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Kapitel 21 – Schlesisches Tor

Die U-Bahnstation lag still in der nächtlichen Stunde, nur das Summen der Neonröhren über den Bahnsteigen erfüllte die Luft. Die meisten Geschäfte an der Straße waren geschlossen, das rote Ziegelgebäude wirkte wie ein stummer Wächter aus einer anderen Zeit.

Bundschuh und Meier betraten den Bahnhof, ihre Schritte hallten auf dem leeren Pflaster. Der Geruch von kaltem Metall, Staub und altem Urin hing schwer zwischen den Wänden.

„Das Ticket führte hierher“, sagte Meier leise. „Aber was genau sollen wir finden?“

Bundschuh zog an seiner Zigarette, der Rauch kringelte sich im schwachen Licht. „Vielleicht nichts Offensichtliches. Vielleicht nur ein Zeichen.“

Sie gingen den Bahnsteig entlang, die Augen wachsam. Keine Menschen, nur das Flackern einer Lampe am Ende des Tunnels.

Dann hörten sie es: ein Geräusch, dumpf, rhythmisch. Wie ein Fuß, der gegen etwas Hartes schlägt.

Meier hob die Lampe, richtete den Kegel ins Dunkel. Dort, auf einer der alten Bänke, lag etwas. Ein Stoffbündel.

Vorsichtig gingen sie näher. Meier löste das Tuch – darunter kam ein Schuh zum Vorschein, abgetragen, die Sohle fast durch. In die Innenseite war mit einem stumpfen Messer ein Name eingeritzt: Marko.

Bundschuhs Blick verhärtete sich. „Er war hier. Vor Kurzem.“

Plötzlich erlosch das Neonlicht für einen Sekundenbruchteil. Als es wieder aufflackerte, lag auf dem Boden neben der Bank ein neuer Zettel. Frisch, weiß, als hätte ihn gerade jemand hingelegt.

Meier hob ihn auf. Eine einzige Zeile:

„Ihr seid nah.“

Bundschuhs Augen wanderten unruhig über den leeren Bahnsteig. „Scheiße … wir sind nicht allein.“

Ein fernes Geräusch ließ beide herumfahren – Schritte im Tunnel, schnell, dann wieder Stille.

Meier spannte sich, die Waffe in der Hand. „Das war er.“

„Oder jemand, der will, dass wir glauben, es war er“, erwiderte Bundschuh dunkel.

Die U-Bahn rauschte plötzlich ein, leer, gleißendes Licht in den Waggons. Doch kein Fahrer, keine Passagiere. Nur das Kreischen der Bremsen, das durch die Station hallte.

Meier schluckte. „Thomas … wir sind mitten in einer Botschaft.“

Bundschuh trat einen Schritt zurück, die Augen auf den leeren Zug gerichtet. „Und jetzt müssen wir entscheiden, ob wir sie annehmen.“

Kapitel 22 – Der Bahnsteig

Die Türen des leeren Zuges öffneten sich zischend. Kaltes Neonlicht flutete die Waggons, doch kein einziger Mensch war zu sehen.

Meier spannte sich, die Finger um den Griff ihrer Pistole. „Das ist eine Falle.“

Bundschuh blies den Rauch seiner Zigarette in die Nachtluft, ohne den Zug aus den Augen zu lassen. „Dann lassen wir sie zuschnappen, ohne reinzugehen.“

Die Türen schlossen sich nach einigen Sekunden wieder, der Zug setzte sich knarrend in Bewegung und verschwand im Tunnel. Nur das Echo der Schienen blieb zurück.

Meier richtete ihr Licht erneut auf den Bahnsteig. „Da!“ Sie kniete sich neben die Sitzbank, auf der sie den Schuh gefunden hatten. Unter der Bank klemmte ein kleines, zerknittertes Heftchen.

Sie zog es hervor. Ein altes Notizbuch, schmal, das Leder vom Alter aufgerissen. Auf der ersten Seite wieder nur eine Zahl, in dicken Strichen: 1994.

„Das gehört nicht zu Markos altem Buch“, murmelte Meier. „Das hier ist frischer.“

Bundschuh blätterte vorsichtig. Zwischen den wirren Zahlen fanden sich diesmal auch Worte, krakelig, gehetzt:

„Sie sehen alles.“
„Kein Ausweg.“
„Spree 12 war nur ein Käfig.“
„1994 – das Jahr, das nie endet.“

Dann eine Seite, halb herausgerissen. Nur noch Reste von Worten waren sichtbar: „… Brücke … Keller …“

Meier schloss das Heft mit einem Schauder. „Jemand führt uns. Schritt für Schritt.“

Bundschuh warf einen letzten Blick auf den leeren Tunnel, dann zog er an seiner Zigarette. „Und wir tanzen ihnen direkt in die Hände.“

Plötzlich hörten sie ein Geräusch hinter sich – ein metallisches Klirren. Sie fuhren herum, Lampen und Waffen erhoben.

Am anderen Ende des Bahnsteigs rollte eine kleine Blechdose über den Boden, klirrend, klappernd, bis sie vor ihren Füßen liegen blieb.

Darauf mit roter Farbe geschrieben: „Findet ihn.“

Kapitel 23 – Kein sicherer Ort

Bundschuh warf die Blechdose auf den Schreibtisch, sie rollte scheppernd gegen einen Aktenstapel. Meier legte daneben das gefundene Heftchen. „Analyse, sofort“, sagte sie knapp.

Ein Beamter vom Spurendienst nickte und nahm die Objekte mit Latexhandschuhen entgegen. Doch sein Blick war flackernd, als wisse er mehr, als er sagen wollte.

Meier verschränkte die Arme. „Was war das eben?“

„Gar nichts“, murmelte der Beamte, zu schnell, und verschwand mit den Beweisstücken.

Bundschuh zündete sich eine Zigarette an, obwohl das im Gebäude längst verboten war. Er blies den Rauch langsam zur Decke. „Ich trau hier niemandem mehr.“

„Nicht mal im eigenen Haus?“ fragte Meier.

Er schüttelte den Kopf. „Vor allem nicht hier. Dörings Fingerabdrücke, die verschwundenen Akten, und jetzt taucht Beweismaterial auf, als wüsste jemand jeden unserer Schritte.“

Die Tür ging auf. Dr. Kessler trat ein, die Stirn in Sorgenfalten. „Ihr solltet vorsichtig sein. Ich habe gerade die ersten Tests gemacht. Das Blut auf der Dose … es passt wieder zu Marko Lehmann.“

Meier sog hörbar die Luft ein. „Das heißt, er lebt. Und er ist uns verdammt nah.“

Kessler nickte, doch dann beugte sie sich vor, die Stimme leise. „Aber das ist nicht alles. An den Seiten des Heftes habe ich etwas gefunden. Hautpartikel. Nicht von Marko. Von jemand anderem. Und der Treffer ist …“

Sie stockte, sah kurz zur Tür, ob jemand lauschte. „… ein Kollege. Aus diesem Präsidium.“

Bundschuhs Augen verengten sich. „Wer?“

„Das kann ich hier nicht sagen“, flüsterte Kessler. „Wenn das stimmt, dann ist euer Gegner näher, als ihr glaubt. Viel näher.“

Stille legte sich über den Raum, nur das Ticken der Uhr war zu hören.

Meier ballte die Fäuste. „Dann sind wir nicht nur im Revier eines Phantoms. Wir sind in einem Nest voller Ratten.“

Bundschuh drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, die Glut verlosch. „Dann wird es Zeit, dass wir herausfinden, welche von ihnen uns gerade zusieht.“

Kapitel 24 – Der Verräter

Am nächsten Morgen war der Himmel über Berlin grau, Regen tropfte gegen die Fensterscheiben des Präsidiums. Bundschuh saß mit Meier in einem abgedunkelten Büro, als Dr. Kessler eintrat – eine Mappe unter dem Arm, das Gesicht angespannt.

„Ich habe die Hautpartikel aus dem Heft bestätigt“, begann sie leise. „Kein Zweifel. Es gibt einen klaren Treffer.“

Bundschuh beugte sich vor. „Sag’s, Kessler.“

Sie schluckte. „Hauptkommissar Krüger. Euer eigener Vorgesetzter.“

Für einen Moment herrschte Stille, so dicht, dass man den Regen draußen wie Trommeln hörte.

Meier sprang auf. „Krüger? Das ist unmöglich. Er leitet seit Jahren das Dezernat. Er war derjenige, der uns den Rücken gestärkt hat.“

„Oder er war derjenige, der euch immer genau beobachtet hat“, entgegnete Bundschuh düster.

Kessler legte die Mappe auf den Tisch. „Die Partikel passen eindeutig. Krüger hatte direkten Kontakt zu diesem Heft. Und wenn das stimmt, dann hat er nicht nur gewusst, wo Marko war – er war Teil des Spiels.“

Die Tür ging auf, und genau in diesem Moment trat Krüger ein. Groß, breitschultrig, mit seiner typischen Gelassenheit. „Na, schon weitergekommen?“ fragte er beiläufig.

Bundschuh und Meier tauschten einen Blick.

„Ein Stück“, erwiderte Bundschuh, seine Stimme neutral, doch die Zigarette in seiner Hand glühte nervös. „Wir haben Spuren gesichert. Interessante Spuren.“

Krügers Augen verengten sich für einen Sekundenbruchteil, dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Das freut mich. Bleibt dran.“

Er drehte sich um, wollte schon wieder gehen.

„Krüger!“ rief Meier, die Stimme schneidend. „Woher kennst du Marko Lehmann?“

Krüger blieb stehen, ohne sich umzudrehen. „Den Namen habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört.“

Bundschuh stand langsam auf. „Dann wird’s Zeit, dass du ihn wieder hörst.“

Krüger wandte sich um, sein Blick kalt wie Stahl. „Manche Türen sollte man nicht öffnen.“

Dann verließ er das Büro, ohne ein weiteres Wort.

Kessler sah die beiden fassungslos an. „Er weiß, dass ihr ihn verdächtigt.“

Bundschuh trat ans Fenster, zündete sich eine neue Zigarette an. „Gut. Dann wird er Fehler machen.“

Kapitel 25 – Im Schatten folgen

Der Feierabend kam, doch Bundschuh und Meier blieben nicht im Präsidium. Ungesehen nahmen sie Krüger ins Visier, als er das Gebäude verließ. Der Regen hatte aufgehört, die Straßen glänzten nass im Licht der Laternen.

„Wir riskieren alles, wenn er uns bemerkt“, murmelte Meier.

„Wir riskieren mehr, wenn wir’s nicht tun“, antwortete Bundschuh und zündete sich im Gehen eine Zigarette an.

Krüger ging zielstrebig, ohne Blick zurück. Kein Heimweg, keine Stammkneipe – er schlug den Weg Richtung Spree ein. Nach fast einer halben Stunde erreichte er ein halb verfallenes Nebengebäude, kaum hundert Meter entfernt von der Oberbaumbrücke.

Meier zog die Waffe, flüsterte: „Er führt uns zurück an den Anfang.“

Bundschuh nickte. „Genau da wollten wir hin.“

Kapitel 26 – Die letzte Tür

Im Inneren des Gebäudes war es still. Alte Betonwände, Schutt auf dem Boden, der Geruch von Rost und Moder. Krügers Schritte hallten voraus, bis er vor einer schweren Metalltür stehen blieb.

Er zog einen Schlüsselbund hervor, öffnete mit routinierter Bewegung. Dahinter ein Raum, spärlich beleuchtet von einer einzigen Lampe.

Auf einem Stuhl, an den Armen gefesselt, saß ein Mann – abgemagert, bärtig, barfuß. Seine Augen blickten matt auf, als Krüger eintrat.

„Marko“, flüsterte Meier entsetzt.

Krüger drehte sich blitzschnell um, als Bundschuh und Meier hinter ihm auftauchten. Für einen Moment sah man die ganze Härte in seinem Gesicht – keine Maske mehr, keine Gelassenheit. Nur Kälte.

„Ihr hättet nicht herkommen sollen“, knurrte er.

„Dreißig Jahre“, sagte Bundschuh ruhig, die Zigarette zwischen den Lippen. „Dreißig Jahre hast du ihn hier unten versteckt.“

Krüger lachte bitter. „Versteckt? Nein. Gesichert. Er wusste zu viel. Über Voss, über die Deals, über alles. Er war der Schlüssel. Und Schlüssel sperrt man weg.“

Meier hob die Waffe. „Es ist vorbei, Krüger.“

Für einen Augenblick wirkte es, als wolle er fliehen. Doch dann ließ er den Schlüsselbund klirrend zu Boden fallen und hob langsam die Hände. „Ihr glaubt, das ändert etwas? Ihr versteht nicht … 1994 hört nie auf.“

Kapitel 27 – Abschluss

Marko Lehmann wurde ins Krankenhaus gebracht, sein Zustand kritisch, aber stabil. Wochenlange Gefangenschaft hatten Spuren hinterlassen – körperlich wie seelisch.

Krüger kam in Untersuchungshaft. Seine Akten enthüllten ein Netz von Korruption, das Jahrzehnte zurückreichte. Voss war nur die sichtbare Spitze gewesen, Krüger der Drahtzieher im Hintergrund.

Bundschuh stand später allein an der Oberbaumbrücke, die Zigarette glimmte in der Dunkelheit. Die Spree rauschte leise unter ihm.

Meier trat neben ihn, die Hände in den Manteltaschen. „Wir haben ihn. Nach all den Jahren.“

Bundschuh nickte, sein Blick auf die dunklen Wasser gerichtet. „Ja. Aber 1994 … es wird uns beide nie mehr loslassen.“

Meier schwieg. Dann warf sie einen letzten Blick auf die Brücke, die im gelben Licht lag – still, als sei nichts geschehen.

Doch tief in den Schatten schien die Zahl immer noch eingraviert zu sein.

1994.

Und diesmal würde sie nie wieder vergessen werden

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