Der Regen begann, als Martin Keller sich erinnerte, wie es war zu sterben.
Nicht wirklich – nur dieses Gefühl.
Der Moment kurz davor.
Wenn der Körper schon weiß, was der Kopf noch leugnet.
Es war Mittwochabend. 18:12 Uhr. Die Uhr in der Küche blieb später genau auf dieser Zeit stehen.
Der erste Tropfen traf das Fenster wie ein Fingerknöchel. Dann noch einer. Langsam. Prüfend. Als würde etwas draußen zählen.
Martin saß am Tisch und hörte zu. Der Regen klang falsch. Kein Prasseln. Kein Rauschen. Eher wie… Atmen.
Er ging zum Fenster.
Die Straße lag im Halbdunkel. Die Laternen waren an, aber ihr Licht wirkte matt, kränklich, als hätte man es verdünnt. Der Regen fiel senkrecht. Kein Wind. Kein Zittern in den Bäumen.
Dann sah er die Gestalt.
Sie stand am Ende der Straße. Regungslos.
Zu weit entfernt, um Details zu erkennen. Zu nah, um sie zu ignorieren.
Martin blinzelte.
Die Gestalt war weg.
Er lachte nervös, drehte sich um – und erstarrte.
Der Geruch.
Er kam nicht von draußen.
Er kam aus dem Haus.
Alt. Süßlich. Wie nasse Kleidung auf einem Körper, der zu lange stillgelegen hatte. Martin folgte dem Geruch bis zur Kellertür. Sie stand offen.
Das war unmöglich.
Er schloss sie immer ab.
Langsam stieg er die Stufen hinunter. Mit jedem Schritt wurde der Geruch stärker, schwerer, fast greifbar. Die Glühbirne flackerte. Im schwachen Licht sah er die Wand.
Feucht.
Nicht vom Wasser.
Von innen.
Etwas sickerte aus dem Beton, zog schwarze Linien nach unten, sammelte sich am Boden. Der Regen tropfte hier unten weiter. Tropf. Tropf. Tropf.
Dann hörte er es flüstern.
Nicht laut. Nicht verständlich.
Aber es wusste seinen Namen.
Martin rannte nach oben, schlug die Tür zu, verriegelte sie. Seine Hände zitterten so stark, dass er den Schlüssel fallen ließ. Als er sich umdrehte, stand das Wohnzimmer voller Schatten.
Sie gehörten nicht zu den Möbeln.
Der Regen schlug jetzt gegen das Dach. Härter. Ungeduldiger. Etwas pochte von oben, als wolle es hinein. Oder heraus.
Das Klopfen kam näher.
Nicht vom Dach.
Von der Innenseite der Wände.
„Ihr habt euch erinnert“, flüsterte eine Stimme. Sie klang wie viele Stimmen, die sich einen Mund teilten. „Und Erinnerungen tropfen.“
Die Wände begannen zu schwitzen. Schwarze Flüssigkeit lief herab, bildete Pfützen auf dem Boden. Darin spiegelte sich Martins Gesicht – verzerrt, aufgequollen, tot.
Die Haustür öffnete sich von selbst.
Draußen stand die Straße voller Menschen.
Seine Nachbarn.
Alle blickten ihn an.
Ihre Augen waren leer.
Ihre Haut glänzte feucht.
Und aus ihren Mündern tropfte Regen.
Martin verstand es endlich.
Der Regen war kein Wetter.
Er war eine Rückkehr.
Als er nach draußen trat, hörte das Tropfen auf.
Der Regen hatte bekommen, was er wollte.
Und die Straße atmete auf.
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