

„Leonie.“

„Was?“

„Dein Zeichen reagiert nicht.“

„Dann bringen wir es dazu.“

„Wie?“

Leonie sah zu Livia.

„Sie weiß es.“

Livia lächelte.

„Ich helfe dir nicht.“

„Musst du nicht.“

Leonie ging auf sie zu.

David richtete sich auf.

„Leonie.“

„Vertrau mir.“

„Das sagst du immer kurz vor etwas Dummem.“

„Dann erkennst du wenigstens das Muster.“

Livia beobachtete sie.

„Du hast keine Angst.“

„Doch.“

„Vor mir?“

„Nein.“

„Wovor?“

Leonie blieb direkt vor ihr stehen.

„Davor, dass ich werde wie ihr.“

Livia lächelte.

„Du bist bereits wie wir.“

„Nein.“

„Dein Blut.“

„Blut entscheidet nicht, wer ich bin.“

Cassian sah sie an.

Mara ebenfalls.

Leonie wusste, dass die Worte nicht nur für Livia bestimmt waren.

„Aurelian glaubte das.“

Livia wurde still.

„Lucian auch.“

„Und beide sind tot.“

Das Lächeln verschwand.

„Du beleidigst unseren Vater.“

„Aurelian war nicht euer Vater.“

Livia blinzelte.

„Was?“

„Nicht so, wie ein Vater sein sollte.“

„Du kennst ihn nicht.“

„Ich hatte Jahrhunderte seiner Erinnerungen im Kopf.“

Stille.

Livia wich einen halben Schritt zurück.

Leonie bemerkte es.

„Ich habe gesehen, was er getan hat.“

„Nein.“

„Doch.“

„Lügnerin.“

„Ich habe gesehen, wie er dich verwandelt hat.“

Livia erstarrte.

Die anderen Kinder ebenfalls.

Cassian sah Leonie an.

„Du hast das gesehen?“

„Gerade.“

Die Erinnerung war plötzlich da.

Nicht vollständig.

Ein Rest.

Ein Raum.

Livia als Kind.

Weinend.

Aurelian kniete vor ihr.

Eine andere Frau schrie.

Er biss das Kind.

Leonie fühlte die Angst.

Nicht Aurelians.

Livias.

„Du wolltest das nicht.“

Livia flüsterte:

„Halt den Mund.“

„Du hattest Angst.“

„Nein.“

„Du hast deine Mutter gerufen.“

„HALT DEN MUND!“

Der gesamte Saal bebte.

Goldenes Licht flackerte in Livias Augen.

Leonie wusste, dass sie getroffen hatte.

„Er hat dir gesagt, du würdest nie wieder Angst haben.“

Livia schrie.

Die Kinder hinter ihr begannen sich zu bewegen.

Sophie rief:

„Leonie!“

„Noch nicht!“

Leonie ging weiter.

„Und dann hat er dich eingesperrt.“

Livias Augen füllten sich mit Tränen.

„Nein.“

„Weil du ihm Angst gemacht hast.“

„NEIN!“

Leonie hob ihre linke Hand.

„Du warst kein Monster.“

Livia starrte sie an.

„Er hat dich zu einem gemacht.“

Das Berger-Zeichen erschien.

Gold.

Nicht schwarz.

Nicht rot.

Gold.

Sophie hielt den Atem an.

Eva hob sofort ihre Hand.

Das Albrecht-Zeichen leuchtete.

Sophie folgte.

David stand auf und hob die Klinge.

Vier Linien.

Der Boden begann zu beben.

Livia starrte Leonies Hand an.

„Anna.“

„Nein.“

Leonie sah sie an.

„Leonie.“

Dann legte sie die Hand auf Livias Stirn.

Die Welt verschwand.

Leonie sah einen Wald.

Sonne.

Ein kleines Mädchen rannte durch hohes Gras.

Livia.

Menschlich.

Sie lachte.

Eine Frau rief ihren Namen.

Ihre Mutter.

Dann Aurelian.

Noch jung.

Noch näher am Menschen.

Er hob Livia hoch.

Sie lachte.

Dann Nacht.

Blut.

Aurelian weinte.

Das Mädchen lag krank in einem Bett.

Fieber.

Eine Krankheit.

Ihre Mutter flehte ihn an.

„Nein.“

Aurelian biss Livia.

Sie schrie.

Dann Stille.

Goldene Augen.

Der erste Atemzug als Vampir.

Leonie verstand.

Er hatte sie nicht verwandelt, um zu experimentieren.

Cassian hatte nur die halbe Wahrheit gekannt.

Aurelian hatte versucht, sie vor dem Tod zu retten.

Und danach war etwas schiefgegangen.

Livia blieb acht.

Für immer.

Ihr Körper alterte nicht.

Ihr Hunger schon.

Sie verwandelte andere Kinder.

Aus Einsamkeit.

Zwei.

Fünf.

Zehn.

Dreißig.

Aurelian versuchte sie aufzuhalten.

Sie hörte nicht.

Die Kinder begannen Menschen zu kontrollieren.

Familien verschwanden.

Dörfer.

Schließlich sperrte Aurelian sie ein.

Nicht weil er Angst vor ihnen hatte.

Weil er es nicht über sich brachte, Livia zu töten.

Leonie öffnete die Augen.

Livia weinte.

„Er hat mich verlassen.“

Leonie sagte leise:

„Ja.“

„Er hat gesagt, ich würde nie allein sein.“

„Und trotzdem hat er dich eingesperrt.“

„Er hasste mich.“

„Nein.“

Livia sah sie an.

„Woher willst du das wissen?“

Leonie hatte eine weitere Erinnerung gesehen.

Aurelian allein vor der vierten Tür.

Jahrhunderte später.

Seine Hand auf dem Stein.

Er sagte nur:

Es tut mir leid.

„Er hatte Angst vor dem, was du geworden bist.“

Livia schluchzte.

„Ich wollte nur eine Familie.“

Leonie sah zu den anderen Kindern.

„Dann hör auf, sie dir zu nehmen.“

Livia blickte zum Tunnel.

Die Schritte der Menschen kamen näher.

„Sie kommen freiwillig.“

„Nein.“

„Doch.“

„Du ziehst an Dingen in ihren Köpfen.“

„Sie sind einsam.“

„Dann hilf ihnen.“

„Wie?“

„Indem du sie gehen lässt.“

Livia schwieg.

„Du weißt, wie es ist, wenn jemand über dein Leben entscheidet.“

Das traf.

Livia sah Leonie an.

„Du auch.“

Leonie nickte.

„Ja.“

Livia blickte auf das goldene Berger-Zeichen.

Dann auf David.

Sophie.

Eva.

„Ihr wollt uns wieder einsperren.“

Sophie antwortete:

„Wenn wir müssen.“

Leonie sah sie an.

Dann wieder Livia.

„Aber vielleicht müssen wir nicht.“

David runzelte die Stirn.

„Leonie.“

„Sie sind keine Ersten.“

„Nein.“

„Und sie greifen uns gerade an.“

„Ich weiß.“

Livia sagte:

„Wir werden nicht zurückgehen.“

Leonie nickte.

„Dann nicht.“

Sophie starrte sie an.

„Was?“

„Wir schließen die Tür nicht.“

„Leonie.“

„Wir schließen die anderen.“

Eva verstand zuerst.

„Tür fünf bis sieben.“

Sophie wurde still.

Leonie sah Livia an.

„Ihr bekommt Freiheit.“

Cassian hob den Kopf.

Mara sah Leonie ungläubig an.

„Aber.“

Livia wartete.

„Keine Menschen werden kontrolliert.“

„Und wenn sie bei uns bleiben wollen?“

„Dann müssen sie wissen, was ihr seid.“

„Sie werden Angst haben.“

„Vielleicht.“

„Dann gehen sie.“

Leonie nickte.

„Das ist deren Entscheidung.“

Livia sah sie lange an.

„Und wenn wir Hunger haben?“

Cassian trat vor.

„Dann helfen wir.“

Livia sah zu ihm.

„Du?“

„Ja.“

„Warum?“

Cassian dachte an Aurelian.

„Weil irgendjemand in dieser Familie anfangen muss, Dinge besser zu machen.“

Mara lächelte schwach.

Livia sah zu ihr.

„Du bist Helena.“

Mara wurde still.

„Ihre Tochter.“

Livia kam näher.

„Du siehst ihr ähnlich.“

Mara schluckte.

„Kanntest du sie?“

Livia nickte.

„Ja.“

„War sie gut?“

Livia lächelte traurig.

„Manchmal.“

Mara lachte unter Tränen.

„Passt.“

Die Schritte im Tunnel verstummten.

Livia schloss die Augen.

Alle Kinder taten dasselbe.

Ein leises Flüstern ging durch den Saal.

Dann hörte Leonie Menschen.

Verwirrte Stimmen.

„Wo bin ich?“

„Was ist passiert?“

„Warum sind wir hier?“

David atmete aus.

„Sie hat sie freigelassen.“

Livia öffnete die Augen.

„Ja.“

Leonie lächelte.

„Danke.“

Livia sah sie ernst an.

„Jetzt ihr.“

„Was?“

„Die unteren Türen.“

Der Boden bebte.

Stärker als zuvor.

Eva sah zur Wand.

„Tür fünf.“

Sophie wurde blass.

„Sie fällt.“

Cassian sah Livia an.

„Was ist dahinter?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Wir wissen es nicht.“

„Ihr wart direkt darüber.“

„Wir konnten sie hören.“

Mara fragte:

„Was?“

Livia blickte in die Dunkelheit.

„Träumen.“

Leonie bekam eine Gänsehaut.

„Was träumt?“

Livia antwortete:

„Etwas Großes.“

Sie rannten.

Tiefe Treppen führten unter den Thronsaal.

Weiter als Leonie je gewesen war.

Eva und Sophie leuchteten mit ihren Zeichen den Weg.

David hielt die Klinge.

Leonie lief neben ihm.

Cassian, Mara und Livia folgten.

Die anderen Kinder blieben zurück und führten die Menschen zur Oberfläche.

„Wie weit?“, fragte Leonie.

Livia antwortete:

„Nicht mehr weit.“

„Das sagt jeder in dieser Geschichte.“

David musste lachen.

„Vielleicht ist das der eigentliche Fluch.“

Sie erreichten eine riesige unterirdische Kammer.

Drei Türen.

Fünf.

Sechs.

Sieben.

Die fünfte war voller Risse.

Schwarzer Nebel trat daraus hervor.

Sophie stellte sich davor.

„Positionen.“

Vier Markierungen im Boden.

Berger.

Stein.

Albrecht.

Rosenfeld.

Leonie stellte sich auf ihr Zeichen.

Es leuchtete.

David auf seines.

Eva.

Sophie.

„Was jetzt?“, fragte Leonie.

Sophie antwortete:

„Blut.“

Leonie schloss kurz die Augen.

„Natürlich.“

Sie schnitten ihre Hände.

Vier Tropfen.

Vier Symbole.

Die Kammer leuchtete.

Der Riss in Tür fünf wurde kleiner.

Dann stoppte er.

Eva wurde blass.

„Es reicht nicht.“

„Warum?“, fragte David.

Sophie sah zur Decke.

„Der Blutmond.“

Rotes Licht erschien durch Ritzen im Stein.

Unmöglich.

Tief unter dem See.

Und doch fiel rotes Mondlicht in die Kammer.

Leonie spürte, wie ihr Blut heiß wurde.

Livia schrie.

Cassian kniete sich hin.

Mara ebenfalls.

Vampirblut.

Der Blutmond verstärkte es.

Die Tür fünf begann erneut zu brechen.

David hob die Klinge.

„Was machen wir?“

Leonie sah zu Cassian.

Dann Livia.

Mara.

Blut des Königs.

Aurelian war tot.

Aber seine Linie lebte.

„Familie.“

Cassian blickte auf.

„Was?“

„Vier Hüter haben früher nicht gereicht.“

Sophie verstand.

„Die Bindung.“

Leonie nickte.

„Wir brauchen Blut des Königs.“

Cassian stand auf.

„Meins.“

Mara ebenfalls.

„Unseres.“

Livia kam näher.

„Meins ist älter.“

Cassian sah sie an.

„Du musst nicht.“

„Doch.“

Sie stellte sich zwischen die vier Hüter.

Mara daneben.

Cassian auf der anderen Seite.

Drei Generationen Aurelians.

Livia schnitt ihre Hand.

Cassian.

Mara.

Dunkles Blut tropfte in die Mitte des Kreises.

Die Klinge in Davids Hand begann zu leuchten.

Gold.

Schwarz.

Weiß.

Alles gleichzeitig.

Leonie hob ihre Hand.

„Jetzt.“

Die vier Hüterzeichen flammten auf.

Ein gewaltiger Stoß ging durch die Kammer.

Tür fünf schloss sich.

Stein wuchs über die Risse.

Dann Tür sechs.

Sie begann zu leuchten.

Risse verschwanden.

Schließlich Tür sieben.

Das letzte Siegel.

Der gesamte Boden bebte.

Etwas schlug von der anderen Seite dagegen.

Einmal.

Zweimal.

Die Wände zitterten.

Livia wurde blass.

„Das ist es.“

Leonie schrie:

„HALTEN!“

Alle drückten ihre Hände gegen den Boden.

Das Licht wurde heller.

Das Wesen hinter Tür sieben brüllte.

Der Ton war so tief, dass Leonie glaubte, ihre Knochen würden brechen.

David schrie.

Eva fiel auf ein Knie.

Sophie weinte.

Cassian hielt Mara.

Livia schloss die Augen.

Dann hörte Leonie eine Stimme.

Aurelian.

Nicht wirklich.

Nur Erinnerung.

Lass los.

Leonie sah die Tür.

Nein.

Nicht diesmal.

„Nein.“

David sah sie an.

„Was?“

„Ich lasse nicht los.“

Sie drückte ihre Hand fester auf das Berger-Zeichen.

„Nicht mehr.“

Das goldene Licht explodierte.

Die siebte Tür schloss sich.

Das Brüllen endete.

Stille.

Absolute Stille.

Dann zerbrach der Kreis.

Leonie wurde nach hinten geschleudert.

Dunkelheit.

Als sie wieder die Augen öffnete, lag sie auf dem Steinboden.

David saß neben ihr.

„Hey.“

Leonie blinzelte.

„Sind wir tot?“

„Nein.“

„Sicher?“

„Leider.“

Sie lächelte.

„Gut.“

David half ihr auf.

Eva und Sophie lebten.

Cassian saß an der Wand.

Mara neben ihm.

Livia stand vor den drei geschlossenen Türen.

Fünf.

Sechs.

Sieben.

Alle versiegelt.

„Ist es vorbei?“, fragte Leonie.

Sophie trat zu ihr.

„Das Siegel hält.“

„Wie lange?“

„Mit vier Linien?“

Sie lächelte.

„Sehr lange.“

Leonie atmete aus.

„Endlich mal eine gute Nachricht.“

Dann spürte sie etwas.

Ihre linke Hand.

Das Berger-Zeichen war wieder da.

Aber verändert.

Kein Herz.

Keine Krone.

Nur ein goldener Kreis.

David zeigte auf seine Hand.

Auch sein Symbol hatte sich verändert.

Eva.

Sophie.

Alle vier.

„Was bedeutet das?“, fragte Leonie.

Livia antwortete:

„Neu.“

„Sehr hilfreich.“

„Es gibt keinen König mehr.“

Cassian hob den Blick.

Livia sah zu ihm.

„Keinen Schwarzen Hof.“

Mara kam näher.

„Was dann?“

Livia blickte auf Leonies Zeichen.

„Etwas anderes.“

Leonie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Alle sahen sie an.

„Keine neuen Geheimbünde.“

David nickte.

„Bin dafür.“

„Keine mysteriösen Titel.“

Elisa war nicht da, aber Leonie konnte ihre Antwort fast hören.

Mara grinste.

„Schade.“

Leonie sah zur versiegelten siebten Tür.

„Wir sorgen einfach dafür, dass das hier zu bleibt.“

Sophie lächelte.

„Das klingt fast wie eine Hüterin.“

Leonie verdrehte die Augen.

„Fang nicht damit an.“

Sie verließen den Untergrund, während draußen der Blutmond seinen Höhepunkt erreichte.

Über dem Müggelsee lag rotes Licht.

Berlin war still.

Menschen standen am Ufer.

Verwirrt.

Erschöpft.

Aber lebendig.

Die Kinder waren verschwunden.

Nicht zurück in die vierte Kammer.

Sie waren gegangen.

Frei.

Cassian wusste nicht wohin.

Mara schon.

Sie sagte es niemandem.

Leonie stand am Ufer.

David neben ihr.

„Was jetzt?“

Sie sah den roten Mond.

„Schlafen.“

„Danach?“

„Duschen.“

„Und danach?“

„Kaffee.“

David nickte.

„Guter Plan.“

Leonie sah ihn an.

„Und danach finden wir heraus, wie man ungefähr dreißig sechzehnhundert Jahre alte Vampirkinder davon abhält, Berlin zu übernehmen.“

„Da war er.“

„Was?“

„Der schlechte Teil des Plans.“

Leonie lächelte.

Dann fiel ihr Blick auf ihre Hand.

Der goldene Kreis leuchtete schwach.

Nicht bedrohlich.

Fast warm.

Aurelians Stimme war verschwunden.

Sein Herz ebenfalls.

Aber etwas von der Geschichte blieb.

Nicht als Fluch.

Als Erinnerung.

Leonie sah über den Müggelsee.

Der rote Mond spiegelte sich im Wasser.

Hinter ihnen begann Berlin langsam wieder zu atmen.

Und tief unter ihren Füßen blieben drei Türen geschlossen.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht durch Angst.

Sondern durch eine Entscheidung.

Ihre.

Kapitel 15 – Morgen über Berlin

Als die Sonne über dem Müggelsee aufging, war der Mond wieder weiß.

Der rote Schatten war verschwunden.

Nur ein blasser Streifen Morgenlicht lag über dem Wasser.

Leonie saß am Ufer und hielt einen Pappbecher Kaffee in beiden Händen.

Er war viel zu heiß.

Sie trank trotzdem.

Seit ungefähr zwanzig Minuten sagte niemand etwas.

David saß neben ihr.

Seine Jacke war zerrissen, seine linke Hand verbunden und unter seinem rechten Auge zeichnete sich bereits ein dunkler Bluterguss ab.

Elisa stand einige Meter entfernt am Wasser.

Sophie und Eva sprachen leise miteinander.

Mara saß auf einem alten Holzsteg und ließ die Beine über dem Wasser hängen.

Cassian stand hinter ihr.

Livia war verschwunden.

Zusammen mit den anderen Kindern.

Zumindest für den Moment.

Leonie trank noch einen Schluck.

„Ich hätte gern einen normalen Montag.“

David sah sie an.

„Heute ist Donnerstag.“

Leonie hielt inne.

„Wirklich?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

„Nein.“

Sie blickte auf ihren Kaffee.

„Dann möchte ich einen normalen Was-auch-immer-heute-ist.“

David lächelte.

„Das klingt realistischer.“

Leonie sah zum See.

„Ist es wirklich vorbei?“

David schwieg.

Sie sah ihn an.

„Das war keine rhetorische Frage.“

„Die letzten drei Türen sind geschlossen.“

„Ja.“

„Aurelian ist tot.“

„Ja.“

„Lucian ebenfalls.“

„Ja.“

„Der Blutmond ist vorbei.“

„Ja.“

David nahm einen Schluck aus seinem Becher.

„Dann würde ich sagen: größtenteils.“

Leonie verzog das Gesicht.

„Ich hasse größtenteils.“

„Besser als vielleicht.“

„Stimmt.“

Sie stießen mit den Kaffeebechern an.

Zwei Stunden später kehrten sie nach Charlottenburg zurück.

Elisas Versteck sah inzwischen aus, als hätte dort ein Krieg stattgefunden.

Was nicht besonders weit von der Wahrheit entfernt war.

Eine Wand war beschädigt.

Mehrere Regale waren umgestürzt.

Glasscherben lagen auf dem Boden.

Jakob saß auf dem Sofa.

Als Leonie hereinkam, hob er den Kopf.

„Du lebst.“

„Scheint heute der Standardsatz zu sein.“

Er stand langsam auf.

„Und?“

Leonie hob ihre linke Hand.

Das neue Zeichen erschien.

Ein goldener Kreis.

„Das Herz ist weg.“

Jakob kam näher.

„Aurelian?“

Leonie schwieg kurz.

„Tot.“

Jakob setzte sich wieder.

„Cassian?“

„Lebt.“

„Lucian?“

„Tot.“

„Mara?“

„Lebt.“

„Severin?“

Leonie hielt inne.

„Keine Ahnung.“

Jakob sah sie an.

„Das klingt beunruhigend.“

„Ist es vermutlich auch.“

Dann sah Jakob Sophie.

Sie stand im Eingang.

Für einige Sekunden existierte der gesamte Rest des Raumes nicht mehr.

Jakob stand wieder auf.

Langsam.

„Sophie.“

Sie trat herein.

„Hallo, Jakob.“

„Du bist wirklich da.“

„Ja.“

„Ich dachte, vielleicht—“

„Ich weiß.“

Er ging einen Schritt auf sie zu.

„Fast vierzig Jahre.“

Sophie sah ihn an.

„Für mich waren es nicht einmal fünf.“

Jakob lachte bitter.

„Das ist unfair.“

„Sehr.“

„Ich bin alt.“

Sophie musterte ihn.

„Ein bisschen.“

„Ein bisschen?“

„Okay.“

Sie lächelte.

„Sehr.“

Jakob lachte.

Dann kamen ihm die Tränen.

Sophie ebenfalls.

Schließlich umarmten sie sich.

Leonie sah zu David.

„Wir sollten gehen.“

David nickte.

Elisa stand neben ihnen.

„Definitiv.“

Sie gingen in den Nebenraum.

Leonie schloss die Tür.

Dann hörte sie Jakob dahinter:

„Du hast wirklich gesagt sehr?“

Sophie lachte.

Leonie musste ebenfalls grinsen.

„Das haben die verdient.“

David nickte.

„Ja.“

Am Nachmittag saßen sie erstmals wieder gemeinsam an einem Tisch.

Keine Vampire griffen an.

Keine Tür öffnete sich.

Niemand schrie.

Für Leonie fühlte sich das fast verdächtig an.

Eva legte mehrere alte Aufzeichnungen auf den Tisch.

„Wir müssen klären, was mit dem Siegel passiert.“

David seufzte.

„Natürlich.“

Leonie sah ihn an.

„Wir hatten ungefähr fünf Stunden Ruhe.“

„Persönlicher Rekord.“

Eva ignorierte beide.

„Die vier Linien existieren wieder.“

Sie zeigte auf Leonie.

„Berger.“

David.

„Stein.“

Sophie.

„Rosenfeld.“

Dann auf sich selbst.

„Albrecht.“

Leonie betrachtete ihr neues Zeichen.

„Aber das alte Siegel ist verschwunden.“

„Verändert“, sagte Sophie.

„Nicht verschwunden.“

„Was ist der Unterschied?“

Eva nahm ein Blatt.

Darauf waren die bisherigen Hüterzeichen eingezeichnet.

Daneben das neue Symbol.

Vier goldene Kreise.

„Früher war das Siegel an Aurelians Blut gebunden.“

David verstand.

„Und jetzt nicht mehr.“

„Genau.“

Leonie hob eine Augenbraue.

„Dann sind wir frei.“

Sophie sah sie an.

„Von Aurelian.“

„Der Zusatz gefällt mir nicht.“

„Die Türen existieren weiterhin.“

„Da ist er.“

David fragte:

„Müssen die vier Familien sie weiterhin bewachen?“

Eva antwortete:

„Nicht zwingend.“

Leonie wurde aufmerksam.

„Was heißt das?“

„Die neue Bindung ist anders.“

„Wie anders?“

Eva zeigte auf Leonies Hand.

„Du hast das Siegel nicht geerbt.“

„Sondern?“

„Neu erschaffen.“

Stille.

Leonie sah David an.

„Habe ich?“

Er hob die Schultern.

„Du warst dabei.“

„Ich war beschäftigt.“

Sophie lächelte.

„Ihr alle habt es erschaffen.“

„Vier Hüter und drei Mitglieder von Aurelians Blutlinie“, sagte Eva.

„Cassian, Mara und Livia.“

David nickte langsam.

„Also gehört das Siegel nicht mehr einer Familie.“

„Nein.“

„Sondern uns allen.“

„Genau.“

Leonie dachte darüber nach.

„Das gefällt mir.“

Jakob hob eine Augenbraue.

„Was?“

„Niemand wird mehr hineingeboren und muss sein ganzes Leben irgendeinen mystischen Familienjob übernehmen.“

Sophie nickte.

„Das wäre zumindest meine Empfehlung.“

„Gut.“

Leonie sah zu David.

„Ich kündige.“

„Wobei?“

„Als Hüterin.“

„Du warst ungefähr drei Tage im Amt.“

„Reicht.“

Eva lächelte.

„So einfach ist es vielleicht nicht.“

Leonie stöhnte.

„Eva.“

„Nur weil du keine traditionelle Hüterin mehr bist, bleibt deine Verbindung zum Siegel bestehen.“

„Wie stark?“

„Das wissen wir noch nicht.“

Leonie hob einen Finger.

„Wenn du jetzt vielleicht sagst—“

Eva schwieg.

„Danke.“

Am Abend gingen Leonie und David zurück ins Archiv.

Die Polizei hatte den Einbruch untersucht.

Offizielle Erklärung:

Vandalismus.

Einbrecher.

Keine Täter bekannt.

Leonie musste darüber lachen.

Die Wahrheit würde niemand glauben.

Sie ging zu ihrem Arbeitsplatz.

Das Tagebuch von 1891 war verschwunden.

Cassian hatte es zurückgebracht.

Einige Stunden zuvor.

Ohne Erklärung.

Jetzt lag es wieder vor ihr.

Clara Bergers Tagebuch.

Leonie setzte sich.

David stand hinter ihr.

„Willst du es wirklich lesen?“

„Ja.“

„Alles?“

„Alles.“

Sie schlug die erste Seite auf.

Claras Handschrift.

Unzählige Notizen.

Warnungen.

Namen.

Erinnerungen.

Leonie blätterte langsam.

Dann fand sie die Stelle, mit der alles begonnen hatte.

Der Schwarze Hof.

Darunter stand ein Text, den sie vorher nicht hatte entziffern können.

Jetzt war das Papier restauriert.

Leonie las:

Der Hof ist kein Ort.

Sie runzelte die Stirn.

David kam näher.

„Was steht da?“

Leonie las weiter.

Er ist eine Entscheidung.

Solange Menschen und Vampire glauben, dass Blut über ihr Schicksal bestimmt, wird der Hof immer wieder entstehen.

Leonie wurde still.

Dann:

Die Aufgabe der Hüter besteht nicht darin, ihn für immer einzuschließen.

Eines Tages muss jemand entscheiden, ihn zu beenden.

Leonie lächelte.

„Clara wusste es.“

„Was?“

„Dass das alte System irgendwann verschwinden musste.“

David las über ihre Schulter.

„Hat nur hundertfünfunddreißig Jahre gedauert.“

„Bürokratie.“

„Typisch Berlin.“

Leonie lachte.

Dann blätterte sie weiter.

Auf der letzten Seite stand ein Satz.

Nur einer.

Wenn du dies liest und frei bist, dann war alles nicht umsonst.

Leonie strich mit dem Finger über die Worte.

„Danke, Clara.“

Sie schloss das Buch.

Drei Tage später kehrte Berlin langsam zur Normalität zurück.

Zumindest offiziell.

Die Ereignisse rund um den Alexanderplatz wurden als eine Mischung aus Ausschreitungen, Massenerkrankung und bislang ungeklärten Gewalttaten behandelt.

Mehrere Videos kursierten im Internet.

Menschen, die sich ungewöhnlich schnell bewegten.

Schwarze Augen.

Verletzte, die wieder aufstanden.

Die meisten hielten sie für Fakes.

KI-generiert.

Bearbeitet.

Leonie fand das bemerkenswert praktisch.

Die frisch verwandelten Menschen wurden von Elisa, Sophie und Eva versorgt.

Einige Verwandlungen konnten tatsächlich noch gestoppt werden.

Andere nicht.

Für sie begann ein völlig anderes Leben.

Cassian hatte zugesagt, sich darum zu kümmern.

Leonie hatte darüber gelacht.

„Du?“

„Was?“

„Du kümmerst dich um Menschen?“

„Vampire.“

„Ehemalige Menschen.“

„Technisch gesehen.“

„Cassian.“

Er hatte sie genervt angesehen.

„Ja.“

Leonie hatte gegrinst.

„Du wirst weich.“

Daraufhin war er einfach gegangen.

Sie wertete es als Bestätigung.

Eine Woche nach dem Blutmond stand Leonie auf dem Teufelsberg.

Die Sonne ging über Berlin unter.

David war bei ihr.

Elisa ebenfalls.

Cassian hatte sie hergebracht.

Mara stand einige Meter entfernt.

Severin war am Morgen zurückgekehrt.

Einfach so.

Niemand wusste, wo er gewesen war.

Jetzt stand er neben seiner Schwester.

Leonie sah ihn an.

„Du hast wirklich ein Talent für dramatische Rückkehr.“

Severin zuckte mit den Schultern.

„Familie.“

Mara lächelte.

Cassian trat zu beiden.

Es wirkte seltsam.

Drei Vampire.

Drei Menschen aus völlig verschiedenen Jahrhunderten.

Und trotzdem Familie.

Eine ausgesprochen komplizierte.

Leonie sah sich um.

„Wo ist Livia?“

Mara antwortete:

„Mit den Kindern.“

„Wo?“

„Das darf ich nicht sagen.“

„Warum?“

„Sie hat gesagt, du würdest nachfragen.“

Leonie schnaubte.

„Natürlich.“

Cassian sah Mara an.

„Sind sie sicher?“

„Ja.“

„Und die Menschen?“

„Keine Kontrolle.“

Leonie sah sie ernst an.

„Sicher?“

Mara nickte.

„Livia hält sich an die Abmachung.“

„Gut.“

Elisa sagte:

„Und wenn nicht?“

Mara lächelte leicht.

„Dann wird Leonie wütend.“

Alle sahen zu ihr.

Leonie verschränkte die Arme.

„Warum bin plötzlich ich die Drohung?“

David antwortete:

„Du hast innerhalb einer Woche einen Vampirkönig, seinen Enkel und einen jahrtausendealten Geheimbund erledigt.“

„Technisch gesehen nicht allein.“

„Das wissen die anderen offenbar nicht.“

Severin grinste.

„Ich würde das Gerücht nicht korrigieren.“

Leonie dachte darüber nach.

„Fair.“

Cassian ging zum Rand des alten Gebäudes.

Von dort konnte man über einen großen Teil Berlins sehen.

Leonie trat neben ihn.

„Wie geht es dir?“

Er sah sie an.

„Das ist eine seltsame Frage.“

„Warum?“

„Menschen fragen mich das selten.“

„Gewöhn dich dran.“

Cassian blickte wieder zur Stadt.

„Ich weiß es nicht.“

Leonie nickte.

„Aurelian.“

„Ja.“

„Du hast ihn gehasst.“

„Sehr.“

„Und trotzdem vermisst du ihn.“

Cassian schwieg.

„Das darfst du.“

Er sah sie an.

„Ich brauche keine Erlaubnis.“

„Das war nicht als Erlaubnis gemeint.“

„Menschen sagen seltsame Dinge.“

„Vampire auch.“

Cassian lächelte schwach.

Dann wurde er wieder ernst.

„Er war ein Monster.“

„Ja.“

„Manchmal.“

„Ja.“

„Und manchmal nicht.“

Leonie dachte an Aurelians Erinnerungen.

An Livia.

Katharina.

Anna.

All die Fehler.

All die Menschen.

„Beides kann stimmen.“

Cassian nickte.

„Das macht es schwieriger.“

„Ja.“

Einige Sekunden standen sie schweigend da.

Dann sagte Cassian:

„Er mochte dich.“

Leonie sah ihn an.

„Ich glaube, ich mochte ihn nicht.“

„Das wusste er.“

„Gut.“

Cassian lächelte.

„Deshalb mochte er dich.“

David trat zu ihnen.

„Wir sollten los.“

Leonie sah ihn an.

„Wohin?“

„Du hast gesagt, du willst einen normalen Abend.“

„Stimmt.“

„Also Essen.“

„Normal.“

„Film.“

„Sehr normal.“

„Keine Vampire.“

Cassian hob eine Augenbraue.

Leonie sah ihn an.

„Du bist nicht eingeladen.“

„Ich hatte auch nicht vor zu kommen.“

„Perfekt.“

Mara rief:

„Ich würde mitkommen.“

Leonie sah zu David.

David schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

„Warum?“

„Du hast vor einer Woche Menschen auf dem Alexanderplatz gebissen.“

Mara verzog das Gesicht.

„Alle machen Fehler.“

Elisa lachte.

„Den mag ich.“

„Danke.“

„War nicht positiv gemeint.“

Leonie und David gingen zum Wagen.

Kurz bevor sie einstieg, blieb Leonie stehen.

„David.“

„Was?“

„Die Klinge.“

Er öffnete seine Jacke.

Die schwarze Waffe war darunter befestigt.

„Dabei.“

„Warum?“

„Weil du gerade gesagt hast, keine Vampire.“

„Und?“

„Unsere Erfahrungswerte sind schlecht.“

Leonie musste lachen.

„Okay.“

Sie stieg ein.

Zwei Wochen später arbeitete Leonie wieder im Archiv.

Normaler Arbeitstag.

Normaler Kaffee.

Normale Dokumente.

Zumindest fast.

Das Tagebuch des Schwarzen Hofes lag inzwischen in einem abgeschlossenen Schrank.

Daneben Annas Tagebuch.

Sophie hatte es ihr gebracht.

Keine Geheimnisse mehr.

Das hatten sie beschlossen.

Alle Informationen sollten gesammelt werden.

Nicht versteckt.

Nicht zerstört.

Nur geschützt.

Leonie restaurierte gerade einen Brief aus dem Jahr 1926, als ihr Handy vibrierte.

David.

Kaffee nach Feierabend?

Leonie schrieb zurück.

Wenn keine Vampire auftauchen.

Die Antwort kam sofort.

Kann ich nicht garantieren.

Sie lächelte.

Dann trotzdem.

Leonie legte das Telefon weg.

Ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster.

Auf ihre linke Hand.

Für einen Moment erschien der goldene Kreis.

Dann verschwand er wieder.

Sie betrachtete ihre Hand.

Keine Stimme.

Kein Schmerz.

Nur das Zeichen.

Eine Erinnerung daran, was gewesen war.

Und vielleicht eine Warnung.

Aber keine Verpflichtung.

Nicht mehr.

Am selben Abend saßen Leonie und David in einem kleinen Café in Charlottenburg.

Draußen wurde es langsam dunkel.

Menschen gingen vorbei.

Busse fuhren.

Ein Fahrradfahrer fluchte über ein Auto.

Berlin eben.

David nahm einen Schluck Kaffee.

„Also.“

„Also?“

„Was machst du am Wochenende?“

Leonie dachte nach.

„Schlafen.“

„Sonst nichts?“

„Vielleicht Serie.“

„Kein unterirdisches Vampirgefängnis?“

„Definitiv nicht.“

„Keine uralten Prophezeiungen?“

„Nein.“

„Keine Blutrituale?“

„David.“

„Ich frage nur.“

Leonie lächelte.

„Wenn irgendein Vampir auftaucht, ignorieren wir ihn.“

„Das funktioniert vermutlich nicht.“

„Dann versuchen wir es.“

David sah aus dem Fenster.

Plötzlich wurde sein Gesicht ernst.

Leonie bemerkte es sofort.

„Was?“

„Da.“

Sie folgte seinem Blick.

Auf der anderen Straßenseite stand ein kleines Mädchen.

Weißes Kleid.

Dunkles Haar.

Livia.

Leonie schloss die Augen.

„Natürlich.“

Als sie wieder hinsah, stand Livia noch dort.

Sie lächelte.

Dann hob sie eine Hand.

Keine Drohung.

Einfach ein Gruß.

Leonie hob ebenfalls die Hand.

Livia drehte sich um.

Eine Frau wartete auf sie.

Menschlich.

Vielleicht Anfang vierzig.

Sie nahm Livias Hand.

Gemeinsam gingen sie die Straße entlang.

Leonie beobachtete sie.

„Wer ist die Frau?“, fragte David.

„Keine Ahnung.“

„Kontrolliert?“

Leonie sah genauer hin.

Die Frau lachte über etwas, das Livia gesagt hatte.

Kein leerer Blick.

Keine Trance.

„Nein.“

David entspannte sich.

„Dann funktioniert die Abmachung.“

„Sieht so aus.“

Livia blieb an der nächsten Kreuzung noch einmal stehen.

Sie blickte zurück.

Dann verschwand sie mit der Frau in der Menge.

Leonie lächelte.

„Gut.“

„Was?“

„Nichts.“

Sie nahm ihren Kaffee.

„Einfach gut.“

Tief unter dem Müggelsee standen die Türen fünf, sechs und sieben.

Geschlossen.

Keine Risse.

Keine Stimmen.

Keine Bewegung.

Auf dem Boden davor leuchteten vier goldene Kreise.

Berger.

Stein.

Albrecht.

Rosenfeld.

Doch der schwarze Thron existierte nicht mehr.

Die Banner des Hofes waren verbrannt.

Die Krone war zerbrochen.

Und niemand kniete mehr davor.

Der Schwarze Hof war verschwunden.

Nicht versiegelt.

Nicht vertrieben.

Beendet.

Über Berlin begann eine gewöhnliche Nacht.

Menschen gingen nach Hause.

Andere gingen feiern.

S-Bahnen fuhren durch die Stadt.

Lichter brannten in Tausenden Fenstern.

Und irgendwo zwischen ihnen lebten Menschen und Vampire, die zum ersten Mal selbst entscheiden mussten, was sie mit ihrer Freiheit anfangen wollten.

Leonie Berger gehörte zu ihnen.

Nicht als Herz.

Nicht als Erbin.

Nicht als Werkzeug einer Geschichte, die lange vor ihrer Geburt begonnen hatte.

Sondern einfach als Leonie.

Und das genügte ihr.

Ende

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