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Der Affe, der den Weg kannte

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Der Regen hatte gerade aufgehört.

Noch immer tropfte Wasser von den großen Blättern des Regenwaldes. Überall glitzerten kleine Tropfen im Licht der Nachmittagssonne. Zwischen den hohen Bäumen zwitscherten bunte Vögel, und irgendwo in der Ferne rauschte ein Wasserfall.

Mina blieb mitten auf dem schmalen Weg stehen.

„Papa?“

Keine Antwort.

Sie drehte sich um.

Hinter ihr standen riesige Farne, Büsche und Bäume. Der Weg, auf dem sie eben noch gelaufen war, war kaum noch zu erkennen.

„Papa!“

Diesmal rief Mina etwas lauter.

Wieder bekam sie keine Antwort.

Nur ein Vogel krächzte irgendwo über ihr.

Mina schluckte.

Vor einer Weile war sie noch gemeinsam mit ihrem Vater und einer kleinen Besuchergruppe durch den Regenwald gelaufen. Ein Ranger hatte ihnen viele spannende Dinge über Pflanzen und Tiere erzählt.

Dann hatte Mina einen wunderschönen blauen Schmetterling entdeckt.

Nur für einen kurzen Moment war sie stehen geblieben, um ihn anzusehen.

Doch als sie wieder nach vorne geblickt hatte, war die Gruppe verschwunden.

Zuerst hatte Mina gedacht, dass sie die anderen schnell wieder einholen würde.

Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher.

Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche.

Kein Empfang.

„Na toll“, murmelte sie.

Mina steckte das Handy wieder ein.

Der Ranger hatte am Morgen erklärt, was man tun sollte, wenn man sich einmal verirrte.

Nicht in Panik geraten.

Möglichst auf dem Weg bleiben.

Und gut auf die Umgebung achten.

Mina atmete tief durch.

„Ich finde Papa bestimmt wieder.“

Plötzlich raschelte etwas über ihr.

Mina blieb stehen.

Ein Ast bewegte sich.

Dann noch einer.

Etwas Kleines sprang zwischen den Bäumen hin und her.

Mina blickte nach oben.

Zwischen zwei großen Blättern erschien ein kleines Gesicht.

Zwei neugierige braune Augen sahen zu ihr herunter.

„Ein Affe!“

Das Tier kletterte langsam an einem Baumstamm hinunter.

Es war kaum größer als eine Katze, hatte hellbraunes Fell und einen langen Schwanz.

Auf einem niedrigen Ast blieb es sitzen.

Der Affe legte den Kopf schief.

Mina musste lächeln.

„Hallo.“

Der Affe blinzelte.

„Ich heiße Mina.“

Natürlich antwortete er nicht.

Stattdessen streckte er eine Hand aus.

Mina tat dasselbe.

Zwischen ihnen lagen noch einige Schritte.

Der Affe blickte auf Minas Hand.

Dann auf ihre Jackentasche.

Wieder streckte er seine Hand aus.

Mina runzelte die Stirn.

„Was möchtest du denn?“

Sie griff in ihre Tasche.

Darin fand sie eine kleine Tüte mit getrockneten Früchten, die ihr Vater ihr am Morgen gegeben hatte.

Sofort wurden die Augen des Affen ganz groß.

Mina lachte.

„Ach so! Du hast Hunger.“

Sie nahm ein kleines Stück Banane heraus und legte es vorsichtig auf einen Baumstamm.

Der Affe kletterte näher.

Mit einer schnellen Bewegung schnappte er sich die Banane.

Dann setzte er sich auf einen Ast und begann zu essen.

Mina grinste.

„Schmeckt es?“

Der Affe hielt ihr sofort wieder die Hand hin.

„Du bist ja ganz schön frech.“

Mina gab ihm noch ein kleines Stück.

„Aber nicht alles. Ich brauche auch noch etwas.“

Der Affe machte einen kurzen Laut.

Dann sprang er plötzlich auf einen höheren Ast.

Wenige Sekunden später war er zwischen den Blättern verschwunden.

„Na toll“, sagte Mina.

„Kaum gibt es nichts mehr zu essen, bist du weg.“

Doch plötzlich erschien der kleine Affe einige Meter vor ihr wieder.

Er saß auf einem Ast und blickte zu Mina.

Dann sprang er auf den nächsten Baum.

Dort blieb er stehen.

Mina rührte sich nicht.

Der Affe kehrte zurück.

Dann sprang er wieder in dieselbe Richtung.

Mina betrachtete ihn.

„Soll ich dir folgen?“

Der Affe hüpfte erneut auf einen anderen Ast.

Mina überlegte kurz.

Vielleicht kannte der kleine Waldbewohner einen Weg.

„Na gut“, sagte sie. „Aber lauf nicht so schnell.“

Und so folgte Mina dem Affen.

Für den kleinen Affen war der Weg durch den Regenwald ganz einfach.

Er sprang von Ast zu Ast, kletterte über Baumstämme und verschwand manchmal für einige Sekunden zwischen den Blättern.

Für Mina war es schwieriger.

Sie musste über Wurzeln steigen, unter Ästen hindurchgehen und große Blätter zur Seite schieben.

„Du hast es leicht“, sagte sie nach einer Weile. „Du kannst einfach über alles drüberspringen.“

Der Affe blickte kurz zurück.

Dann sprang er weiter.

„Ja, ja. Warte wenigstens auf mich.“

Nach einiger Zeit hörte Mina ein leises Rauschen.

Es wurde immer lauter.

Schließlich kamen sie an einen kleinen Fluss.

Das klare Wasser floss zwischen dunklen Steinen hindurch.

Der Affe saß auf einem Felsen am Ufer.

Mina stellte ihren Rucksack ab und sah sich um.

Dann entdeckte sie etwas zwischen den Pflanzen.

Holzbretter.

Eine kleine alte Brücke führte über den Fluss.

Daneben stand ein verwittertes Schild.

Mina lief hinüber und wischte einige Blätter davon.

Auf dem Schild stand:

Besucherstation – 2 Kilometer

Minas Augen wurden groß.

„Ein Weg!“

Sie drehte sich zu dem kleinen Affen um.

„Du hast mir wirklich geholfen!“

Der Affe sah sie aufmerksam an.

Mina öffnete ihre Tüte.

„Dafür bekommst du noch ein Stück Banane.“

Der Affe nahm es sofort.

Gemeinsam überquerten sie die kleine Brücke.

Auf der anderen Seite begann ein breiter Wanderweg.

Mina war erleichtert.

Wenn sie diesem Weg folgte, musste sie irgendwann zur Besucherstation kommen.

Der kleine Affe begleitete sie weiter.

Manchmal sprang er über die Äste über ihr.

Manchmal lief er ein Stück neben ihr her.

Mina begann, mit ihm zu reden.

„Mein Papa macht sich bestimmt schon große Sorgen.“

Der Affe sah sie an.

„Aber jetzt finde ich den Weg zurück.“

Mina lächelte.

„Und du hast mir geholfen.“

Plötzlich blieb der Affe stehen.

Mina bemerkte es erst nach einigen Schritten.

Sie drehte sich um.

„Was ist denn?“

Der Affe saß auf einem Ast und blickte in den Wald.

Mina ging zurück.

Da hörte sie ein leises Geräusch.

Fast wie ein Wimmern.

„Hast du das auch gehört?“

Der Affe sprang aufgeregt auf einen niedrigeren Ast.

Mina ging vorsichtig zwischen einige Büsche.

Dort entdeckte sie einen zweiten kleinen Affen.

Das Tier saß am Boden.

Um eines seiner Beine hatte sich eine alte Plastikschnur gewickelt. Die Schnur hing zwischen zwei Wurzeln fest.

„Oh nein.“

Mina kniete sich vorsichtig hin.

Der kleine Affe neben ihr machte aufgeregte Geräusche.

„Keine Angst“, sagte Mina leise. „Ich helfe ihm.“

In ihrem Rucksack befand sich ein kleines Erste-Hilfe-Set.

Darin war auch eine Schere.

Langsam näherte Mina sich dem gefangenen Tier.

„Ganz ruhig. Ich tue dir nichts.“

Der Affe blickte sie ängstlich an.

Mina schob die Schere vorsichtig unter die Schnur.

Schnipp.

Ein Stück war durchtrennt.

Noch einmal.

Schnipp.

Die Schnur fiel zu Boden.

Der kleine Affe zog sein Bein zurück.

Für einen Moment blieb er sitzen.

Dann sprang er auf einen Ast.

Sein Freund kletterte sofort zu ihm.

Die beiden Affen saßen nebeneinander und berührten sich kurz mit den Händen.

Mina lächelte.

„Deshalb hast du mich also hergebracht.“

Die beiden Affen blickten zu ihr.

Dann verschwanden sie gemeinsam zwischen den Bäumen.

Mina hob die Hand.

„Tschüss!“

Sie kehrte auf den Wanderweg zurück.

Nun musste sie allein weitergehen.

Doch irgendwie fühlte sie sich gar nicht mehr so allein.

Nach einiger Zeit hörte Mina plötzlich Stimmen.

Zuerst ganz leise.

Dann immer deutlicher.

„Mina!“

Sie blieb stehen.

Diese Stimme kannte sie.

„Papa!“

Mina rannte los.

Hinter einer Kurve kamen mehrere Menschen auf sie zu.

Zwei Ranger.

Einige Besucher.

Und ihr Vater.

„Mina!“

Er lief zu ihr und nahm sie fest in die Arme.

„Da bist du ja!“

Mina umarmte ihn ebenfalls.

„Mir geht’s gut.“

Ihr Vater sah sie erleichtert an.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“

„Ich habe mich verirrt.“

„Das habe ich bemerkt“, sagte er und lächelte.

Einer der Ranger kam näher.

„Wie hast du denn den Wanderweg gefunden?“

Mina zeigte zurück in den Regenwald.

„Ein kleiner Affe hat ihn mir gezeigt.“

Der Ranger lächelte.

„Ein Affe?“

„Wirklich!“

Mina erzählte von der Banane, der kleinen Brücke und dem zweiten Affen, den sie aus der Plastikschnur befreit hatte.

Gerade als sie fertig war, raschelte es über ihnen.

Mina blickte nach oben.

Auf einem Ast saßen zwei kleine Affen.

„Da sind sie!“

Alle sahen nach oben.

Mina grinste.

Der kleine Affe, den sie zuerst getroffen hatte, saß ganz vorne.

Er blickte zu ihr herunter.

Mina nahm das letzte Stück getrocknete Banane aus ihrer Tasche und legte es auf einen Stein am Rand des Weges.

„Versprochen ist versprochen.“

Dann ging sie gemeinsam mit ihrem Vater und den anderen zurück zur Besucherstation.

Nach einigen Metern drehte Mina sich noch einmal um.

Das Stück Banane war verschwunden.

Der kleine Affe saß noch immer auf seinem Ast.

Für einen kurzen Moment hob er eine Hand.

Fast sah es so aus, als würde er Mina zuwinken.

Mina winkte zurück.

Dann sprang der Affe zwischen die grünen Blätter und verschwand.

Auf dem Rückweg hielt Mina die Hand ihres Vaters besonders fest.

Sie wusste, dass sie dieses Abenteuer niemals vergessen würde.

Denn mitten im großen Regenwald hatte sie etwas Wichtiges gelernt:

Manchmal begegnet man einem Freund genau dort, wo man ihn am wenigsten erwartet.

Und manchmal zeigt einem ein kleiner Freund sogar den richtigen Weg.

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