Jeden Morgen nahm Lea denselben Schulbus. Und jeden Morgen hoffte sie, dass der Platz neben ihr frei bleiben würde. Nicht weil sie allein sein wollte – sondern weil sie Angst hatte, wer sich sonst neben sie setzen könnte.
Lea war vierzehn, trug meistens einfache Kleidung und sprach in der Schule nur wenig. Seit einigen Monaten war sie zur Zielscheibe einiger Mitschüler geworden. Anfangs waren es nur dumme Kommentare gewesen. Kleine Bemerkungen über ihre ruhige Art. Über ihre Kleidung. Darüber, dass sie im Unterricht selten etwas sagte.
Doch mit der Zeit wurde es schlimmer.
„Warum guckt die immer so traurig?“
„Die heult bestimmt gleich wieder.“
„Kein Wunder, dass niemand mit ihr reden will.“
Es waren Sätze, die sich in ihrem Kopf festsetzten wie Dornen.
Auch an diesem Morgen saß Lea wieder auf ihrem Platz in der Mitte des Schulbusses. Ihren roten Rucksack hatte sie neben sich gestellt. Ihre Arme waren verschränkt, während sie aus dem Fenster sah und versuchte, die Stimmen um sich herum auszublenden.
Doch die anderen hörten nicht auf.
„Na toll, da sitzt sie ja wieder.“
Ein Junge zeigte mit dem Finger auf sie. Zwei Mädchen lachten laut. Lea spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie starrte auf ihre Schuhe und versuchte, einfach nichts zu hören.
Doch manchmal tut Schweigen mehr weh als Worte.
An der nächsten Haltestelle stieg plötzlich Emma ein. Sie war neu in der Klasse und bisher eher unauffällig gewesen. Als sie die Situation bemerkte, blieb sie kurz im Gang stehen.
„Ist hier noch frei?“ fragte sie ruhig.
Lea blickte überrascht auf.
Emma setzte sich neben sie, obwohl die anderen sofort die Augen verdrehten.
„Echt jetzt?“ murmelte einer der Jungen.
Emma ignorierte ihn einfach. Stattdessen zog sie ihre Kopfhörer aus der Tasche und sagte leise:
„Die reden viel, wenn sie sich stark fühlen wollen.“
Lea sagte nichts. Aber zum ersten Mal seit Wochen musste sie nicht allein dort sitzen.
Während der Bus weiterfuhr, wurde es langsam still hinter ihnen. Die anderen verloren irgendwann das Interesse. Lea bemerkte plötzlich, wie sich die Anspannung in ihrem Körper ein wenig löste.
„Danke“, flüsterte sie schließlich.
Emma lächelte leicht.
„Manchmal reicht schon eine Person, damit man sich nicht mehr ganz allein fühlt.“
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Lea das Gefühl, dass der Platz neben ihr vielleicht doch nicht immer leer bleiben musste.
Ähnliche Artikel
Zwischen Abschied und Anfang
Leonie starrte auf ihr Heft, doch die Linien verschwammen vor…
Der Moment zwischen zwei Haltestellen
Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend. Regen lag schwer in…
