0 Comments

Teilen:

Als Lena an diesem verregneten Abend die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, glaubte sie zuerst, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen.

Mitten auf dem Teppich stand ein kleines Wesen. Es war kaum größer als eine Zimmerpflanze, komplett aus flauschigem Staub und Fusseln geformt und trug einen winzigen schwarzen Zylinder. In seiner Hand hielt es einen kleinen Staubwedel. Das Wesen blickte zu ihr hoch und lächelte freundlich.

Lena erstarrte.

„Was… bist du denn?“

Das Staubmännchen antwortete nicht. Stattdessen drehte es sich langsam um und tappte zur halb geöffneten Schranktür. Dahinter führte ein schmaler, dunkler Gang hinab in die Tiefe – ein Gang, den Lena vorher noch nie gesehen hatte.

Eigentlich hätte sie ihre Eltern rufen sollen. Doch ihre Neugier war stärker.

Mit einer Taschenlampe bewaffnet folgte sie dem kleinen Wesen in die Dunkelheit.

Der Gang führte immer tiefer unter das Haus, bis die Wände plötzlich aus feuchtem Stein bestanden. Lena befand sich in einer riesigen Höhle. Tropfsteine ragten von der Decke und das Echo ihrer Schritte hallte durch die Finsternis.

Das Staubmännchen wartete geduldig auf sie.

Als Lena mit ihrer Taschenlampe die Höhle ausleuchtete, bemerkte sie plötzlich zwei weitere Wesen. Sie sahen genauso aus wie ihr kleiner Begleiter – nur etwas größer. Auch sie trugen kleine Hüte und lächelten freundlich.

Obwohl Lena Angst haben müsste, fühlte sie sich seltsam sicher.

Die drei Wesen führten sie schließlich durch einen schmalen Ausgang aus der Höhle hinaus.

Draußen erwartete sie ein Zauberwald.

Überall leuchteten geheimnisvolle Pflanzen in Blau und Violett. Kleine Lichtpunkte schwebten durch die Luft wie Glühwürmchen. Riesige Bäume ragten bis in den Nachthimmel und zwischen ihren Wurzeln verlief ein schimmernder Pfad.

Lena konnte kaum glauben, dass sich dieser Ort direkt unter ihrem Zuhause verborgen hatte.

Mitten im Wald stand eine kleine Holzhütte. Von außen wirkte sie alt und unscheinbar, doch als Lena eintrat, stockte ihr der Atem.

Die Hütte war innen riesig.

Hohe Regale voller Bücher zogen sich bis unter die Decke. Überall brannten Kerzen. Kleine Gläser mit leuchtendem Staub standen auf Tischen und Fensterbänken. Es roch nach Holz, Kräutern und warmem Tee.

Die Staubmännchen lebten hier.

Eines der größeren Wesen erklärte ihr schließlich mit leiser Stimme, dass sie die Hüter des vergessenen Staubs seien. Sie kümmerten sich um verlorene Erinnerungen, alte Träume und Dinge, die Menschen längst vergessen hatten.

„Deshalb verstecken wir uns“, sagte das Wesen. „Die Menschen glauben nur noch an das, was sie sehen können.“

Lena dachte an ihre Eltern. Seit Monaten arbeiteten sie fast nur noch. Oft saßen sie abends schweigend vor dem Fernseher oder blickten auf ihre Handys. Früher hatten sie gemeinsam Geschichten erzählt, Spiele gespielt und gelacht.

Vielleicht hatten auch sie etwas vergessen.

Die Nacht verging schneller, als Lena erwartet hatte. Schließlich begleiteten die drei Staubmännchen sie zur Eingangstür.

Im Zauberwald blieb sie noch einmal stehen.

„Werde ich euch wiedersehen?“, fragte sie leise.

Die Wesen nickten lächelnd.

Dann winkten sie ihr zum Abschied zu, während Lena langsam den Weg zurück zur Höhle ging.

Am nächsten Morgen wachte sie in ihrem eigenen Bett auf.

Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge ihres Zimmers. Für einen Moment glaubte sie, alles nur geträumt zu haben.

Doch auf ihrem Nachttisch lag etwas, das gestern noch nicht dort gewesen war:

Ein winziger schwarzer Zylinderhut, bedeckt mit silbrigem Staub.

Teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel